Elektrifizierte Zuckungen

Luftgitarrologie Aline Westphal, Studentin aus Hildesheim, ist die beste Luftgitarristin der Welt. Was das Nichtspielen eines ­Instruments kulturwissenschaftlich bedeutet? Nichts. Und alles

Es gibt ein Foto von Aline Westphal im finnischen Oulu, auf dem sie beinahe panisch in eine Menge von 5.000 Zuschauern blickt. Seit drei Stunden verfolgen die Menschen vor der Bühne der diesjährigen Luftgitarren-Weltmeisterschaft eine völlig irrsinnige, extrem unterhaltsame Show. In diesem Moment hält die Jury ihre Wertungen für Alines zweite Performance hoch. „The Devil’s Niece“, so ihr nom de guerre, sucht uns im Publikum, um festzustellen, ob wir die drei Menschen sind, die da in Jubel ausgebrochen sind, und ob das bedeutet, dass sie jetzt Weltmeisterin im Luftgitarrenspiel ist. Im Nachhinein kann man sogar noch mehr in diesem Blick lesen: „Vor ein paar Tagen habe ich noch darüber geschrieben, wie die Auftritte der letzten 15 Jahre funktionierten, und jetzt habe ich tatsächlich selbst so etwas geschaffen?“

Ja, das hat sie. Ihre Performance in der ersten Runde war vor allem ein vollständiges Eintauchen in „The Pretender“ von den Foo Fighters, einen Song, den man fälschlicherweise als passend fürs Luftgitarrespielen halten könnte, weil er sich mit „Der nur so tut als ob“ übersetzen lässt. Tatsächlich handelt es sich um die Anklage eines Einzelnen gegen ein System, das nur so tut, als würde es nach fairen Regeln funktionieren. Genau diese Dramatik sprühte aus jeder Pore von Alines Körpers, als sie von unsichtbaren Figuren eingekreist wurde und in einer Zeitlupenszene, die dem Kino eines John Woo würdig gewesen wäre, sich und die Gitarre herausschleuderte. Genau so tief drin in einem Song war in der ersten Runde nur der US-amerikanische Luftgitarrenmeister Justin „Nordic Thunder“ Howard gewesen, dessen extrem präzise und virtuose Gitarrengriffbrettpräsentation zu „Dragonchaser“ der deutschen Metal-Band At Vance aus einem Mifune-Film von Kurosawa hätte stammen können.

Die Punkte, die Howard für seine Performance hätte kriegen müssen, bekam er in der zweiten Runde, als seine Improvisation zu dem vorgegebenen „Without a face“ von Rage Against The Machine nichts anderes bieten konnte. „The Devil’s Niece“ dagegen begann auf diesem eintönigen und dumpf stampfenden Song zu fliegen, buchstäblich, indem sie auf die Gitarre stieg, sich von Tom Morellos Saitenkaspereien durchschütteln ließ, um dann Robert Palmers „Addicted to love“-Video mit Marilyn Manson und Angus Young nachzustellen. Und so spannend es in der zweiten Runde durch die nachgereichten Punkte für „Nordic Thunder“ wurde, so eindeutig war Alines Performance das Beste, was an diesem Abend gezeigt wurde.

Tradierte Diskurse

Der Unglaube in Alines Gesicht war vielleicht noch ein kleiner Rest jener tief in uns verwurzelten Befindlichkeit, die sich in den Online-Foren zu Artikeln über die Luftgitarren-WM zum Ausdruck bringt. Da tönt es im ersten Reflex: „Warum lernt ihr nicht richtig Gitarre spielen?“, und da kommt ebenso reflexhaft: „Lass sie doch! Kriege und Naturkatastrophen sind schlimm, reg dich doch lieber darüber auf.“ Womit sich die Debatte mehr oder weniger erschöpft hätte. In diesem Fall ließe sie sich aber noch ein wenig schärfer würzen. Denn Aline Westphal kam zum Luftgitarrespielen durch ein Seminar an der Universität Hildesheim: Sie schreibt ihre Diplomarbeit zu diesem Thema. Womit der in der Luft liegende Vorwurf der Steuergeldverschwendung und Sinnlosigkeit von Kulturwissenschaft widerlegt wäre.

Eine der größten akademischen Umwälzungen der letzten 30 Jahre bestand darin, dass sich die klassischen Geisteswissenschaften unter der kulturwissenschaftlichen Prämisse neu ausgerichtet haben. Es geht also nicht mehr darum, die singuläre Leistung eines einzelnen Künstlers in Literatur, Bildender Kunst, Musik, Theater, Film oder Fotografie als Beispiel für die Schaffenskraft des menschlichen Geistes zu nehmen, sondern alle diese Leistungen auch in Bezug auf das Umfeld zu sehen, in dem sie entstehen konnten und in das sie wieder hineinwirken. Sich einem so unkanonisierten und unbesprochenen Gegenstand wie dem Luftgitarrespiel kulturwissenschaftlich zu nähern, birgt dabei ein Risiko und ein Erfolgsversprechen zugleich. Das Risiko liegt darin, die Anschlussfähigkeit an tradierte geisteswissenschaftliche Diskurse nur schwer herstellen zu können. Das Erfolgsversprechen ist, dass man den Prozess der Kultur wie im Reagenzglas beobachten kann – man sieht, wie die eigene Reflexion des Gegenstands auf die Umgebung einwirkt und diese verändert. Das hat Oulu mustergültig vorgeführt: Eine Studentin, die sich intensiv mit der Kulturgeschichte der Luftgitarre beschäftigt hat, kann Weltmeisterin in dieser Disziplin werden.

