Endlich im Rampenlicht

Im Kino In "Standing in the Shadows of Motown" kommen die bislang namenlosen Detroit-Studiomusiker des legendären Motown-Labels zu Wort

Mitten in Detroit, das mit dem Niedergang der einst florierenden Autoindustrie wie zerbombt wirkt, steht ein weiß getünchtes Einfamilienhaus, das Motown-Museum. Für alle, die den einmaligen Motown-Sound lieben, ist der Besuch dieses Museums mehr als nur eine Pflicht. Die Besichtigung endet in einem kleinen Keller, der - verglichen mit dem heutigen Studiotechnik-Standard - mit sehr bescheidenen Aufnahmegeräten ausgestattet ist. Auf einer Tafel sieht man mit Kreide geschrieben: "5.30 h: Supremes, 10.30 h: Temptations". Ergriffen stellt man sich die Frage, ob die unzähligen Nummer-Eins-Hits tatsächlich hier in diesem Loch entstanden sind. Kaum einen Gedanken macht man sich dabei um die Namen derer, die damals auf diesen Stühlen gesessen haben - und nicht nur Stars wie Stevie Wonder, Smokey Robinson, The Temptations, Martha Reeves oder Marvin Gaye begleitet, sondern auch einen unvergleichlichen Sound geschaffen haben.

Der Dokumentarfilm Standing In The Shadows of Motown von Paul Justman setzt dieser Anonymität ein Ende und stellt uns dreizehn Musiker vor, die sich Funk Brothers nennen, und von 1959 bis 1970 quasi als Angestellte der Plattenfirma in unvergesslichen Songs wie My Girl, Cloud Nine oder What´s Going On den Ton angaben. Zwischen die Interviews setzt der Regisseur Ausschnitte aus Revival-Konzerten, bei denen jüngere Musiker wie Ben Harper, Me´Shell Ndegeocello oder Joan Osborne den Gesangspart übernehmen. Was im Übrigen eindeutig beweist, dass der Einfluss des Motown-Sounds auf die Popmusik noch immer nicht verebbt ist.

Sowohl die Stimme aus dem Off als auch die Funk Brothers selbst erzählen im Film nicht nur die Erfolgsgeschichten - wie sie an mehr Nummer-Eins-Hits mitwirkten als Elvis, die Rolling Stones, die Beach Boys und die Beatles zusammengenommen -, sondern auch, dass sie 1972 mit dem Umzug der Plattenfirma nach Los Angeles von einem Tag auf den anderen vor die Tür gesetzt wurden. Anekdoten aus dem damaligen Musikleben und die wiederkehrende Beschwörung, wie viel Spaß sie damals im Studio gehabt haben, wechseln sich auf diese Weise ab mit traurigen Kapiteln. James Jamerson zum Beispiel, der als erster Virtuose des elektrischen Basses gilt und als Urgestein der Motown-House-Band fast allen Hits den sagenhaften Groove-Stempel aufgedrückt hat, wurde nicht zur 25-jährigen Jubiläumsfeier der Plattenfirma eingeladen und musste sich seine Eintrittskarte selbst kaufen. In den Erzählungen der Funk Brothers vermischt sich nostalgisches Erinnern mit klaren Beschreibungen der harten Arbeitsbedingungen von damals auf eine Weise, die mit Bezeichnungen wie "Ausbeutung" oder "Sklaverei" nur unzureichend zu erfassen ist. Dass der Gründer und Vorsitzende von Motown, Berry Gordy Jr., in dieser Dokumentation gar nicht erst zu Wort kommt oder interviewt wird, spricht kritisch für sich selbst.

Berry Gordy Jr., damals ein junger erfolgreicher Songwriter, gründete die Plattenfirma Motown - in Anspielung auf den beinamen Detroits, Motortown - 1959, also in einer Zeit, in der die Stadt mit ihren starken Gewerkschaften sowie ihrer gesunden Wirtschaft nach dem Massenexodus in den zwanziger Jahren wegen der zahlreichen Jobs in den Autofirmen boomte. Unter den Afroamerikanern, die von Süden nach Norden gekommen waren, befanden sich auch viele junge Musiker. Berry Gordy Jr., der ein fast unheimliches Talent zum Entdecken von Starqualitäten besaß, erkannte rasch das Potential, das in den Künstlern und den Songs steckte. Er klapperte die Blues- und Jazzkneipen ab und suchte die Musiker für die Motown-House-Band einzeln aus.

