Elfriede Jelinek

A–Z Kaum eine Schriftstellerin wird mit so viel Hass und Häme, aber auch Lob und Ehre überschüttet wie die Vielschreiberin Elfriede Jelinek: unser Lexikon zum Geburtstag
der Freitag | Ausgabe 42/2016
Elfriede Jelinek
Foto: Sophie Bassouls/imago/leemage

A

Altern Bis heute steckt es in vielen Köpfen fest: „Die Frau wird von dauerndem Gebrauch nicht besser, aber wenn sie selbst sich vergreifen will an einem jungen Mann, der in ihrem Ort wohnt: also nein!“ Dass Frauen jenseits der Altersschwelle X vom allzeit begaff- oder betatschbaren Sexobjekt zum entsexualisierten Ding werden, dass sie dann also erst recht missachtet oder verlacht werden dürfen, ist ein wiederkehrendes Motiv in Elfriede Jelineks Texten (➝ Lust).

Gefragt, wie sie sich ihr Alter vorstelle, antwortete sie der Schweizer Weltwoche einmal: „Schrecklich! Vor dem Alter habe ich panische Angst, seit ich bei meiner Mutter diesen Verfallsprozess miterlebt habe.“ Die Demenz ihrer Eltern flocht sie 2011 wiederum in einen Text ein (➝ Winterreise). Bevor es bei ihr so weit sei, wolle sie sich umbringen, sagte Jelinek im Interview noch – nahm das dann aber doch halbwegs wieder zurück. Katja Kullmann

B

Bubble Chair Eine verbitterte, humorlose Person sei die Jelinek, ein Hybrid aus „Domina, Modepuppe, Zöpfchenmaderl, Wetterhexe“. So fasste das Magazin Du einmal die gängigen Jelinek-Projektionen zusammen. Erstaunlich, dass ihre hervorragende Eigenschaft so vielen verborgen bleibt: die (Selbst-)Ironie. Ihr Spiel mit dem Bubble Chair, einer frei schwebenden Sitzkugel aus Acrylglas, die der finnische Designer Eero Aarnio in den frühen 60er Jahren schuf, ist ein Beispiel dafür. Dasmarkante Möbel hängt in Jelineks Wiener Wohnzimmer. Nach ihrer großen Ehrung (➝ Nobelpreis) ließ sie sich in der Kugel ablichten und erklärte: Das Objekt sehe aus wie eine Fruchtblase, es sei auch mit einer Nabelschnur mit dem darüberliegenden Schlafzimmer ihrer Mutter verbunden – eine Anspielung auf die schwierigen jelinekschen Familienbeziehungen. Die Kugelfotos gingen um die Welt. Heute schmückt der Sessel Jelineks Webseite (➝ Internet). Statt ihrer sitzen drei Plüschbären drin, die Künstlerin ist nur als Schatten in einem Spiegel zu sehen. KK

F

Finanzkrise Literatur, lernt man im germanistischen Proseminar, ist symbolisches Probehandeln. Und wenn das, was da erprobt wird, auch tatsächlich eintritt, attestiert die Literaturkritik den betreffenden Autorinnen dann gern ein „seismografisches Gespür“ für die Gegenwart. Im Fall von Jelineks „Wirtschaftskomödie“ Die Kontrakte des Kaufmanns wäre das jedoch nicht übertrieben. Ausgangspunkt für das Stück waren die Skandale um die österreichischen Banken Meinl und BAWAG im Jahr 2007, bei denen viele Kleinanleger ihr Vermögen verloren.

Jelinek nahm das zum Anlass, um den Finanzkapitalismus performativ vorzuführen. Ihre entgrenzten Textflächen imitieren das zügellose Flottieren der Geldzeichen, die unablässigen Wortkaskaden die Zirkulation globaler Finanzströme. Durch ein autoreferenzielles Zeichenspiel (➝ Bubble Chair) wird hier eine Religion vorgeführt, die nur noch Gläubiger, keine Gläubigen mehr hat. Nachdem 2008 Lehman Brothers kollabierte, konnte man das auch als Parabel auf die Weltfinanzkrise lesen. Nils Markwardt

G

Geflüchtete Vor der drohenden Zwangsheirat in Ägypten fliehen die Töchter des Danaos übers Mittelmeer: „Sonst bestimmt Zerreißen, Zerreißen und Verwunden, / blutiges, mörderisches Kopfabhaun!“ Den Schutzflehenden wird in Aischylos’ gleichnamigem Stück das Asyl in Griechenland zwar gewährt, doch der König von Argos fürchtet die Fremdenfeindlichkeit seiner Bürger. Es ist diese 2.500 Jahre alte Tragödie, die Jelinek in ihrem Stück Die Schutzbefohlenen (➝ Zusammenarbeit) kommentiert.

