Engel

Eine Weihnachtsgeschichte Heute habe ich die Engel endlich ausgepackt. Vor einem Jahr, also letzten Dezember, hatten wir in Neapel fast zwei Stunden damit verbracht, sie ...

Heute habe ich die Engel endlich ausgepackt. Vor einem Jahr, also letzten Dezember, hatten wir in Neapel fast zwei Stunden damit verbracht, sie auszusuchen. Das heißt, eigentlich wollten wir gar keine Engel kaufen, sondern diese kleinen Figuren für eine Krippe, für eine presepe, die man in der Adventszeit in fast jeder italienischen Kirche findet und die sich zu ganzen Städten und Landschaften auswachsen wie bei uns die Spielzeugeisenbahnen.

Im Grunde waren die Engel Rolfs Idee. Er war nicht davon abzubringen gewesen, uns einen dieser Engel zu schenken - die besseren kosteten so um die zweihundert Euro -, als Dank für unsere Gastfreundschaft, wie er sagte. Zweimal hatte er uns letztes Jahr besucht. Und beide Besuche hatten ein abruptes Ende gefunden. Von heute aus könnte man meinen, er habe etwas gesucht, um sich wenigstens ein Mal im Jahr in Erinnerung zu bringen. Denn nachdem er sich in Neapel Hals über Kopf in ein Taxi geworfen hatte, um den Wagen mit den Frauen zu verfolgen, war die Ansichtskarte, die vor ein paar Tagen kam und auf der er fragte, ob die Engel über uns schwebten, das erste Lebenszeichen seither.

Vielleicht haben die Schwierigkeiten, die ich bei der Montage der Engelsflügel hatte und Rolfs Karte schon gar nichts mehr mit dieser Geschichte zu tun. Es ist auch keine Geschichte, sondern ein verspätetes Tagebuch, denn diese ganz unterschiedlichen Ereignisse gehören allein deshalb zusammen, weil sie in den drei Tagen unseres Ausflugs nach Neapel geschahen. Mich hat aber, vermute ich, das eine für das andere empfänglicher gemacht, so dass plötzlich alles eine Bedeutung erhielt, die es nüchtern betrachtet gar nicht hat, zumindest nicht für andere.

Letztes Jahr verbrachten wir in der Villa Massimo in Rom. Als Rolf mich fragte, ob er für ein oder zwei Nächte in der Villa übernachten dürfte, sagte ich zu. Nach einer Woche etwa chauffierte uns Rolf ans Meer, denn N. fuhr in Italien ungern Auto. Es wurde ein schöner Tag. Ich fand zunächst nichts dabei, dass wir über die Frauen sprachen, die auf den letzten Kilometern, die man durch Pinienwald zum Meer fuhr, am Straßenrand standen, fast ausschließlich farbige Frauen in kurzen bunten Kleidern oder hautengen Hosen, die der Straße den Rücken zuwandten.

Doch auch am nächsten Tag gab es für Rolf, sobald wir allein waren, kein anderes Thema. Nachmittags bat er mich um das Auto. Rolf kehrte erst am frühen Morgen zurück, schlief bis Mittag, kasperte mit den Kindern herum und lieh sich erneut den Wagen. So ging das vier oder fünf Tage.

Nur Stunden nach seiner letzten Rückkehr vom Meer reiste er ab.

Als er im Dezember wieder in Rom auftauchte, war die Freude bei den Kindern riesig. Uns bescherte er gleich zwei freie Abende. Wir luden ihn ein, mit uns nach Neapel zu fahren. Vielleicht könnte er während meiner Lesung auf die Mädchen aufpassen...

Am Tag nach der Lesung fuhren wir nach Pompeji. Die Kinder fanden die Stadt gänzlich unspektakulär, mit Ausnahme der toten Körper in den Vitrinen.

Mehrfach kreuzten sich unsere Wege mit denen junger Japanerinnen, zuletzt - die Dämmerung hatte bereits begonnen - an der Villa dei Misteri. Vor den perspektivisch gemalten Wandgemälden, die gerade durch ihre leichte Abweichung von der Zentralperspektive so modern wirken, gerieten wir ins Spekulieren. Was war uns alles verlorengegangen, wenn sich schon in diesem Provinzstädtchen und in einem der wenigen nicht zerstörten Häuser, derartige Kunst fand. Ein japanisches Mädchen erschien, warf einen Blick auf die Wandgemälde und verschwand sofort wieder. Ich konnte mich nicht beherrschen, ich ging ihr nach. "There is nothing better than this", rief ich, denn auf ihrer kurzen oder langen Reise würde sie kaum wieder so etwas zu Gesicht bekommen. Sie sah sich erschrocken um, zögerte kurz, ich winkte ihr zu kommen, sie jedoch eilte davon wie eine erschreckte Nymphe vor Pan.

Plötzlich, ohne ersichtlichen Grund, breitete Rolf die Arme aus, bewegte die Hände und begann mit kleinen Schritten auf den Steinen vor der Absperrung zu tanzen. Dabei hielt er die Augen geschlossen, hob langsam die Arme, die Finger wanden sich ineinander, sein Kopf schmiegte sich mal an den einen, mal an den andere Oberarm. Dann schnippte er mit den Fingern, vollführte ein paar Drehungen, seine Arme schlängelten sich seitlich ausgestreckt ... Es dauerte alles nicht viel länger als eine halbe Minute. Aber in dieser Zeit standen wir stumm vor Rolf, der erst zum Schluss, mit einem kurzen und stampfenden trap-trap-trap seiner Füße wieder die Augen öffnete. Wo hast du das gelernt, fragte ich. Im Sommer, am Meer, sagte er.


