Ralf Klausnitzer
01.08.2011 | 11:30 8

Endgültige Kapitalisierung

Hochschulpolitik Der Wettkampf um "Exzellenz" und "Elite" an deutschen Universitäten ist politisch gewollt. Was er alles anrichtet, zeigt eine Publikation des Soziologen Richard Münch

Wettbewerb motiviert und ermöglicht besondere Leistungen. Denn er beruht auf Vergleichen, in denen Qualitäten unter Beweis gestellt und nach festgelegten Regeln geprüft werden. Wettbewerb erzeugt aber auch Ungleichheit: Nur wenn jemand verliert, kann ein anderer gewinnen.

Das Prinzip des Wettstreits gilt auch in der Wissenschaft: Spätestens seit der Frühen Neuzeit müssen sich neue Ideen gegen überkommene Lehren durchsetzen und im Kampf der Argumente behaupten. Ausgetragen und entschieden wurde dieser Wettbewerb bislang von einer Gemeinschaft, deren Angehörige durch gemeinsame Einstellungen verbunden sind. Zu diesen normativen Überzeugungen gehören Prinzipien wie „Universalismus“ (Wahrheitsansprüche werden vorab formulierten, intersubjektiven Kriterien unterworfen) und „Kommunismus“ (Wissensansprüche sind öffentliches Eigentum), „Uneigennützigkeit“ und „organisierter Skeptizismus“.

Steuerungsinstrumente

Seit nun fast fünf Jahren hält ein anderer Wettkampf die deutschen Universitäten in Atem. Die politisch gewollte und durch finanzielle Anreize induzierte Konkurrenz um „Exzellenz“ und „Elite“ hat allerdings nur noch wenig mit argumentativen Auseinandersetzungen um innovative Thesen zu tun. Wie der namhafte Bamberger Soziologe Richard Münch in seiner jüngsten Publikation nachweist, zeigt dieser Wettbewerb ­etwas anderes: Er demonstriert die endgültige Kapitalisierung auch jener gesellschaftlichen Bereiche, die eigentlich dem Imperativ der zeit- und aufmerksamkeitsintensiven Wahrheitssuche folgen und nun aber nach dem Maßstab kurzfristiger Nutzenerwartung bewirtschaftet werden. Universitäten mutieren zu Unternehmen des akademischen Kapitalismus, wenn „Ranking“ und „Benchmarking“, „Monitoring“ und „Qualitätsmanagement“ zu politisch genutzten Steuerungsinstrumenten werden und letztlich ökonomisch über Wissenschaft entschieden wird.

Kern dieses Prozesses sind folgenschwere Umstellungen, die wissenschaftliche Leistungen in marktgängige Produkte unternehmerischer Universitäten verwandeln. Dabei wird die wissenschaftliche Gemeinschaft entmachtet und ihr (eigentlich ohne Sieger und Besiegte ablaufender) Wettstreit um Wissen und Methoden durch einen Kampf um materielles und symbolisches Kapital ersetzt. Die besondere Pointe dieses akademischen Kapitalismus besteht nach Münch nun darin, dass der medial vervielfältigte „Exzellenz“-Wettbewerb nur virtuell ist: Während im Marktwettbewerb – zumindest der Theorie nach – eine Vielzahl von Anbietern mit einer Vielzahl von Produkten um eine Vielzahl von Nachfragern mit einer Vielzahl von Bedürfnissen konkurrieren, und unterschiedliche Angebote durch einen Preismechanismus verglichen werden können, läuft der von neoliberalen Reformideen getragene Wettstreit um den Status als „Elite“ ohne Markt und entsprechende Preismechanismen ab. Statt mehrerer Anbieter und vieler Nachfrager gibt es hier verschiedene Universitäten und einen Nachfrager in zentraler Position: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit der staatlich alimentierten Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG; informiert durch Rating-Agenturen, die über Ranking-Verfahren genau jene Positionen ermitteln, nach denen dann wieder Gelder verteilt werden. Dabei entsteht eine „Marktillusion“: Obwohl Beobachter und beteiligte Akteure glauben, ihre Konkurrenz führe zu einer Leistungssteigerung und zu einer ähnlich optimalen Allokation von Angebot und Nachfrage wie beim Marktwettbewerb, streben sie doch primär nach Erfüllung jener Standards, die der zentral positionierte Nachfrager in Kennziffern ausdrückt. Mit anderen Worten: Die Vielfalt wissenschaftlicher Kreativität und didaktischer Vermittlung wird auf quantifizierbare Parameter eingeschränkt. Und diese vermeintlich messbaren Leistungsdefinitionen konditionieren ein Verhalten, das auf die Einhaltung feststehender Kennziffern ausgerichtet ist – und nicht auf eine Innovationen ­ermöglichende Bereitschaft zu unterschied­lichen Versuchen, von denen nur wenige zum Erfolg führen können.

