Ende des Spiels

Blendende Eigendynamik Hannes Koch zeichnet den Niedergang der "New Economy"nach

Die nervösen Kommunikationsaufforderungen des Internets, reißende Datenströme und sich überbietende Unterhaltungsangebote verschieben mehr und mehr die Horizonte unserer Gesellschaft. Blockieren die fantastischen Informationstechnologien vielleicht sogar die Anfälligkeit des Kapitalismus für Krisen und Arbeitslosigkeit? Das Buch des taz-Redakteurs Hannes Koch ist zwar vor dem gegenwärtigen Börsen-crash entstanden. Aber es bietet einen noch immer gültigen Überblick über die Entwicklung und die wichtigsten Zusammenhänge der "New Economy".
Seit Anfang der Achtziger eroberte die revolutionäre Mikroelektronik mit Textverarbeitung oder Industrierobotern erst Büros und Montagehallen, dann mit PC-Spielen, Mobiltelefonen oder Chatrooms auch die private Welt. In den Neunzigern profitierte die New Economy von dem sensationellen Konjunkturaufschwung in den USA und dem internationalen Börsenboom. Zugleich lieferte sie selbst Treibstoff für diese Entwicklungen.
Für das überraschende Wirtschaftswachstum zwischen Boston und Los Angeles hatte die Ausweitung der Märkte für Informationstechnologie - so Hannes Koch - allerdings nur untergeordnete Bedeutung. Für wesentlichere Faktoren hält er den beispiellosen Zustrom von Auslandskapital, die Verfügbarkeit unterbezahlter Immigranten oder die großzügige Zinspolitik der US-Zentralbank.
Jeder Aufschwung der Börse löst eine blendende Eigendynamik aus. Die - auch am "Standort D" - geradezu explodierenden Aktienkurse innovativer Unternehmen lockten professionelle Investoren an - vor allem aber unerfahrene, dafür um so gierigere Kleinaktionäre. Bilanzzahlen galten als langweilig, nur noch Visionen zählten. Bis Anfang 2000 kam es zu einer folgenschweren Überbewertung der Papiere von Software- oder E-Commerce-Firmen.
Rauschhafte Boomphasen erlebte unser Wirtschaftssystem in seiner zweihundertjährigen Geschichte immer wieder. Jetzt aber, in der Ära des World Wide Web - so hieß es Ende der Neunziger - setze sich ein grundlegend neues Modell des Wachstums durch. Infolge der gewaltigen Produktivitätsgewinne durch die Mikroelektronik könnten Produktion, Profite und sogar Löhne unaufhaltsam steigen, ohne dass es zu inflationärer Überhitzung komme. Bremsaktionen der Zentralbanken würden überflüssig - damit seien dauerhaft niedrige Zinsen garantiert. Der Durchbruch zu einem Kapitalismus ohne Krisen schien geschafft.
War das schon damals Wunschdenken? Die Produktivitätsfortschritte der USA in den Neunzigern waren - so zeigt das Buch - im langfristigen Vergleich keineswegs überwältigend. Der ökonomische Nutzen des Internets - jenseits der atemberaubenden Unterhaltungsangebote - wurde überschätzt. Das galt vor allem für die fiebrige Szene des E-Commerce. Die Vorteile von Online-Angeboten gegenüber konventionellen Formen des Handels erwiesen sich als nicht so eindeutig wie anfangs behauptet.
Das langsame Abgleiten der Weltwirtschaft in die Stagnation der vergangenen anderthalb Jahre widerlegte eindrucksvoll die Hoffnung, eine Prosperität ohne Ende habe begonnen. Vielmehr stellte sich heraus, dass die neuen Branchen durchaus anfällig für die zeitlosen Risiken der Marktwirtschaft waren: Unternehmen bauen - unter dem Druck der Konkurrenz - unvermeidlich Überkapazitäten auf, die irgendwann jeden Boom in die Krise umschlagen lassen.
Das Jahr 2000 brachte nicht nur das Abflauen der Konjunktur - auch die spekulativen Seifenblasen über den Aktienmärkten zerplatzten. Der "Großen Illusion" folgte das schmerzhafte Abklingen des Rauschs. Die New Economy führte außerdem, so der Autor, das Modell einer "deregulierten" Arbeitswelt vor. Zuerst fiel eine überschäumende Identifikation der meisten Beschäftigten mit ihren Unternehmen auf. Die Arbeit galt als aufregendes Spiel, die freiwillige 60-Stunden-Woche als selbstverständlich, individuelle Entscheidungsspielräume und Aufstiegsmöglichkeiten waren oft traumhaft. Viele Community-Managerinnen und Systemadministratoren erhielten zwar mäßige Gehälter, zum Ausgleich aber verlockende Firmenaktien oder Optionsscheine.
Diese Fortschritte strahlten über die IT-Branche hinaus. Die Bühne beherrschte der - von den Neoliberalen fast ins Mythische überhöhte - "flexible Arbeitskraftunternehmer". Die Ernüchterung kam mit dem Ende des Booms. Es zeigte sich, dass auch in den innovativen Firmen - trotz des partnerschaftlichen Alltags - eine kleine Elite die zukunftsweisenden Entscheidungen traf. Ungezählte Web-Designer oder Programmiererinnen fanden sich auf den grün gestrichenen Korridoren der Arbeitsämter wieder - mit der Börsenkrise löste sich zugleich der Wert ihrer Aktien oder Optionen in Dunst auf. Plötzlich waren Vorschläge für die zuvor schroff abgelehnte Gründung von Betriebsräten zu hören - oder Wünsche nach gewerkschaftlicher Unterstützung. Koch unterstreicht aber, wie schlecht die IG Metall oder später VER.DI auf diese ausgesprochen individualistischen Interessenten und Interessentinnen vorbereitet sind.
Trotz aller Verwerfungen und Enttäuschungen - faszinierende neue Produktionsprozesse und Produkte werden unser Leben nicht zur Ruhe kommen lassen. Das "kreative Potential" ist noch lange nicht erschöpft. Es werden nicht nur positive Veränderungen sein - etwa mit Blick auf immer flexiblere, weniger sichere Arbeitsverhältnisse. Und die New Economy garantiert bestimmt nicht die Lösung von Problemen wie Konjunktureinbrüchen und Massenarbeitslosigkeit.
Hannes Koch hat - in lebhafter Sprache, für ein breites Publikum - ein faktenreiches und differenziertes Buch zu Verheißungen und Risiken der technologisch-ökonomischen Revolution des beginnenden 21. Jahrhunderts geschrieben.

Hannes Koch: New Economy. Europäische Verlagsanstalt / Rotbuch Verlag, Hamburg 2001, 95 S., 8,60 EUR


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00:00 30.08.2002

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