Empfohlen von Osama bin Laden

William Blum Als US-Dissident unterwegs zum Bestsellerautor

Darum reißt sich niemand im Überwachungsstaat Amerika - mit Osama bin Laden in einem Atemzug genannt, geschweige denn von ihm gelobt zu werden. Doch dem linken Historiker und Autor William Blum hat die verbale Nähe zum al-Qaida-Führer bisher kaum geschadet. Im Gegenteil - Blums Name ging um die Welt, als bin Laden in seiner jüngsten Tonband-Botschaft Ende Januar den Amerikanern das Buch Rogue State zur Lektüre empfahl, einen von Blum verfassten Leitfaden über den "Schurkenstaat USA", der sich wie eine Mini-Enzyklopädie über das Menschenrechtsverständnis der US-Außenpolitik liest.

Der Lesetipp von al Qaida katapultierte das Buch auf der Liste des Online-Anbieters Amazon von Platz 205.763 auf Rang 27. Und dem verdutzten Autor bescherte die notorische Empfehlung einen rasanten Medienwirbel, schlaflose Nächte und über tausend E-Mails, in denen sich Bewunderung, Hass und Informationshunger die Waage hielten. Das Interesse an dem 72-jährigen, in Washington lebenden Dissidenten ist so immens, weil bin Laden seine Empfehlung direkt an die Amerikaner richtete. In der Übersetzung aus dem Arabischen heißt es: "Wenn Bush so weitermacht mit seinen Lügen und seiner Unterdrückung, wäre es nützlich, Sie könnten sich entschließen, das Buch ›Rogue State‹ zu lesen. Im Vorwort erklärt der Autor: ›Als Präsident würde ich mich bei allen Kriegswitwen, Waisen und Folteropfern entschuldigen und anschließend ankündigen, dass Amerika seine Einmischung in die Angelegenheiten anderer Nationen ein für alle Mal beendet habe.‹ "

Kein Wunder, dass der Autor fürchten muss, von den Hütern der Anti-Terror-Gesetze auf die No Fly-Liste gesetzt zu werden und Flugverbot zu bekommen. Diese Befürchtung kann er mit der Freude an der neuen Leserschaft kompensieren. Millionen Amerikaner sind neugierig auf einen Autor geworden, dessen Bücher in elf Sprachen, unter anderem ins Koreanische, Schwedische und Arabische übersetzt worden sind, der in Amerika aber vorwiegend von Regierungskritikern gelesen wird, denn Blum schreibt monothematisch. In seinen bisher erschienenen vier Büchern und seinem monatlichen Anti-Empire-Newsletter konzentriert er sich auf die lange Geschichte der US-Militärinterventionen. Zitat aus seinem in Kuba gerade ins Spanische übersetzten Buch Killing Hope: "Wenn man den Felsen der US-Außenpolitik des 20. Jahrhunderts umstürzt, kriechen Invasionen und Bombenattentate darunter hervor, gestürzte Regierungen, unterdrückte Bewegungen für sozialen Wandel, Morde an politischen Führern, verfälschte Wahlen, manipulierte Gewerkschaften, Todesschwadrone, erfundene Nachrichten. Kein schönes Bild. Keine Zierde für den Imperialismus."

William Blum zählt sich zu den Aktivisten einer Amerika kritischen Anti-Empire-Bewegung, die für Mainstream-Medien allerdings nie ein Thema ist. Durch die nun gewonnene Publizität könnte sich das ändern, hofft Blum: "Wir wollen dem amerikanischen Empire Steine in den Weg legen, es daran hindern, weiter einzumarschieren, zu foltern und zu bombardieren. Wenn uns das gelingen soll, müssen wir die amerikanische Öffentlichkeit erreichen. Aus diesem Grund bin ich sehr froh über das, was mir passiert ist."

Die konservativen Patrioten gönnen ihm die Freude freilich nicht. Als Vaterlandsverräter beschimpfen sie ihn, als Parasiten, der sich nicht scheut, am Erzterroristen bin Laden zu verdienen. Dabei sage doch die Amazon-Liste noch nichts über tatsächliche Verkäufe, kontert Blum, sein kleiner Verlag in Maine halte im Übrigen nur eine Auflage von 2.000 Exemplaren vor.

Sein smarter Verleger könnte sich allerdings entschließen, gerade jetzt noch einmal Blums Memoiren auf den Markt zu werfen. Ein elegant und witzig geschriebenes Buch mit dem schönen Titel West Bloc Dissident: A Cold War Memoir. Über seinen Widerstand gegen den Vietnamkrieg schreibt der Autor da, seine Zeit in Allendes Chile, über seine Freundschaft mit dem Oberhippie Jerry Rubin. Patty Hearst kommt vor und die missglückte Zusammenarbeit mit dem Regisseur Oliver Stone, der beinahe Killing Hope auf die Leinwand gebracht hätte. Dieses Kompendium der Erinnerungen entstand eher zufällig: "Es passierte, als ich meine FBI-Akte, meine CIA-Akte und die Papiere vom State Department durchsah, wo ich gearbeitet hatte. Ausnahmslos ansehnliche Dossiers, in denen sich ungemein viele Irrtümer und dumme Erklärungen fanden. Ich habe dann auf einer Liste Lüge und Wahrheit gegenübergestellt, und bei dieser Arbeit ging mir auf - das sieht doch nach einem witzigen Buch aus. Und ich fing an zu schreiben."


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00:00 24.02.2006

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