Elende Spießer!

Ausstellung Die Novembergruppe um Otto Dix und Walter Gropius wollte die Kunst in die Gestaltung der Politik einbringen. Die Berlinische Galerie zeigt, wie groß ihr Einfluss war

Nur noch bruchstückhaft lässt sich die Ansicht der Stadt erahnen. Wankende Hausfassaden, abgeknickte Reklametafeln, Straßenschilder und der Waggon einer Tram verlieren sich im rauschhaften Tanz aus Form und Farbe. Otto Möllers Gemälde Straßenlärm, das der Expressionist 1920 malte, beschwört ein apokalyptisches Chaos. Nur zwei Jahre vor der Entstehung des Bildes hatten die Wirren am Ende des Ersten Weltkrieges Deutschland tatsächlich in chaotische Zustände versetzt. Nachdem sich die Matrosen in Kiel und Wilhelmshaven geweigert hatten, ehrerbietig ins letzte Gefecht zu ziehen, breiteten sich die Aufstände der Novemberrevolution rasch in die großen Städte aus und führten binnen weniger Wochen dazu, dass Kaiser Wilhelm II. abdankte und am 9. November gleich zweimal die Republik ausgerufen wurde.

Die Zerschlagung der alten Ordnung, die für viele Avantgardekünstler längst überfällig war und lang ersehnte Erneuerungen versprach, war zugleich mit der Angst vor gewaltvollen Auseinandersetzungen verbunden. Um die junge Demokratie nicht im Keim zu ersticken, beauftragte die Übergangsregierung den deutschen Werbedienst, Plakate zu entwerfen, die zu Ruhe und Ordnung aufriefen. „Erwürgt nicht die junge Freiheit“, heißt es auf einem Plakat von 1919, das Max Pechstein gestaltete. Pechsteins politisches Engagement zeigte sich auch in seiner Rolle als Mitbegründer der Novembergruppe, der auch Otto Möller angehörte. Nach dem Monat der Revolution benannt, formierte sie sich unmittelbar als Reaktion auf die politischen Umwälzungen und verstand sich als „Vereinigung der radikalen bildenden Künstler“. Motiviert durch das Potenzial des Umbruchs, sollten die modernen Künste eine aktive Rolle bei der Gestaltung der neuen Demokratie spielen. Wie einflussreich die Novembergruppe das Kunstgeschehen der Weimarer Republik prägte, inwiefern ihre Ziele aber auch zum Scheitern verurteilt waren, ist jetzt in der Ausstellung Freiheit. Die Kunst der Novembergruppe 1918 – 1935 in der Berlinischen Galerie zu sehen.

200 aktive Mitglieder

Die Überblickspräsentation trägt erstmals 119 Werke von 69 Künstler*innen der Novemergruppe zusammen. Denn auch wenn sich unter deren Mitgliedern Prominenzen wie Otto Dix, Walter Gropius, Georg Grosz, Hannah Höch, Paul Klee, El Lissitzky, Piet Mondrian und Mies van der Rohe fanden, ist sie einem breiten Publikum weitgehend unbekannt. Die Vielzahl der Künstler – zwischen 1918 und 1935 gab es 200 aktive Mitglieder – und das damit verbundene Spektrum an Stilen sind das Erstaunliche an der Gruppe. Dadaisten, späte Expressionisten und Vertreter der Neuen Sachlichkeit, aber auch Konstruktivisten und Künstler, die sich dem „absoluten Film“ widmeten, sollten hier gleichberechtigt um Erneuerung kämpfen. Die Vereinigung erscheint wie ein Biotop, in dem das demokratisch-pluralistische Prinzip erprobt werden sollte, um dann in die neue Gesellschaft hineinzuwachsen. Dass dies nicht immer ganz einfach war, belegt die große Fluktuation der Mitglieder. Regelmäßig stiegen Künstler aus, weil ihnen das Programm nicht politisch genug war, etwa Otto Freundlich, der seine Bestrebungen nach einem „kosmischen Kommunismus“ nicht ernst genug genommen sah. Nichtsdestotrotz beteiligte er sich nach seinem Austritt an weiteren Ausstellungen der Gruppe.

In den ersten Jahren der jungen Republik bespielte die Novembergruppe regelmäßig die Große Berliner Kunstausstellung, die als staatlich geförderte Institution den Kunstgeschmack prägte. Damit erreichte das Kollektiv sein Ziel, die Kunst der Avantgarde in die Gesellschaft einzuführen. Die eigene Freiheit schränkte aber zugleich die Abhängigkeit von staatlicher Förderung ein. 1921 drohte der Novembergruppe der Ausschluss von der Großen Berliner Kunstausstellung, wegen zweier sozialkritischer Bordellszenen von Otto Dix. Die Gruppe entschied, die Werke zu entfernen, was zu Protesten und Austritten führte. Dix nannte die Verantwortlichen „elende Spießer“ und schickte stattdessen das Gemälde einer nackten, von oben bis unten tätowierten Schaustellerin. Die grafische Vorlage für das Gemälde ist in der Berlinischen Galerie zu sehen und selbst in Zeiten voll tätowierter Grundschullehrer ein Hingucker.

Neben dem Pluralismus zeichnete ihre kosmopolitische Ausrichtung die Novembergruppe aus. Von nationalem Dünkel gab es keine Spur. Sie verstand sich nie als Gruppe einer deutschen Moderne. Russische Konstruktivisten wie El Lissitzky nahmen ebenso regelmäßig teil wie die niederländischen De-Stijl-Künstler.

Ihr Ende fällt mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten zusammen. Fast alle Künstler wurden ab 1938 als „entartet“ verfehmt. Otto Freundlichs Skulptur Großer Kopf ist monströs auf dem Deckblatt des Ausstellungsführers Entartete Kunst inszeniert. Der Künstler starb 1943 im KZ.

Der Ausstellungstitel Freiheit der Berlinischen Galerie ist vor diesem Hintergrund besonders eindringlich. Für viele Künstler war die Zeit der Novembergruppe tatsächlich die einzige Zeit, in der sie in politischer Freiheit arbeiten konnten und sogar Anerkennung erfuhren.

Info

Freiheit. Die Kunst der Novembergruppe 1918 – 1935 Berlinische Galerie bis 11. März 2019

06:00 22.12.2018

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