Freistätten des Geistes

Den Akteur dieser Entwicklung benennt Münch deutlich. Es ist eine in Legislaturperioden und Wählerstimmen denkende Politik, die einem wirtschaftlichen Planungsfuror folgt und von ebenso kurzsichtigen wie kurzfristig interessierten Medien begleitet bzw. angetrieben wird. Die Konsequenzen sind fatal: In gewinnträchtige Forschung und Trend-Themen wird massiv investiert; risikoreiche Explorationen außerhalb großer Verbände oder erfolgreicher Elite-Universitäten bleiben unterfinanziert. Noch schwerer wiegen die Verluste für eine Gesellschaft, die nun auch die Universitäten als Freistätten des Geistes aufgibt und externen Kontrollen – ob von Unternehmensberatungen, Drittmittelspendern oder staatlichen Investoren – den Vorrang vor internen Zielen von Forschung und Lehre einräumt. Diesen in der jüngsten Vergangenheit bzw. gegenwärtig ablaufenden Prozessen scharfe Konturen zu geben, ist die Leistung von Münchs Publikation. Auf der Grundlage statistischer Daten beschreibt und deutet sie Umbauten, an denen wir Universitätsangehörige in mehrfacher Weise beteiligt sind: als Hochschullehrer, deren Forschungstätigkeit durch Kennziffern wie Drittmittelaufkommen oder Publikationsindizes evaluiert wird und die deshalb zunehmend weniger Zeit für ihre Studierenden haben. Als Medienbürger, die erleben müssen, wie Universitäten nach Merkmalen wie Exklusivität und Sichtbarkeit beurteilt werden. Und schließlich als Staatsbürger, für deren Risiken kein Bankenfonds eingerichtet oder Rettungsschirm aufgespannt wird. Als Intervention gegen das akademische Monopoly von heute sowie als Beitrag für eine Wissenschaftsgeschichte des 21. Jahrhunderts bleibt dieser Band zu empfehlen.

Akademischer Kapitalismus. Über die politische Ökonomie der HochschulreformRichard Münch Suhrkamp 2011, 456 S., 18

Kommentare (8)

gweberbv 01.08.2011 | 18:26

Die Messung von Leistung - in welchem Zusammenhang auch immer - stellt seit jeher ein Problem dar.

Sobald eine Organisation zu groß geworden ist, als dass sich alle Mitglieder aufgrund von Augenschein gegenseitig beurteilen und überwachen können, erfordert die interne Verwaltung und externe Darstellung normierte Verfahren, um die Leistungsfähigkeit bzw. das Funktionieren des Apparats beurteilen zu können.

Das Einführen solcher Kennziffern ist allerdings nur begrenzt möglich. Während beispielsweise im Hochleistungssport die Kennziffer mit der intendierten zu erbringenden Leistung identisch ist (Bestzeit, Ranglisten, etc.), lasssen sich solche Messinstrumente für die Betreuung pflegebedürftier Menschen viel weniger gut definieren und abfragen. Stattdessen kann der negative Effekt eintreten, dass statt der eigentlich gewünschen Tätigkeit eher das Erreichen von Kennziffern angestrebt wird.

Dieses Effekt wird im Artikel auch beschreiben. Allerdings meines Erachtens viel zu einseitig. Es ist keinesfalls so, dass erst die Exzellenzinitiative solche Strukturen in der staatlich finanzierten Forschung eingeführt hätte. Und es ist auch nicht denkbar, dass man ganz ohne diese Instrumente auskommen könnte. Ansonsten bliebe der Gesellschaft nur, den Forschern bzw. ihren Dachorganisation einen Betrag X zu überweisen und blind darauf zu vertrauen, dass diese intern schon die optimale Verteilung und Verwendung der Mittel organisieren werden.

