Eminent politisch

Porträt Felix Lobrecht hat ein Buch über sein früheres Viertel in Berlin-Neukölln geschrieben. Im Gegensatz zu den meisten Neukölln-Büchern ist es richtig lesenswert
Eminent politisch
„Plötzlich konnte ich sagen, ich bin ein Berliner Prolet“
Foto: Daniel Seiffert für der Freitag

Vor einem Jahr hat Felix Lobrecht keine bezahlbare Wohnung in Berlin-Neukölln gefunden. Das ist nicht gut, aber vielleicht ein Beispiel dafür, dass man über die Dinge genauer nachdenken kann, wenn man mal aus der Entfernung draufschaut. Im Leben von Felix Lobrecht gibt es einen Ort, wo er vor 28 Jahren geboren wurde, an dem er aufwuchs. Man müsste sagen, einen Ort, der ihn prägte. Das ist ein Kiez in Neukölln. Genauer will Felix Lobrecht nicht werden, er beschreibt den Kiez als rau. Man kann als Arbeitshypothese mitnehmen, dass, wenn Lobrecht rau sagt, das Ganze ziemlich nervig gewesen sein muss und es viel Prügel gab.

Und es gibt einen Ort, an dem er jetzt lebt. Und es gibt noch eine Freundin.

Wir einigen uns darauf, dass ich schreiben darf: Felix Lobrecht wohnt in Berlins Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Da wollte Felix Lobrecht wohl aber gar nicht hin. Als die Dinge gerade verwirrend werden und sich außerdem die Gefahren des dusseligen Berliner Kiezpatriotismus abzeichnen, da klärt Lobrecht die Verhältnisse: Die Freundin von Lobrecht hat Angst vor Stalkern. Er selbst wollte wieder nach Neukölln ziehen, als er aus Marburg zurückkam. Also dann: Friedrichshain-Kreuzberg.

Dabei war schon Marburg eine halb erzwungene Distanz: Dort konnte er Politikwissenschaften studieren, in Berlin wäre das nicht gegangen. Nicht mit seinem Fachabitur. Und in Marburg konnte er sich die Ohrlöcher zu Tunneln weiten, die Lippe piercen. Er konnte mit Symbolen spielen, die im Neuköllner Kiez nach allem, was er so andeutet, schwierig gewesen wären. Für die es vielleicht Prügel gegeben hätte.

Und so hatten Marburg, Mieterhöhungen und Friedrichshain-Kreuzberg ihren Anteil daran, dass Lobrecht eine Narbe an der Lippe trägt und einen Roman geschrieben hat. Nur musste er vorher noch technische Gase kennenlernen. Mit technischen Gasen kann man schweißen, sie werden in der Medizin eingesetzt. Eine Industriekaufmannslehre ist wohl so langweilig, wie sie klingt. Vor einer Excel-Tabelle wurde Felix Lobrecht jedenfalls der Irrwitz des Ganzen klar: Er kam doch aus Neukölln. Er war mit dem Messer in der Tasche herumgelaufen, sogar zur Schule. Messer waren im Viertel wohl die leichtere Bewaffnung. Jedenfalls gab es um ihn herum solche, die prügelten und solche, die geprügelt wurden.

„Fitness“ und Aggro

Lobrecht machte, seit er 13 Jahre alt war, drei bis vier Mal in der Woche „Fitness“. Hieß aber: Pumpen. Nannte sich auch nicht Fitnessstudio, sondern Keller. Ein bisschen später: Kampfsport. Dazu Breakdance, denn obendrüber, mittendrin und durch alles hindurch war immer: Hip-Hop, Aggro Berlin und so. Und jetzt sollte er technische Gase in Excel-Tabellen eintragen?

Bis dahin war er nach einem bisschen Gymnasium ein bisschen länger auf der Gesamtschule gewesen. Hatte seinen Zivildienst gemacht. Stand „so mit 19 Jahren“ das erste Mal auf dem Alexanderplatz. Und dann plötzlich unter Menschen, die mit großem Ernst Bezeichnungen für technische Gase in Tabellen eintrugen und sich mit großer Mühe in die Erzählung der porentief reinen Mittelschicht eindachten. Man kann durchaus an so etwas verzweifeln. Lobrecht fing an zu schreiben. Und brach die Lehre ab.

Er schrieb Geschichten über die verschobene Realität in Neukölln, eine Verschiebung, die ihm vor den Excel-Tabellen klar wurden. Dann Geschichten über Berlin, die mit „ich hasse mein Leben“ enden. Solche, die ganz grob eine „In München ist das so, in Berlin aber so“-Überschrift tragen könnten. Die also aus der Differenz sprechen, durch den Abstand schauen. Die Geschichten waren lustig, Leute auf Poetry-Slams lachten. Felix Lobrecht machte sich von technischen Gasen frei, wurde Komiker. „Es muss doch eine Möglichkeit geben, Geld zu verdienen, die nichts mit Industriekaufmann zu tun hat.“ Lobrecht grinst.

