Endkampf der Aufklärung

Besessene aus dem Gebrauchttextfundus Georg Klein und sein neuer Roman "Barbar Rosa"

Ein Schritt in die Luft. Das Foto auf dem Umschlag wirkt wie ein Standbild aus einem alten Kommissar-Film. Ein Mann im dunklen Trenchcoat steigt offenbar aus einem Bus oder einer Straßenbahn. In der rechten Hand hält er eine Papiertüte. Das Bild hält den Moment fest, wo der rechte Fuß noch im Leeren hängt, bevor er auf den Asphalt aufsetzt. Georg Kleins neuer, in diesem Frühjahr erschienener Roman Barbar Rosa heißt nicht umsonst im Untertitel Eine Detektivgeschichte. Denn genau in dem Schwebezustand zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, Realem und Irrealem, der die Faszination noch des trivialsten Verbrechens ausmacht, scheint auch die Kunst des 1953 in Augsburg geborenen Schriftstellers angesiedelt, der lange in Berlin lebte und seit ein paar Jahren in einem Refugium an der Küste in Nordfriesland zu Hause ist.

"Leser verlesen Text realistisch. Fast alle Leser, die ich kenne, brauchen eine Realismussuggestion" hat Georg Klein einmal über die Bedingung erfolgreichen Schreibens gesagt. So wie der Schriftsteller hier einer konservative Rezeptionsästhetik hofiert, klingt das wie die Ankündigung der Kapitulation vor dem Bestehenden. Sofort ersteht ein altes Gespenst, das Desaster des idealistischen Realismus des sozialliberalen Weltverbesserers Johannes Mario Simmel vor unseren Augen. Und in der Tat scheinen Kleins Text so präzise und detailscharf konturiert wie gute Schwarzweiß-Fotografie. Und sie nehmen, wie schon in dem 1998 erschienen Roman Libidissi (Freitag 50/98) oder dem 1999 erschienenen Erzählungsband Die Anrufung des blinden Fisches (Freitag 18/2000) unverhohlen Anleihen auf bei der Gothic-Novel und bei zeitgenössischen Horror- und suspense-Autoren wie Stephen King. Auch in diesem Roman gibt es die dazugehörige, realistischste Anschauung satt. Bis in die letzte eklige Pustel meint man den verwahrlosten, allergiekranken Detektiv Mühler vor Augen zu haben, der da von seinem alten Klassenkameraden Hannsi, Chef einer kafkaesken "Hauptverwaltung", den Auftrag erhält, einen verschwundenen Geldtransporter wieder zu finden. Zwar verrätselt Klein manchmal etwas penetrant. Das Wort "vag" findet man etwas zu häufig in diesem Buch. Virtuos hantiert er jedoch mit den Versatzstücken des klassischen Detektivromans: eines abends wird Mühler durch den Briefschlitz ein Geldbündel zugesteckt. Doch diese Magneten des Leserinteresses sind nur Köder, um die Realität ad absurdum zu führen. Denn eigentlich demontiert der Autor das Sinnbild des glasklaren Indizienbeweises und der rationalen Aufhellung. Statt auf exakte Methoden verlässt sich Mühler auf Intuition und Zufallsfunde wie eine Visitenkarte. Demontiert wird dann aber mit den allerrealistischsten Mitteln. Denn der Strudel von Abnormitäten und Abstrusitäten, in den sich dieser antriebsarme, impotente und begriffsstutzige Held, eher Opfer der Entwicklung, als ihr Beherrscher, immer mehr verstrickt, das Delirium aus Realität und Wahn, in das er da hineinstolpert, ein nicht ganz neues postmodernes Sinnbild für eine Welt ohne Zusammenhang, ist mikroskopisch genau ausgeleuchtet.