Sascha Liebermann 02.08.2011 | 13:15

Der Beitrag hebt eine Seite der Veränderungen in den Universitäten heraus, ohne die andere einzubeziehen. Ob dies dem Buch von Richard Münch gerecht wird, kann ich nicht beurteilen; in früheren Publikationen allerdings hat auch Münch die Verantwortlichen beinahe ausschließlich außerhalb der Universität gesucht. Man kann es als Symptom der Kritik an den Veränderungen betrachten, dass sie wenig bis gar nichts über die Verantwortung in den Universitäten einschließlich der Professoren sagt. Dem Publikationsdruck, wie er schon lange beklagt wird, müssten sich Professoren, einmal im Amt, nicht beugen. Sie haben die Freiheit, dann zu publizieren, wenn sie es für angemessen halten. Das wäre ein einfaches Mittel, die Bedeutung der Publikationsmenge als Evaluationsgröße zu relativieren oder gar zu mindern. Dasselbe gilt für Drittmittel. Wer eine Professur inne hat, ist - zumindest in den Geistes- und Sozialwissenschaften - auf Drittmittel nicht angewiesen, um zu forschen und Freiräume zu bewahren. Wer sich auf den Drittmittelwettbewerb einlässt, gewinnt womöglich Mittel dazu, verliert aber auch Freiräume, da er nun Projekte samt Mitarbeitern zu leiten hat. Ein weiteres Beispiel sei erwähnt: Die Umsetzung der neuen Studiengänge erfolgte ebenfalls nicht in Ministerien. Der vorauseilende Gehorsam der Institute und Fachbereiche war gewaltig - da nützt der Widerstand Einzelner selbstverständlich nichts. Manche Missstände wie das Fortdauern des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (12-Jahresregelung) wird kaum mehr kritisiert. - Wer die Veränderungen in Universitäten und der gesamten Wissenschaftslandschaft erklären will, kommt nicht umhin zu fragen, woher der vorauseilende Gehorsam in den Universitäten - bei allem Druck von außen - kommt. Er stößt alsbald auf ein anderes Phänomen, das zur Erklärung viel beiträgt: einen Mangel an Kollegialität in der Community of Scientists, eine Kollegialität, die so stark ist, aus sich heraus Vorschläge für notwendige Veränderungen zu unterbreiten und so den Veränderern von außen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Das wurde versäumt und zwar schon lange.

tlacuache 02.08.2011 | 13:38

Ich war an der "Europeeaan buuiissnneessschoool"
Harr Harr Harr,
Die Dumpfbacken, die ich an "jener" kennengelernt habe, unterschreiten in "sozialer Kompetenz" um Lichtjahre alles, was mir auf meinem langen Lebensweg ueber den Weg gelaufen ist:
"This is the future", zum abkacken...
Wenn dass die "Zukunfstmastermindsschulen" sind, da koennen wir gleich ein Hartz IV Antrag in China stellen, damit "unsere" Renten gesichert sind...

gweberbv 02.08.2011 | 15:05

@Sascha Liebermann

"Dem Publikationsdruck, wie er schon lange beklagt wird, müssten sich Professoren, einmal im Amt, nicht beugen. Sie haben die Freiheit, dann zu publizieren, wenn sie es für angemessen halten. Das wäre ein einfaches Mittel, die Bedeutung der Publikationsmenge als Evaluationsgröße zu relativieren oder gar zu mindern. Dasselbe gilt für Drittmittel. Wer eine Professur inne hat, ist - zumindest in den Geistes- und Sozialwissenschaften - auf Drittmittel nicht angewiesen, um zu forschen und Freiräume zu bewahren. Wer sich auf den Drittmittelwettbewerb einlässt, gewinnt womöglich Mittel dazu, verliert aber auch Freiräume, da er nun Projekte samt Mitarbeitern zu leiten hat."

Na, das stelle ich mir aber als ein trauriges, unbefriedigendes Forscherleben vor. Ohne Moos, nix los.