Hermannus Pfeiffer
05.03.2009 | 06:00 2

Ende dieser Globalisierung

Szenario II Der Verfall der Rohstoffpreise könnte ganze Länder in den Ruin treiben, doch nicht nur das. Die Auswirkungen der Krise haben das Potential die Globalisierung zu gefährden

Die Globalisierung mag über Finanzkrisen und Weltrezession hinwegschreiten, sinkende Rohstoffpreise könnten sie jedoch stoppen. Jeder Bürger in einem Industriestaat verbraucht in seinem Leben 1.000 Tonnen an Rohstoffen: Nur ein kleiner Teil davon sind Öl und Gas, mehr als Dreiviertel mineralische Rohstoffe, Erze und Sande. Der Exportweltmeister Deutschland ist vom Import von Rohstoffen existenziell abhängig. Damit nicht alle Räder und Rechenmaschinen still stehen, müssen Metallrohstoffe sogar zu 100 Prozent eingeführt werden. Weltweit sind die Ressourcen endlich und noch weit knapper sind die heute zugänglichen Reserven.

Vor fünf Jahren begann ein rasanter Preisanstieg, der einen jahrzehntelangen Niedergang der realen Rohstoffpreise umkehrte. Eine Folge war, dass nach neuen, technisch aufwendigen und daher teuren Lagerstätten Ausschau gehalten wurde. Gas aus der Tiefsee, Mineralien aus dem tibetischen Hochland oder Tantal fürs Handy aus Kriegsregionen wie dem Kongo ist nicht billig zu haben. Seit der zweiten Phase der Finanzkrise, als Washington im September 2008 die US-Investmentbank Lehman Brothers stürzen ließ, sinken die Preise wieder ins schier Bodenlose. Der Index für Industrierohstoffe sank von 270 auf 170 Punkte; Tendenz weiter fallend. Der Rohölpreis sackte von einem Höchststand von über 140 Dollar auf unter 40 Dollar. Aber nur bei einem langfristigen Preis von über 100 Dollar zahlen sich Erforschung und Exploration von Ölfeldern im Nordatlantik oder der Antarktis für die Konzerne aus. Ähnlich sieht es bei wichtigen Indu­strierohstoffen aus. Übrigens würde ein Preisverfall auch den bislang kostspieligen Öko-Alternativen wirtschaftlich den Hahn zudrehen.

Kampf um Rohstoffe

Das tiefe Wellental der Krise dürfte sich noch 2010 hinziehen und damit der Verfall der Rohstoffpreise. Die Folge wird eine kapital-induzierte Knappheit sein, die den Schwung im nächsten konjunkturellen Auf bremsen wird. Worunter bekanntlich vor allem das untere Drittel der Gesellschaft leiden dürfte. Stagnation und Eurosklerose zeichnen sich bereits ab, und der Kampf der Industriestaaten um die knappen Rohstoffe wird härter werden.

Auch Atolle der Globalisierung werden untergehen. Ihren Aufstieg zu Wirtschaftsmächten verdanken Brasilien und Russland hohen Rohstoffpreisen. Die Einnahmen der kleineren Schwellenländer werden einbrechen, Millionen Menschen verelenden. Der Ölreichtum Arabiens sinkt auf Siebziger-Jahre-Niveau, Millionen „Gastarbeiter“ werden wieder nach Bangladesh, Indien und Indonesien verabschiedet. Selbst der Bauboom etwa in Dubai, wo der weltgrößte Hafen, das weltgrößte Hotel und der weltgrößte Golfplatz entstehen, endet abrupt, weil die Ölquellen verstopfen. Welcher OPEC-Boss will den dickflüssigen Reichtum kommender dynastischer Generationen für einen Appel und ein Ei verplempern? Kein Öl, kein Geld, kein Import. Einseitig auf den Export fixierte Volkswirtschaften wie Japan und Deutschland werden kollabieren. Dadurch bricht auch der Import der chinesischen Billigwaren zusammen. Die Fabrik der Welt schließt ihre Tore. Diese Globalisierung wäre dann am Ende.

