Emblemwort Panik

Poesie Easy-Deutsch ganz groß. Warum der Jacob-Grimm-Preis für Deutsche Sprache 2010 zu Recht an Udo Lindenberg ging

So wollen wir also preisen, und dabei, nach Jacob Grimms phänomenalem Wörterbuch, den altfranzösischen Pris streifen, den englischen Price, den Vers Walther von der Vogelweides „sin lop geht vor allem prise“... Aber wen oder was wollen wir eigentlich preisen? Klare Antwort: die Luft.

Die Texte lagen in der Luft, sagt Udo Lindenberg auf die Frage: Wieso deutsch, wieso damals, und überhaupt, das ist doch ­völlig ungewöhnlich gewesen in den frühen siebziger Jahren, als Udo dem Welt-Rockgeschäft die deutsche Sprache als respektablen Mitspieler zuführte, wieso also Deutsch? Udo sagt, die Wörter, er musste sie nur noch inhalieren in den Kneipen, wo er mit seinem Hofstaat herumsaß, denn er war schon früh eine Art King auf der Reeperbahn, mit all den poetischen Nachtfiguren, dieser Prozession aus Gnomen und Riesen und übergewichtigen Feen, diesem ganzen Udo-Lindenberg-Fellini-Kosmos.

Alles easy, alles klar, anders ließ sich das nicht sagen in diesem Chaos, wenn man den Überblick behalten wollte, es war Udos Easy-Deutsch, das Klarheit schuf damals, als der Rock auf der Kippe zwischen zwei Sprachen und zwei Kulturen und zwei Welten stand. Bis dahin waren Rock und Pop englisch, deutsch war die Schlagerwelt, in der man ’nen Cowboy als Mann wollte, oder mit dem Grafen von Luxemburg flirtete, nachdem man Hans Arrivederci gesagt hatte, wenn die Sonne in Capri noch lange nicht unterging. Will sagen: Fernweh, auch im deutschen Schlagersprech. Und dieses Fernweh war durchsetzt mit dänischen und französischen Akzenten, also was das Reinheitsgebot der deutschen Sprache angeht, das wurde ständig verletzt.

Man wollte Platz schaffen zwischen sich und dem Deutsch, das alle sprachen, diesem immer noch Täter-Deutsch und in den Jahren danach Lügen-Deutsch und Ausweich-Deutsch, so ergab sich ein akzentreiches Schwanken und phonetisches Knautschen und Übersteuern und Wegzappeln, all das waren Vorläufer für Udo. Aber zuvor die Schlager. Udos Vater war Kriegsheimkehrer, schweigsam, in der Kneipe dann gesprächiger, und er war oft in Kneipen und Udo auch. Gronau. Red light-Schuppen. Musikschuppen. Udo trommelt sich durch die Keller, er gewinnt an Brillanz, und so ist es nur folgerichtig, dass er 1960 im „Nordwestdeutschen Jazz-Jamboree“ den ersten Preis als Drummer gewinnt. Das ist seine erste großem Auszeichnung. Die zweite wird, knapp dreißig Jahre später, 1989 das Bundesverdienstkreuz sein.

Udo schlägt die Trommel. Er wirbelt sich durch die Szene und die Welt, nach Paris und Tripolis und Münster und schließlich Hamburg, und bald ist er überhaupt einer der besten und gefragtesten deutschen Schlagzeuger. Er trommelt für die City Preachers mit Inga Rumpf, trommelt für Doldingers legendäre Formation Passport, die übrigens auch in unserer Wohngemeinschaft gehört wurde, meistens auf LSD, und die ziemlich gut kam. Womit sich schon früh die Wege zwischen Laudator und Laudiertem ein erstes Mal kreuzten.

Die lässige Verballhornung

Wir hörten Jazz und Englisch. Wir hätten auch Lindenbergs erste Solo-Platte hören können, denn die war auf Englisch, sie hieß Lindenberg und wurde von 700 Käufern erworben, allerdings war keiner davon in unserer WG. Hätten wir rausgekriegt.

Immer wieder also wird er gefragt danach. Wie es denn kam, dass er plötzlich deutsch singen wollte und damit ins Forschungsgebiet Jakob Grimms Einzug hielt. Im Grunde genommen sind das zwei Fragen. Die andere heißt, wie kommt ein Trommler überhaupt auf die Idee, zu singen? Und da ist die Antwort klar. „Wenn du ein Star werden willst“, sagt er, „und obendrein ein hübscher Junger bist, darfst du nicht trommeln, da sieht dich keiner, da musst du an die Rampe, ins teure Licht.“ Teures Licht – besser lässt sich doch das spotlight nicht benennen! Eindeutschungen, das müssen wir vormerken, sind durchaus auch mit Zuwachs an Poesie verbunden.

