Ulrich Herb
16.11.2011 | 11:40 6

Ende einer Einsamkeit

Open Research Das Netz ­verändert die Forschung. Seine Möglichkeiten könnten auch das Ende von Plagiat und ­solitärer Promotion einläuten

Die Wissenschaft berauscht sich an der Open Science. Es geht dabei schon längst um mehr als nur um Open Access, den gebührenfreien Zugang zu wissenschaftlichen Fachpublikationen. Wenn irgend möglich sollen schlicht sämtliche Informationen und Erkenntnisse, die die Forschung produziert, ohne Entgelt und mit einer Lizenz, die eine einfache und umfangreiche Weiterverwertung ­erlaubt, im Internet verfügbar sein: Projekt­ideen, Forschungsdaten, Gutachten wissenschaftlicher Artikel und Forschungsanträge, Projektberichte und neue Impact-Metriken, die die Reichweite von Forschung messen, sollen zu den Bausteinen eines open research web werden. Man verspricht sich davon nicht nur den Übergang der hypothesenbewegten zu einer von Daten getriebenen Wissenschaft (data driven science), sondern auch mehr Transparenz, eine extreme Beschleunigung des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns – und beträchtliche Kostenersparnisse.

Mit einer solchen Öffnung der Wissenschaft entstehen aber auch neue Dokumenttypen und kollaborative Arbeitsweisen. Die meisten klassischen Publikationsformen der Wissenschaft entstanden im 17. Jahrhundert: Sie gehen zurück auf Briefsammlungen, die wissenschaftliche Gesellschaften untereinander verschickten. Die Verteilungszyklen richteten sich nach der Frequenz des Postkutschenverkehrs, weshalb man die Briefe für den Versand zusammenband. Dieses Prozedere aufgrund von fast vierhundert Jahren alten Strukturen brachte schließlich die in Ausgaben bestimmter Journale organisierten Artikel hervor.

Heute ist die Fixierung auf derart starre Einheiten anachronistisch. Auch wenn das Journal als Marke noch funktioniert: Die einzelne Heftausgabe als Klammer hat für viele Journale, wie etwa jene der Public Library of Science PLoS (plos.org), ausgedient. Ausgedient haben teils auch schon Dokumente, die, einmal publiziert, nicht mehr geändert werden dürfen. Die Digitalisierung der Wissenschaft ermöglicht lebendige, sich stets fortentwickelnde Artikel oder sogar Liquid Journals, in denen Artikel Aktualisierungs- oder Verbesserungsprozessen unterliegen und in denen dennoch über eine Versionsverwaltung die Zitierfähigkeit jeder einzelnen Fassung des Textes gesichert ist.

Plagiate als Offenbarung

Andere Modelle beschreiben zusammengesetzte Texte oder compound objects: Artikel, in denen der ursprüngliche Beitrag der publizierenden Autoren nur das Gerüst bildet, und in die dann erst über das Netz Grafiken, multimediale Animationen und Visualierungen sowie Textbausteine anderer Dokumente eingebunden und zitiert werden. Solche zusammengesetzte Objekte erfordern natürlich, dass jedes einzelne sinntragende Element eines Dokuments online für sich allein adressierbar ist, um in einem zusammengesetzten Text Verwendung zu finden. Hinzu kommen Formen kollaborativer Zusammenarbeit, sei es in virtuellen Forschungsumgebungen (siehe Kasten) oder beim gemeinschaftlichen Verfassen von Dokumenten im Wikipedia-Stil.

Nicht alle der beschriebenen Szenarien und Techniken werden in den unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen schon gleichermaßen akzeptiert und genutzt. Dennoch ist die Tendenz zu Offenheit, Transparenz und Kollaboration und gleichsam der Abkehr von isolierten Informationseinheiten und isoliertem Arbeiten nicht zu leugnen.