Es thematisiert jene 60 Asylsuchenden, die ab Ende 2012 mit einer Besetzung der Wiener Votivkirche – erfolglos – gegen ihre Abschiebung protestierten. Schon der Titel verdeutlicht Jelineks Perspektivwechsel: Sie unterstreicht den Unwillen der Politik, ihre Flehenden klagen die Verhältnisse des Landes an, in dem sie um Asyl ersuchen. Viele Bühnen haben den hochaktuellen Stoff inszeniert. Nichttheatergänger erfuhren von ihm, weil eine Gruppe neurechter „Identitärer“ im April 2016 eine Aufführung an der Universität Wien mit Kunstblut und physischer Gewalt stürmte – und auch teilnehmende Geflüchtete verletzte. Tobias Prüwer

I

Internet Eine wichtige Rolle in Jelineks Leben scheint das Internet zu spielen. Nicht nur ihr Ehemann Gottfried Hüngsberg, den sie 1974 heiratete, arbeitet heute als Informatiker, sie selbst war auch eine der ersten Schriftstellerinnen, die konsequent das Netz nutzten. Ihre Homepage (Bubble Chair) ging bereits 1996 an den Start. Und die ist keine schnöde PR-Plattform, sondern gleichermaßen Werkarchiv wie Notizbuch. 2007 veröffentlichte Elfriede Jelinek dort sogar exklusiv ihren 936 Seiten starken „Privatroman“ Neid. NM

K

Kronen Zeitung Mit Verbalattacken aller Art kennt sich die Schriftstellerin bestens aus. Fast schon rührend wirkt der Eifer, mit dem die Wiener Kronen Zeitung – das österreichische Pendant zu Bild – jahrelang gegen Jelinek schoss. Dabei tat sich der Autor Wolf Martin (1948 – 2012) besonders hervor. Einst als Beamter in der Glücksspielmonopolverwaltung tätig, durfte der extreme Homophobiker in der Kronen Zeitung seit 1989 täglich ein Kurzgedicht veröffentlichen, unter dem Titel In den Wind gereimt. Eines davon ist in Jelineks Webarchiv ( Internet) nachzulesen, ein Hassreim aufs moderne Theater: „(...) dann braucht es wohl noch eine Weile, / bis daß die Bretter wieder blank / und sich verzogen der Gestank / des wahrlich penetranten Drecks / der Mühls, Turrinis, Jelineks.“ KK

L

Lust Schon in den 80ern verursachte Jelinek viel Aufregung, etwa mit dem Stück Burgtheater, das die Verbindung des Kultur-Establishments mit der Nazizeit zeigt. Oder mit dem Roman Die Klavierspielerin, der von der „frigiden“ Lehrerin Erika Kohut erzählt, die ein Verhältnis mit einem Schüler eingeht und vergewaltigt wird. Besonders grell war dann das Echo auf den Roman Lust von 1989. Er ist das meistverkaufte Jelinek-Buch (➝ Wanda).

Als Pornografie werteten viele Feuilletons die Erzählung, in deren Mittelpunkt ein Ehepaar in einer Kleinstadt in Alpennähe steht. Er ist Fabrikdirektor mit ausgeprägtem Geltungsdrang; sie seine Gattin, Hausfrau und Mutter des gemeinsamen Kindes. Die häusliche Ödnis, die gewaltsame Sturheit des ehelichen Beischlafs ist atemberaubend. „Die beiden Eheleute erröten nicht voreinander, lachen und sind und waren sich alles“, heißt es am Anfang. Am Ende ist man dann froh, unverheiratet zu sein. Und möchte es auch unbedingt bleiben. KK

N

Nobelpreis Als Elfriede Jelinek 2004 den Literaturnobelpreis erhielt, nahm sie die Auszeichnung nicht persönlich entgegen. Ihre Rede „Im Abseits“ zeichnete sie in ihrer Wohnung auf, um sie dem Publikum in Stockholm von riesigen Videoleinwänden aus vorzulesen. Für die Autorin ist dieses Vorgehen typisch. In ihren Texten ist sie abwesend, dafür dreht sich alles um die Sprache. Jelineks Nobelpreisrede handelt von ihrer Außenseiterposition als Frau im Literaturbetrieb und als Kritikerin in Österreich (➝ Kronen Zeitung).

