Elch-Test für Mister Amerika

USA Ein Land in red and white and blue

Im Fernsehen steht die Nationalflagge jetzt auch in den Sportstudios. Bei der Übertragung der Football-Spiele findet die Kamera gern Uniformierte auf der Tribüne. Amerika liebt seine Soldaten. Die Spieler selber tragen das red, white and blue auf den Trikots. Patriotische Lieder auch beim "Miss Amerika"-Schönheitswettbewerb. Sie werde alles in ihrer Macht Stehende tun, um die Krieger zu unterstützen, verkündet Katie Harman, die neue Miss.

Eine hochkarätige Kirchendelegation im Weißen Haus; man unterstütze den Präsidenten, sagte der Kardinal. Da mögen die Hirtenworte noch so zur Mäßigung mahnen: Der Besuch sprach lauter. Im Vietnamkrieg hatten Kardinäle noch die Hubschrauber gesegnet.

Nicht, dass die Amerikaner über Nacht blutrünstig geworden wären: Aber die nationale Führung bereitet den Krieg vor. Was tut der Bürger, verunsichert angesichts der Terror-Attacken? Man ist an "zivilen" Mord und Totschlag gewöhnt (20.000 im Jahr), aber noch nie seit dem Bürgerkrieg - der ging 1865 zu Ende - haben Amerikaner Kriegshandlungen bei sich zu Hause erlebt. Und das World Trade Center und der Pentagon waren vielleicht nicht die letzten Ziele von Attacken. Am Montag hat das FBI den etwa 4.000 amerikanischen Agrarflugzeugen Startverbot erteilt: Einer der Täter vom World Trade Center habe sich Anfang des Jahres in Florida auch über diese Flugzeuge kundig gemacht, mit denen Bauern Unkrautvertilgungs- und Schädlingsbekämpfungsmittel versprühen. Das Gespenst des Bio-Krieges. Nuklearwissenschaftler warnen, dass ein Crash in ein Atomkraftwerk noch katastrophalere Folgen hätte als New York.

Wenn die Bedrohung so real erscheint, schart man sich zusammen. Bei einer Fahrradwanderung in Washington vergangenes Wochenende haben die Organisatoren Fähnchen gekauft und den Teilnehmern geschenkt. Und kaum einer der mehreren tausend Bikers fuhr dann ohne - Elch-Test für Individualisten. Amerikaner legen Wert auf ihre Eingeständigkeit; aber so individualistisch will doch kaum einer sein, dass er die Fahne verweigern würde. Immer mehr Bürgerinnen und Bürger hängen die "old glory" vor das Haus und an die Auto-Antenne. In manchen Straßen ist Minderheit, wer unbeflaggt wohnt. Auch das Pledge of Allegiance - das Gelübde der Treue zur Nation - ist wieder in. In Schulen müssen die Kleinen das am Morgen rezitieren, mit der Hand auf dem Herzen.

90 Prozent der Amerikaner befürworten Präsident Bushs "handling" der Anti-Terror-Politik, so eine New York Times-Umfrage am 24. September. Die Regierenden haben bei der Debatte über die Antwort auf die Terrorattacken die Kernfrage übersprungen. Nämlich, ob militärische Mittel tatsächlich das beste Mittel sind gegen den Terror. Dass "Krieg" ist, wurde ganz zu Beginn von den Führern entschieden - und wird seitdem von der freien Presse endlos wiederholt. Fernsehpersönlichkeiten haben sich dienstverpflichtet.

Der Präsident fälle die Entscheidungen, sagte Dan Rather, Moderator der Nachrichten beim Sender CBS. "Und wo auch immer er mich hinschickt, ich werde gehen". Eine Rundfunkmoderatorin in Washington gibt zum Besten, sie habe jetzt gerade mit Fleiß ein neues Auto gekauft: Bürger müssten Geld ausgeben, um die Wirtschaft vor der Rezession zu retten. Konsum ist ein Beweis des Patriotismus.

Der Leitartikler im Magazin Time fordert Bush zu einer "Politik der konzentrierten Brutalität" auf. Und im konservativen Magazine National Review steht: Wenn Damaskus und Teheran platt gemacht werden müssten, um den Terror auszumerzen ... dann müsse das halt sein. Das alles lässt Schlimmes ahnen für die Zeit, wenn "der Krieg" wirklich beginnt. Nach dem Golfkrieg hatten sich führende amerikanische Zeitungen und Fernsehsender beim damaligen Verteidigungsminister Richard Cheney beschwert, das Pentagon habe die Kriegsberichterstattung "geradezu vollständig kontrolliert". Jetzt wird über neue Zensurpläne berichtet. So sollen laut CNN keine Reporter und zivilen Kameras dabei sein dürfen, wenn erst einmal geschossen wird.

Vereinzelt ist es zu Friedenskundgebungen gekommen. An mehr als 100 Universitäten haben teach-ins stattgefunden. Freilich ringen auch Friedensbewegte um eine Antwort auf die Frage, was zu tun wäre. Sind doch Fundamentalisten vom Schlag Osama bin Ladens und der Taleban gegen all das, was einem lieb ist als fortschrittlicher, feministischer und human eingestellter Mensch. Das Modell Afghanistan ist ein riesengroßes Konzentrationslager; die Taleban, wie von Human Rights Watch und anderen Menschenrechtsverbänden dokumentiert wird, setzen ihre Heilsbotschaft durch mit der Menschenverachtung von SS-Sondereinheiten. Jetzt soll dieser Heilige Krieg auf die USA ausgedehnt werden. Auch wenn man der US-Regierung angesichts der langjährige CIA-Unterstützung für die Fundamentalisten Scheinheiligkeit oder noch Schlimmeres vorwerfen kann: Dieser religiös verbrämte Faschismus muss gestoppt werden - aber der Kreislauf der Gewalt eben auch.

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00:00 28.09.2001

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