Die jüngst öffentlich gewordenen Fälle plagiierter Dissertationen unter Politikern liefern ihrerseits Argumente für eine Open Science, denn in einer transparenten Wissenschaft hätte man so ein Fehlverhalten weit früher enttarnt, wenn nicht gar verhindert. Sie offenbaren allerdings noch mehr – wenn man denn die Frage stellt, ob der Promotionsvorgang in Deutschland ein hartnäckig isolierter, der Open Science zuwider laufender Forschungs- und Publikationsprozess sein muss. Immanuel Kant verbrachte den Großteil seines Lebens in Königsberg und analysierte, in sich gekehrt, von dort die Welt. Aber warum im Jahr 2011 Promovenden drei, fünf oder mehr Jahre in einer Stube oder ihrem Labor sitzen sollen, eifrig darauf bedacht, nicht zu viele Informationen über ihre Forschung preis zu geben, um ja nicht den Prioritätsanspruch ihrer Dissertation zu riskieren, leuchtet in einem Zeitalter der Open Science nicht ein. Die Isolation und oft verlangte Verschwiegenheit gegenüber der scientific community sabotieren die offene Diskussion von Forschungsideen und -designs mit Kollegen und verhindern letztlich auch die Verbesserung der Resultate. Das Konzept offener Forschung bewegt sich dem Promotionsablauf gegenüber diametral. Für das Polymath 1-Projekt etwa wurde via Blog (michaelnielsen.org/polymath1) für die gesamte Community und Welt das Density Hales-Jewett Theorem zur Bearbeitung freigegeben. Ergebnis: Innerhalb weniger Wochen hatten mehr als 40 Wissenschaftler das komplexe mathematische Theorem bewiesen.

Feudales Wissenschaftssystem

Nun mag ein solches Vorgehen die Qualität des offenen, vernetzten, kollaborativen Forschens (in dem es zugegebenermaßen schwer fallen kann, den Beitrag Einzelner zu erkennen) demonstrieren – für Promovenden ist das alles unerheblich, denn sie müssen sich am überkommenen Ideal des einsamen Genies orientieren, welches aus sich heraus Erkenntnisse produziert.

Aber nicht nur der Promotionsprozess, auch das Dokument der Dissertation gehört auf den Prüfstand. Gute Wissenschaftler waren oft auch Eklektiker, warum nicht diesen Talenten mehr Raum lassen, den monolithischen Charakter der Doktorarbeit revidieren und zusammengesetzte Dokumente mit vielleicht geringerem eigenen Anteil an Forschung, aber originellen Konzepten den Vorzug geben? Und auch der eigentliche Prüfungsakt, in Form einer Disputation oder eines Rigorosums, wirkt gemessen an den Möglichkeiten der Open Review Konzepte medioker. Letztlich scheint der gesamte Promotionsvorgang antiquiert. In Zeiten beschleunigter Forschung wirkt es unsinnig und verschwenderisch, Menschen dazu zu zwingen, sich viele Jahre nahezu engstirnig auf ein Thema zu fixieren. Warum den langwierigen, ineffektiven und formalen Promotionsvorgang nicht durch eine Art Zertifizierung ersetzen? Wer ausreichend Relevantes publiziert und geforscht hat oder auch erfolgreiche Open Science Prozesse und Projekte initiiert und geleitet hat, könnte anhand dieser Leistungen bewertet werden und einen akademischen Titel erlangen.

Was spricht dagegen? Die Qualitätssicherung nicht unbedingt, das beweisen die bekannten Plagiatsfälle. Eher stemmt sich das feudale deutsche Wissenschaftssystem dagegen, in dem von Doktoranden selten Selbständigkeit gefordert wird, und das sie stattdessen sozial und wirtschaftlich abhängig von ihren Doktorvätern und -müttern macht. Daher müssen ihre Dissertationen regelmäßig solange unter Verschluss bleiben, bis die Betreuer die Arbeiten ihrer Promovenden in möglichst viele Artikel aufgespalten und diese als Haupt- oder Ko-Autor in wissenschaftlichen Journalen publiziert haben.

