Eng befreundet

Alltagskommentar Das öffentliche Liebesbekenntnis von Oskar Lafontaine auf dem Parteitag birgt eine visionäre Erkenntnis: Paare sollten ganz schnell all den Romantikquatsch vergessen

Wäre er Boris Becker, hätte er kurzer Hand das ganze Saarland in einen riesigen Garten umgepflügt, ein weißes Herz in die Mitte gesprüht und eine Kofferraumladung voller Geranien hinein gepflanzt. So ein Liebesbekenntnis in der Öffentlichkeit sollte schließlich schon nach was aussehen, selbst wenn nur Auftrags-Geranien zur Verfügung stehen. Er ist aber nicht Boris Becker, sondern Oskar Lafontaine. Das heißt: Kein Held, aber in gewisser Weise ein Profi und in aktueller Hinsicht sicher ein Visionär.

Denn Oskar Lafontaine, der ehemalige und potenziell wieder am Vorsitz interessierte Linksparteivorsitzende hat am Wochenende nicht nur mit einem ewigen Gerücht aufgeräumt. Er hat – mal eben so – das Jahrhunderte alte Ideal der romantischen, passionierten Liebe mit dem pragmatischen und streng genommen noch älteren Ideal der Vernunftbeziehung grundsatzprogrammatisch ersetzt.

Liebe Leute, vergesst all die Sprüh­herzen-Aktionen, die Kofferräume- voll-Blumen, die Spruchbänder-Fliegerei, die Baumstamm-Ritzerei, die Goethe-Heine-Klopstockerei, all den zuckersüßen Romantikklebstoff, mit dem wir bisher unsere (mehr oder weniger erfolgreichen) Liebeswerbereien und -bekundungen, unsere Affären und dramatischen Doch-keine-Trennungen so zum Ausdruck zu bringen versuchten. Macht es ab jetzt einfach so wie Lafontaine, der charismatische Polit-Privatier, der das Ganze mit folgenden Worten in die Öffentlichkeit trug: „Ich lebe seit einiger Zeit getrennt und bin seit einiger Zeit mit Sahra eng befreundet. Das war’s dann auch.“

Genial.

Während es in der gemeinen Internet-Society mit dem Wert der Freundschaft nicht mehr viel auf sich hat (oder wieviele haben Sie so gesammelt, die Sie noch nicht mal auf einen Kaffee treffen würden?), belebt Lafontaine den Wert der engen Freundschaft zwischen den Geschlechtern wieder. Dieser beruht hauptsächlich auf Verantwortung füreinander, nicht auf Leidenschaft, Exklusivität oder Treue. Das relativiert praktischerweise nicht nur die Frage nach den betrogenen und verlassenen Partnerinnen (oh, wer zahlt eigentlich für Frau Müller?). Er lässt auch gar nicht erst die sonst übliche Frage aufkommen, wenn eine Liaison aus dem gemeinsamen Arbeitsleben heraus entstanden ist: Wer sich da nun mit wem hochschläft oder hochschlafen will.

Wer wem auf Parteitagen die Fussel vom Jackett zupft, ist im alltäglichen Zusammenleben von Paaren auch die viel wichtigere Frage.

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14:14 16.11.2011

Ausgabe 41/2021

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