Es kam Hoch im Norden, und der deutsche Rockstar Udo Lindenberg war geboren mit einer alles entscheidenden autobiografischen Lüge. Hoch im Norden hinter den Deichen bin ich geboren. Das stimmt so wenig wie die theatralische Planetenkonstellation, die sich Goethe zu seiner Geburtstunde erdichtet hat, in seiner Autobiografie Dichtung und Wahrheit, aber dem Weimarer war danach tatsächlich ein günstiges Schicksal beschieden, und Udo Lindenberg immerhin eine begünstigte Karriere, die ihn ganz hinauf führen sollte auf diese weiße Zuckertorte an der Alster, ins oberste Stockwerk des Hotels Atlantic, wo der Roomservice, wie er später einmal dichtet, buchstabiert wird mit R-U-H-M.

Mit Hoch im Norden war ein maritimer Mythos geboren, und dazu das ganze schmückende Kolorit einer Jugend am Meer: Immer nur Wasser, ganz viele Fische / Möwengeschrei und Meeresrauschen in meinen Ohren. Eine unglaublich plastische Kindheitserinnerung an die Küste schließt sich an, eine Geschichte. Und mein Vater war Schipper und fluchte, wenn Sturm war. Und Achtung, wir nehmen allmählich Kurs auf die erste große Lindenbergensie. Und dann ging er zu Herrn Hansen, der der Chef vom Leuchtturm war / Und der sagte: „Keine Panik auf der Titanic, / Jetzt trinken wir erst mal einen Rum mit Tee“.

Panik wird zum Emblemwort in Udo Lindenbergs Lyrik, das Wort steht für alles, was chaotisch ist und subversiv, was in Schwingung versetzt und Spaß macht, es steht für den Orkan des Lebens und des Feierns, steht für hohen Energieverbrauch. Aber genauso gut steht Panik für Angst, für den Preis des Rock’n’Roll Circus, für Nervenzusammenbruch, und da sind wir näher beim Ursprung, denn panisch, das wissen wir mit Grimm, leitet sich her vom griechischen Hirtengott Pan, der meist als Schrecken über die Menschen fällt, wenn wie bei Moritz’ Anton Reiser ein panischer Schreck alle zu Boden schmeißt.

Doch noch ein weiteres Stilprinzip der Lindenbergpoesie wird in diesem ersten großen Song ausprobiert: das der lässigen Verballhornung, der komischen Verdrehung. Also trinkt dieser Herr Hansen erst mal nicht Tee mit Rum, sondern Rum mit Tee, das ist viel Hansen-typischer, und nebenbei gesagt auch Lindenberg-typischer für bestimmt Phasen seiner unglaublich langen Rocker- und Dichter- und Songwriter-Karriere. Diese Kunst der Verdrehung, sie ist dann schon unterwegs in jene Region, in der Else Lasker-Schüler einst aus einem Tibetteppich einen Teppichtibet machte, ja machen musste, weil es sich besser auf „liebet“ reimte. Die Texte der Lindenberg-Songs kreisen um drei, vier große Themen, die oft mit Kinobildern und trivialen Mythen, etwa Rockern oder Gangstern oder leichten Frauen, illustriert werden. Es geht um die Sujets: Ausbruch und Aufbruch, Frauen und Liebe, Rockwahnsinn und Drogen. Um Politik, Ost und West, intensiver als alle anderen. Und später dann Alter und Gedanken zum Tod.

Zunächst aber Jugend und Aufbruch. Wahrscheinlich ist Udo Lindenberg der beste deutsche Rockdichter der Pubertät, dieser melancholischen, merkwürdigen Zwischenzeit, in der es immer aufs Ganze geht und Kummer so grenzenlos ist wie die Nordsee bei Nebel und das Glück, wenn es gelingt, den ganzen Himmel aufreißt … So gut kann sich der Sänger Lindenberg in jugendliche Sehnsüchte einfühlen, dass man auch heute noch den Verdacht haben kann, er trägt sie immer noch in sich. Goethe sagte einst, schon hochbetagt, zu Eckermann, dass ein Dichter in einer ständigen Pubertät lebt, und in diesem Sinne ist Lindenberg lange pubertär.

