Ende einer Einsamkeit

Open Research Das Netz ­verändert die Forschung. Seine Möglichkeiten könnten auch das Ende von Plagiat und ­solitärer Promotion einläuten

Die Wissenschaft berauscht sich an der Open Science. Es geht dabei schon längst um mehr als nur um Open Access, den gebührenfreien Zugang zu wissenschaftlichen Fachpublikationen. Wenn irgend möglich sollen schlicht sämtliche Informationen und Erkenntnisse, die die Forschung produziert, ohne Entgelt und mit einer Lizenz, die eine einfache und umfangreiche Weiterverwertung ­erlaubt, im Internet verfügbar sein: Projekt­ideen, Forschungsdaten, Gutachten wissenschaftlicher Artikel und Forschungsanträge, Projektberichte und neue Impact-Metriken, die die Reichweite von Forschung messen, sollen zu den Bausteinen eines open research web werden. Man verspricht sich davon nicht nur den Übergang der hypothesenbewegten zu einer von Daten getriebenen Wissenschaft (data driven science), sondern auch mehr Transparenz, eine extreme Beschleunigung des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns – und beträchtliche Kostenersparnisse.

Mit einer solchen Öffnung der Wissenschaft entstehen aber auch neue Dokumenttypen und kollaborative Arbeitsweisen. Die meisten klassischen Publikationsformen der Wissenschaft entstanden im 17. Jahrhundert: Sie gehen zurück auf Briefsammlungen, die wissenschaftliche Gesellschaften untereinander verschickten. Die Verteilungszyklen richteten sich nach der Frequenz des Postkutschenverkehrs, weshalb man die Briefe für den Versand zusammenband. Dieses Prozedere aufgrund von fast vierhundert Jahren alten Strukturen brachte schließlich die in Ausgaben bestimmter Journale organisierten Artikel hervor.

Heute ist die Fixierung auf derart starre Einheiten anachronistisch. Auch wenn das Journal als Marke noch funktioniert: Die einzelne Heftausgabe als Klammer hat für viele Journale, wie etwa jene der Public Library of Science PLoS (plos.org), ausgedient. Ausgedient haben teils auch schon Dokumente, die, einmal publiziert, nicht mehr geändert werden dürfen. Die Digitalisierung der Wissenschaft ermöglicht lebendige, sich stets fortentwickelnde Artikel oder sogar Liquid Journals, in denen Artikel Aktualisierungs- oder Verbesserungsprozessen unterliegen und in denen dennoch über eine Versionsverwaltung die Zitierfähigkeit jeder einzelnen Fassung des Textes gesichert ist.

Plagiate als Offenbarung

Andere Modelle beschreiben zusammengesetzte Texte oder compound objects: Artikel, in denen der ursprüngliche Beitrag der publizierenden Autoren nur das Gerüst bildet, und in die dann erst über das Netz Grafiken, multimediale Animationen und Visualierungen sowie Textbausteine anderer Dokumente eingebunden und zitiert werden. Solche zusammengesetzte Objekte erfordern natürlich, dass jedes einzelne sinntragende Element eines Dokuments online für sich allein adressierbar ist, um in einem zusammengesetzten Text Verwendung zu finden. Hinzu kommen Formen kollaborativer Zusammenarbeit, sei es in virtuellen Forschungsumgebungen (siehe Kasten) oder beim gemeinschaftlichen Verfassen von Dokumenten im Wikipedia-Stil.

Nicht alle der beschriebenen Szenarien und Techniken werden in den unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen schon gleichermaßen akzeptiert und genutzt. Dennoch ist die Tendenz zu Offenheit, Transparenz und Kollaboration und gleichsam der Abkehr von isolierten Informationseinheiten und isoliertem Arbeiten nicht zu leugnen.