Der Titel ihrer Rede ist aber auch eine Fußballmetapher. Wer im Abseits steht, hat gute Trefferchancen, befindet sich aber in regelwidriger Position zum gegnerischen Tor. Auch Jelineks Literatur kommt den hässlichen Realitäten näher, als es Wissenschaft oder Journalismus dürfen. Ihre Texte vergrößern die Wirklichkeit, bis es weh tut. Für manche ist das zu viel. Knut Ahnlund, Mitglied des Nobelpreis-Komitees, trat 2005 zurück. Sein Fazit: „Die Verleihung an Elfriede Jelinek hat das Ansehen des Preises auf absehbare Zeit zerstört.“ Sebastian Weirauch

W

Wanda Viel Gutes und Richtiges lässt sich über Elfriede Jelinek sagen, beispielsweise dass sie am 20. Oktober ihren 70. Geburtstag feiert. Deshalb erst einmal: herzlichen Glückwunsch! Der schönste und wahrste Satz über die österreichische Autorin aber stammt von der ebenfalls österreichischen Band Wanda. In einem nach der Autorin benannten Song ihres noch immer unbedingt zu empfehlenden Albums Amore sangen Wanda ganz selbstverständlich und nebenbei erwähnt, wie es eben nur Österreicher können: „Es ist egal / ob die Jelinek in der Zeitung steht / oder im Regal.“ (Bitte rhythmisch sprechen oder gleich anhören!)

Wahr ist dieser Satz allerdings nicht, weil er unbedingt wahr wäre, sondern vielleicht gerade, weil er jene entscheidende Dialektik ans Tageslicht bringt, die jedem relevanten schriftstellerischen Werk eigen ist. Was also können wir von Elfriede Jelinek 70 Jahre nach ihrer Geburt über uns in Erfahrung bringen? Und was können wir von ihr über die Welt lernen (➝ Finanzkrise)? Die Antwort muss wohl lauten: gleichermaßen alles und nichts – und alles dazwischen oder auch nicht. Denn weiter heißt es in Wandas Song: „Es ist egal / ob das Kreuz in der Kirche hängt / oder im Spital.“ Und das klingt doch tatsächlich ein bisschen nach Elfriede Jelinek. Timon Karl Kaleyta

Winterreise Dem biografischen Schreiben hat sich Elfriede Jelinek von jeher verweigert, und dennoch hat sie in ihrem Werk immer wieder die Spannung zu ihrer Biografie gesucht. Selten wurde sie dabei so privat wie in „Winterreise“. In dem Theaterstück tritt unter anderem ein sterbender Wanderer auf, der Jelineks Vater nachempfunden ist. Friedrich Jelinek (1900–1969) war Jude und stammte aus einer linken Wiener Arbeiterfamilie. Nach dem „Anschluss“ wurden viele seiner Angehörigen in den Konzentrationslagern ermordet. Er selbst überlebte die Naziherrschaft nur wegen seiner Ehe mit einer Katholikin und aufgrund seiner „kriegswichtigen“ Tätigkeit als Chemiker.

Doch die ständige Angst vor Verfolgung hinterließ Spuren. Nach dem Krieg erkrankte Friedrich Jelinek an Alzheimer (➝ Altern). Wie der Wanderer in Wilhelm Müllers Gedichtzyklus Winterreise oder in Franz Schuberts gleichnamiger Vertonung begann er rastlos umherzuirren. Als einmal das Telefon der Familie klingelte, hob er ab und erklärte dem Anrufer verwirrt: „Wissen Sie, ich existiere hier nur nebenbei.“ Das Schicksal ihres Vaters hat die Autorin nicht mehr losgelassen. Wer immer noch meint, Jelinek sei eine Moralistin, die sich unangreifbar macht, der irrt. In der Winterreise fragt sie nach ihrer Mitschuld an der „Abschiebung“ ihres Vaters in das Heim, in dem er die letzten Monate seines Lebens verbrachte. SW

Z

Zusammenarbeit Wo im Theater Jelinek draufsteht, ist meist auch Nicolas Stemann drin. Seit 2002 arbeitet der Regisseur mit ihr zusammen, sie laborieren an aktuellen Themen wie IS und AfD (Wut, uraufgeführt im April in München) und haben mit Die Schutzbefohlenen das erfolgreichste work in progress zur Situation ➝ Geflüchteter in Deutschland entwickelt. Einen kleinen Eklat erzeugte das Duo 2006, als die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz sich dagegen verwahrte, als sprechende Vagina verdinglicht im Stück „Ulrike Maria Stuart“ auf die Bühne gestellt zu werden. Stemann, ursprünglich Musiker, arbeitet so präzise wie lässig mit dem jelinekschen Sound. Dem Freitag sagte er kürzlich, er fände auch eine TV-Serie reizvoll, in der alle Figuren Jelinek-Sprache sprechen. Christine Käppeler

06:00 20.10.2016
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