Da ist der Song Er wollte nach London, der mit den Worten beginnt: Mit dreizehn ist er zum ersten Mal / Von zu Hause weggerannt, und dann geht es weiter Er rauchte viele Zigaretten / Und dann wurd’ es wieder heller / Und morgens um sieben hatten sie ihn / Sein Alter war leider schneller.

Doch er gibt nicht auf, der Junge, und das mit den Zigaretten kannte ich auch, und jenen Moment an der Autobahn, wenn es heller wird, der Junge versucht es immer wieder mit den Ausbrüchen in diesem Song, mit 15 und mit 17, er schafft es nach Paris und nach London, immer auf der Suche, bis er eine einfache Weisheit entdeckt, und wir wissen, dass große Weisheit immer einfach ist: Vielleicht kommt es doch mehr auf einen selber an.

In der Schlussstrophe des Songs steckt Lindenberg den Übungsraum dieser Selbstfindung ab, er braucht nicht London oder Paris, der Junge, er bleibt einfach mal zu Hause: Und nun liest er ein Buch von Hermann Hesse. / Und nun macht er Meditation / Doch er findet Jerry Cotton auch sehr stark / Und er lernt jetzt noch Saxophon.

Der sozial engagierte Dichter, der Mann mit dem Anliegen, der Agitator und Barrikadenkämpfer für eine bessere Welt, der nicht die eigene Freiheit, sondern die Befreiung der Menschheit im Blick hat, diese ebenfalls traditionsreiche Sängerfigur betritt in den achtziger Jahren die Bühne.

Im Allgemeinen werden die achtziger Jahre in Udo Lindenbergs songtexterischem Œuvre als die schwächeren bezeichnet, da die politischen Botschaften zu eindeutig werden. Zu Unrecht, wie ich finde, denn zum Beispiel der Sonderzug nach Pankow lacht der Macht jegliche Einschüchterung aus der festgefrorenen Diktatorenmaske und gibt schon die Richtung vor für das, was sechs Jahre später kommen soll, als alle anderen noch mit Anerkennungsfragen auf der Stelle trampeln. Sein Easy-Stil ist Politik. Udo hatte schon gut zehn Jahre früher vom Bau einer Rockarena in Jena fantasiert, also tief in der Eiszeit und darum noch visionärer als alle Berufspolitiker, die sich noch mit der Anerkennung der DDR herumschlagen, Wandel durch Annäherung, bei Udo klang das lockerer, nämlich so: Ich würd so gerne bei euch mal singen / Meine Freunde in der DDR / Eine Paniktournee, die würd’s echt bringen / Ich träum oft davon, wie super das doch wär.

Udos Traum von der Rockarena in Jena rückt nahe, als er Honecker, zwei Jahre vor dem Mauerfall, bei dessen Besuch in Wuppertal begegnet. Udo schickte ein Paket voraus, mit seiner Lederjacke, und einem Brief „Hallöchen Honey, mal so von Rockfreak zu Rockfreak“, und dann die Frage: „Hörst Du deine Dröhnung eigentlich immer noch heimlich auf dem Klo“, unterzeichnet mit „indianischem Gruß“, alles in allem also abgefasst in Easy-Deutsch, in der Lindenbergschen Privatsprache.

Schluffi-Kosmopolitentum

Beantwortet wird das im sozialistischen Protokolldeutsch, das sich nicht groß vom bürgerlichen Höflichkeitsdeutsch unterscheidet: „Mit der Übersendung der Lederjacke haben Sie mir eine Überraschung ­bereitet.“ Was jetzt damit machen? Ans Kollektiv denken natürlich, an die Welt­revo­lution, an die Arbeiterklasse und die führende Rolle der Partei! „Die mir zugedachte Lederjacke werde ich dem Zentralrat der FDJ übergeben“.

Es kommt zum Austausch von Instrumenten. Der Sänger gibt seine Gitarre, die mit einer Abrüstungshoffnung verziert ist, der Staatschef gibt eine Schalmei. Zur Tournee kommt es nicht, aber nur drei Jahre später räumt ihm die Weltgeschichte die Mauer und andere Hindernisse aus dem Weg.

