Endstation Dhaka

Bangladesch Seit ihm der Klimawandel das Haus nahm, strampelt sich Jahangir Alam auf einer Rikscha ab. Nun drängt ihn die Weltbank von der Straße

Wenn um fünf Uhr morgens der Muezzin ruft, erwacht die 12-Millionen-Einwohner-Stadt Dhaka zu hektischem Leben. Es ist das Ende der Nachtruhe auch für die vielen Obdachlosen, die sich an Straßenrändern und Nischen erst gegen Mitternacht zum Schlafen gelegt haben, weil tagsüber dort kein Platz ist. Flink packen sie ihr Hab und Gut zusammen, oft nicht mehr als eine Decke, Blechtöpfe oder ein Werkzeug, das sie als Tagelöhner auf einer der unzähligen Baustellen in der Hauptstadt Bangladeschs benötigen. Viele Neuankömmlinge sind darunter, die noch keine Bleibe in den Armenvierteln südlich des Buriganga-Flusses gefunden haben.

Der Fluss mit seinem stinkenden, schwarzen Wasser teilt die Stadt in zwei Hälften, den südlichen, armen Teil nennen die Bewohner „Asien“, die wohlhabenderen Quartiere im Norden bezeichnen sie als „Europa“. Zwischen diesen Welten strampelt der Rikschafahrer Jahangir Alam um sein Leben.

Er lebt in einem Slum im westlichen Zentrum der Stadt, in dem außer ihm und seiner Frau Farida noch etwa 500 Familien wohnen. Auch die beiden sind Neuankömmlinge und haben es immerhin besser getroffen als diejenigen, die auf Gehsteigen übernachten müssen. Aber im Gegensatz zu den anderen Bewohnern des Slums, deren Hütten zum Schutz vor dem alljährlichen Hochwasser auf Holzstelzen stehen, hausen die beiden auf einer sechs Quadratmeter-Fläche direkt am Boden, die nur notdürftig mit einer Plastikplane überdacht ist. Ihre Habe besteht aus ein paar Decken, zwei Plastikeimern für den Wasservorrat, einem Korb und einigen Blechbehältern. Es ist ein bedrohter Platz. „Der Landbesitzer will hier Häuser bauen, dann müssten wir unsere Hütte räumen“. Es wäre nicht das erste Mal.

„Vor 20 Jahren habe ich mein erstes Haus verloren. Damals habe ich als Fischer gearbeitet“, erzählt Jahangir Alam, der mit seiner Familie bis vor kurzem auf der Halbinsel Bhola gelebt hat, im Mündungsdelta des gigantischen Meghna-Flusses. „Dann, drei Jahre später, hat der Fluss mein zweites Haus weggespült, und vor sieben Monaten schließlich mein Drittes“. Obwohl er weder lesen noch schreiben kann, weiß er, wer dafür verantwortlich ist. „Wegen der Industrie und der vielen Autos wird das Klima heißer, deshalb wird die Strömung stärker, deshalb verschwindet unser Land“, sagt er. Also entschieden sich die Alams, nach Dhaka zu ziehen, in den „Asien“-Teil selbstverständlich. Seither sind sie das, was Medien und Wissenschaftler „Klimaflüchtlinge“ nennen.

Ihre zwölf Jahre alte Tochter haben die Alams nach Gazipur verheiratet, eine Stadt etwas weiter im Norden. Das Leben in der Hauptstadt sei für das Kind zu gefährlich. Weil das Geld nicht ausreicht, haben sie die beiden noch jüngeren Söhne zum Arbeiten geschickt: Der eine hat auf einer Fähre als Hilfskraft angeheuert, der andere in einem Gemüseladen in Gazipur. Geld verdienen sie dort nicht, bekommen aber freie Kost und Logis. Ihre Kinder sehen die Alams alle drei bis vier Monate.

In den Moloch geflüchtet

Schon nach dem Verlust des zweiten Hauses hat Alam angefangen, sein Geld mit einer Fahrradrikscha zu verdienen. Auch in Dhaka tritt er nun in die Pedale, um den Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Die dreirädrigen Gefährte haben eigentlich eine Sitzfläche für zwei Passagiere. Aber manchmal fahren ganze Familien mit einer Rikscha. Dann muss der hagere Alam sich verausgaben, um vorwärts zu kommen. Zwar verdient er mit seiner Arbeit in Dhaka etwas mehr als früher, aber das Leben ist auch viel teurer.

