Elefant terrible

Porträt Gerhard Schröder ruiniert mit seinem Rosneft-Job die letzte kleine Chance des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz
Elefant terrible
Dass Gerhard Schröder im Zweifel lieber zur Wirtschaft hält als zur SPD, war schon vor der Agenda 2010 offensichtlich
Foto: Thomas Trutschel/Photothek/Imago

Wenn es darum geht, Politikern Tiernamen zu geben, gehen selbst großen Journalisten gelegentlich die – Entschuldigung – Pferde durch. Das kann sogar einem wie Nikolaus Brender, dem ehemaligen Chefredakteur des ZDF, passieren. Für das Wahl-Sonderheft der Zeitschrift Cicero blickte Brender, ein angenehm distanzierter und kritischer Politik-Begleiter, auf den letzten großen Auftritt von Gerhard Schröder als Bundeskanzler zurück. Und was der Fernsehmann im Ruhestand analysierte, ist auch angesichts der jüngsten Eskapade des SPD-Manns (Stichwort: Rosneft) ziemlich aufschlussreich.

Bei Brender ging es um die legendäre „Elefantenrunde“ am Wahlabend 2005, folgt man dem damaligen Moderator, dann wurde der Noch-Kanzler damals nicht nur zum „Kriegselefanten“, sondern schaffte es noch am selben Abend, mit einem „Raubtiergrinsen“ seine „Pranken“ zu heben – um am Ende dann doch Richtung Kriechtier zu mutieren: „Wir erlebten einen Mann, der dabei war, sich zu häuten. Vom Staatsmann zum Privatmann.“

Nun ja, Alpha-Männchen soll es ja in allen möglichen Gattungen und Unterarten geben. Wichtiger als galoppierende (!) Tiervergleiche ist Brenders Fazit: Schröders flegelhaftes Auftreten am Wahlabend und seine Weigerung, die Niederlage anzuerkennen, hätten seiner Konkurrentin Angela Merkel die Kanzlerschaft gerettet.

Die CDU-Vorsitzende war damals nach einem offen neoliberalen Wahlkampf nur haarscharf vor den Sozialdemokraten ins Ziel gestolpert. Womöglich hätten ihre damals noch zahlreicheren Gegner in der eigenen Partei sie gestürzt, hätte Schröder mit seinen Attacken die Union nicht gezwungen, sich schützend vor ihre Kandidatin zu stellen.

Diese Geschichte ist für die aktuelle Einschätzung des „Privatmanns“ Schröder, wie er sich jetzt kokettierend nennt, doppelt interessant. Sie zeigt, dass das vielgerühmte politische Gespür des Ex-Kanzlers an sein Ego nicht ganz heranzureichen vermag. Und zum anderen zeigt sie, dass dieses Ego gerade in Momenten der Schwäche außer Kontrolle gerät.

Schon die vorgezogene Neuwahl vor zwölf Jahren war, entgegen der Legende, nicht einfach der tapfere Schachzug eines draufgängerischen Polit-Virtuosen. Schröder hatte sie vielmehr herbeigeführt, um den Widerstand in der eigenen Partei gegen die neoliberale Agenda 2010 zu brechen. Was ihm bekanntlich gelang – um den Preis einer mehr oder weniger einkalkulierten Niederlage der SPD.

Putins wichtigstes Instrument

Nun also will der Altkanzler sich in den Aufsichtsrat des russischen Staatskonzerns Rosneft wählen lassen. Dass diese Nachricht die SPD zusätzlich schwächen würde, muss er vorausgesehen haben, wenn das Verfallsdatum seines politischen Tastsinns nicht bereits endgültig erreicht ist. Es ist ihm offensichtlich egal. Kaum kommt der erwartbare Gegenwind auf, greift Schröder wie schon nach seiner Niederlage 2005 ganz tief in die Humbug-Kiste: Das Argument, er wolle einen „bescheidenen Beitrag“ zur Verbesserung der Beziehungen zwischen der EU und Russland leisten, nötigt selbst glühenden Befürwortern einer neuen Entspannungspolitik nur ein bitteres Lächeln ab. Bei Rosneft als Aufsichtsrat jährlich bescheidene 500.000 Dollar brutto einzustreichen, hat mit Entspannungspolitik so viel zu tun wie Schröders Diesel-Audi mit der Rettung der Welt vor der Klimakatastrophe.

Rosneft ist das wohl wichtigste Instrument des russischen Präsidenten Wladimir Putin, wenn es um strategische Fragen wie Energieversorgung und Deviseneinnahmen geht. Konzernchef Igor Setschin, ein Putin-Begleiter seit Sankt Petersburger Zeiten, sagt: „Wir diskutieren nicht über Bitten des Präsidenten, wir führen sie aus.“ Da wäre es schon spannend zu sehen, was ein Aufsichtsratsmitglied tut, wenn es mit einer „Bitte“ mal nicht einverstanden sein sollte. Schröders Argument, etwas für die Beziehungen tun zu wollen, entspringt – sollte er selbst daran glauben – entweder grenzenloser Naivität oder grenzenloser Selbstüberschätzung. Oder, am gefährlichsten, beidem.

Nebenbei bemerkt: Seine heutige Größe verdankt der mehrheitlich staatliche Konzern unter anderem der Tatsache, dass er sich das Unternehmen des Oligarchen Michail Chodorkowski, Yukos, einverleibt hat. Das ist ebenso wenig verboten wie staatliche Kontrolle über strategische Wirtschafts-Aktivitäten, und ganz sicher war Chodorkowski beim Aufbau von Yukos nicht der Inbegriff eines Saubermanns. Aber verschafft hat sich der Kreml den Zugriff durch konstruierte Vorwürfe gegen den alten Eigentümer: Zehn Jahre lang hat Chodorkowski im Knast gesessen.

Wenn Schröder wirklich einen Beitrag zur Entspannung leisten könnte (was dringend notwendig wäre), dann sicher nicht dadurch, dass er sich faktisch an eine der Konfliktparteien verkauft. Politisch sind ja die in der aktiven Politikerzeit gewachsenen Kontakte zu Putin tatsächlich von einigem Wert. Aber wer sich derart eindeutig auf eine der beiden Seiten stellt, hat seine Möglichkeiten als Vermittler verspielt.

Seine Kritiker wollten in Wahrheit Merkel im Wahlkampf helfen, und zwar „über die Diffamierung meiner Person“, hat Schröder dem Schweizer Boulevard-Blatt Blick erzählt (die Wege sind kurz, der Altkanzler berät den Ringier-Verlag, wo es erscheint). Dabei hat die Vorlage, die Merkel und ihre Truppen jetzt genüsslich nutzen, kein anderer geliefert als er selbst. Und hätte Schröder recht, dann hätten auch die zahlreichen Kritiker in der SPD nichts anderes im Sinn, als ihn zu diffamieren und Merkel zu helfen. Gerhard Schröder war einmal ein großes politisches Talent. Die einzigen Elefantenrunden, die er jetzt noch dreht, finden im Porzellanladen statt.

06:00 27.08.2017

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