Kommentare (2)

Mephane 05.03.2009 | 10:12

Vor diesem Hintergrund zeigt sich allerdings leider auch, wie gefährlich einige aktuelle Entwicklungen sind. Z.B. versuchen Agrarkonzerne wie Monsanto ja vehement, weltweit ihr genverändertes Saatgut als das alleinige durchzusetzen. Insbesondere die Sache mit den Terminator-Genen - Pflanzen, die sich nicht vermehren können, um die automatische Ausbreitung der Genveränderungen einzudämmen - könnte für ganze Landstriche fatal sein, wenn keiner mehr dort herkömmliches Getreidesaatgut besitzt. Denn bei einem Systemzusammenbruch ist nicht damit zu rechnen, dass die Saatgutlieferungen weiter erfolgen (oder man sie noch bezahlen kann); große und eigentlich vermeidbare Hungersnöte könnten dadurch drohen.

Ähnlich gefährlich ist die Oligopolisierung des Energiesektors, denn vieles geht nicht mehr ohne Elektrizität und Erdölprodukte. Praktisch sämtliche Wirtschaftszweige würden ohne sie einfach aufhören zu existieren oder auf mittelalterliches Niveau zurückfallen, wenn die Energieversorgung wegbricht. In solch einer Situation sollte man auch die Landstriche um AKWs großzügig meiden - es ist nicht absehbar, ob diese dann überhaupt noch gewartet werden, und sie würden damit zu einem erheblichen Risiko.

Das große Problem ist letztlich, dass die Welt nicht nur völlig vernetzt ist in vielerlei Hinsicht, sondern dass diese Vernetzung sich in totale Abhängigkeit vieler Elemente voneinander entwickelt hat.

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Ehemaliger Nutzer 05.03.2009 | 13:29

Für mich ist nicht die Vernetzung der Welt und die damit zwangsläufig einhergehende Abhängigkeit das Problem, sondern dass geglaubt wird, selbst wird man von negativen Auswirkungen nicht betroffen werden.
Eigentlich auch nur eine andere Form der "Schnäppchenmentalität".
Wer spricht denn in der heutigen Krisenzeit noch vom Nord-Süd-Gefälle. Jeder denkt, dass er sich selbst der nächste ist. Und diese Einstellung geht meiner Meinung nach hinunter bis zu jedem einzelnen Menschen.
Mich wird es nicht treffen, ich bin ja gut ausgebildet, ich habe vorgesorgt; der vielleicht treffendste Satz ist: "Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied".
Egoismus wohin man schaut, und es wird ja dem Menschen ja auch tagtäglich suggeriert: Du musst es nur wollen; sorge dich nicht, lebe; denk positiv; du kannst nicht verlangen, dass andere sich ändern, du musst dich selbst ändern und was nicht noch alles.
Der "mündige Bürger", von dem unsere Politiker so gern und viel reden, ist doch das Letzte, was diese Leute wirklich wollen. Und sie haben ihr Ziel warscheinlich auch erreicht.
Ich behaupte jetzt einfach einmal: "Soviel Dummheit wie heute war noch nie."
Und da bei Wahlen nun mal nur die zählen, die wählen gehen, und davon dann die Mehrheit, und selbst die können dann 4 Jahre nichts machen, wenn ihre gewählten Vertreter eine andere Politik betreiben, als vorher angekündigt ( s. Wahlversprechen ), wage ich mal eine Prognose für 2009:
Wahlbeteiligung unter 50 Prozent
davon eine Mehrheit für FDP und CDU/CSU.
Sollte die FDP prozentmässig die CDU/CSU überholen, wird wohl das eintreten, was ich als Zitat von Malthus ans Ende meines Kommentars setzen möchte:

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte der große Prophet der englischen Bourgeoisie, der Pfaffe Malthus, mit der ihm eigenen herzerfrischenden Brutalität den Grundsatz proklamiert: »Wer in einer bereits in Besitz genommenen Welt geboren ist, hat, falls er von seinen Verwandten, an die er Forderungsrechte hat, keine Existenzmittel erlangen kann und falls die Gesellschaft seine Arbeit nicht braucht, kein Anrecht auf die geringste Menge Nahrungsmittel, und er hat tatsächlich auf dieser Welt nichts zu schaffen. An dem großen Bankett der Natur ist für ihn kein Tisch gedeckt. Die Natur bedeutet ihm, sich zu drücken, und sie vollzieht rasch ihren eigenen Befehl.«

Da es ja heute empirische Zahlen über die Lebenserwartung bestimmter Menschengruppen gibt, hat dieses Zitat eine Aktualität, die ich selbst als erschreckend empfinde.