Jetzt wohnt er in einem Kiez, der einmal grau war, dann alternativ, oft ein wenig paranoid, aber bunt. Und heute fast wieder einfarben. Wenn man eine Farbe für die junge Mittelschicht in deutschen Städten suchen müsste, für diese Mischung aus Akademikern mit Akademiker-Eltern, Bioladen fußläufig, Jobs bei Medien, Agenturen oder Start-ups, leichte Drogen am Wochenende, oder doch Kletterhalle, könnte das die Farbe des Hauses sein, in dem Felix Lobrecht mit seiner Freundin in der vierten Etage wohnt: irgendwie pastellgelb. Der Punk mit Blech im Gesicht, der nach seinem Hund Chico ruft, passt noch ins Bild. Felix Lobrecht ist mittlerweile ein erfolgreicher Komiker. Hier hat seine Freundin weniger Angst vor Stalkern.

Über den neuen Kiez von Felix Lobrecht, über Nachbarn und Bioladen würden die Typen aus seinem Roman vermutlich sagen: „Dings, ich schwöre, schlimmste.“ Denn Sonne und Beton ist ein Stück über den gar nicht pastellgelben Gropius-Kiez in Neukölln. Der Roman ist ein literarische Verdichtung des Umfelds, in dem Lobrecht aufwuchs, eine Jungswelt. Über Leute, die vom Leben erst einmal vage hoffen, heute nicht das Gesicht zerschlagen zu kriegen. Lustige Dialoge im „Ich-fick-so-was“-Stil.

Fritz-Erler-Allee 120, Gropiusstadt: das Wohnhochhaus der Baugenossenschaft Ideal
Foto: Daniel Seiffert für der Freitag

Die Hauptfigur Lukas ist ähnlich groß wie Lobrecht, nämlich recht klein. Sie ist ähnlich blond. Weit hinten im Roman soll er der Freundin seines Vaters Tipps geben, damit deren Sohn nicht ständig drangsaliert wird: „Als Blonder, der keine Leute kennt, ist Neukölln Krieg. Wer guckt? Warum guckt er? Wie lange halte ich den Blickkontakt? Laufe ich da lang, oder sind da irgendwelche Kanaks? In welches Abteil in der U-Bahn steige ich am besten? Handy geben oder wegrennen? Kämpfen oder sich schlagen lassen?“ Das ist die Anspannung, dieser Neukölln-Nadryw, der den kleinen Roman durchzieht, der die prekäre Balance zwischen Sich-selbst-in-die-Scheiße-Reiten und Hoffen-dass-das-gutgeht ausmacht.

Aber Neukölln hat es literarisch schwer. Stereotype Skizzen in Romanen und Kurzgeschichten drängen sich, Hip-Hopper reden natürlich vom Ghetto, sie können ja schlecht Nachbarschaft sagen. Das missversteht dann der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Der Boulevard lechzt sowieso nach Geschichten, in denen No-go-Areas vorkommen, die wiederum von Hip-Hoppern und eifrigen Autoren recycelt werden. Man könnte also sagen, Neukölln hat ein massives Problem. Natürlich, es hat nebenbei sozialen Schluckauf, Schwierigkeiten mit Gewalt, mit Drogen, mit dem dünngesparten Staat, mit fehlenden Perspektiven und Gentrifizierung. Aber in Neukölln hat man auch ein schweres Problem mit dem größten Schimpfwort des Feuilletons: Authentizität. Irgendwie will, muss, soll nämlich alles echt – hier heißt das, Englisch, real – sein. Und eine Faust im Gesicht, die ist schon mal recht real. Die überprüft nämlich, ob das Gesicht zu jemandem gehört, der von der Machart So-tun-als-ob, also „Pussy“, oder pastellgelb und vielleicht Student ist. Darüber werden immer mehr Menschen und Männer zum Stereotyp ihrer selbst, geraten in eine Kreisbewegung und hinterher bleibt außer dem Drang zu Faust-ins-Gesicht wenig übrig. Zum Glück denkt Sonne und Beton darüber nicht viel nach. Der Roman schaut nur nach innen, erklärt nichts. Ein geschicktes Vorgehen, der literarische Kosmos ist schlicht und ebenfalls geschlossen.

Aber Lobrecht denkt schon darüber nach, gerät auch in die Authentizitätsdebatte. Er habe zu Schulzeiten nicht viel gelesen, Gregor Tessnows Roman Knallhart aber bekam er geschenkt. „Hat man sofort gemerkt, der Autor ist mindestens 40 Jahre älter als die Leute, die er beschreibt, und wohnt mindestens in Hannover.“ Zwar lebte Tessnow durchaus in Berlin und kannte als Taxifahrer wohl auch Neukölln, aber die Sprache, die Gesten, die Wandlungen im Roman – alles ortsfremd. „Das hatte alles nichts mit uns zu tun. Niemand, der bei Trost ist, nennt sich in Neukölln Tiger. Tiger!“

Der Roman

Damit der Grundton zu Berlin-Neukölln geklärt ist, geht Felix Lobrechts Roman Sonne und Beton (Ullstein 2017, 224 Seiten, 18 €) gleich mit einer Prügelei los. So klären sich Rollen: Ich-Erzähler Lukas erkennt die Gefahr, in die sein etwas tumber Kumpel Julius blind hineintappt. Er kann die Zeichen lesen, ahnt, dass es anders sein könnte, dass es ein Außerhalb gibt.