Open Science sähe anders aus.

Ulrich Herb ist Wissenschaftsberater und Referent für elektronisches Publizieren an der Universität des Saarlandes

Ulrich Herb ist Wissenschaftsberater und Referent für elektronisches Publizieren an der Universität des Saarlandes

Kommentare (6)

Columbus 22.11.2011 | 13:45

Lieber Herr Herb,

Klar, das elektronische Publizieren erhöht die Chancen für die Erkennung von Plagiaten und ist selbst, wenn es frei und ohne extreme Kosten möglich ist, ein Antrieb für Wissenschaft und Forschung.

Doktoranden und überhaupt Forscher, sollten ihre Ergebnisse frühestmöglich öffentlich publizieren, damit sie schon im Prozess des Projektes auf Anregungen und Hinweise aus der Wissenschaftlergemeinde reagieren können. In diesem Sinne ist ihr Artikel ein sehr guter Hinweis.

Allerdings, "Wer ausreichend Relevantes publiziert und geforscht hat oder auch erfolgreiche Open Science Prozesse und Projekte initiiert und geleitet hat, könnte anhand dieser Leistungen bewertet werden und einen akademischen Titel erlangen.", ist nur schwer hinnehmbar.

Was nach dem "oder" steht, das hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Für Administration, Projektmanagment und Leitungsfunktionen braucht es keine wissenschaftlichen Titel, auch nicht über dubiose Gratifikationspunkte.

Klar, in der deutschen Hochschule kann z.B. in den Medienfächern, in den Journalistik Studiengängen, auch schon mit den Fernsehproduktionen aus der eigenen Berufstätigkeit und ein paar knappen Aufsätzen in berufsspezifischen Blättern eine C-4 Professur an der Volluniversität erreicht werden. Aber schlechte Beispiele sollten nicht zur Mode werden. Das wäre dann der Morbus NRWetikus sive Saarlandikus der Wissenschaften.

Ein zweiter Sachverhalt schreit nach Korrektur.

"Immanuel Kant verbrachte den Großteil seines Lebens in Königsberg und analysierte, in sich gekehrt, von dort die Welt."

Das wird zwar immer noch im Small Talk kolportiert, ist aber grundfalsch. Kant war zwar reisefaul, aber trotzdem ein bemerkenswert gut und allgemein informierter Philosoph, der zudem wesentliche Ansätze seiner Arbeiten aus dem Wissen um neue Sachverhalte in der Physik, in der Anthropologie, in den Geisteswissenschaften, aufbaute. Er erwies sich dazu als ein gesuchter Gesprächspartner und, trotz sehr trockenen Humors, als beliebter Hochschullehrer. Man(n) kann das auch in Manfred Kühns Kant-Biografie (2003) nachlesen.

Die "geschlossenen Päckchen" Hirnnahrung der Denker und Wissenschaftler, wie es auch das Foto mit dem Kunstobjekt Roman Ondáks suggeriert, gab es schon seit der frühen Neuzeit nicht mehr. Gerade die im Foto gezeigten "Denkspeisen" und "Grundprodukte der Hirnnahrung", zeichneten sich durch ihre sehr gute Vernetzung auf dem Stand der Zeit aus. Denken Sie nur einmal an Freud!

Liebe Grüße
Christoph Leusch

h.yuren 22.11.2011 | 23:38

ein sehr erfrischender artikel, lieber ulrich herb. das alte brauchtum in den instituten, beispiel promotion, und die quasi-sakrale haltung im wissenschaftsbetrieb auch der neuen welt, hütet nicht den muff von tausend jahren, aber etwas in der richtung.
die neue verschulung der uni ist bestimmt der falsche weg.
habe Ihren artikel darum gern gelesen.

lg

h.yuren