Endstation Pinselstrich

Herrmann Zschoche Der Filmemacher wird 80 Jahre alt. Eine Erinnerung an letzte Dreharbeiten
Dieter Chill | Ausgabe 47/2014 2

Das DEFA-Studio für Spielfilme befand sich im Feierabendmodus, als Herrmann Zschoche und ich am 9. November 1989 das Atelier verließen. Probeaufnahmen mit Jugendlichen lagen hinter uns, Teil der Vorbereitung für den Film Das Mädchen aus dem Fahrstuhl (DDR 1991). Kaum dass wir im Auto saßen, verkündete der Produktionsfahrer – aufgewühlt und noch im Zweifel, richtig verstanden zu haben – die Neuigkeit des Tages: In den Nachrichten sei es gerade um „irgendwas mit Grenzöffnung“ gegangen.

Zschoche, der wie immer auf dem Beifahrersitz rauchte, murmelte: „Und nu?“ – wobei sich seine Frage weniger auf die historische Dimension der Meldung bezog als auf unser aktuelles Filmprojekt, das soeben dabei war, seine letzte Legitimation einzubüßen. In den Wochen davor hatte sich die politische Situation in der DDR zugespitzt. Offene Kritik, Diskussionen und Demonstrationen waren auf einmal an der Tagesordnung, sodass die gesellschaftskritische Grundidee unseres Films (Drehbuch: Gabriele Herzog) mit jedem Tag an Brisanz verlor. Der Fall der Mauer beschleunigte diese Entwicklung. Wie harmlos mutete auf einmal das Schicksal des Musterschülers Frank aus der DDR-Hauptstadt an, der sich für die leistungsschwache Mitschülerin Regine zu interessieren beginnt und gegen die bestehenden Verhältnisse protestiert.

Immer die Liebe

Obwohl Herrmann Zschoche außer mit Karla (DDR 1965/90), Bürgschaft für ein Jahr (DDR 1981) und Insel der Schwäne (DDR 1983) eher Unruhe stiftende als explizit systemkritische Stoffe realisiert hatte, bekam er immer wieder Probleme mit seinen Filmen. Dabei war es ihm um Offenheit gegangen und nicht um Subversion. Vielleicht steckten im Aufbegehren des Schülers Frank in Das Mädchen aus dem Fahrstuhl autobiografische Züge von ihm – eines unelitären Künstlers, der sich als Teil der Gesellschaft sah, in der er lebte. Aushalten ließen sich die Konflikte wohl deshalb, weil bei Zschoche immer die Liebe im Spiel war, mal im engeren, immer im weiteren Sinne. Die kam direkt und unverstellt in seinen Filmen an und strahlt, ebenso wie der feinsinnige Humor, aus ihnen heraus bis heute.

Eine solche Intensität konnte Das Mädchen aus dem Fahrstuhl nicht mehr entwickeln, ist der Film doch Beispiel für die kafkaesken Winkelzüge der DDR-Kulturpolitik: Der Film kam zu spät, weil er früher nicht gedreht werden durfte. Als 1989 die Zeit endlich reif war, entschied der Runde Tisch über die aktuellen Produktionen des Studios; auf einmal schien derselbe Stoff, der 1988 noch als „frontaler Angriff auf das Volksbildungssystem“ wahrgenommen wurde, zu Recht nicht mehr radikal genug zu sein. Doch Zschoche überzeugte das Gremium davon, dass die Geschichte in ihrer zentralen Aussage allgemeingültig sei. Die Freigabe wurde erteilt, Drehbeginn: 1. Dezember 1989.

Zschoches letzter DEFA-Film wurde ein aufrichtiges, aber bescheidenes Werkfinale, mit dem sich ein thematischer Bogen schloss, an dessen Anfang Karla steht. Ob sich das Bildungssystem der DDR anders entwickelt hätte, wenn der ermutigende Film über die von Jutta Hoffmann gespielte Junglehrerin damals zugelassen worden wäre, ist Spekulation; dass die „sozialistische Bildung und Erziehung“ an ihrer Dogmatik gescheitert ist, eine historische Tatsache, die in der Gegenüberstellung der beiden Filme auch formal deutlich wird: Die stilsicher schwarzweiß und in Totalvision fotografierte Verfilmung einer großen Hoffnung (Kamera: Günter Ost) findet 25 Jahre später ihr desillusioniertes Pendant in schlichtem Normalformat und auf Orwo-Farbmaterial, das diese Bezeichnung kaum verdiente (Kamera: der Autor dieses Textes). Das Mädchen aus dem Fahrstuhl wurde zur Veröffentlichung zugelassen; gesehen hat den Film – wie Karla, der verboten worden war – niemand.

Darüber dachten wir am 9. November auf unserer Fahrt nach Berlin natürlich nicht nach. Die Herausforderung damals war eine andere: Wie erzählt man Vergangenheit, wenn sie noch eine unvollendete Gegenwart ist? Das gestürzte Land verschwand optisch rasant; täglich drehten wir gegen ein sich veränderndes Stadtbild an (Autos, Kleidung, Werbung). Den Film zu machen, hieß auch, sich der eigenen Geschichte zu stellen, abzubilden, was man gerade loswurde, und dabei zugleich eine unwissende Erzählperspektive einzunehmen – wodurch wir immer wieder in surreale Drehsituationen gerieten.