„Hier muss man alles kaufen, selbst das Wasser“, sagt Alam. Mitten im Slum brummt ein Kraftwerk, aber der Strom ist für die weiter entfernt gelegenen Gebäude in „Europa“. Im Slum läuft alles über Batterie, manchmal auch über kleine Generatoren. Für seine Hütte zahlt Alam monatlich 400 Taka, das ist die Währung Bangladeschs. Außerdem verlangt der Vermieter des Grundstücks 100 Taka für die Benutzung des einen Kilometer entfernten Brunnens, aus dem Farida täglich das Wasser holt. Und noch mal 100 Taka für die Nutzung der Latrinen. Macht umgerechnet etwa 10 Euro. Viel Geld in „Asien“.

Intimsphäre gibt es dort nicht. Die nächsten Latrinen sind einen halben Kilometer entfernt. „Tagsüber ist das vor allem für meine Frau ein Problem, nachts gehen wir einfach raus“, sagt Alam. Die vielen Menschen und die Enge Dhakas sind ihm unbehaglich. Und auch die langen Wege über staubige Straßen und durch dichten Smog. „Um zu dem Stadtteil zu kommen, in dem ich arbeite, brauche ich manchmal zwei Stunden“. Im Sommer ist es oft unerträglich heiß. „Wenn ich die Rikscha trete, schwitze ich wie verrückt“, sagt er.

Manchmal geht Jahangir Alam in die Teestube an der Hauptstraße. Ununterbrochen läuft hier ein Fernseher, der immer wieder von den Motoren der vorbeifahrenden Laster übertönt wird. Wenn er sich unterhalten will, muss er fast schreien, um gegen die Geräuschkulisse anzukommen. „Es gibt immer mehr Autos und Busse in Dhaka, sie verstopfen die Straßen“, sagt Alam. Bisweilen werden die „Herren der Straße“ auch handgreiflich. „Wenn die Autofahrer denken, wir hätten etwas falsch gemacht – zum Beispiel zu spät ein Zeichen gesetzt, steigen sie manchmal aus und verprügeln uns.“ Alam fürchtet: „Bald wird Dhaka so voll mit Autos sein, dass es keinen Platz mehr gibt für uns Rikscha-Fahrer.“

Unberechtigt ist seine Sorge nicht: Bereits seit Ende der 90er Jahre fördert die Weltbank ein Projekt zur Entwicklung des Verkehrssystems in der Stadt. Obwohl 80 Prozent der Bewohner sich zu Fuß oder per Fahrradrikscha fortbewegen, soll der Verkehr autogerecht ausgebaut werden. Ausgerechnet für die umweltfreundlichen Rikschas wurde auf wichtigen Hauptstraßen ein Fahrverbot verhängt. Die Folge: Die Abgasmenge stieg und das durchschnittliche Einkommen der Rikschafahrer sank zugleich um mehr als 30 Prozent.

„No fuel and many jobs: Sustainable Transport – Kein Benzin und viele Arbeitsplätze: Das ist nachhaltiger Transport“ lautet das Motto, mit dem eine Initiative die Rikschafahrer rehabilitieren will. Aussicht auf Erfolg gibt es kaum, denn die wohlhabenden Autofahrer aus dem „Europa“-Teil der Stadt bestimmen die Politik – und werden von der Weltbank sowie europäischer und US-amerikanischer staatlicher „Entwicklungshilfe“ unterstützt.

Bisher ist der Pro-Kopf-Ausstoß von Klimagasen in Bangladesch zu vernachlässigen: Es sind weniger als 0,5 Tonnen pro Jahr. Doch das wird sich wohl bald ändern. Zum Vergleich: jeder Westeuropäer stößt 15 Tonnen aus, jeder US-Bürger gar 20 Tonnen. Bangladesch ist doppelt so groß wie Bayern und zählt knapp 160 Millionen Einwohner. Es ist der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Welt und eine der Regionen, die am stärksten vom Klimawandel getroffen ist. Der Anstieg des Meeresspiegels bedroht die Küstenregionen im Süden, Zyklone berauben in immer kürzeren Abständen hunderttausende Menschen ihrer Existenz. Im Norden sind die alten Bauernregeln außer Kraft gesetzt. Über die Hälfte der Bewohner Bangladeschs lebt von der Landwirtschaft, aber inzwischen kann kaum jemand mehr einschätzen, wann die Regenzeit mit ihren Überschwemmungen kommt, wie lange sie bleibt und wie stark sie sein wird.

Gebet auf der Straße

310 Flüsse durchziehen das Land, darunter der Ganges und der Brahmaputra, die in der Regenzeit stellenweise bis zu acht Kilometer breit werden. Das Leben in Bangladesch spielt sich rund ums Wasser ab: Boote und Schiffe sind die wichtigsten Verkehrsmittel.