Dabei wähnt man sich in Kleins Roman wie in einem Edgar-Wallace-Kriminalfilm, wo Klaus Kinski oder Elisabeth Flickenschildt sich vor den Toten Augen von London oder dem Hexer fürchten oder mit ihm paktieren. Kleins Schauplätze sehen Wallace`s Hafenschänken oder Kirchenhäusern mit Geheimausgang in die Unterwelt verblüffend ähnlich. In Libidissi lungerte der westliche Geheimagent Spaik in einem verfallenen Dampfbad im Nahen Osten herum. In dem Erzählband Die Anrufung des blinden Fisches stattet er den "Rohrbilddeuter" Smitt mit einer Obsession für die Kanalisation aus. In Barbar Rosa gibt es, wie bei Wallace, ein Armenblindenheim, aus dem der, zu seiner sexuellen Entspannung eine ominöse "jüngste Ware" suchende Mühler von einem brutalen Bademeister herausgeworfen wird. Bei den monströsen plots lässt Klein einer obszönen Phantasie freie Bahn. Bei ihren Kulissen begnügt sich der Liebhaber der imaginationsfördernden Andeutung mit den nötigsten Umrissen. Seinem sinisteren Berlin der nahen Zukunft genügen ein paar Hochbahnstreben, Kanäle und geborstene Telefonhäuschen. Vor und hinter sie kann der Leser die eigenen Schrecken projizieren. An dem Kontrast von Naturalistisch-Alltäglichem und Phantastischem erkennt man den Wiedergänger der Schwarzen Romantik. Doch wie Georg Klein das Genre nutzt, um die Nanosekunde dazwischen zeitgenössisch neu auszuloten, sie zu einem düsteren Energiefeld von magischer Anziehungskraft zu bündeln versucht, - das macht ihm im deutschen Sprachraum derzeit kaum jemand nach.

Seit der Romantik spiegeln Schauerromane die verdrängten Ängste ihrer Gesellschaft. Die Helden von Kleins schwarzen Geschichten bewegen sich in den Labyrinthen der Zivilisation, weiden ihre Hinterlassenschaften aus oder betätigen sich als Resteverwerter des technologischen Fortschritts. Die "zart vernarbte" Rollbahn in der Erzählung Gugu, das "smogzerfressene Fries" des Altenblindenheims - zusammen mit den unmerklich erodierten Oberflächen und den verlassenen Orten, die im gesamten Werk Georg Kleins auftauchen, evozieren sie die Ahnung eines Zivilisationsbruchs, einer nahen oder zurückliegenden Katastrophe. Sie wird nicht beim Namen genannt und hängt als Geheimnis über der Szenerie. War es in Libidissi der Kampf der Kulturen und der Geschlechter, der hinter der Spionagekulisse schimmerte, ist in Barbar Rosa eine explosive Mixtur zeitgenössischer Gesellschaftsprobleme zu einem Szenario zusammengeschmolzen: Bandenkriminalität, Einwanderung, das realitätsverdrängende Medienuniversum und die allgegenwärtige Sucht. "Sucko" heißt der zähe Brei, den von Suckodezernaten wie zu Hochzeiten der Prohibition ausgehobene Siedereien immer wieder herstellen. In warmen Spirituosen aufgelöst dient er als Alkoholverstärker. Die Detektivgeschichte, die sich verdunkelt, statt aufhellt. Das dunklen Leidenschaften ergebene Personal. Das alte Hallenbad, in das Mühler schließlich gerät. Mit allen Strängen verdichtet sich dieses Buch zum Symbol dessen, was Mühler empfindet, als er sich die Stockwerke emporarbeitet, um schließlich aus einer geborstenen Dachkuppel zu blicken: Der Endkampf der Aufklärung. Immer und überall scheint aber auch in diesem Werk Kleins Projekt einer massenkulturellen Erdung von Kunst, von Literatur auf. Eine erste Anregung zur Aufklärung des Falls holt sich Mühler im "Gebrauchttextfundus" der Ilbich-Brüder. Das skurrile Paar hortet in einem aufgegebenen Parkhaus in Berlin uralte Pornomagazine und Comic-Heftchen. Die Bemerkung einer Kundin, dass die Sätze darin "mit erlesenen Wörtern und ausgefallenen Wendungen wie garniert" seien, ist Kleins versteckter Hinweis auf die Micky-Maus-Hefte, die die deutsche Germanistin Erika Fuchs nach dem Krieg in Deutschland mit Versatzstücken deutschen Bildungsgutes zu verkulteten Hybriden adelte. Ihr berufenster Dechiffreur, Patrick Bahners, ist heute Chef des FAZ-Feuilletons. Diese subtilen Hinweise auf den Humus, auf dem das Kulturverständnis und die Kunstanstrengungen der heute um die Vierzigjährigen gediehen, heben dann ab zum postmodernen Vexierspiel. Und der Spruch von dem "Spätberufenen als das Salz im Eintopf des Berufs", mit der Klein den Mumienkünstler Bertini Mühlers urinophilen Freund Kurti charakterisieren lässt, sind Zitate zur eigenen Autorenexistenz und Reflexionen über das Schreiben.