Zwischen 1960-1970 landeten 357 von 535 Motown-Singles in den Popcharts, mehr als 100 kletterten auf Nummer Eins. Diese von simplen Harmonien und Melodien geprägten Hits, die mit großer technischer Perfektion gespielt waren, profitierten vor allem auch vom Jazz-Background der "anonymen" Studiomusiker. Während Gordy dafür sorgte, dass sich seine Stars zu Markenartikeln entwickelten, indem sie von eigens engagierten Trainern in Gesang, Bühnenpräsenz, Kleidung, Benehmen und Etikette und Umgang mit Ruhm unterrichtet wurden, blieben die Mitglieder der House Band unbekannt. Sie arbeiteten oft 22 Stunden am Tag und produzierten fast stündlich einen Hit. Die Legende besagt, dass sie zumindest am Anfang pro Song nur zehn Dollar bekamen. Nachdem Gordy dem Trend folgend 1972 mit seiner Firma nach Los Angeles gezogen war, erlangte die Plattenfirma nie wieder die Wirkung, die sie in Detroit ansässig entfaltet hatte. Obwohl Motown noch heute existiert und einige erfolgreiche Künstler wie Queen Latifa, Boyz II Men oder Stevie Wonder unter Vertrag hat, verkaufte Gordy vor einigen Jahren den Motown-Song-Katalog mit den Hits von damals für 109 Millionen Dollar an EMI.

Ein großer Verdienst des Motown-Labels bestand unter anderem darin, die Musik der Afroamerikaner einem breiten weißen Publikum bekannt zu machen. Gordy engagierte R, die bis dato von den großen Plattenfirmen wie Decca oder Columbia ignoriert wurden, einfach weil sie Afroamerikaner waren. Die Gründung von Motown beruhte auf der Tatsache, dass die afroamerikanischen Musiker in einer unabhängigen, ausschließlich von Schwarzen verwalteten Firma ihre eigene Musik kreieren konnten. Das gesamte erwirtschaftete Geld konnte wieder in das Geschäft investieren werden, um noch mehr Talente zu entwickeln und zu kultivieren.

Die Funk Brothers lamentieren in der Dokumentation zu Recht, dass man dreißig Jahre lang in dem Bestreben, den magischen Motown-Sound zu erklären, auf alles erdenkliche, wie die Kompositionen, den speziellen Detroit-Sound, oder den genialen Boss hinwies, aber niemals die Musiker erwähnte, die diese Musik schufen. Für den Erfolg der Plattenfirma kamen sicherlich einige glückliche Umstände zusammen, so dass man vom kreativen Zufall reden kann: die Tatsache, dass die Bigbands zu kostspielig wurden und der Bebop-Jazz nicht tanzbar war, dazu ein Mastermind wie Berry Gordy Jr., ausgewählte Songwriter wie Gordy, Smokey Robinson, Lamont Dozier und Eddie Holland, die gleichzeitig auch Produzenten waren, sowie ein seltenes Reservoir von großartigen Musikern und Sängern.

Standing In The Shadows of Motown gewann auf den einschlägigen Filmfestivals mehrere Preise. Die Funk Brothers haben bereits eine erfolgreiche US-Tour hinter sich und planen auch Europa mit ihren Konzerten zu beglücken. Im November 2002 deklarierte der Bürgermeister von Detroit den 15. November zum "Funk Brother´s Day" - den Motown-Musikern zu Ehren.

Standing In The Shadows of Motown. Regie: Paul Justman, Dokumentarfilm, 108 Min. USA 2002. Das Buch zum Film: Allen Slutsky. Standing In The Shadows of Motown. Verlag Hal Leonard, USA, 1991.

00:00 11.07.2003

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