Elefanten

Linksbündig Über die große Egalität des Schwitzens

Abschließend der Wetterbericht: Heute heiter und trocken bei Temperaturen bis 36 Grad. In Küstennähe und im Bergland etwas kühler. Anhaltend schwül.

So geht das jetzt seit Wochen. Jeden Morgen erheben wir uns vom Frühstückstisch mit der deprimierenden Aussicht, dass alles bleibt, wie es ist: anhaltend schwül. Nur die Getränkeindustrie jubelt, der Wettergott sei der Verkäufer Nummer eins. Es erscheint uns nicht ohne eine gewisse Ironie, dass Rudi Carrell ausgerechnet in diesem "Jahrhundertsommer" gestorben ist. Seinen mehrfach aufgelegten Hit Wann wird´s mal wieder richtig Sommer? begleitet in diesen Tagen, vom Standpunkt des Wettergottes aus betrachtet, etwas Blasphemisches.

Wir schleppen uns derweil durch den Alltag wie Elefanten im fernen Afrika. Diese nämlich, hat die Wissenschaft herausgefunden, gehen sparsam mit ihren Energiereserven um. Anstrengende Unternehmungen wie die Erklimmung steiler Anhöhen werden nach Möglichkeit gemieden, selbst wenn dort besseres Futter locken sollte.

Aus der Ebene unseres Energiesparhaushalts ist die Bewunderung für die Radfahrer der zu Ende gegangenen Tour de France gestiegen. Anders als Elefanten müssen die Pedalritter die Berge hinauf, hinab und wieder hinauf. Der Amerikaner Floyd Landis hat die Tour bekanntlich gewonnen, indem er an einem Tag wie gesternheutemorgen 130 Kilometer vor dem Ziel attackierte und seine Konkurrenten im Alleingang deklassierte. Bei diesem Höllenritt hat Landis fortwährend wahlweise getrunken oder sich die Wasserflaschen über den Kopf gekippt. 70 an der Zahl, wie hernach überliefert wurde. Roland Barthes hat als die beiden entscheidenden Aspekte für die Kraft, eine Tour de France erfolgreich durchzustehen, die "Form" und den "Jump" gekannt. Die "Form" ist das konstante Niveau, das die Spitzenfahrer haben, um über drei Wochen keinen Fehler zu machen, sich keine Schwäche zu leisten, "ein privilegiertes Gleichgewicht zwischen den Qualitäten der Muskeln, der Schärfe der Intelligenz und der Willensstärke." Der "Jump" dagegen ist "ein wahrer elektrischer Stromstoß, der ruckartig bestimmte, von den Göttern geliebte Fahrer erfasst und sie dann übermenschliche Leistungen vollbringen lässt." Schon 1955 wusste Barthes allerdings, dass der "Jump" nicht nur aus Götterliebe resultieren kann. "Es gibt eine schreckliche Parodie auf den ›Jump‹, das Doping." Nie war uns bewusster als in diesen Tagen, dass solche Strapazen wie eine dreiwöchige Radrundfahrt oder der Ironman-Triathlon ohne leistungsfördernde Mittel schwer durchzustehen sind, auch wenn gemäß der Logik der Enthüllung jeder überführte Dopingsünder nur ein Einzelfall ist. Während das Sportschauen im Fernsehen, gerade bei erhebenden Momenten wie einem Weltmeisterschaftsfinale oder den Bergetappen der Tour, normalerweise den Drang steigert, hinauszugehen und es den Vorbildern gleichzutun, reicht die Kraft unserer stark verminderten "Form" allenfalls für die Aus-Taste der Fernbedienung. Und nicht einmal noch fürs Empören.

Denn die Hitze ist ein großer Gleichmacher. Zum Glück nimmt auch die Politik eine Sommerpause, sonst könnte sie im Schatten unserer Erschöpfung tun und lassen, was sie will. Anders als die Kälte, vor der wir immerhin in wohlig angewärmte Behausungen flüchten können, gibt es vor der Wärme kein Entkommen. Weit aufgerissene Türen und Fenster werden von der Luft, in der kein Wind sich regt, mit herablassender Missachtung gestraft. Der Stillstand ist keine Lösung, wenn sich das Hoch auf dem Thermometer in solch ungebrochener Länge erstreckt wie in diesem Sommer. Man kann ja schlecht drei Monate an, besser noch: in einem Baggersee zubringen. Es bleibt uns, abgesehen vom Urlaub, nichts anderes übrig, als weiterzumachen und dabei viel zu trinken.

In der Ausweglosigkeit dieses ermatteten Pflichtbewusstseins liegt aber auch eine gewisse Befreiung, die wir nicht unzufällig sonst nur aus der Sauna kennen. Wenn wir den Schweißfilm auf der Stirn mit dem Schweißfilm auf der Hand abzuwischen versuchen, müssen wir resignieren. Zurückgeworfen auf die Leiblichkeit, die durchschwitzte Größe, kapituliert der Mensch vor der Natur und alle Maskerade der Zivilisation verliert ihren Anspruch. Irgendwann werden wir uns wie Floyd Landis die Wasserflaschen über den Kopf gießen, und dann wird es egal, ob wir am Arbeitsplatz sitzen oder im Wohnzimmersessel.

Die weiteren Aussichten: sonnig und trocken. Im Westen vereinzelt Wärmegewitter. Temperaturen bis 38 Grad.


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00:00 28.07.2006

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