Ende des Mäzenatentums

Vor dem Bankrott Das elitäre Reform-Modell, für das die Privatuniversität Witten/Herdecke steht, ist tot. Längst geht es den Betreibern privater Hochschulen nur noch um Profit

Die Privat-Universität Witten/Herdecke hat gerade noch einmal die Kurve bekommen. Zum Jahresende drohte wieder mal die Insolvenz. Dieses Mal war es der nordrhein-westfälische Innovationsminister Andreas Pinkwart, FDP, der die zugesagten 4,5 Millionen Euro Landesmittel für 2008 nicht auszahlen wollte und aus 2007 drei Millionen Euro Zuschüsse zurückforderte. Die Hochschule habe keinen Wirtschaftsplan vorlegen können, der eine langfristige Perspektive erkennen lasse, hieß es aus dem Ministerium. Der Präsident der Uni, der Wirtschaftsphilosoph Birger Priddat und einer seiner Stellvertreter, der 34-jährige Maxim Nohroudi traten zurück, übrig blieb als Präsidiumsmitglied Tom Kirschbaum. Studierende und Beschäftigte protestierten, die Gewerkschaften forderten die Verstaatlichung. Am 23. Dezember kamen dann drei mögliche Sponsoren mit Vertretern des Wissenschaftsministeriums und der Hochschule zusammen. Die Darmstädter Software AG Stiftung sicherte die Verlängerung ihrer Bürgschaft über drei Millionen Euro bis Ende Februar zu, die Heidelberger SRH Holding und der Gemeinnützige Verein zur Entwicklung von Gemeinschaftskrankenhäusern Herdecke erklärten sich bereit, in Witten/Herdecke einzusteigen, nachdem mit Hilfe eines Wirtschaftsprüfers eine Perspektive erarbeitet wurde.

Drei Studierende pro Wissenschaftler

Dem liberalen Wissenschaftsminister und Betriebswirtschaftslehrer Andreas Pinkwart wird man nicht unterstellen können, dass er gegenüber privaten Hochschulen feindlich gesonnen ist - um so ernster ist also der Vorwurf zu nehmen, die Hochschule habe keine wirtschaftliche Perspektive deutlich machen können. Im August 2008 war der Groß-Sponsor Droege International mit der gleichen Begründung in Witten/Herdecke ausgestiegen. Droege hatte eine Finanzspritze von zwölf Millionen Euro in Aussicht gestellt. Damals warf die Hochschule dem Sponsor massive Einflussversuche auf Forschung und Lehre vor. Die Unternehmensberatung versuche, die Hochschule zu übernehmen, hieß es aus der Hochschulleitung.

Droege verlangte damals einen massiven Personalabbau. Heute wird die Hochschule nicht mehr darum herumkommen, ihre für deutsche Verhältnisse traumhafte Relation von drei Studierenden pro Wissenschaftler den Verhältnissen des allgemeinen Betreuungs-Notstands an den staatlichen Hochschulen ein wenig anzunähern.

Ein Jahr zuvor, im Sommer 2007 musste schon einmal die drohende Insolvenz der Privatuniversität mit 1.200 Studierenden abgewendet werden. Damals wollte die SRH Holding als Teilhaberin einspringen. Die SRH unterhält Kliniken, Fachschulen und Hochschulen - die Wittener Universität hätte gut in ihr Portfolio gepasst. In Witten/Herdecke werden Mediziner, Zahnmediziner und Pflegewissenschaftler ausgebildet - das hätte gut ins Konzernprofil gepasst. Außerdem ist die Witten-Herdecker Uni eine der wenigen unter den mittlerweile durchaus zahlreichen privaten Hochschulen, die Vollmitglied in der Hochschulrektorenkonferenz ist - ein Faktor, der das Image des Bildungs- und Gesundheitsdienstleisters hätte aufwerten können.