Nach Das Mädchen aus dem Fahrstuhl machte Herrmann Zschoche mit dem öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehen und seinen Produzenten Bekanntschaft – nach 30 Jahren Kino eine ungewohnte Erfahrung, obwohl es damals noch verbindlicher zuging. Nach mehreren Serienfolgen und einem Fernsehfilm bekam der Regisseur 1994 von Sat1 das Angebot, einen Film zu drehen, in dessen Mittelpunkt ein 14-jähriges Mädchen stand.

Die Redaktion setzte auf Herrmann Zschoches Erfahrung bei der Arbeit mit jugendlichen Laiendarstellern. Thematisch galt es ein eher gewöhnungsbedürftiges Terrain zu erkunden, das der Titel des Films nicht verklausulierte: Natalie – Endstation Babystrich. Das – wenn auch übersichtlich gebaute – Drehbuch erwies sich nicht als vordergründig flach und reißerisch, sondern war durchaus von einem sozialen Realismus getragen. In einigen Aspekten wies der Stoff sogar Parallelen zu Das Mädchen aus dem Fahrstuhl auf. Natalie warf in einer ähnlichen Lebensphase wie Regine, beide standen vor einer ungewissen Zukunft, ihr Leben wird durch Störfälle mit möglichen existenziellen Folgen erschüttert.

Szene aus dem Film „Natalie – Endstation Babystrich“, 1994 für Sat1
Foto: imago

Dass mich Herrmann Zschoche für dieses Projekt wieder als Kameramann vorschlug, freute mich. Es ging nach Wiesbaden, Drehbeginn 10. Mai 1994. Schon bei den Vorbereitungen war zu spüren, dass bei der Produktionsfirma Taunus-Film ein unaufgeregtes und vertrauensvolles Arbeitsklima bevorzugt wurde, was bei diesem Thema nicht unwichtig war. So lief vieles wie gewohnt; bis auf die unselige Vorgabe, den Film im TV-Doppelformat (4:3 und 16:9) zu drehen – für Inszenierung, Bildgestaltung und Schnitt eine im Grunde unlösbare Aufgabe, die uns einige Nerven kostete und zu vielen gestalterischen Kompromissen zwang.

Auch inhaltlich musste sich Zschoche überwinden, über den eigenen Schatten zu springen. Fünf Jahre nach Das Mädchen aus dem Fahrstuhl fiel ihm – trotz allerbester Absichten – das aufrichtige Engagement für Natalie – Endstation Babystrich erkennbar schwer. Vielleicht hatte die Desillusionierung darüber zugenommen, sich als Regisseur nicht mehr so einbringen zu können, wie es früher selbstverständlich gewesen war (die Besetzung des Films beispielsweise entsprach nicht durchgängig seiner Wahl).

Dabei war Herrmann Zschoche einer der wenigen Regisseure seiner Generation, die nach der Entlassung aus der DEFA weitergearbeitet und freischaffend einen Neuanfang unternommen hatten. Weshalb Zschoche auch bei Natalie – Endstation Babystrich gewohnt professionell und kollegial arbeitete, keine der Figuren bloßstellte und seine Darsteller behütete. Aber er verschwendete sich nicht mehr. Stattdessen war latent, besonders außerhalb der eigentlichen Drehzeiten, ein Anflug von Resignation zu spüren: ein finaleres und weiseres „Was machen wir eigentlich hier?“ als seine launigen Kommentare am Set von Das Mädchen aus dem Fahrstuhl. Oft klappte er nach einer kurzen Verständigung über das Nötigste sein Drehbuch zu, lächelte verständnisvoll über meinen Arbeitseifer und vertiefte sich in die Anzeigenseiten des Kunstmarkts.

In Öl gemalt

Natalie – Endstation Babystrich wurde zu einem großen Erfolg für den Sender. Auch wenn die Kritik – von „allzu glatt“ bis „bitteres Drama“ – nicht übermäßig angetan war, wurde die Qualität der Inszenierung überwiegend positiv wahrgenommen. Alles andere wäre Zschoche auch nicht gerecht geworden.

Nach diesem Film gingen wir wieder getrennte Wege, sahen uns ab und an privat und drehten in den folgenden Jahren – zu anderen Zeiten und in verschiedenen Konstellationen – je einen Tatort und in Wien Kommissar Rex. Herrmann Zschoches beruflicher Ausstieg als Regisseur folgte auf knapp ein Dutzend Episoden der Serie Kurklinik Rosenau – ein Schritt, der kaum einem Mangel an Angeboten geschuldet gewesen sein dürfte.

Die Bilder seines Fühlens, Denkens und Forschens sind seither statisch, um einiges älter als der Film und oft in Öl gemalt: Herrmann Zschoche, der am 25. November 80 Jahre alt wird, forscht und publiziert mit nicht nachlassender Begeisterung über romantische Kunst.

Gekürzte und überarbeitete Fassung eines Beitrags zum Sammelband Jede Menge Perspektiven. Der Regisseur Herrmann Zschoche, der in der CineGraph-Babelsberg-Reihe Filmblatt-Schriften erscheint

Dieter Chill ist Kameramann und Publizist

06:00 03.12.2014

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