Endlich Widerstand

Literatur Zeithistoriker Siegfried Prokop hielt minutiös fest, wie der Osten abgewickelt wurde. Und er wehrte sich erfolgreich
Endlich Widerstand
Der Palast der Skepsis wurde im Siegerland so bald als möglich eingeebnet

Foto: Blickwinkel/Imago Images

Wer ist Siegfried Prokop, der diesen umfangreichen – mehr als 600 Seiten umfassenden – Memoirenband vorgelegt hat? Nun, er ist einer der renommierten DDR-Zeithistoriker, der seit Ende der 1970er Jahre an der Berliner Humboldt-Universität lehrte. Thema seiner Vorlesungen war die deutsche Nachkriegsgeschichte und vor allem die Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik. Dazu erschienen bald auch erste Veröffentlichungen von ihm, nachdem Prokop früh einen Band zur westdeutschen Studentenbewegung, die Studie Studenten im Aufbruch: zur studentischen Opposition in der BRD von 1974, veröffentlicht hatte.

Nach der „Wende“ von 1989/90 geriet Siegfried Prokop in denselben Strudel von Diskriminierung und Abwicklung wie fast das gesamte ostdeutsche Hochschulpersonal in den geisteswissenschaftlichen Fächern. Prokop wehrte sich, klagte 1991 gegen seine Kündigung, die mit „fehlender persönlicher Eignung“ begründet worden war. Er überzeugte das Gericht von seinen Fähigkeiten, Geschichte zu lehren, unter anderem mit Zeugnissen seiner Gastprofessuren in Paris 1987, Moskau 1988 und Montreal 1991.

1996 nahm Prokop von der Humboldt-Universität Abschied, forschte aber von nun an umso intensiver zur DDR-Geschichte und machte seine gewonnenen Erkenntnisse in vielen Vorträgen und Publikationen, in stattlicher Zahl auch in wissenschaftlichen Zeitschriften und in Büchern, zum Thema DDR bekannt. 2010 kam der zweite Teil seines Buches zur Sozialgeschichte der DDR heraus. Prokop vollendete damit ein Projekt, das ihm nach der „Wende“ besonders wichtig geworden war. Nunmehr entschloss er sich, „ruhiger zu treten“, was ihm Zeit ließ, auf sein Leben zurückzublicken und sich um seine Memoiren zu kümmern.

Der Leser ist dabei

Welchen Weg hat Prokop gewählt, um über sein Leben und Schaffen in jenen turbulenten Jahrzehnten zu berichten, in denen die DDR entstand, kurz aufblühte und nach vier Jahrzehnten wieder von der Weltbühne verschwand und seitdem als „Beitrittsgebiet“ existiert? Der erste, ein Viertel des Bandes umfassende Teil seines Buches entspricht ganz unseren Vorstellungen von Memoirenliteratur: Geschildert werden Lebensabschnitte: Kindheit in Böhmen (er wurde 1940 geboren), Zwangsumsiedlung seiner Familie unmittelbar nach dem Kriege nach Mecklenburg, von dort zum Studium nach Ost-Berlin, wo er sich letztlich für das Fach Geschichte entschied. Nach dessen Abschluss folgte eine Karriere als Zeithistoriker, die 1983 mit einer Professur gekrönt wurde.

Eher ungewöhnlich für einen Memoirenband ist der zweite Teil, der drei Viertel seines Buches umfasst: In ihm hat Prokop seine – wie er sie nennt – „Tagebuchnotizen“ über einen Zeitraum von 20 Jahren (1983–2003) veröffentlicht. Diese Notizen enthalten Nachrichten über Ereignisse in seiner Familie, über seine Arbeit am Lehrstuhl und die Zeit nach seinem Ausscheiden aus der Humboldt-Universität. Sie enthalten Informationen über Freunde und Bekannte aus der Wissenschaft – Historiker aus Ost- und Westdeutschland und dem Ausland – und über seine und deren Meinungen zur geistigen und politischen Situation in der DDR beziehungsweise den neuen Bundesländern, mit der er versuchte, zurechtzukommen.

Im Unterschied zum ersten Teil des Buches, in dem der Autor auf sein Leben und seine Zeit aus heutiger Sicht zurückblickt und beurteilt, spiegeln die Tagebuchnotizen die seinerzeitigen Ereignisse. Wenn Prokop in seinen „Tagungsnotizen“ über Gespräche und Ereignisse berichtet und sie kommentiert, dann unmittelbar aus dem Geist jener ereignisreichen Tage. So notierte er zum Beispiel am 25. Dezember 1989, als Hans Modrow und Helmut Kohl, damals Regierungschefs der beiden deutschen Staaten, das seit 1961 geschlossene Brandenburger Tor an der Berliner Mauer wieder öffneten: „Im Westen wie Osten wird es zu einem nationalistischen Taumel kommen? Aber niemand weiß, wie es im nächsten Jahr weitergeht. Das alte Sozialismusmodell ist gescheitert – mit ihm auch die DDR? Das ist die Frage.“

