Emo-Infarkt

Adaption Einmal landet wohl jeder Erfolgsroman auf der Bühne. Jetzt ist erst mal „Unendlicher Spaß“ dran

Es soll Menschen geben, die nach der Leseerfahrung von David Foster Wallace’ Unendlicher Spaß mindestens ein Jahr lang kein anderes Buch mehr angefasst haben, um den unauslöschlichen Eindruck nicht durch das Dilettantentum anderer Literaten zu verunreinigen. Foster Wallace war ein Schwerstbegabter, der beschreiben wollte, „what it feels to be a fucking human being“. Wie es sich anfühlt, ein scheiß Mensch zu sein – davon brüllt es in Unendlicher Spaß, und wer den unendlichen Roman gelesen hat, weiß, dass man danach, wie in der Liebe, ein anderer ist.

Im Kino gelten bestimmte Stoffe als „unverfilmbar“, was meistens zu einer Verfilmung führt – und auch im Theater hat es sich eingebürgert, in stoischer Regelmäßigkeit die Weltliteratur und Bestsellerlisten für die Bühne zu verwerten. Die Frage muss dabei jedes Mal lauten, wie und ob es gelingt, die literarische, zutiefst subjektive Erfahrung in ein anderes ästhetisches Medium zu übersetzen und welchen Mehrwert diese Übertragung haben könnte.

Das ist dann doch zu schlicht

In der Version von Regisseur Thorsten Lensing, der seit mehr als 20 Jahren mit hochkarätig besetzten, unabhängigen Produktionen nach einer eigenen Form sucht, die man als „naives Theater“ bezeichnen könnte, heißt das Mittel der Stunde: Nachvollziehbarkeit. In den Sophiensaelen in Berlin steht eine über die Breite der Bühne hingestellte rostige Stahlwand, die die Grenze der im Buch zusammengeschlossenen Organisation der Nordamerikanischen Staaten (USA, Kanada und Mexiko) markiert und die heute natürlich sofort an Trumps Mauerprojekt erinnert. Schulterschluss ja, nur ohne die anderen.

Es bleibt jedoch leider das einzige politische Überbleibsel des Romans, stumm im Bühnenbild manifestiert. Ansonsten kondensiert sich die familienpsychologisch interessierte Fassung auf die Geschichte der Familie Incandenza. Ursina Lardi spielt die Hauptfigur Hal, ein Lexikon auf zwei Beinen und Tennis-Ass auf der vom Vater gegründeten Enfield-Tennis-Akademie. Devid Striesow ist Sohn Orin, ein misogyner Football-Star, der in einer der amüsantesten Szenen in einem Whirlpool sitzt und über seine Sexualpartnerin als „das Subjekt“ sinniert, als plötzlich Sebastian Blomberg mit Anlauf und an der Seite flappenden Armen ins Wasser dazu stürzt, woraufhin Striesow kreischt: „Ein Vogel ist in meinen Whirlpool gefallen, wahrscheinlich Herzinfarkt!“ Es ist eines dieser brutal zärtlichen Bilder von Foster Wallace: dass einem das Fliegen nur Herzversagen beschert. André Jung spielt mit durch ein Gummi hochgeschnallter Oberlippe den dritten, geistig und körperlich behinderten Bruder Mario, der Hal in nächtlichen Gesprächen über den Selbstmord des Vaters (mit dem Kopf in die Mikrowelle!) um den Schlaf bringt. Das wird mit denkbar einfachen und hinreichenden Mitteln umgesetzt: mit dem Rücken zur rostigen Wand, ein Kissen hinter den Kopf geklemmt.

Als zweiter Erzählstrang wird der um die Gruppe der Anonymen Alkoholiker im Ennet House und ihren Betreuer Don Gately aufgenommen, der zwar betet, aber nicht glauben kann. Wenn dann Heiko Pinkowski dasteht, zitternd vorsichtig auf der Stelle tretelnd, und direkt ins Publikum sagt „Ich habe Angst“, so weiß man, dass David Foster Wallace in dieser Inszenierung als Botschafter der Empathie begriffen werden soll. Die unendlichen Kompliziertheiten menschlicher Nähe, die Unmöglichkeit der Liebe, die Perversitäten des immerwährenden Selbstbetrugs, eingebettet in eine Welt, die alle Subjekte in ein totalitäres System von kapitalistischen Suchtanreizen, todesbringender Unterhaltungsindustrie und ökologischer Vernichtung einebnet – davon handelt vielleicht der Roman Unendlicher Spaß. Doch hier wird daraus eine zu simple Tragödie um eine Familie gestrickt, deren Vater nicht damit klarkommt, dass er keinen Dialog zu seinem Sohn Hal aufbauen konnte – und deren Söhne letztendlich nicht damit klarkommen, dass sich der Vater umgebracht hat.

Und so bleibt diese Adaption trotz vieler lustiger Situationsmomente spielerisch und inhaltlich viel zu oft im Gefühligen stecken. Während es Devid Striesow und Sebastian Blomberg mit schöner Spielwut mühelos gelingt, die dunkle Abgründigkeit der Charaktere mit dem Risiko des Unsympathischen zu zeigen, setzt die Regie bei André Jung, Heiko Pinkowski und Jasna Fitzi Bauer auf Momente der Betroffenheit, der emotionalen Aktivierung. Besonders Ursina Lardi muss in der Rolle des Hal nach Atem ringen, verzweifelt die Lippen aufeinanderpressen und die Tränen schnell wegdrücken. Weil nämlich Gefühle zeigen darf man nicht. Und das ist dann doch einfach zu schlicht für diesen verstörenden Roman. Was es bedeutet, ein Mensch zu sein, das wird hier auf der Bühne auf merkwürdige Art nicht sichtbar.

Info

Unendlicher Spaß (Regie: Thorsten Lensing) ist im März auf Kampnagel in Hamburg sowie im Mai bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen und am Staatsschauspiel Stuttgart zu sehen

06:00 18.03.2018

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