Endlich etwas Eigenes

Verfallsdatum Neue Bücher zur Geschichte von Pop&Punk

In dem seit Anfang der siebziger Jahre in immer wieder aktualisierten Neuauflagen von insgesamt mehreren hunderttausend Exemplaren verbreiteten Rocklexikon (rororo) konnte man noch 1998 folgende Zeilen lesen: "Als Stooges (›Strohpuppen‹) führten sie unverändert dreisten Dilettantismus vor. Die Gitarristen nudelten läppische Wah-Wah-Effekte herunter, der Drummer knallte sein Minimal-Repertoire dazu, und Iggy kreischte wie ein verunglückter Mick Jagger". Die Rede ist von der 1968 gegründeten Proto-Punkband Iggy Pop and the Stooges, deren maßgeblicher Einfluss auf die Entwicklung der Rockmusik sich erst einige Jahre später bemerkbar machen sollte.

Dass die Autoren des Rocklexikons mehr als zwei Jahrzehnte nach Aufkommen des Punk-Phänomens ungerührt an ihrem hämischen Urteil über die Gruppe, das sich so formuliert bereits 1973 in der ersten Ausgabe des Nachschlagewerkes fand, festhielten, spricht für das Beharrungsvermögen einer Generation, die ihre popmusikalische Sozialisation in den sechziger Jahren erlebte. Wer die "außerordentliche Klangkreativität" der musikalischen Kunstgewerbler Emerson, Lake Palmer preist, dem können narzisstische Krachfabrikanten wie Iggy Pop oder die im Transvestitenlook auftretenden New York Dolls nur fremd bleiben. Und das extravagante Bühnenoutfit der Dolls muss herhalten, um die Band auf ihren Sensationswert zu reduzieren. Musikalisch nämlich, so weiß das Lexikon, "war das Produkt der Gruppe weit dürftiger".

Anders erging es einem jungen englischen Gitarristen namens Mick Jones, der später mit den Punk-Pionieren von The Clash Karriere machen sollte: "Als die New York Dolls zum ersten Mal rüberkamen, spielten sie im Juli 1972 mit den Faces im Wembley Empire. Ein Jahr nach ihrem legendären Auftritt im ›Old Grey Whistle Test‹. Seit ich Johnny Thunders gesehen hatte, hat es mich gepackt. Durch die Dolls wurde mein Kleidungsstil auch etwas schräger. Erst stand ich auf diesen Hippie-Underground, dann auf den etwas eleganteren Stil von den Faces und Mott, dann war ich den Dolls verfallen und von dort aus ging es dann auch schon geradewegs zu den Pistols."

Punk veränderte alles

Was Jones hier zu Protokoll gibt, ist die Kurzfassung einer Abgrenzungsgeschichte. Wer Anfang der siebziger Jahre jung und stilbewusst war, musste sich als verspäteter Hippie einfach komisch vorkommen. Aber passendere Vorbilder waren rar. Also dauerte es noch einige Jahre, bis der Generation der in den fünfziger Jahren Geborenen ihr eigenes Erweckungserlebnis zuteil werden sollte. In den Worten des englischen Journalisten und Musikers John Robb, der in seinem Buch Punkrock. Die ganze Geschichte Statements von Protagonisten der Bewegung zusammengestellt hat: "Punk veränderte alles. Nicht nur unsere Hosen. Unser Leben. Vor Punk waren wir eine Generation, die noch auf ihren Soundtrack wartete. Die Sechziger hingen wie ein Nebel im Raum, eine Party von der jeder gehört hatte, aber zu der keiner hätte gehen können. In den frühen Siebzigern gar es zwar auch großartige Musik, aber wir wollten endlich etwas Eigenes."

Doch das war ein Problem. Schließlich hatten die Hippies in ihrem Aufbegehren gegen die bürgerliche Gesellschaft Maßstäbe gesetzt. Sie waren das "lebende Gegenteil zur betäubenden Langeweile der US-Konsumgesellschaft mit ihren anonymen Vorstädten, Doppelbetten, einheitlichen Autos, Verblödung durch Fernsehserien, dem Blick durch geblümte Gardinen auf die identisch geblümten Gardinen der Nachbarn" gewesen, wie der Zeitzeuge Barry Miles in seinem großformatigen Bildband Hippies meint.