Auch Dhaka hat einen großen Binnenhafen am Buriganga Fluss. Morgens, wenn die großen Fähren aus dem Süden anlanden, herrscht Gedränge. Auf dem Kai tummeln sich dann neben den Ankömmlingen Früchte- und Gemüsehändler, Tee- und Lotto-Verkäufer, Betreiber kleiner Garküchen, Hühner, Gänse und Ziegen. Manche der Fähren halten sich gerade so über Wasser und kommen trotzdem völlig überladen an. Es ist das günstigste Verkehrsmittel und wird auch von denen genutzt, die in Dhaka ein neues Leben anfangen wollen. Nach offiziellen Angaben kommen täglich 2.000 Menschen in die Metropole.

Die meisten kommen aus demselben Grund wie die Alams: Weil ihnen der Klimawandel die Existenzgrundlage genommen hat. „Eine der Tragödien des Klimawandels: Er trifft besonders die Armen“, sagt der Klimaexperte Atiq Rahman. Sie hätten keine Möglichkeit, sich zu schützen – etwa, indem sie in stabilere Steinhäuser umzögen. Es fehlt ihnen an Geld, in Bangladesch lebt die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze.

Die Hochhäuser im „Europa“ Dhakas sind dagegen massiv gebaut, viele mit Aufzug und einem großen Parkplatz im Untergeschoss. Als Statussymbol gelten große Geländewagen mit Vierradantrieb. In einem solchen Viertel lebt und arbeitet auch Atiq Rahman. Er hat graue, volle Haare und trägt einen Maßanzug. Rahman wird von seinem Chauffeur in einem Geländewagen von einem zum anderen Treffen gefahren. Er hat viel zu tun: Er ist einer der Wissenschaftler, die den Weltklimabericht der Vereinten Nationen von 2007 erarbeitet haben. Jetzt berät er seine Regierung in Klimafragen. Für den Klimawandel macht er die Industrieländer verantwortlich.

„Immer mehr Menschen verlieren ihre Heimat, ihre Häuser, ihr Land, ihr ganzes Hab und Gut“. Schätzungsweise gibt es bereits heute etwa eine Million Menschen wie die Alams in Bangladesch. Eine Million Klimaflüchtlinge, dabei hat sich das Weltklima bisher nur um ein Grad Celsius erwärmt. „Im Süden Bangladeschs steigt der Meerespiegel, und unglücklicherweise kommen viele Studien zu den arktischen Regionen zu dem Ergebnis, dass das Eis viel schneller schmilzt als im Bericht des Weltklimarates dargestellt.“ Möglicherweise könnten dann schon Mitte dieses Jahrhunderts 17 Prozent Bangladeschs unter Wasser stehen. „Mindestens 18 Millionen Menschen werden dann wegen des ansteigenden Salzwassers verdrängt werden“, sagt Rahman.

Die meisten von ihnen werden nach Dhaka kommen. Die Stadt steht im Ruf, dass es dort gut bezahlte Arbeit gebe. Dabei platzt die Metropole aus allen Nähten. Zum Freitagsgebet etwa fassen selbst die vielen hundert Moscheen Dhakas nicht alle Gläubigen. Deshalb wird gegen Mittag eine der Spuren der wichtigsten Hauptstraßen gesperrt. In langen Reihen knien dann die Gläubigen auf ihren Teppichen, beschallt von großen Lautsprechern, und verrichten ihr Gebet auf der Straße.

Auch Jahangir Alam betet – wenn er Zeit hat. Wie achtzig Prozent seiner Mitbürger ist er Muslim. Vor seiner Behausung schnattern ein paar Gänse. Kinder spielen und schreien, ein Nachbar zerhackt ein altes Möbelstück, damit er es verfeuern kann. Es riecht nach verbranntem Plastik. Alam sehnt sich nach seinem alten Zuhause im Flussdelta. „Wir wollten dieses Opfer nicht auf uns nehmen, wir wollten auf unserer Insel bleiben“, sagt er.

Für ihn und viele andere ist Dhaka Endstation. Die Odyssee fortzusetzen, etwa mit einer Flucht ins nahe gelegene Indien, ist im Vergleich zu früher lebensgefährlich geworden. Denn die indischen Grenzbeamten schießen scharf, wenn sie jemanden sehen, der über die grüne Grenze will. Außerdem hat die indische Regierung seit einigen Jahren die Zäune dort unter Starkstrom stellen lassen. „An der Grenze erschossen“, heißt es regelmäßig in den Zeitungen Bangladeschs. Es passiert so häufig, dass es den Redaktionen meistens nur noch eine Kurzmeldung wert ist.

Gerhard Klas ist Mitglied des Rheinischen Journalistenbüros und schreibt oft zu Südostasien

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18:35 05.04.2011

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