Nick Reimer
09.09.2010 | 15:30 7

Ende der Energiewende

Atomkraft Eigentlich könnten die deutschen AKW bald überflüssig sein. Doch die Laufzeitverlängerung ist ein Killer für die grüne Stromwirtschaft

Die deutsche Energiewirtschaft hat im ersten Quartal 2010 gut neun Milliarden Kilowattstunden Strom ins Ausland exportiert – so viel wie noch nie. Ermittelt hat dies die „Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen“, ein Verein, der maßgeblich von der fossilen Energiewirtschaft getragen wird und damit der Panikmache gegen erneuerbare Energien unverdächtig ist.

Die Daten weisen aus, dass zwischen Dezember und April in Deutschland 6,7 Prozent mehr Strom erzeugt wurde, als in der Bundesrepublik verbraucht wurde. Das entspricht der Leistung von sechs Atomkraftwerken. Und zwei AKW stehen ja seit Jahren wegen versuchter Mängelbeseitigung still: Brunsbüttel und Krümmel.

Das heißt nichts weniger, als dass gegenwärtig acht Atomkraftwerke in Deutschland überflüssig sind. Der Ausbau von Windkraft- und Solarenergie-Anlagen hat es möglich gemacht. Und das ist erst der Anfang. Vor einem Monat beschloss die Bundesregierung den „Nationalen Aktionsplan für erneuerbare Energie“, laut dem die regenerative Strombranche 2020 mehr als ein Drittel Grünstrom ins Netz einspeisen soll. Das bedeutet: 2020 wären dann 16 der 17 deutschen Atomkraftwerke überflüssig. Wenn man jetzt noch den ehrgeizigen Effizienzplan von Schwarz-Gelb ernst nimmt, wird ab sofort so viel Strom gespart, dass bereits 2017 alle deutschen Atomkraftwerke überflüssig sind: Es wird dann kein Atomstrom mehr gebraucht.

Hemmschuh für die Regenerativen

Vier AKW hätten dieser Tage nach dem rot-grünen Atomausstiegsgesetz vom Netz gehen müssen: die Reaktoren Biblis A und B sowie Brunsbüttel und Neckarwestheim. Mit dem Beschluss zur Laufzeitverlängerung hat sich das nun erledigt – genauso wie die schwarz-gelbe Regierungsmär, dass die Atomkraft eine Brücke ins regenerative Zeitalter ist. Im Gegenteil: Die Atomkraft ist der Hemmschuh für das regenerative Zeitalter. Solange nämlich die AKW Strom produzieren, so lange wird die Energiewende verhindert.

Das hängt mit der Komplexität der Stromversorgung zusammen. Im Netz kann immer nur genau so viel Strom sein, wie gerade von den Kunden gebraucht wird. Vorteilhaft sind deshalb Kraftwerke, die schnell dem Stromnetz zu- oder abgeschaltet werden können. Wenn in Deutschland gegen 11 Uhr beispielsweise die Großküchen ihre Herdplatten und Öfen anstellen oder um 20 Uhr die Fernseher eingeschaltet werden, ist viel Strom gefragt und deshalb Flexibilität notwendig. Atomkraftwerke aber sind die Unflexibelsten am Netz. Die atomaren Kettenreaktionen produzieren in der Regel kontinuierlich die immer gleiche Menge Strom. Um 11 Uhr genauso wie um 20 Uhr oder um 2 Uhr, wenn alles schläft.

Das ist gefährlich für die Erneuerbaren: Bläst der Wind einmal kräftig, ist im Stromnetz schon so viel Atomstrom, dass kein Platz mehr ist. Dann werden wegen der komplizierten AKW-Technologie lieber die Windparks vom Netz getrennt als die Atomkraftwerke. In Schleswig-Holstein beispielsweise, wo heute schon dank Atom- und Windkraft mehr als 2,5 mal so viel Strom produziert wie verbraucht wird, ist das mittlerweile bei steifer Brise die Regel: Das Atomkraftwerk Brokdorf läuft, die Windparks werden abgeschaltet.

Windräder werden abgeschaltet

Noch besitzen die Erneuerbaren einen gesetzlichen „Einspeisevorrang“: Windrädern, Biomassekraftwerken oder Geothermie-Turbinen wird garantiert, dass sie ihren Strom jederzeit ins Netz einspeisen und zu festen Tarifen verkaufen können. Mit dem weiterem Ausbau der erneuerbaren Energien werden aber immer häufiger Windräder abgeschaltet werden, eben weil es zu schwierig und gefährlich wäre, ein Atomkraftwerk ständig herunter- und wieder anzufahren.

Doch besitzen die Windmüller ja den gesetzlichen Anspruch auf die Einspeisung ihres Stromes. Deshalb werden sie ganz urdeutsch-ordentlich dafür entschädigt, dass sie ihre Windräder abschalten. Die Atomkonzerne können so den Verbrauchern weiter ihren Atomstrom verkaufen, und die Verbraucher bezahlen den Windmüllern die Entschädigung. Wir alle zahlen also doppelt.

