Endstation Callcenter

Prekär Die Krise in Portugal trifft vor allem die Jungen hart. Noch nie gab es so viele Uni-Absolventen – und noch nie waren ihre Aussichten so schlecht. Begegnungen in Lissabon

Die Studenten vor dem Gebäude der Universidade de Lisboa, an dem die Farbe langsam abblättert, sind sichtbar nervös. Sie scharren mit den Füßen, blicken in ihre Unterlagen, warten darauf, dass sie in die Prüfung gerufen werden. Zumindest das hat Andre Sousa bereits hinter sich. Der 20-Jährige studiert Sozialwissenschaften in Lissabon. Mit zwei Freunden schlendert er über den Uni-Campus, doch der Stress ist für ihn mit der Prüfung nicht vorbei.

"Klar kommt die Krise hier an", sagt er. Vor kurzem hat er sein Stipendium verloren. Das Sparprogramm der Regierung, das die drohende Staatspleite abwenden soll, trifft alle Bereiche. Auch das Budget der Universitäten für Stipendien wurde stark gekürzt. Immer mehr Nachwuchsakademiker sind in der Krise auf Unterstützung angewiesen, doch immer weniger erhalten sie – eine Entwicklung, die viele Studenten ins finanzielle Desaster stürzt.

Besonders junge Menschen trifft die aktuelle Krise schwer: Nach dem EU-Beitritt Portugals im Jahr 1986 erlebten die Portugiesen einen Wirtschaftsaufschwung, doch inzwischen steht Westeuropas ärmstes Land wieder am Rand des finanziellen Zusammenbruchs. Die Regierung des sozialistischen Ministerpräsidenten José Sócrates hat es zwar Anfang Januar geschafft, frisches Geld am Finanzmarkt zu besorgen, das Land muss zunächst nicht unter den Rettungsschirm der EU. Doch die Angst der Portugiesen vor dem Abstieg, weiteren Kürzungen und steigenden Kosten bleibt. Dabei hatte Portugal noch nie so viele Akademiker, die viel in ihre Bildung investiert haben – doch es zahlt sich nicht aus.

Sousa versucht seiner Situation noch Positives abzugewinnen: "Aus dem Stipendium haben sie mich gekickt, aber wenigstens kann ich im Wohnheim bleiben." Allerdings illegal, die Miete hat er seit drei Monaten nicht gezahlt. Dreimal 125 Euro, die für ihn momentan außer Reichweite sind. Er setzt auch darauf, dass die Universität erst im nächsten Jahr merken wird, dass er die Studiengebühr, 1.000 Euro, nicht überwiesen hat.

Im Vorraum des Büros für soziale Angelegenheiten der Universität sammeln sich alle, die nicht wissen, wie es weitergehen soll. Studenten ziehen eine Nummer aus dem Automaten und warten auf roten Lederstühlen, bis sie aufgerufen werden. Knapp 5.200 haben für das laufende Studienjahr Unterstützung beantragt – doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Bis zu den Großeltern muss die finanzielle Situation seit kurzem dokumentiert werden. "Wer keine Nachweise bringt, hat keine Chance", sagt Sara Albino, Mitarbeiterin der Abteilung für Externe Beziehungen.

Die Elite ist kaum betroffen

An der Universität spiegelt sich die portugiesische Gesellschaftsstruktur wider: Eine kleine Elite trifft die Krise kaum, während der Großteil der Studenten zwischen Armut und Zukunftsängsten schwebt. "Die Pharma- oder Medizin-Studenten kommen aus reichen Familien und sind Teil der portugiesischen Elite", sagt Albino. Die meisten Bewerber für Stipendien seien Geistes- oder Naturwissenschaftler. Viele Studenten brechen ab, einige gehen ein Jahr arbeiten und kehren danach an die Uni zurück. Neben dem Studium zu jobben, schafft kaum einer.