Nur entrinnen kann er der Zwangsläufigkeit, mit der die Faust in sein Gesicht will, nicht. Gino ist eher so dabei, leidet unter der jähzornigen Willkür eines gewalttätigen Vaters. Eine Figur, deren Innendruck gewaltig steigt. Sanchez kommt später aus Hellersdorf in Ostberlin dazu, hat einen kubanischen Vater und einmalige skills im Fachbereich Ladendiebstahl. Im Gespräch blitzen Lobrecht die Augen: „Ich habe diese Figur erst spät verstanden, sie ist unglaublich wichtig, denn ihm konnte ich ein paar Dinge erklären.“ Damit meint er: Neukölln erschließen, ohne nach Pädagogik und Erzählziel zu riechen. Das ist tatsächlich eine große Stärke von Sonne und Beton: die Schnörkellosigkeit. Hier wundert sich kein 15-Jähriger über sein Leben.

Und auch nicht über die Hochhäuser, zwischen denen es stattfindet. Das Universum ist geschlossen, es geht darum, zu überleben und mal an Geld zu kommen, um nicht in den Asi-Klamotten herumlaufen zu müssen, für die es gerade noch reicht. Mal an Frauen heranzukommen. Arbeit fällt weg, logisch. Die Lösung ist ein Einbruch, also noch größerer Mist und noch mehr Neukölln-Nadryw.

Wenn Lobrecht so etwas sagt, zieht er immer mal wieder den Kopf zwischen die Schultern. Und macht plötzlich das Kreuz grade, bricht in ein breites Grinsen aus. Er hat beeindruckend glatte Gesichtshaut und in den Ohren quadratische Goldplatten, die man auch als Manschettenknöpfe zweitnutzen könnte: Das internationale Erkennungszeichen für Hip-Hopper und Fußballspieler. Lobrecht trägt im Nasenflügel einen schmalen Ring, die Kette um den Hals, die Casio am Handgelenk – alles Gold. An den Armen und dem Oberkörper erkennt man den Muskelsport. Zusammen mit den Turnschuhen ist das alles ziemlich Hip-Hop. Lobrecht zieht das Kinn zur Brust, schaut schräg nach oben.

In Neukölln war Hip-Hop häufig Aggro, harter Mist, der ihrer genervten Stimmung entsprach. Dann eineinhalb Jahre Gymnasium, gar nichts für ihn. Da lief Hip-Hop der Sorte Absolute Beginner. Gymnasium und die Beginner waren eher pastellgelb, hatten zur Realität in Neukölln nichts zu sagen. „Füchse, Mann. Was’n für Füchse?“ Der Witz blüht auf, Lobrecht macht sich gerade. Füchse, Mann. Breites Grinsen.

Gymnasium, Lehre, Studium in Marburg: Es trug ihn weg von Neukölln und doch wieder hin. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass mein Lebensumfeld nicht normal war, für all die Leute, die Tobias und Maria heißen. Aber dafür musste ich vielleicht mal raus.“ Es brauchte jedenfalls die Begegnung mit Tobias und Maria in Marburg, damit er sich auch innerlich vom Lippenpiercing verabschieden konnte. Damit Muskelsport und Manschettenknöpfe in den Ohren wieder passten. „Ich konnte plötzlich sagen: Ich bin ein Berliner Prolet.“

Eminent politisch

Das weckt eigentlich unangenehme Assoziationen. Aber Lobrecht gibt seinen Figuren etwas eminent Politisches. Wenn Lukas kurz darüber nachdenkt, dass Kinder aus Sozialhilfefamilien die Lehrbücher heute nur von den Schulen bekommen, wenn sie sich bei Stundenbeginn kurz „als arm outen“. Wenn er es nach einem Einbruch mit der Angst zu tun bekommt: „Wenn hier irgendwelche Leute abgestochen oder Ticker hochgenommen werden oder es irgendwelche Massenschlägereien gab, steht das nie in der Zeitung. Schon gar nicht so schnell. Kaum geht es nicht um irgendwelche normalen Leute, sondern um Geld von der Stadt, weiß einen Tag später ganz Berlin Bescheid. Scheiße.“

Da erkennt man die Membran, die Lobrechts Roman und auch seine Komik gegen den Dumpfsinn von Mario Barth abschließt. Denn Lobrecht sieht, dass die Leute in der fiktiven Gropiusstadt mit den Leuten aus seinem rauen Kiez eines gemein haben: „Die haben nicht dieselben Chancen wie andere. Die fangen nicht bei null an. Sondern bei minus. Das ist strukturelle Benachteiligung.“ Und weil es nun mal Neukölln ist, heißen die Leute Cem, oder Momo oder Gino. Weil es Neuköllln ist, werden die Kanaken genannt. „Wenn die Geschichte in Chemnitz oder Magdeburg spielen würde, wäre nichts anders. Die würden nur Ronny und Benny heißen.“

Lobrecht, die Gesichtshaut strahlend glatt, grinst nicht.

06:00 19.04.2017

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