Skandal-Roman „Yoga“: Luxusproblem Depression

Selbstkasteiung In Frankreich gab es einen Skandal um diesen Roman des Bestseller-Autors Emmanuel Carrère. „Yoga“ ist nun auf Deutsch erschienen
Der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère
Der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère

Foto: Joel Saget/AFP/Getty Images

„Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.“ Immanuel Kant. In diversen Zeitungen konnte man mit Erscheinen des Buchs in Frankreich 2020 lesen, dass Hélène Devynck ihrem Ex-Mann, dem Schriftsteller Emmanuel Carrère, verboten hatte, in seinen Büchern vorzukommen. Somit hat sie die Freiheit des Schriftstellers in ihre Richtung empfindlich beeinträchtigt, ihre eigene aber im Gegenzug, durchaus erheblich in das seinige Leben hinein ausgeweitet. Der Schriftsteller hatte eingewilligt, in seinem Roman Yoga jedoch diese Vereinbarung gebrochen. Auch in deutschen Medien wurde über den Streit berichtet.Carrère gilt schon lange als Anwärter für den bedeutendsten französischen Literaturpreis, Prix Concourt, Yoga galt 2020 als Favorit, wurde dann aber aus der Vorauswahl genommen. Nun ist das Buch auf Deutsch erschienen.

Carrère praktiziert seit über 20 Jahren, ein „heiteres, feinsinniges Buch“ über Yoga habe er schreiben wollen, wiederholt der Autor mehrere Male und gefällt sich ein bisschen bescheiden zynisch-distanziert darin, dass ihm das nicht gelungen sei, weil ihm „so wenig Heiteres und Feinsinniges wie der Dschihad-Terrorismus und die Flüchtlingskrise“ dazwischenkamen und er vier Monate in der Psychiatrie behandelt werden musste. Eine bipolare Störung, Typ II, wird dort diagnostiziert, Carrère teilt den Arztbericht mit der Leserschaft, als wolle er sagen: „Seht her, ich habe WIRKLICH was!“, macht sich aber ein bisschen lustig über eine Mitpatientin, die mit ihren 17 Aufenthalten in der Psychiatrie „angibt“.

Yoga ist weniger ein Roman, vielmehr sind es Notizen von 2015 bis 2019, die man liest. Der Ton ist flüssig und unterhaltsam, aber vielleicht ist es genau das, was mitunter stört.

Die Diagnose wiegt schwer, aber der Schriftsteller flüchtet sich laut eigener Aussage ständig vor der „Traurigkeit in die Ironie“. Die Ehe ist gescheitert, einer seiner besten Freunde wird bei dem Anschlag auf Charlie Hebdo erschossen, er wird aus seinem Schweigeretreat geholt, um auf der Beerdigung eine Rede zu halten. Sein Verleger stirbt und er hört mit dessen Tod mit dem Trinken auf. Bei seinem Aufenthalt in einem Flüchtlingslager auf Leros hört man noch den unbegleiteten 15-jährigen Hassan vor Verzweiflung darüber, vollkommen allein auf der Welt zu sein, seinen Kopf mehrfach auf den Tisch knallen, während Carrère den Abend mit vier Flaschen Weißwein und einer Amerikanerin, die mit ihm im Camp Jugendlichen Schreibunterricht gibt, ausklingen lässt.

All das ist so schrecklich, der da 60-jährige Carrère leidet und er kasteit sich, weil er leidet. Seine Depressionen seien Luxusprobleme, und angesichts dessen, dass der 15-Jährige einfach verschwindet, sich vielleicht umbringt, Carrère der Sache aber auch nicht weiter nachgeht, fällt es manchmal schwer, ihm nicht zuzustimmen. Ihn dafür zu kritisieren, ist aber auch schwierig, weil er das schon selbst tut. Sich ständig sein Ego, seine Eitelkeit, seinen Narzissmus vorwirft.

Dennoch: Lesen Sie diesen Gegenwartsroman, er ist voller schöner Zitate berühmter Depressiver und Gurus. Noch besser: Machen Sie Yoga, meditieren Sie, Yoga hilft, ein besserer Mensch zu werden. Nicht zu urteilen. Anzunehmen, was ist. Die Traurigkeit der abstinenten Alkoholiker. Die Unzumutbarkeiten des Lebens. Die Unfähigkeit zu lieben. Es ist einfach. Es ist schwer. Aber der Mensch kann schwere Dinge tun. „Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen? Was ist der Mensch?“ – Immanuel Kant. Note to self: die berühmte Mutter googeln.

Info

Yoga Emmanuel Carrère Claudia Hamm (Übers.), Matthes & Seitz 2022, 336 S., 25,99 €

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