Andre Sousa bleibt nichts anderes übrig. Er sucht einen Job im Callcenter – ein Nebenjob, der bei den meisten Studenten auf der Beliebtheitsskala sehr weit unten steht. "Dort bekommt man schnell Arbeit, aber sie können dich sofort wieder feuern", sagt Sousa. "Sie nehmen nur noch die Besten." Bei der hohen Nachfrage haben auch unbeliebte Arbeitgeber freie Wahl: Wo früher niedrig Qualifizierte beschäftigt waren, sprechen jetzt Akademiker mit Abschluss ins Telefon. Zwei Jahre muss Sousa bis zum Ende seines Studiums überbrücken: "Vielleicht bin ich dann auch einer, der danach keine Arbeit findet." Ein Arbeitsvertrag, ob unbefristet oder befristet, ist eine Seltenheit, junge Portugiesen wechseln zwischen unterbezahlten Praktika und Nebenjobs hin und her.

Den Einstieg ins Berufsleben hat sich Goreti Mourão anders vorgestellt. Sie sitzt hinter einem provisorischen Tisch und begrüßt die wenigen Besucher einer Ausstellung im Zentrum von Lissabon. Ganze 16 Personen zeigt der kleine Besucherzähler. Auf einer Liste streicht Mourão die Gäste nach Geschlecht getrennt ab. "Stupide Arbeit", sagt sie und lächelt unsicher, als wolle sie sich entschuldigen. Die 21-Jährige wirkt schüchtern, dass es sie auf die Bühne drängt, überrascht. Mourão hat Schauspiel studiert und ist seit einem halben Jahr auf der Suche nach einem Job, doch es gibt viele arbeitslose Schauspieler in Lissabon.

Generation 400 bis 500

Weniger als vier Euro pro Stunde verdient sie am Empfang der Ausstellung, etwa 150 Euro monatlich. In ihrer Wohngemeinschaft zahlt jeder Mitbewohner 70 Euro Miete pro Person – im Vergleich zu deutschen Verhältnissen sehr wenig, für Mourão die Hälfte ihres Lohns. "Am Ende des Monats wird es immer eng."

Für ihre Kollegin Sofia Melancia ist der Verdienst "nur eine Art Taschengeld", den Stundenlohn findet sie "ziemlich krank". Die prekäre Arbeit missfällt ihr, trotzdem spricht sie offen und selbstbewusst über ihre Situation. Anders als Mourão lebt sie noch bei ihren Eltern – wie die meisten jungen Portugiesen. Seit ihrem Abschluss in Industriedesign vor zwei Jahren schickt Melancia eine Bewerbung nach der anderen ab, erfolglos. Zuhause zu wohnen sei da ein Vorteil, sagt sie, allerdings mit Verpflichtungen. "Wenn ich abends nicht beim Essen am Tisch sitze, ist die Stimmung schrecklich. Es ist ein goldener Käfig." Und die endlose Job-Suche zerrt an den Nerven. "Viel Zeit herumzuspielen habe ich nicht mehr", sagt Melancia.

In Portugal Arbeit zu finden, war nie leicht. Viele Menschen hier haben das Gefühl, sie lebten seit Jahren in einer Dauerkrise – dass es aber noch schlimmer wird, darin sind sich alle einig. Goreti Mourão und Sofia Melancia haben Angst, dass es ihnen trotz Universitätsabschluss so gehen wird wie vielen Rentnern, die auf Unterstützung angewiesen sind. Bei der Banco Alimentar, die Lebensmittel an Bedürftige verteilt, ist die Nachfrage seit dem vergangenen Jahr stark gestiegen. "Die Armut ist strukturell. Trotz Fortschritten bei Bildung und Lebensstandard sind die Renten gering, viele der Älteren müssen mit 300 Euro auskommen", sagt Isabel Jonet von der Banco Alimentar. "Und die qualifizierten jungen Leute sind nur noch in Callcentern beschäftigt. Wir nennen das Phänomen Generation 500."

