Endlich wieder Besoffenen zuhören

Ausstellungen Nun kann man wieder Kunst bewundern. Aber sie spricht auch zu einem: in Form ihrer Erschaffer, die sich erklären wollen
Endlich wieder Besoffenen zuhören
Auf die Kunst!

Foto: Fairfax Media/Getty Images

Nun kann man wieder in die Kunst gehen. Aber vielleicht noch besser: Die Kunst kommt wieder zu einem. In Form eines Zufalls. Steht sie an der Bar. Sitzt er am Nebentisch. Wurden sie ebenfalls zur Party eingeladen. Künstler. Die, die zu Interviews gebeten werden und die man deswegen gerne belauscht, und die, die als nicht wichtig genug gelten und die man deswegen das erste Mal spricht.

Kürzlichst bog der Zufall um die Ecke, auf dem Weg nach Hause. Bekannte hatten diese Künstler kennengelernt. Aus der Kneipe mit nach Hause nehmen. Mich an der Straßenecke auflesen. Alles wieder möglich. Es war sicher nicht die erste Flasche Wein, die getrunken worden war, Fragen wurden wiederholt gestellt, weil der nächste Gedanke schon rauswollte, bevor die Antwort gegeben war.

E. arbeitet für eine Galerie, eine kleine. Was er dort mache, war die Frage. Und die Antwort war, dass er den Künstlern bei der Produktion ihrer Werke helfe. Er stelle Kunstwerke her für andere. Niemand fragte was. Er sehe sich als Übersetzer, sagte E., und alle nickten anerkennend. Und was, wenn er sie falsch verstehe?

Aber da kam E. nun irgendwie auf Lu Märten zu sprechen. Die werde gerade wiederentdeckt, sagte er. Kunstkritikerin, Frauenrechtlerin, die ein Programm für gewerkschaftliche Organisierung bildender Künstler entworfen hatte und sich mit den Bedingungen der Produktion von Kunst beschäftigte. Ob er sich mit ihr auch wegen seiner eigenen Arbeitsbedingungen …?

Aber da war er schon wieder woanders. Bei E. gab es Stichpunkte. Nächster Stichpunkt war die Künstlerin neben ihm, die sich nicht vorstellte und deren Namen er nicht nannte. Er sagte nur, er schätze ihre Arbeit sehr. Woran sie gerade arbeite, war die Frage. Und ich hatte Sorge, dass er gleich referieren würde, an welchen Zuständen sie mit ihrem Werk auch Kritik üben wolle. Was ihre Kunst leiste. Dass sie mit ihrem Werk auch aufklären möchte.

Aber es kam anders, er sagte, man müsse ihre Arbeiten wohl als Skulpturen beschreiben und mit denen würde sie Gebräuchlichkeit infrage stellen. Wie würdest du deine Kunst beschreiben, gab er an die Künstlerin weiter, weil ihm die Worte ausgingen. Nach einer Pause nahm die Künstlerin einen Korkenzieher in die Hand und stellte ihn waagerecht auf den Tisch. Zack, fiel er um. Pause. Sie hätte eine Technik entwickelt, Objekte aufzustellen, die überhaupt nicht stehen müssten. Eine aufwendige Recherche und auch technisch schwierig, sagte sie. Aber viel weiter kam sie nicht, weil sie ihre Freundin anschrie, die neben ihr über ein verstorbenes Familienmitglied sprach, sie solle sofort aufhören, die Anwesenden hier als Therapeuten zu missbrauchen.

Und dann war er da, der Gedanke, dass das Sprechen über Kunst von außen auch ein Missbrauch sein kann. Dass Denken über Kunst nicht gelingen kann, wenn die Themen von den Übersetzern vorgegeben werden.

Also lieber besoffenen Künstlern, denen auch Worte fehlen, zuhören, als Sätze wie „Das ist etwas, das Kunst leisten kann“ zu lesen. Denn es ist das Sprechen der Künstler, das in den letzen Monaten gefehlt hat, das Ringen nach Worten, die Beliebigkeit und Ungenauigkeit, die einen Raum eröffnen, Kunst überhaupt erst reinzulassen. Das Erfahren von Kunst, ohne es fertig zu denken, darum soll es doch auch gehen. Das editierte Sprechen und Schreiben über Kunst in Katalogen, Zeitungen und den sozialen Medien, die andauernde Überarbeitung des Gedankens, ist der Feind des zufälligen Betrachtens, das der Kunst keine therapeutische oder gesellschaftliche Wirksamkeit anlastet und sie so zum Wirken bringt.

Laura Ewert lebt als freie Autorin in Berlin und wird von nun an alle vier Wochen an dieser Stelle mit KünstlerInnen sprechen

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06:00 29.06.2021

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