Endloser Highway

Radio Vierzehn Stunden, zwei Nächte: Klaus Buhlerts Hörspielfassung von Thomas Pynchons „Die Enden der Parabel“

Nach James Joyce’ Ulysses wendet sich der Regisseur Klaus Buhlert im Auftrag des SWR2 (in Kooperation mit dem Deutschlandfunk) nun einem anderen Monolithen der Literatur des 20. Jahrhunderts zu: Gravity’s Rainbow, zu Deutsch Die Enden der Parabel, von Thomas Pynchon. Man reibt sich verwundert die Augen. Wie soll das gehen? Rund Tausend Seiten, unzählige Handlungsstränge, unübersichtlich viele Figuren, Zeit-, Erzähl- und Perspektivsprünge? Kann die kühle, abgeklärte Distanz von Pynchons Sprache, bereits 1981 von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz für den Rowohlt-Verlag kongenial auf Deutsch übersetzt, in ein Hörspiel übersetzt werden? Wie können die Abschweifungen und Exkurse in die Physik, Chemie, Psychologie, die Paranoia – und der ganze Sex erst – im Radio vermittelt werden? Noch dazu im öffentlich rechtlichen Radio?

Tatsächlich verändert sich das Hörspiel im Zuge der Podcast-Kultur gerade grundlegend, und Klaus Buhlert bedient sich dieser Wandlung geschickt. Und so kommt es, dass sich zu dem monumentalen literarischen Werk nach zwei Jahren Arbeit ein von Thomas Pynchon persönlich genehmigtes, monumentales Audio-Kunstwerk gesellt. Vierzehn Stunden, hochkarätig besetzt, gesendet auf zwei Nächte verteilt, am 17. und 18. April, von 20.03 Uhr bis sechs Uhr beziehungsweise vier Uhr morgens, der Literaturkritiker Denis Scheck hilft mit Zwischenmoderationen bei der Orientierung.

Virus-Biedermeier

Gerade in der jetzigen Zeit des von einem Virus erzwungenen Biedermeiers wirkt die Idee, über das Radio verrätselte, womöglich – um im Gedankenkosmos von Pynchon zu bleiben – verschlüsselte Botschaften an einen Kreis Eingeweihter zu übermitteln, sehr reizvoll. Botschaften, die unergründlichen Mustern folgen, die um Geheimnisse der Naturwissenschaft und Fragen von Konditionierung und Transzendenz kreisen. Das alles um die Zeit der großen, weltweiten bewaffneten Auseinandersetzung Mitte des letzten Jahrhunderts herum. Damals war das Radio Leitmedium. Hörte man einen „Feindsender“, konnte das einen das Leben kosten. Die Gegenseite wurde mit demoralisierenden Botschaften über das Radio verunsichert. Selbst Koordinaten und Geheimbotschaften wurden über die BBC an die Resistance vermittelt. Gespenstische Szenen aus Spielfilmen, in denen Zahlenreihen über das Radio gesendet werden, erscheinen vor dem inneren Auge. Somit erscheint das Radio als das perfekte Medium für dieses Buch-Labyrinth. Das Projekt erscheint so schlüssig, dass man sich wundert, dass dies nicht schon längst geschehen ist. Immerhin ist Gravity’s Rainbow bereits 1973 erschienen. Gerade aber die Diskrepanz zwischen der genüsslich expliziten, kunstvoll schnoddrigen Sprache der 1970er, mit der die verwickelten Ereignisse in den 1940er Jahren erzählt werden, schafft heute, mit noch einmal knapp vierzig Jahren Abstand, eine interessante Parabel, die von einer Welt, in der Kurbeltelefone und Morsezeichen, tuckernd ölige Sherman-Tank-Motoren, V2-Raketen, doppelbödige Agentinnen in Seidenstrümpfen und knallende Champagnerkorken dominieren, zu einer Welt reicht, in der iPads ihr fahles Licht auf die in sich gekehrten Gesichter von trotzdem mit der ganzen Welt verbundenen Gestalten werfen und in der das Hören eines Buches, allein wegen der schwer verkürzten Aufmerksamkeitsspanne, seine Lektüre nach und nach ablösen wird. Eine neue Unmittelbarkeit wird so geschaffen, die Literatur in ihrer Gänze in eine erneuerte Relevanz katapultieren kann.