Gerade einmal 500 Euro bleiben den jungen Portugiesen monatlich. Rui Maia von der Initiative Precários Inflexíveis spricht sogar von einer "Generation 400". Die Initiative will sich gegen die zunehmend unsicheren Arbeitsverhältnisse wehren und hat eine Onlinepetition gegen die recibos verdes gestartet. Die Regelung der "grünen Quittungen" erlaubt Arbeitnehmern, diverse Jobs gleichzeitig anzunehmen, am Ende des Monats erhalten sie einen Stundenzettel. Es sind Arbeitsverhältnisse ohne Vertrag, der Arbeitgeber zahlt keine Sozialabgaben. Drei Viertel der jungen Portugiesen arbeiten auf grüne Quittungen. Auch in Deutschland nehmen prekäre Arbeitsverhältnisse bei Berufseinsteigern stark zu. Doch die Lage in Portugal ist anders. Das soziale Sicherungssystem fängt junge Menschen kaum auf, sie sind auf private Netzwerke wie die Familie angewiesen. Wirtschaftsstruktur und Arbeitsmarkt sind in Portugal wenig diversifiziert. Während die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland bei knapp neun Prozent liegt, sind über 20 Prozent der Portugiesen unter 25 arbeitslos.

Zu viele schlechte Nachrichten

Nur wenige Junge organisieren sich, engagieren sich politisch. Viele flüchten vor der Ausweglosigkeit und den schlechten Nachrichten in die Apathie, manche halten bereits ihre Leidenschaft für den Fado, die melancholische Musik Portugals, für eine kleine Revolte. In der Ausstellung sagt Sofia Melancia: "Politik interessiert mich nicht." Sie überlegt kurz und schiebt dann hinterher: "Eigentlich sollte ich mehr wissen."

Carlos Oliveira ist politisch interessiert, er hat sich aber vor sechs Monaten selbst eine Nachrichtensperre auferlegt: "Ich finde keine Arbeit und will die Schlagzeilen nicht mehr sehen, dass die Arbeitslosigkeit weiter steigt. Die Meinungsmacher haben immer eine Meinung, aber nie eine Lösung." Eine Lösung bräuchte der schlaksige 28-Jährige dringend. Er lebt auch noch bei seinen Eltern. Beim Reden spielt er nervös mit seinem Mobiltelefon, das ihm öfter herunterfällt. "Wir jungen Leute sollten etwas tun, aber wir wissen nicht, was", sagt er. "Portugal ist eben kein zweites Griechenland, die Portugiesen werden zuhause bleiben, auch wenn die Krise immer schlimmer wird. Sie erwarten, dass die Regierung die Dinge regelt."

Die meisten würden sich einfach eine Arbeit wünschen, mit der sie genug verdienen, um sich ein kleines Haus zu leisten. So kam auch Oliveira zunächst zur Armee, die ihm nach der Schule als Karrieremöglichkeit erschien. "Nach vier Jahren hatte ich die Nase voll und bin ausgestiegen."

Oliveiras Vater hat sich jahrelang bei der Polizeigewerkschaft engagiert, doch an den Erfolg von Gewerkschaften glaubt der Sohn nicht. Der Generalstreik im November habe nichts gebracht. Anders – "irgendwie kreativ" – müsse Protest aussehen, findet Oliveira, der nach der Armee Marketing studiert hat. So wie die Idee französischer Aktivisten, dass alle Menschen weltweit an einem Tag ihr Geld abheben, einen "Bankrun" machen, um Druck auszuüben. Doch nur wenige haben mitgemacht, auch Oliveira nicht: "Ich hatte kein Geld auf meinem Konto." 10.000 Euro muss er zurückzahlen für einen Studienkredit. Sein Zusatzstudium bricht er jetzt ab, die Gebühren sind zu hoch.

Heute hatte Oliveira ein Vorstellungsgespräch bei einer Bank, für etwa 800 Euro monatlich kann er vielleicht bald Kunden am Telefon beraten. Mit 19 Jahren hatte er schon einmal in einem Callcenter gearbeitet. Damals war es noch ein Ferienjob.

Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl hat es bei der Recherche überrascht, wie offen die meisten Portugiesen über ihre Lage sprechen, während in Deutschland Arbeitslosigkeit oft noch als Tabu gilt

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10:00 23.01.2011

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