Ohne überheblich sein zu wollen (oder: ein bisschen schon): Zu einem Gedicht, einer Theaterinszenierung oder einem Gemälde hat jeder etwas zu sagen. Weil sich in diesen Disziplinen seit frühester Schulzeit ein Repertoire an Interpretationsgesten eingeschliffen hat, auf das jederzeit zurückgegriffen werden kann, wenn man in die peinliche Situation gerät, eine Einschätzung zu solchen Leistungen abgeben zu müssen. Dann kann man „die Entfremdung des modernen Menschen durch die Technik“, „die Zersplitterung der Wahrnehmung durch Medien“ oder „die Frustration von Erwartungshaltungen des Publikums“ attestieren, das passt immer irgendwie. Wird man allerdings mit einer unbesprochenen ästhetischen Praxis wie dem Luftgitarrenspiel konfrontiert, ist da nichts, an das man anschließen könnte, weshalb die einzig denkbare Reaktion eben dieses unbestimmte Gefühl ist: Das ist doch nichts. Diese Aussage könnte aber für jedes andere künstlerische Produkt gelten, gäbe es nicht die Standarddiskurse tief in uns drinnen, die das verschleiern.

Es gibt Männer, die für Millionen von Euros 10.000 Liter Benzin verbrennen, indem sie drei Stunden im Kreis fahren. Es gibt Menschen, die auf Kufen unter Schuhen über künstliche Eisflächen schlittern und sich in der Luft drehen. Andere sitzen auf Klappstühlen in nicht dafür geeigneten Buchläden und hören jemandem zu, der ihnen ein Buch vorliest. Städte geben Millionen dafür aus, damit in einem riesigen Haus abends einige Menschen vor anderen so tun können, als seien sie Bürger von Verona, Venedig oder Helsingör. Das alles als sinnlos zu bezeichnen, wäre viel zu billig.

Produktive Perspektive

Die erheblich schwerer zu beantwortenden Fragen lauten: Warum gibt es das? Warum machen Menschen das? Warum schauen andere Menschen dabei zu? Kurz: Wie funktioniert das? Fürs Theater und für die Literatur haben wir die Antworten gelernt, beim Eiskunstlauf und beim Formel 1 glauben wir, dass es darauf Antworten geben könnte. Luftgitarrenspiel zu erklären, scheint dagegen unmöglich zu sein, und deshalb probieren wir es gar nicht erst.

Befasst man sich wissenschaftlich mit der Luftgitarre, bedeutet das aber nicht nur sich mit diesen kulturphilosophischen Fragen auseinanderzusetzen. Man bekommt auch eine produktive Perspektive auf die Entwicklung populärer Kultur seit dem amerikanischen Gospel. Man erkennt, wie Massenkonzerte auf die Performer auf der Bühne zurückwirken, die nicht nur Musik, sondern auch das Musikmachen machen müssen, um ihr Publikum zufriedenzustellen. Die spezielle Ästhetik und Ikonizität des relativ neuen Instruments E-Gitarre wird deutlich, indem dessen elektrische Dominanz durch ebenso elektrifizierte Zuckungen der Instrumentalisten zum Ausdruck gebracht wird. Und schließlich kann man erkennen, was für ein immenses Reservoir an Posen, Gesten und Bildern in uns angelegt worden ist, weil wir jahrzehntelang Rockmusik über Plattencover, Poster, Illustrierte, Musikvideos und Livekonzerte vermittelt bekommen haben.

Man konnte während der WM in Oulu erleben, wie das Bühnenluftgitarrespielen als Ausdrucksmittel für diese immense kulturelle Kompetenz funktioniert, die viele aufgebaut haben, ohne davon in einem öffentlichen Diskurs Gebrauch machen zu können. Man konnte überdies die feinen kulturellen Unterschiede studieren, die zwischen Kontinenten und Ländern bestehen, wenn es um die ach-so-kulturimperialistische amerikanische Rockmusik geht. Das Wrestling-Paradigma prägte die US-amerikanischen Performances, Cabaret-Spuren ließen sich bei den französischen Teilnehmern ausmachen, eine verblüffende Barock-Affinität bei Osteuropäern.

Und dazwischen die neue Weltmeisterin Aline Westphal, die auf virtuose Weise transnational wirkte, einzig der Rockmusik und ihrer Kultur verschrieben. Folglich galt ihr der Respekt von Craig Billmeier, dem Luftgitarrenweltmeister von 2008 und wohl bestem Luftgitarristen aller Zeiten. „Es ist jemand zum neuen Champion gekrönt worden, auf den wir alle stolz sein können“, schrieb er nach der WM. „Sie ist nicht eine zufällig dahergelaufene Schauspielerin, Tänzerin, Komikerin oder Abenteurerin, die ihre momentanen Erfolge als bedeutungslose Späße versteht. Sie ist ein bona-fide-Musik-Nerd und eine Wissenschaftlerin in den Startlöchern. Sie ist the real deal, sie ist herzlich, und sie ist eine kreative Performerin.“

Amerika hat verstanden, was Sache ist.

Mathias Mertens ist in diesem Fall in gewisser Weise der Vater des Erfolgs. Mertens lehrt an Universität Hildesheim Medienwissenschaft, dort belegte Aline Westphal einst sein Seminar Medienästhetische Überlegungen zur Luftgitarre, nun begleitete der Dozent sie auf der Reise nach Oulu. Im Freitag 6/2009 hatte Mertens sein Lob der Luftgitarre formuliert

11:00 19.09.2011

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