Hier wird das begünstigt durch die zurückhaltende Dramatisierung des Stoffes durch Buhlert. Der allwissende Erzähler ist eine Art begleitender Conférencier (Franz Pätzold), ein Mephisto, mit spöttischer Distanz bei gleichzeitig obsessiver Fixierung auf abwegiges Detailwissen; etwa von Materialkunde, wenn es zum Beispiel um PVC-Bodenbeläge geht, oder bis zu weithin im Dunkeln liegenden Expansionsstrategien, wie die Pläne der Nazis, mithilfe der kolonisierten Herero ein schwarzafrikanisches Nazireich aufzubauen.

Immer wieder horcht man zwischen dem dicht gewobenen Sprach- und Handlungsteppich buchstäblich auf, lauscht fasziniert, wenn etwa von einer Geheimtinte die Rede ist, deren geschriebener Text erst mit der Behandlung des Papiers mit Sperma sichtbar wird. Überhaupt geleiten die männlichen Geschlechtsmerkmale – vornehmlich im erigiert angeschwollenen Zustand – und die Sekrete, die sie absondern, quasi leitmotivisch durch das Handlungsfeld. Doch wird damit nicht einer allzeit bereiten Maskulinität gehuldigt, wie das vielen Kollegen Pynchons, gerade in seiner Generation, ob freiwillig oder nicht, immer wieder passiert. Bei Pynchon ist diese ganze Schwanzsteuerung die Ursache für den absurden Schlamassel, in den dieser Krieg und die Naziideologie die ganze Menschheit gestürzt haben. Also verzerrt er das ganze männliche Gehabe anhand ständig sich aufrichtender und zur Penetration bereiter Schwänze zur Kenntlichkeit. Das beständige Weiterleiten der Erektion zur Raketentechnik ist da nur konsequent. Auch die unzähligen sexuellen Abenteuer des Agenten Tyrone Slothrop sind unter diesem Gesichtspunkt nicht Zeichen cool-machtvoller Virilität, wie etwa bei James Bond, sondern verzweifelte Versuche eines unfertigen Mannes, in den Mutterleib zurückzukehren. Also mehr Klaus Theweleit als Ian Fleming.

Die nur sparsam eingesetzten szenischen Bearbeitungen von Situationen begünstigen all diese Gedankengänge der Zuhörer. Dazu arbeitet Buhlert geschickt mit an David Lynch gemahnenden Toneffekten, etwa dem vermeintlichen Hängenbleiben der CD; diese Effekte wirken, als würden ganze Atmosphären abgesaugt. Die durchgehend von Buhlert selbst produzierte Musik veredelt das Projekt entscheidend. Man wird nie alles mitkriegen, wird jedoch innerhalb einer Fülle von Themen immer wieder an etwas hängenbleiben, was einen immer schon interessierte oder von dem man gar nicht wusste, dass es einen interessiert. Ein wahrlich epochales Hörereignis. Die 13 CDs, die dazu herauskommen, können ein lang anhaltender Quell von Unterhaltung und Inspiration sein. Fast wünscht man sich auf einen endlosen Highway, in einem Cadillac, wo dieses Hörerlebnis auf der Anlage läuft. Dem Regenbogen der Schwerkraft entgegen.

Info

Die Enden der Parabel Klaus Buhlert u. a. mit Bibiana Beglau, Golo Euler, Felix Goeser, Corinna Harfouch, Jens Harzer, Franz Pätzold und Thomas Thieme. Radiopremiere am 17. und 18. April in SWR2

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06:00 15.04.2020

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