Die Hochschulleitung befürchtete damals, dass das Witten/Herdecker Reformmodell abgespeckt und die Ausbildung auf Effizienz und Gewinnorientierung getrimmt werden sollte. Die Studierendenzahl sollte auf mindestens 2.000 gesteigert werden, während gleichzeitig ein Großteil des Personals vor die Tür gesetzt werden sollte. Nun steht die SRH wieder zur Übernahme bereit - mit dem gleichen Programm wie damals.

Die Software AG-Stiftung aus Darmstadt dagegen teilt mit der Uni Witten/Herdecke die anthroposophische Orientierung: Stifter Peter M.Schnell, Gründer der Software AG ist bekennender Steiner-Anhänger, er finanziert die anthroposophische Alanus-Hochschule bei Bonn.

Studium fundamentale

1982 wurde die Universität Witten/Herdecke von einer Gruppe von Ärzten gegründet, die die herkömmliche Mediziner-Ausbildung reformieren wollten: Sie sollte enger am Alltag von Klinik und Praxis orientiert sein, weniger an der High-Tech-Medizin in den Universitätskliniken. Die Studierenden sollten frühzeitig mit Patientinnen und Patienten in Kontakt kommen, die Hochschule setzte auf Kooperationen mit "normalen" Krankenhäusern. In der klassischen Medizin tabuisierte Randgebiete wie traditionelle Chinesische Medizin oder Homöopathie wurden gelehrt. Alle Studierenden nahmen an einem "Studium fundamentale" teil, das ihnen eine musische, philosophische und gesellschaftliche Grundbildung vermitteln sollte. Im Hintergrund stand die anthroposophische Orientierung des Gründungs-Präsidenten Konrad Schily.

Schily gelang es damals, einen Kreis von potenten Mäzenen zusammenzubringen. An der Spitze stand Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn. Der wollte mit der Wittener Gründung die Potenz privater Einrichtungen dokumentieren. Zu den Glaubenssätzen der Gründer gehörte es, dass sie die Hochschule weder mit staatlichen Geldern noch mit Studiengebühren finanzieren wollten.

Die Bertelsmann-Stiftung wollte die Universität nicht dauerhaft alimentieren, und als sie in den neunziger Jahren ihre Zahlungen einstellte musste der Staat einspringen. 1996 stellte eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft fest, dass das Wittener Modell nur mit 18 Millionen Mark jährlichen Staatszuschüssen zu halten sei. Und es wurden die Studierenden zur Kasse gebeten.

Bisher wurden die Gebühren über eine Studierendengesellschaft kreditfinanziert: die Studierenden müssen später, wenn sie ein eigenes Einkommen haben, in den Fonds der Studierendengesellschaft zurückzahlen. Auch dieses Modell funktioniert nicht mehr. Die Studierenden müssen sich ihre Kredite nun auf dem Markt besorgen, die Gebühren betragen zwischen 15.000 und 45.000 Euro für einen Studiengang. Angesichts der Finanzkrise haben sie nun angeboten, ihre Beiträge zu erhöhen.

Kaum eigene Forschungskapazitäten

Neben Medizin, Zahnmedizin und Pflegewissenschaften kann man Philosophie und Wirtschaftswissenschaften studieren. Die Studierenden werden in schriftlichen und mündlichen Bewerbungsverfahren ausgewählt. Nicht erst jetzt taucht der Vorwurf auf, man habe sich Studienplätze an der Privathochschule kaufen können. Aktuell wurde der Verdacht in Bezug auf die Bochumer Staatsanwältin Margit Lichtinghagen und ihre Tochter geäußert, die Bußgelder an die Wittener Uni vergeben hat. Schon früher bekannte sich Gründungsrektor Konrad Schily dazu, die Studierendenauswahl auch unter dem Gesichtspunkt der "Elitenförderung" zu betreiben.