Allerdings war ein halbes Jahrzehnt nach dem sogenannten "Sommer der Liebe" des Jahres 1967 auch nicht mehr viel über von den Idealen der "Blumenkinder", wie sie, fast liebevoll, die Medien des "Establishments" getauft hatten. Nüchtern stellt der Musikproduzent Joe Boyd (Pink Floyd, Fairport Convention, Nick Drake) in seinen Memoiren White Bicycles fest: "Die Annahme, dass Sex, Drogen und Musik die Welt verändern könnten, war immer ein ziemlich naiver Traum gewesen. Während der Einfluss der Gegenkultur auf den Mainstream zunahm, zerfielen deren eigene Werte und ästhetische Grundsätze."

Boyd datiert das gefühlte Ende der sechziger Jahre auf den Oktober 1973, als die Ölkrise das scheinbare Ende der "Überflussgesellschaft" markierte. Aber eigentlich war schon viel früher klar, dass auch die Hippierevolution ihre Kinder fressen würde. "Im Jahre 1969", so der britische Soziologe Mike Brake, "bevölkerten 100.000 von zuhause ausgerissene Teenager Haight Ashbury, die Hippie-Enklave in San Francisco. Es kam zu Vergewaltigungen und anderen Übergriffen. Die Parias der Gegenkultur wurden von ihren Brüdern und Schwestern beklaut und man drehte ihnen schlechte Drogen an, während die Pfiffigeren mit Open Air-Konzerten Profit machten."

Das alte Spiel also. Vielleicht machten die Punks der ersten Stunde schon deshalb von vornherein einen zynischeren Eindruck als die Hippies. Die zur Schau gestellte Aggressivität war schließlich ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal, was ein Grund dafür sein mag, auch heute noch die entsprechenden Klischees sorgsam zu pflegen. "Großen Einfluss auf den Punk hatte auch die Hippie-Bewegung, weil sie den frühen Punk-Helden ein Feindbild lieferte", lernen wir beispielsweise von dem Autorenduo Stephen Colegrave und Chris Sullivan. Dessen, wie Barry Miles´ Hippies in der Collection Rolf Heyne erschienener Bildband Punk präsentiert sich als eine Art edel ausgestattetes Familienalbum, das arrivierte Ex-Poprevoluzzer an die Zeiten erinnert, als man sich noch jung, wild und gefährlich fühlen durfte. (Stephen Colegrave arbeitet laut Klappentext heute in führender Stellung bei dem Werbegiganten Saatchi Saatchi.)

John Robbs "Oral History" des Punks hingegen kommt als dickleibiges graues Paperback daher, und dies scheint dem Gegenstand auch angemessener. Zumal der Inhalt für manche Überraschung gut ist. Schauen wir nur einmal, was Keith Levene, der immerhin bei den Clash und bei Public Image Ltd. Gitarre spielte, über seine musikalischen Einflüsse erzählt: "Ich habe mich immer für Musik begeistert. ... Das gipfelte schließlich in Yes, die ich total vergötterte. ... Als Yes in London im Rainbow spielte, bin ich auf alle fünf Konzerte in Folge gegangen. ... Alle diese Shows waren ein Traum." Man glaubt es kaum, aber ein maßgeblicher Protagonist des Punkrock zeigt sich hier als Verehrer einer Band, die es später als Inbegriff des so genannten Art-Rock zu verabscheuen galt. Und er steht nicht allein: Captain Sensible (The Damned) bekennt sich zu Pink Floyd, und Marc Riley (The Fall) gesteht seine geheime Leidenschaft für Genesis zu den Zeiten Peter Gabriels.

Die Legende von den Deklassierten

Als Leser kann man nur dankbar für solche Aufklärung sein und liest deshalb auch gerne über so manche Redundanzen, die bei über 500 Seiten vielleicht unvermeidbar sind, hinweg. Denn die Geschichten ähneln sich. Gleichgesinnte finden zusammen, entdecken, dass sie einen ähnlichen Musikgeschmack haben, studieren ein paar Stücke ein und treten vor einem nicht selten mit Unverständnis reagierenden Publikum auf. Interessant ist allerdings, dass viele der frühen Punkbands in Jahren guter britischer Tradition dem Milieu der Kunstschulen entstammten. So wird die auch heute noch gerne kolportierte Behauptung, es hätte sich in den brachialen Drei-Akkord-Hymnen vor allem die Unzufriedenheit der sozial Deklassierten artikuliert, so ganz nebenbei ins Reich der Legenden verwiesen. (Wahrscheinlich tanzten viele englische Arbeiterjugendliche, ähnlich wie in Deutschland, in den siebziger Jahren lieber zu Diskomusik. 1977 war schließlich das große Jahr von Saturday Night Fever und die Falsettstimmen der BeeGees konnte man erheblich häufiger hören als das sägende Organ des Sex-Pistols-Frontmanns Johnny Lydon.)