Aber noch einmal in die achtziger Jahre, die eine der schönsten Lindenberg-Balladen gesehen haben, und die handelt von Freundschaft und vom Trotz gegen die Welt und von der Liebe, und sie beschwört ganz groß die Elemente, um diese Liebe zu rahmen – und ihren tragischen Verlust: Du und ich das war / Einfach unschlagbar / Ein Paar wie Blitz und Donner / Und immer nur auf brennend heißer Spur. Und dann der Refrain, der dieser Freundschaft über ihr Ende hinaus Dauer herbeizaubern möchte Hinterm Horizont geht’s weiter / Ein neuer Tag / Hinterm Horizont immer weiter / Zusammen sind wir stark / Das mit uns ging so tief rein / Das kann nie zu Ende sein / Denn zwei wie wir / Die können sich nie verlier’n / Hinterm Horizont geht’s weiter.

Da klingt noch ein fernes Echo von Brechts berühmter wehmütiger Erinnerung an Marie A. nach und an die Wolke am Himmel Sie war sehr weiß und ungeheuer oben / Und als ich aufsah war sie nimmer da. Das Liebeslied Horizont ist auch ein großer Totengesang, denn es ist geschrieben zum Andenken an Gabi Blitz, Udo Lindenbergs langjährige Gefährtin, die an einer Überdosis starb. In dieser Ballade kommt die Stärke des Slangpoeten Lindenberg zur Geltung. Er schafft es, mit umgangssprachlichen Schwingen eine ganze zerklüftetete Landschaft an Gefühlen und Beobachtungen zu durchstreifen, in einem wunderbar leichten Vogelflug.

Er hat dabei einen großen Vorgänger, Heinrich Heine, der liedhaft und umgangssprachlich und witzig und leidenschaftlich gegen den klassischen Marmor angedichtet hat. Heines Lyrik handelte nicht von Göttern sondern von Gaunern und leichten Mädchen und romantischen Volksmärchenfiguren, also frühen Trivialmythen. Und das kennen wir aus Udos Welt. Sie waren unterhaltsam. Sie waren frivol. Sie konnten mitgesummt werden. Auch das kennen wir von vielen Lindenberg-Songs.

Karl Kraus hatte Heine Liederlichkeit vorgeworfen. Er sagte, er habe der deutschen Sprache das Mieder gelockert, und für seinen Geschmack zu sehr. Nun hat Udo Lindenberg weiter gelockert, so sehr, dass das Mieder fröhlich und farbig in den Himmel geflogen ist wie ein bunter, leichter Papier-Drachen. Es ist ja nur folgerichtig, dass er seinem Repertoire die kessen Klassiker der zwanziger und dreißiger Kabarett-Jahre eingliedert hat, die Couplets und Texte von Walter Mehring, Max Colpet, Brecht/Eisler oder Friedrich Hollaender und all die von den Nazis vertriebenen oder erschlagenen Dichterkollegen, denen er in seinem Musical Atlantic Affairs ein Denkmal setzte. Er hatte sich schon einige Jahre früher vor dieser Generation der Verbannten und Verbrannten verneigt, auf seine Platte Hermine, als er Erich Kästners Sachliche Romanze sang oder Theo Mackebens So oder so ist das Leben, all diese herrlichen, großen Vorgänger an der Lockerungsfront. Operettendeutsch, Chansondeutsch, Easy-Deutsch – das ist die andere Tradition unserer Sprache, die Udo Lindenberg weiterführt.

Und in diesem Schluffi-Kosmopolitentum, in diesem Szene-Kauderwelsch, das heute keiner mehr spricht, das deshalb mittlerweile eine Kunstsprache ist, wünscht er sich, wenn er sich überhaupt was wünscht, „supergeile Action, gegen die Mauern in den Köpfen und so“. Udo Lindenberg hat der deutschen Sprache die ­Lebendigkeit, die Jargons, die kunstvollen Verknautschungen und rührenden Schlicht­heiten abgelauscht. Und hat Erfolg damit gehabt und knallt es den Geschmacksdenunzianten – zärtlich natürlich, und mit ironischer Rockstar-Großmäuligkeit – ins Gesicht. Um all den 14-jährigen Mofafahrern und Kinoträumern, den 16-jährigen Ausreißern, und den 70-jährigen Hermines vorzuführen: Leute, es lohnt sich, sein Ding zu machen.

Matthias Matussek war für den Spiegel Korrespondent in New York, Rio de Janeiro und London, leitete das Kulturressort, betreibt einen Videoblog auf spiegel.de und moderiert die Doku-Sendung Matussek trifft... im SWR

Gekürzte Fassung der Laudatio, gehalten am 23. Oktober 2010 in Kassel

15:00 28.10.2010

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