Ekstatischer Wahn

Leidenschaft Erhard Schütz über Küsse in der Weltliteratur, die deutsche Seele, Kafkas Kinolust und liebevolle Symbiosen
Ekstatischer Wahn
Die Literatur ohne den Kuss? Unvorstellbar

Foto: Sasha/Getty Images

Was wäre die Literatur ohne Kuss? Für was alles müssen Küsse in ihr nicht herhalten? Man denke nur an die Auflistung in Paul Flemings Gedicht „Wie er wolle geküsset seyn“. Oder: Wie vertrackt ist das alles, wenn man Peter Altenberg zitiert: „Der erste Kuss kommt immer zu früh und nie zu spät.“ Klabund dichtete verwirrend: „Olga / Und Wolga / Reimt sich / Erster Kuss / Letzter Kuss / Ebenfalls.“

Die Sieben Küsse des Schweizer Germanisten Peter von Matt sind eine überaus aparte Auswahl, kein systematischer Ordnungsversuch. Von Matt zeigt Schlüsselstellen, von denen her er die jeweiligen Werke in ihrem Reichtum und ihrer Singularität aufschließt. Da ist der Kuss als Offenbarung in Virginia Woolfs Mrs. Dalloway oder als Inkarnation bei Scott Fitzgerald – bei Gatsby bleibt der ekstatische Wahn bekanntlich leere Illusion. In Gottfried Kellers Die Jungfrau als Ritter küsst die Heilige Jungfrau in Gestalt von Ritter Zendelwald die Witwe Bertrade dergestalt, dass beide Frauen ihre Lust dran haben, Zendelwald ermannt wird und am Ende mit Bertrade (die wirkt, als sei sie nie herabgestiegen) vorm Altar steht. Dann gibt es noch den (Nicht-)Kuss von Grillparzers Spielmann, der ein ganzes Leben verfehlen lässt, den Vaterkuss in Kleists Marquise von O, den von Matt nicht als Quasi-Inzest, sondern als infantile Regression des Vaters deutet, oder etwa den ganz und gar versehentlichen in Tschechows Der Kuss, der dem schüchternen Rjabowitsch gleichwohl ein Erinnerungsglück beschert, vor dem die Prahlereien der Kameraden fade werden.

Sieben Küsse kann man immer mal wieder zur Hand nehmen, um zu erfahren, dass Literatur mehr ist als schnöder Lebensversatz. Dazu bedarf es eines Literaturwissenschaftlers, der sie profund und elegant wach zu küssen versteht.

Kein Reporter dürfte derart geschickt seine Reportagen der letzten Jahre zu einem Buch gemixt haben wie Gerhard Waldherr. Für die Zeitschrift brand eins geschrieben, von 43 Orten und 197 Menschen handelnd, sind sie nun nach Stichworten sortiert. Es geht von der Nordsee bis zum Bodensee, von Mecklenburg-Vorpommern ins Ruhrgebiet, runter nach Bayern, aufs Dorf, Land und in die Stadt.

Beginnend mit A und Adel ergeben sich die wundersamsten Konstellationen aus den angenehm kurzweiligen Texten, die Waldherr jeweils mit interessanten Zahlen oder O-Tönen der Leute veranschaulicht. So folgt auf G für Größenwahn, der von der Stadt Riesa und ihrer Sachsen-Arena handelt, ein Text zu Uli Hoeneß, auf Kirche folgt Krankenhaus, auf Sterneküche Tante Emma. Ansonsten geht es auf die Halligen, zur Schweinemast oder zum guten alten Trikont-Verlag.

Gerhard Waldherr war mal Sportreporter. So ist denn auch seine Innenansicht auf Deutschland insgesamt recht sportlich, der Journalist hat Schwimmer, Radler, Skifahrer getroffen, die Clubs besucht. Den FSV Angenrod findet man übrigens unter dem Stichwort Amateure, für L wie Liebe geht er auf Schalke.

Wohltuend, wenn einer eine Obsession hat. Hanns Zischler hat sich ein halbes Leben lang mit Kafkas Verhältnis zum Kino befasst und dabei Wundersames und Hinreißendes zusammengetragen. 1996 erschien sein Kafka geht ins Kino bei Rowohlt. Das Buch wurde eine Sensation, Kafkas Kino-Leidenschaft war bisher unerforscht gewesen. Das Buch ist heute ein Klassiker, die Neuauflage bietet weitere feine Sensationen. Noch mehr Kafka und Film, die Abbildungen nun auch in Farbe. Allein die beigefügte DVD mit – unter anderem – Die weiße Sklavin (1911), der Dokumentation Rückkehr nach Zion (1921) oder dem filmischen Pendant zu Kafkas Reportage Die Aeroplane in Brescia macht das Buch zu einem Muss; dabei will man die Version von 1996 auch noch haben. Beide überschneiden sich in Textpassagen, ergänzen sich aber in den Abbildungen.

Noch etwas mit Illustrationen: Wo Josef H. Reichholf draufsteht, ist tierisch Gutes garantiert. Sozusagen in Symbiose mit dem Zeichner Johann Brandstetter ist ein Band über Symbiosen-Phänomene entstanden, dessen Illustrationen unwiderstehlich und dessen Texte von freundlicher Belehrsamkeit und vor allem voll verblüffender Überraschungen sind.

Pilzgeflechte, die sich mit Bäumen Mineralien teilen, mag man als Waldgänger, Bakterien, die Stickstoffknöllchen an Pflanzen bilden, als Gärtner kennen. Aber dann geht es mit der Titanwurz, die Käfer braucht und ihnen daher eine Wärmestube bietet, schon ins Exotische (oder in den Botanischen Garten), mit Stelzvögeln und Krokodilen in die Region von BBC und arte, freilich statt deren anmutender Hintergrundmusik mit soliden Erläuterungen. Ob Yuccamotte oder Bromelienfrösche, Faultier und Blattschneiderameisen, fast immer geht es auch um Habitate, Wüstenstriche, Korallenriffe oder Regenwälder. Wer sich selbst oder den Nachwuchs von Notwendigkeit wie Eleganz symbiotischer Beziehungen überzeugen will, tut gut daran, sich hierin zu versenken. Es könnte ein Bund fürs Leben werden.

Info

Sieben Küsse: Glück und Unglück in der Literatur Peter von Matt Hanser 2017, 288 S., 22 €

Deutschkunde. Innenansichten einer Nation Gerhard Waldherr Murmann 2017, 220 S., 30 €

Kafka geht ins Kino Hanns Zischler Galiani 2017, 216 S., 39,90 €

Symbiosen. Das erstaunliche Miteinander in der Natur Johann Brandstetter, Josef H. Reichholf Reihe Naturkunden, Matthes & Seitz 2017, 298 S., 38 €

06:00 17.05.2017

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