Drei Jahrzehnte später fällt vor allem auf, wie kurz die Blütezeit der Rockmusik war. Von den Anfangserfolgen der Beatles bis zum Abklingen der Punkwelle vergingen gerade mal fünfzehn Jahre. Und zwischen Woodstock und dem ersten Auftritt der Sex Pistols am 6. November 1975 im St. Martin´s College (!) in London sollten nur wenig mehr sechs Jahre vergehen.

Heute ist das alles Geschichte, die natürlich gerne immer wieder umgeschrieben wird. "Bereits um 1980 hatte der Punk Rock seine Kraft verloren", konstatierte 1998, nicht ohne einen selbstzufriedenen Unterton, das bereits zitierte Rocklexikon, während Punk-Enthusiast John Robb im Nachwort zu seinem Interviewband die immerwährende Jugend seiner Lieblingsmusik beschwört: "Punk hat kein Verfallsdatum, er wird nie alt. Er ist die ultimative Form des Rock´n´Roll. Er schuf sich seine Regeln, wie es ihm passte. Musik von Menschen für Menschen, ein unsäglicher Krach - ein Grund zu leben."

Sie grölen herum

Da ist man natürlich versucht zu fragen, ob es nicht auch ein bisschen kleiner ginge. Doch tatsächlich ist Punk als Musik- und als Lebensform offenbar noch immer von ungebrochener Attraktivität für so manchen Nachgeborenen. Vergeblich wird man im heutigen Straßenbild nach jungen Wiedergängern der Hippies Ausschau halten, Punks hingegen sieht man nicht selten. Und sie provozieren noch immer, wie der Schriftsteller Wilhelm Genazino beobachtet hat: "Sie liegen und sitzen zu sechst oder siebt in den Eingängen der U-Bahnhöfe, neben sich halbvolle Bierflaschen, Hunde, Schlafsäcke und Schaumstoffunterlagen. Sie grölen herum, erzählen Witze, lachen laut, auch über Leute mit zu bravem Outfit, von denen sie sich doch Hilfe erhoffen. Sie geben sich Mühe, eine künstliche Lustigkeit hervorzubringen. ... Der ›normale‹ Angebettelte sieht in diesem Betteln eine Verletzung der Form, er fühlt sich habituell vereinnahmt. Man sollte, denkt er, aus dem Betteln doch bitte keine schräge Nummer machen. Warum gehen wir so schnell auf Distanz zu Hilfsbedürftigen? Wegen mangelnder Demut vor der eigenen Niederlage gehen auch die meisten tätowierten oder gepiercten Bettler leer aus." Mit Popmusik haben diese Szenen am Rande der Gesellschaft natürlich nichts mehr zu tun. Denn die, das weiß man seit den großen Tagen von "Love, Peace and Happiness" nur zu gut, kann ihre Versprechungen meist nicht halten. Und manch einer ist darüber gar nicht traurig.

Joe Boyd White Bicycles. Musik in den 60er Jahren. Aus dem Englischen von Wolfgang Müller. Kunstmann, München 2007. 348 S., 24,90 EUR

Stephen Colgrave Chris Sullivan Punk! Collection Rolf Heyne, München 2006, 400 S., 24,90 EUR

Wilhelm Genazino Momentweise betäubt. Über das Betteln. In: Schicht! Arbeitsreportagen für die Endzeit. Hrsg. von Johannes Ullmaier. Suhrkamp. Frankfurt am Main 2007. 417 S., 11,00 EUR

Barry Miles Hippies. Collection Rolf Heyne, München 2005. 380 S., 24,90 EUR

John Robb Punk Rock. Die ganze Geschichte Aus dem Englischen von Martin Büser und Chris Wilpert. Ventil, Mainz 2007, 524 S., 19,90 EUR

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00:00 11.04.2008

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