Jedes Detail muss stimmen

London Wie eine perfekt geölte Erzählmaschine schnurren kann, beweist Elisabeth George mit „Was im Verborgenen ruht“
Lagos in Nigeria. Die Stadt gilt als zehntgrößte der Welt, mit zwischen 17 und 22 Millionen Einwohner*innen
Lagos in Nigeria. Die Stadt gilt als zehntgrößte der Welt, mit zwischen 17 und 22 Millionen Einwohner*innen

Foto: Stefan Heunis/AFP/Getty Images

Als ich vor Kurzem ein Interview mit Elizabeth George führte, es ging um ihre jüngst auf Deutsch veröffentlichte Schreibschule Meisterklasse – Wie aus einer guten Idee ein perfekter Roman wird, hatte ich eine Frage auf dem Zettel, die ich dann doch nicht gestellt habe: „Ms George, warum müssen Ihre Bücher eigentlich immer so voluminös sein?“Denn die Kriminalromane der Erfolgsautorin landen oft bei 800 Seiten oder mehr. Warum ich diese Frage letztlich nicht gestellt habe? Ob aus hanseatischer Zurückhaltung, aus Scheu vor der Konfrontation oder Höflichkeit? Vielleicht ein bisschen von allem, vor allem aber war mir klar geworden: Zumindest dieser neue Roman brauchte den langen Erzählatem – und damit Leser, die bereit sind, in einen Krimi ähnlich viel Zeit zu investieren wie in Thomas Manns Doktor Faustus oder eine andere Schwarte der sogenannten Weltliteratur.

Zugegeben, auch ich hatte Vorbehalte gegen Elizabeth George, die lange ein blinder Fleck in meiner Kritikerbiografie blieb. Die erwähnte Überlänge, ein Polizist, der eigentlich ein Lord ist und Oldtimer liebt (siehe Text über den Retrotrend links), sein weiblicher Sidekick, dazu deutsche klischeehafte Titel wie Am Ende war die Tat oder Wer dem Tode geweiht, vor allem aber die Idee, dass eine US-Amerikanerin, eine ehemalige Lehrerin aus Ohio, sich anmaßt, die vielleicht britischsten aller ohnehin allzu oft allzu britischen britischen Krimis zu schreiben – das alles schienen mir genügend gute Gründe, einen Bogen um George und ihre Bücher zu machen.

Mit Was im Verborgenen ruht (wieder so ein Titel!) ist jetzt der 22. Inspector-Lynley-Krimi in 34 Jahren erschienen, und er ist richtig gut. Aus den eben erwähnten Gründen kann ich nicht sagen, ob er aufregender ist als der Erstling Gott beschütze dieses Haus oder schockierender als Wo kein Zeuge ist, in dem George die schwangere Ehefrau Lynleys, Helen, sorry, natürlich Lady Helen, killt, was bei ihren Leserinnen zu Schnappatmung und dem Verfassen böser Briefe führte. Ich kann nur sagen, wenn Sie erleben wollen, wie eine perfekt geölte Erzählmaschine schnurren kann, dann lesen Sie Was im Verborgenen ruht, in dem Detective Inspector Thomas Lynley und Detective Sergeant Barbara Havers den Mord an einer Kollegin aufklären müssen, die in ihrer Kindheit Opfer einer Genitalverstümmelung wurde. Einsteiger in die Welt von Lynley, Havers und ihrem erweiterten Team müssen sich nicht fürchten, die Lektüre ist absolut barrierefrei. Jede Figur wird so eingeführt, dass wir sie, auch ohne die ganze Backstory zu kennen, schnell verstehen. Dann aber, und das ist eine der großen Stärken, dieses Romans, entwickeln die meisten von ihnen eine erstaunliche Komplexität. George schafft das, erklärt sie in Meisterklasse, indem sie in einer Art Brainstorming das „Grundbedürfnis“ der Figuren definiert und davon ausgehend ihre weiteren Eigenschaften. Wie George etwa die extrem komplizierte Beziehung Lynleys zu seiner On-off-Freundin Daidre Tahair in sämtlichen Facetten ausleuchtet, ist von bewundernswerter psychologischer Finesse.

George wagt sich in Was im Verborgenen ruht auf unsicheres Terrain. Denn sie erzählt von weiblicher Genitalverstümmelung, die heute auch in London noch gängige Praxis ist. Und sie entwickelt ihre Geschichte aus dem Inneren einer nigerianischen Einwandererfamilie (Lynley taucht das erste Mal auf S. 147 auf!), spart heikle Themen wie häuslichen Missbrauch, arrangierte Ehen und verkaufte Kinder nicht aus. Das hätte ihr, der mittlerweile 72-jährigen weißen und reichen US-Amerikanerin, leicht den Vorwurf der kulturellen Aneignung einbringen können. Dem Verlag war das bewusst, er stellte George eine „sensitivity reader“ an die Seite, die sie auf Fehler und Mikroaggressionen aufmerksam machte – was George, so sagte sie in unserem Gespräch, schließlich dazu inspirierte, das Thema kulturelle Aneignung und weiße Privilegien selbst im Buch zu verhandeln.

Was potenzielle Vorwürfe auch entkräften dürfte: George ist eine gewissenhafte Rechercheurin. Sie denkt sich ihre Schauplätze nicht an ihrem Schreibtisch in Seattle aus, wo sie inzwischen lebt, sondern recherchiert wochenlang vor Ort. „Wenn ich einen afrikanischen Markt beschreibe, dann muss jedes Detail stimmen“, sagt sie, „von den angebotenen Waren über die Art und Lautstärke der Musik bis zum Geruch des Essens.“ Diese Liebe zum Detail, dieses genaue Hinsehen und präzise Aufschreiben, macht die Lektüre von Georges neuem Roman zu einem immersiven Erlebnis. Und so verlieren die 800 Seiten schnell ihren Schrecken.

Info

Was im Verborgenen ruht Elizabeth George Charlotte Breuer (Übers.), Goldmann Verlag 2022, 800 S., 26 €

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