Noch ist dieser Skandal wenig bekannt. Aber wenn er sich herumspricht, gibt es unter den von Kanzlerin Angela Merkel geschaffenen Bedingungen der Laufzeitverlängerung nur eine konsequente Lösung: Allen neuen Windrädern oder Solaranlagen den Einspeisevorrang zu streichen. Wenn aber ein Windmüller sein Produkt nicht zu jeder Zeit garantiert über das Netz der Stromkonzerne verkaufen kann, wird er nicht investieren. Die Laufzeitverlängerung ist deshalb nichts anderes als das Ende der Energiewende.

Einmal abgesehen davon, dass sich die vier Atomkonzerne mit der Verlängerung der atomaren Kettenreaktion eine goldene Nase verdienen – bei jeder Currywurstbude in dieser Republik überprüfen die Behörden, wo und wie das Frittenfett entsorgt wird. Die Atomkraftwerke aber dürfen seit 44 Jahren Müll produzieren, ohne dass es wenigstens eine Idee gibt, wie dieser jemals entsorgt werden kann. Nur so viel ist sicher: Die Bundesregierung wollte mehr Planungssicherheit für die Energiewirtschaft. Die vier Atomstromer können zufrieden sein. Für alle anderen herrscht mehr Unsicherheit.

Nick Reimer ist Umwelt- und Klimajournalist bei klimaretter.info

Kommentare (7)

kini 10.09.2010 | 10:36

Da kommt einem doch unweigerlich Professor Suttons Begriff des Korporativen Sozialismus in den Sinn. "Too big to fail"/Systemrelevanz als Vorwand für tausende Millionen Euro Hilfe, sowie die immer weitere Belastung der Massen (Schuldenbremse wird sicher demnächst als Vorwand für weitere Streichungen missbraucht) waren und sind ein Ausdruck davon, die Subvention der Energieriesen durch die Massen ist ein weiterer Beleg. Andererseits wird durch Erhöhung der Verbrauchssteuern, die relativ v.a. die kleinen Einkommen stark belasten, Geld für die direkten und indirekten Steuern der KGs ( nur noch 15%) eingesammelt. Das Geld fließt sicher nur nach oben, nach unten kommt es in unserem Machtgefüge nur mit viel Kampf.

Die dezentrale regenerative Energieversorgung würde das Monopol der großen vier schwächen, klar, dass die alles tun, um ihr Monopol zu retten, Merkel hilft fleißig mit und der begnadete Rhetoriker Röttgen tut so, als wäre er ihr Gegenspieler. Ein geschickter wie perfider Medienzirkus.

Da sieht man wieder, dass CDU/CSU und FDP wählen kein Kavaliersdelikt, sondern ein Verbrechen an der guten Zukunft künftiger Generationen ist.

Hoffen wir, dass die Klage der Länder erfolgreich ist:-)

Avatar
jps-mm 10.09.2010 | 16:54

Schwarz-gelber Atom-Deal

Der Druck auf Kanzlerin Merkel steigt.

Die Anti-Korruptionsorganisation Transparency International warnte die Koalition davor, demokratische Grundlagen auszuhebeln. "Wie will sie eigentlich Akzeptanz in weiten Kreisen der Bevölkerung bekommen für möglicherweise unbequeme Entscheidungen, wenn sie sich in einem konkreten Fall mit vier Bossen von Atomkonzernen zusammensetzt und sich die Bedingungen diktieren lässt", sagte die Vorsitzende der deutschen Sektion, Edda Müller, am Freitag NDR Info.

Der Sprecher des Anti-Atom-Bündnisses "Ausgestrahlt", Jochen Stay, sagte, auf einen Schutz gegen Flugzeugabstürze und andere Einwirkungen von außen verzichtet die Regierung nun ganz. "Und ins neue Atomgesetz will sie zugleich noch einen Passus einfügen, wonach die Bürger diesen Schutz auch gar nicht mehr einklagen können sollen", sagte Stay. "Das zeigt: Die Sicherheit der AKW steht für Schwarz-Gelb nicht an erster, sondern an letzter Stelle."

www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,716766,00.html

Avatar
jps-mm 10.09.2010 | 16:54

Die Bürger wollen nicht ...

Wer nach nicht einmal einem Jahr Amtszeit in der Wahrnehmung der Leute so schlecht dasteht, hat als Regierung versagt. Vor allem wollen sich die Verantwortlichen dem Schlamassel nicht stellen. Die Kanzlerin hat vor ihrem Urlaub eine Weglächel-Pressekonferenz veranstaltet, ihr Vizekanzler schwadroniert von der "sehr erfolgreichen Politik" und der fast wunderlich gewordene CSU-Chef sieht sich, seine Partei und die Regierung auf bestem Wege. Weil Merkel, Westerwelle und Seehofer durchaus intelligent sind, können sie nicht glauben, was sie da sagen. Trotzdem halten sie an ihrer kontrafaktischen Schönrednerei fest, wohl weil sie annehmen, es werde schon irgendwie besser werden, demnächst.