Vor allem das Geschehen in den Jahren 1989/90 – die Darstellung umfasst etwa 100 Seiten des Buches – lässt sich beim Lesen von Prokops Bemerkungen zu den Ereignissen des Tages für den Leser fast unmittelbar miterleben. Diese „Tagesnotizen“ von Prokop enthalten über Stellungnahmen zum politischen Tagesgeschehen hinaus manch Privates, Bezugnahmen auf viele Ereignisse aus dem bald turbulent werdenden wissenschaftlichen Geschehen, aber auch – und das wird den Leser zweifellos auch interessieren – Hinweise auf die politischen Aktivitäten des Autors. Prokop war vor allem als Mitglied der „Alternativen Enquete-Kommission Deutsche Zeitgeschichte“ tätig, der es „um die Versachlichung der Geschichtsdebatte“ ging. Bei seinem Engagement hatte er mit jenen DDR-Persönlichkeiten zu tun, die sich der Reduzierung der Vereinigung auf einen bloßen „Anschluss“ des Ostens an den Westen widersetzten.

In diesem Zusammenhang berichtet er über den Philosophen Wolfgang Harich, dessen Nachfolger Prokop als Vorsitzender der Alternativen Enquete-Kommission 1994 wurde, und über den Schriftsteller Gerhard Zwerenz. Wegen der Stellung, die Prokop in der Öffentlichkeit einnahm, ergibt sich, wenn er berichtet, was er beobachtet und was ihn bewegt hat, beim Lesen der Notizen für den interessierten Leser mosaikartig ein anschauliches Bild der DDR, von ihrem politischen und geistigen Leben, wie man es heute kaum irgendwo nachlesen kann.

Generell ist es dem Autor in seinem Buch gelungen, sich weitgehend frei zu halten von allen Vorgaben, mit denen man heute die DDR zu betrachten hat, wenn man in der jetzigen Gesellschaft „ankommen“ will. Das trifft selbst auf jene Passagen zu, in denen er über die Behinderung seiner Forschungen durch staatliche und Parteiinstanzen der DDR berichtet. So wurde er, um einmal eines der vielen in seinen Memoiren behandelten Ereignisse aus seinem Berufsleben zu nennen, Anfang der 1980er Jahre bezichtigt, in einem Beitrag für die renommierte Zeitschrift für Geschichtswissenschaft der DDR „nur Stagnation und Rückschritte der DDR behandelt zu haben, wo es doch auf die Darstellung der Erfolge und Fortschritte ankomme“. Wie Prokop darauf reagiert hat, wer von seinen Kollegen in seinem Kampf mit den Instanzen gegen ihn auftrat und wer ihn nachdrücklich unterstützte, wird besonders im Kapitel „Probleme der Forschungsprofilierung“ von Prokop bemerkenswert sachlich, man möchte fast sagen unparteiisch, dargestellt.

Siegesherrlichkeit des Westens

Diese äußerst sachliche Haltung einzunehmen, ist Prokop in seinem Buch an jenen Stellen dann doch nicht mehr gelungen, wo er schildert, was er und andere Geisteswissenschaftler der DDR erleben mussten, als sich das westdeutsche Establishment Ende 1989 dazu entschloss, das ostdeutsche Hochschulwesen in das westdeutsche zu „integrieren“: „Die Siegesherrlichkeit der bis auf die Knochen verdorbenen Politklasse des Westen und der ihr zum Munde redenden Denunzianten des Ostens konnten penetranter nicht sein … Es gab wie im Western nur noch das Gut-Böse-Raster; tausendfach verstärkt durch die weithin einheitlich argumentierenden, westdominierten Medien“ schreibt er aufgebracht.

Prokop beließ es nicht bei seiner Abscheu im stillen Kämmerlein. Er wurde in der von Ostdeutschen gegründeten „Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde“ (GBM) aktiv. „Der Besatzermentalität wurde endlich Widerstand entgegengesetzt und die Interessen von Ostdeutschen artikuliert“, umreißt Prokop sichtlich befriedigt deren Tätigkeit in seinem Memoirenbuch.

Um den von mir bei der Lektüre von Prokops Buch gewonnenen Eindruck zusammenzufassen: Für diejenigen, die wissen wollen, was in der DDR wirklich geschah, wie und warum es dazu kam, dass sie unterging, und warum die Ostdeutschen bis heute mit der Art, wie die „Wiedervereinigung“ an ihnen vollzogen wurde, hadern, dürften seine Memoiren über die ostdeutsche Geisteswissenschaftler-Szene vor und nach 1990 von besonderem Interesse sein.

Info

Betrogen von der „Wende“. Mein Leben in Böhmen, der SBZ/DDR und im Beitrittsgebiet. Tagesnotizen von 1983 bis 2003 Siegfried Prokop verlag am park 2020, 618 S., 22 €

Der 1940 in Berlin geborene Wirtschaftshistoriker Jörg Roesler war Professor an der HU Berlin und bis 1995 Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung. Roesler ist Mitglied der Historischen Kommission der Partei Die Linke

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