Die jüngst öffentlich gewordenen Fälle plagiierter Dissertationen unter Politikern liefern ihrerseits Argumente für eine Open Science, denn in einer transparenten Wissenschaft hätte man so ein Fehlverhalten weit früher enttarnt, wenn nicht gar verhindert. Sie offenbaren allerdings noch mehr – wenn man denn die Frage stellt, ob der Promotionsvorgang in Deutschland ein hartnäckig isolierter, der Open Science zuwider laufender Forschungs- und Publikationsprozess sein muss. Immanuel Kant verbrachte den Großteil seines Lebens in Königsberg und analysierte, in sich gekehrt, von dort die Welt. Aber warum im Jahr 2011 Promovenden drei, fünf oder mehr Jahre in einer Stube oder ihrem Labor sitzen sollen, eifrig darauf bedacht, nicht zu viele Informationen über ihre Forschung preis zu geben, um ja nicht den Prioritätsanspruch ihrer Dissertation zu riskieren, leuchtet in einem Zeitalter der Open Science nicht ein. Die Isolation und oft verlangte Verschwiegenheit gegenüber der scientific community sabotieren die offene Diskussion von Forschungsideen und -designs mit Kollegen und verhindern letztlich auch die Verbesserung der Resultate. Das Konzept offener Forschung bewegt sich dem Promotionsablauf gegenüber diametral. Für das Polymath 1-Projekt etwa wurde via Blog (michaelnielsen.org/polymath1) für die gesamte Community und Welt das Density Hales-Jewett Theorem zur Bearbeitung freigegeben. Ergebnis: Innerhalb weniger Wochen hatten mehr als 40 Wissenschaftler das komplexe mathematische Theorem bewiesen.

Feudales Wissenschaftssystem

Nun mag ein solches Vorgehen die Qualität des offenen, vernetzten, kollaborativen Forschens (in dem es zugegebenermaßen schwer fallen kann, den Beitrag Einzelner zu erkennen) demonstrieren – für Promovenden ist das alles unerheblich, denn sie müssen sich am überkommenen Ideal des einsamen Genies orientieren, welches aus sich heraus Erkenntnisse produziert.

Aber nicht nur der Promotionsprozess, auch das Dokument der Dissertation gehört auf den Prüfstand. Gute Wissenschaftler waren oft auch Eklektiker, warum nicht diesen Talenten mehr Raum lassen, den monolithischen Charakter der Doktorarbeit revidieren und zusammengesetzte Dokumente mit vielleicht geringerem eigenen Anteil an Forschung, aber originellen Konzepten den Vorzug geben? Und auch der eigentliche Prüfungsakt, in Form einer Disputation oder eines Rigorosums, wirkt gemessen an den Möglichkeiten der Open Review Konzepte medioker. Letztlich scheint der gesamte Promotionsvorgang antiquiert. In Zeiten beschleunigter Forschung wirkt es unsinnig und verschwenderisch, Menschen dazu zu zwingen, sich viele Jahre nahezu engstirnig auf ein Thema zu fixieren. Warum den langwierigen, ineffektiven und formalen Promotionsvorgang nicht durch eine Art Zertifizierung ersetzen? Wer ausreichend Relevantes publiziert und geforscht hat oder auch erfolgreiche Open Science Prozesse und Projekte initiiert und geleitet hat, könnte anhand dieser Leistungen bewertet werden und einen akademischen Titel erlangen.

Was spricht dagegen? Die Qualitätssicherung nicht unbedingt, das beweisen die bekannten Plagiatsfälle. Eher stemmt sich das feudale deutsche Wissenschaftssystem dagegen, in dem von Doktoranden selten Selbständigkeit gefordert wird, und das sie stattdessen sozial und wirtschaftlich abhängig von ihren Doktorvätern und -müttern macht. Daher müssen ihre Dissertationen regelmäßig solange unter Verschluss bleiben, bis die Betreuer die Arbeiten ihrer Promovenden in möglichst viele Artikel aufgespalten und diese als Haupt- oder Ko-Autor in wissenschaftlichen Journalen publiziert haben.

Open Science sähe anders aus.

Ulrich Herb ist Wissenschaftsberater und Referent für elektronisches Publizieren an der Universität des Saarlandes

Ulrich Herb ist Wissenschaftsberater und Referent für elektronisches Publizieren an der Universität des Saarlandes

11:40 16.11.2011

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