Nein, es wird nicht besser werden, im Gegenteil: Wenn die Spitzen dieser Regierung der Enttäuschung weiter behaupten, im Prinzip sei alles in Ordnung, werden noch mehr Menschen der Politik im Allgemeinen und Schwarz-Gelb im Besonderen den Rücken kehren. Viele Bürger, auch wenn sie sich nicht für politische Details interessieren, wollen trotzdem nicht, man entschuldige den drastischen Ausdruck, verarscht werden.

www.sueddeutsche.de/politik/koalition-im-umfragetief-das-schwarz-gelb

Avatar
jps-mm 10.09.2010 | 16:55

Koalition pro Atomstaat

Die Öko-Propaganda der Merkel

Die Öko-Propaganda der Merkel-Koalition ist geradezu unverfroren. Nach den AKW-Entscheidungen zu längeren Laufzeiten steht fest: Saubere Energien leiden, Stromkonzerne profitieren, Minister Röttgen scheitert. So kann Deutschland seinen Frieden mit der Kernenergie nicht schließen.

In Sachen Atom mutet die Bundesregierung dem gesunden Menschenverstand derzeit eine ganze Menge zu: Ausgerechnet längere Laufzeiten für Kernkraftwerke, so werben Union und FDP, sollen den erneuerbaren Energien ganz neue Perspektiven verschaffen. AKWs für den Ökostrom? Das ist ungefähr so, als wollte sie den Bau neuer Autobahnen als Durchbruch für Radfahrer feiern. Mit anderen Worten: blanker Unsinn.

www.sueddeutsche.de/politik/energiekonzept-der-koalition-merkels-atom-unsinn-1.996587

Avatar
jps-mm 10.09.2010 | 16:57

Riesen-Ärger um Atomvertrag: Die Kungelei

Eine Geheimvereinbarung zwischen Industrie und Regierung sorgt für massiven Ärger. Eine heftige Debatte gibt es auch um die Sicherheit: Werden die Standards im neuen Gesetz zurückgefahren?BERLIN - Der Atombeschluss der Koalition sorgt für Riesen-Ärger. Und zwar nicht nur, weil die Opposition gegen die beschlossene Laufzeitverlängerung Sturm läuft. Sondern auch, weil der Kompromiss inzwischen mächtig nach Kungelei mit der Energiewirtschaft stinkt.

Alles dreht sich um ein fünfseitiges Papier, eine Art Geheimvertrag zwischen Bundesregierung und den Stromkonzernen. Unterzeichnet am Montagfrüh um halb sechs, bis jetzt wird er unter Verschluss gehalten. Wenn RWE-Chef Rolf Martin Schmitz sich nicht auf einer Pressekonferenz verplappert hätte, wäre der Geheimvertrag vermutlich gar nicht bekannt geworden. Und auch Koalitions-Pläne für angeblich geringere Sicherheitsstandards sorgen für Aufregung.

Es kann nicht sein, dass der Staat als Vertreter aller Bürger nicht-öffentliche Nebenabsprachen mit der Wirtschaft trifft – egal, was drinsteht. Der amtierende SPD-Fraktionschef Joachim Poß fordert Merkel deshalb auf, die Vereinbarung offenzulegen: „Wir haben ein Recht zu erfahren, wie stark die Energiekonzerne Einfluss nehmen konnten.“

Auch die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International kritisiert das Papier: „Damit hat die Regierung Fakten geschaffen“, sagte TI-Chefin Edda Müller. „Demokratie heißt, umstrittene Fragen öffentlich durch Volksvertreter entscheiden zu lassen. Die Telefonate von Sonntagnacht mit den Energiekonzernen weisen auf eine Intimität im Umgang miteinander, die souveräne Politik unmöglich macht.“ Regierungssprecher Steffen Seibert sagte jetzt: „Natürlich wird der Vertrag demnächst veröffentlicht.“ Und warum nicht gleich?

Und wie schaut’s mit der Sicherheit aus? Auch das ist umstritten: Nach einem Bericht des ARD-Magazins „Monitor“ verlangt der Ministeriumsentwurf zur Änderung des Atomgesetzes für wesentliche Sicherheitsbereiche keine Nachrüstungen mehr. Das Umweltministerium wies diesen Bericht zurück, die rechtlichen Pflichten blieben „völlig unangetastet“. Aber „Monitor“ bleibt dabei: Aus internen Regierungsdokumenten gehe klar hervor, dass die Verpflichtung der Akw-Betreiber zur Nachrüstung weitgehend abgeschafft werden soll. Das gelte besonders für Altreaktoren wie Isar I. Unbestritten ist, dass Umweltminister Norbert Röttgen mit seinem Anliegen, alte Meiler wie Isar 1 besser gegen Flugzeugabstürze zu schützen, gescheitert ist.

Und: Mit dem Gesetzentwurf soll auch das Klagerecht beschnitten werden. Bisher haben Bürger das Recht, zum Beispiel einen Schutz gegen Flugzeugabstürze einzuklagen. Im Atomgesetz ist aber ein neuer Paragraf 7d geplant. Danach sind Nachrüstungen keine Pflicht mehr, sondern fallen nur unter die „Sorgepflicht“.

www.abendzeitung.de/politik/211480