Das Reformmodell in der Medizinerausbildung hat mittlerweile auf die staatlichen Hochschulen "abgefärbt". Die Kehrseite des Modells, die Ausbildung an umliegende Krankenhäuser zu übertragen, wurde 2006 vom Wissenschaftsrat kritisiert: Die Hochschule habe viel zu wenig eigene Lehr- und vor allem Forschungskapazitäten. Dennoch bekam sie noch einmal die Zulassung durch den Wissenschaftsrat.

Studierende und Lehrende befürchten, dass die Wittener Uni ihren Reformcharakter verlieren wird, wenn nun das Programm und das Personal unter Effizienzgesichtspunkten durchforstet werden. Wird es beim Studium fundamentale bleiben? Wie werden sich die Ausbildungsrelationen entwickeln und wie viel wird das Studium künftig kosten?

Universitäten, die ein breiteres Fächerspektrum anbieten und auch eigenständig forschen funktionieren bisher hierzulande nicht privatwirtschaftlich. Neben Witten/Herdecke ist das die "International University of Bremen", die mittlerweile "Jacobs University" heißt. Sie hat ein beeindruckendes Studienprogramm und traumhafte Betreuungsverhältnisse. Sie nutzt bundeseigene Immobilien und wurde vom Bremer Senat mit 230 Millionen Mark finanziert. Nun ist noch der Kaffeehändler Jacobs mit 200 Millionen Euro über zehn Jahre beigesprungen. Ohne "Staatsknete" ist gerade der Versuch einer neuen Privatgründung, der "Hanse-University" in Rostock, gescheitert.

Effiziente Ausbildungsstätten

Während Witten/Herdecke seit Jahrzehnten nur noch durch Finanzspritzen am Leben erhalten wird, gibt es mittlerweile eine Vielzahl von privaten Hochschulen, die nicht nur schwarze Zahlen schreiben, sondern als begehrte Renditeobjekte gelten. Das sind Business-Schools und andere Fachhochschulen mit einem sehr engen Berufsbezug, die sich ihrer engen Verzahnung mit einzelnen Unternehmen rühmen. Sie versprechen ihren Studenten-Kunden eine reibungslose Vermittlung in mehr oder minder lukrative Positionen bei den kooperierenden Firmen. Mittlerweile steigen Finanzierungsgesellschaften in den Dienstleistungsmarkt Hochschulen ein, weil sie sich davon sichere Renditen versprechen - jeder Student bleibt mindestens drei Jahre, Nachfrageschwankungen sind daher kalkulierbar. Privathochschulen dieses neuen Typs verstehen sich nicht mehr als Stachel im Fleisch der Staatshochschulen oder als Reformmotor, sondern als effiziente und berufsorientierte Ausbildungsstätten in Studiengängen mit geringen Kosten und hohen Erwartungen an die "Bildungsrendite" der Absolventen. Sie sind ein Angebot an Studierende, die die Kosten des Studiums als eine Investition in ihre Arbeitskraft ansehen. Diese Rechnung geht nicht deshalb auf, weil die Ausbildung dort wirklich besser ist. Für die "Personaler" in den Großunternehmen gilt aber, dass jemand, der in seine Ausbildung viel Geld investiert, sich vielleicht verschuldet, um schnell und effizient zu einem Abschluss zu kommen, von vornherein als zielorientiert, strategisch und marktwirtschaftlich denkend gilt - deshalb sind dessen Chancen auf dem Arbeitsmarkt besser.

Diese Privathochschulen nutzen die Lücken aus, die die staatlichen Hochschulen bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses gelassen haben - nämlich eine konsequent auf "Beschäftigungsfähigkeit" getrimmte Ausbildung. Das Modell der Mäzenaten-Universität à la Witten/Herdecke oder Jacobs University in Bremen ist tot. Für sie war "privat" eine ideologische Duftmarke. Eine Zukunft haben die Hochschulen, die nicht nur Marktwirtschaft spielen, sondern sich wirklich marktkonform verhalten und mit geringem Einsatz einen hohen ökonomischen Nutzen versprechen.

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00:00 09.01.2009

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