Neu erden will Klein auch die deutsche Sprache. Sein merkwürdig altfränkischer Duktus, die verschraubte Syntax und seine oft verschrobene Wortwahl kennzeichnen einen Autor, der das Deutsche bis in seine entlegensten Vokabeln wiederbeleben möchte. "Man muss das Deutsche stark machen" forderte er vor kurzem im taz-Interview. Wie er es potent machen will, ohne es abzudichten, erklärte er nicht. Manchmal glaubt man, es zu erkennen. "Einer, der sich dergleichen irgendwo erliest" - so schreibt Klein gegen das "Imperium der amerikanischen Zunge" und gerät dabei manchmal an die Grenze des unfreiwillig Komischen. Vor der Herrschaft des amerikanischen Sounds warnte er kürzlich erneut in einer Rezension des neuesten Romans Duddits seines Vorbildes Stephen King. Die Klage über die Überfremdung des Deutschen ist nicht neu. Doch wo verläuft die Grenze zwischen der ästhetischen Selbstbehauptung Deutschlands und neurechter Strategie im Kulturkampf? Das zu diskutieren, böte Kleins Werk Anlass. Hegte nicht schon der Geheimagent in Libidissi eine seltsame Erlösungshoffnung? Will Spaik das wie Barbarossa in Bann geschlagene deutsche Wesen befreien, wenn er am Ende einer Verfolgungsjagd seinem rassistischen Arzt, dem Amerikaner Zinally mit erhobener Hand und dem dazugehörenden "altertümelnden einsilbigen deutschen Grußwort" gegenübertritt, "das uns - wäre es der historischen Bosheit wieder entrissen - wie kein zweites mit dem Leben in Einklang zu setzen verstünde."?

Latenter Essentialismus grundiert auch Kleins Geschlechterverständnis. "Ich schreibe täglich als Mann" ließ er sich im vergangenen Jahr beim Klagenfurter Literaturwettbewerb vernehmen. "Geschlecht ist Schicksal" wiederholte er im taz-Interview. Und in der Tat meint man seinen ausdünstenden und das Geschlecht befühlenden Männerfiguren oft unangenehm nahe. Der sinnliche Vorteil für die Literatur liegt auf der Hand. Aber sind Geschlecht und Sprache so eindeutige Größen?

Kleins Roman entstand vor zehn Jahren. Jahrelang nahm aber von dem scheinbar unzeitgemäßen Schreiber niemand eine Zeile. So lag das Elaborat in der Schublade. So sehr man auch in ihm Kleins tabulose Einfälle bewundert. Das jetzt veröffentlichte Manuskript des verspätet in die vordersten Reihen der deutschen Literatur Aufgestiegenen zeigt aber auch noch deutlich die Schwächen seines literarischen Verfahrens. In ihrem Übermaß wirkt Kleins Motivspielerei noch ziellos, aufgesetzt und überdreht. Und mit der Farbe Rosa legt er in diesem Roman nicht zum ersten Mal eine semiotische Spur. Mal verspritzt er sie als Lack auf Autos oder Geldscheine, mal tönt er damit die aufkeimende Morgenröte. Offenbar läuft auch ein ästhetischer Kalkulationskünstler, das eine so straffe Spannungs- und Erzählökonomie beherrscht, Gefahr, sein Werk kräftig überzustilisieren. Zum Schluss sieht diese black-box romantischer Mythen und Requisiten, dieses verschachtelte Blendwerk aus Geheimnis und Häßlichkeit aus wie der über und über mit Büscheln aus zerschnittenen Geldscheinen befiederte Transporter, den Mühler schließlich in einem leeren Schwimmbassin findet. Vorsicht! muss man dem Liebhaber eines manierierten Detailfetischismus zurufen. Vom verborgenen Abgrund des Realen bis zum offenen des Kunsthandwerks ist es auch nur ein Schritt.

Georg Klein: Barbar Rosa. Eine Detektivgeschichte. Alexander Fest-Verlag, Berlin 2001, 203 S., 38,- DM

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00:00 08.06.2001

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