Am nächsten Morgen packten wir unsere Sachen zusammen und fuhren mit Rolf zu Raimondos Buchhandlung "Dante Descartes", bei dem wir unser Gepäck lassen konnten. Dieser Tag sollte den Kindern gehören. Nach einem Café brachen wir auf, um die Krippenfiguren zu kaufen. Zwei Stunden später trug Rolf den grünen Karton mit den Engeln stolz zurück zu Raimondo. Die halbe Stunde, die uns noch blieb - um zwölf wurden wir im Aquarium erwartet - verbrachten wir wieder mit Café und Kakao.

Rolf war zum Rauchen vor die Tür gegangen. Ich erzählte gerade von dem missglückten Versuch, die Ta Dema Ausstellung im Nationalmuseum zu sehen, als ich das Schreien hörte. Ich hörte es eigentlich erst im Nachhinein, denn ich beachtete es nicht weiter, hier schrie ständig jemand. Wir haben dann versucht zu rekonstruieren, was wir eigentlich gehört hatten. Nur Stopp, das Stopp war eindeutig, schon bei den Namen konnten wir uns nicht einigen. Clivia, glaubte ich verstanden zu haben, aber weder N. noch Raimondo konnten sich daran erinnern.

Zuerst hatte N. reagiert. "Rolf schreit", hatte sie gesagt., "es ist Rolf." Sie sagte das so ruhig, als hätte man sie nach seinem Namen gefragt. Wir standen auf und gingen nach draußen auf die Via Mezzocannone. Da kam Rolf die Straße wieder heraufgerannt, er schrie diesen Namen, den ich als Clivia erinnere, er habe sie nackt im Wagen gesehen mit drei anderen Frauen, er habe sie erkannt, er müsse ihr nach. Er zeigte die Straße hinunter, ein Auto fuhr dort, ein silberfarbenes, die Marke war nicht mehr zu erkennen. Rolf stoppte ein Taxi, das herauf kam, sprang hinein, das Taxi musste hin und her rangieren, um zu wenden, dann fuhr es hinunter. Doch der silberfarbene Wagen war nicht mehr zu sehen.

"Sollten wir nicht die Polizei rufen?" fragte N.

"Und was sagst du ihnen?"

"Dass Frauen ohne Kleidung in einem Auto saßen."

Ich wählte Rolfs Handy-Nummer. Seine Mailbox ging an, ich wählte erneut, bis ich endlich begriff, dass das Klingeln aus seiner Umhängetasche kam, die hinter dem Ladentisch lag. In der Tasche war auch sein Portemonnaie und der Reiseführer.

Wir erwarteten die Carabinieri in einem grün gestrichenen Zimmer über dem Laden. Wir konnten ihnen nur Rolf beschreiben, ihn und das, was er gerufen hatte. N. sagte, dass er sich in Rom offenbar mit einer oder mehreren Prostituierten Ende Juni angefreundet habe. Ist er ihr Kunde gewesen? Wahrscheinlich, sagte sie.

Der kleine Carabinieri verriet keine Regung, während der große mich anstarrte, als sei ich der Delinquent. Zum Schluss schrieben sie Rolf´s Handy-Nummer auf und gaben uns eine Telefonnummer, bei der wir uns melden könnten.

Als Raimondo sich anbot, für uns im Aquarium anzurufen und den Besuch abzusagen, widersprach ich. Nichts wollte ich in diesem Moment mehr, als ins Aquarium zu fahren.

Während der kurzen Taxifahrt spähte ich ununterbrochen in die anderen Wagen. Wir mussten wieder durch den langen Tunnel, das Aquarium liegt auf der anderen Bergseite in einem kleinen Park, nur durch die breite Uferstraße vom Meer getrennt.

An der Kasse roch es unangenehm nach Fisch. Wäre es ein Laden gewesen, hätte ich ihn wohl nicht betreten.

Frau***, eine Deutsche, die seit mehr als dreißig Jahren hier arbeitet, führte uns nach oben in die Bibliothek mit den Fresken Hans von Marées. Gebaut worden war die "erste meeresbiologische Station außerhalb einer Universität" 1872 von einem Deutschen aus Königsberg, dessen Vater ein reicher Mühlenbesitzer gewesen sein soll. Seine Forschungsstation sollte Darwin´s Theorie unterstützen, die Bibliothek war für die Künste, das Aquarium für die Öffentlichkeit, um Geld einzuspielen.

Im Aquarium selbst war der Geruch längst nicht mehr so penetrant. Minutenweise gelang es mir tatsächlich, nicht an Rolf zu denken.


Mit Frau*** traten wir vor das Bassin eines großen Tintenfisches, der ausgestreckt und reglos über den Steinen lag. Es ist keine nachträgliche Erfindung wenn ich behaupte, die Haltung des Fisches entsprach der eines Menschen auf einer Chaiselonge, ja in gewisser Weise erinnerte er mich an Tischbeins Goethe, denn der mächtige Kopf und Rumpf - es ist schwer, dies genau voneinander zu unterscheiden - war leicht nach links geneigt, während er sämtliche Tentakeln nach rechts ausgestreckt hatte. Ich fand es merkwürdig, auf die Saugnäpfe seiner Tentakeln zu sehen, die mir als insalata di polpo oder als fruti di mare vertraut sind. Anna fragte, ob der Tintenfisch leben würde. Er glich tatsächlich einem algenartigen Gebilde. Ohne die Erklärungen von Frau*** wären wir wohl schnell weitergegangen. Er sei ein edles Geschöpf, denn vergleiche man das Verhältnis seiner Gehirnmasse zum Gesamtgewicht, sei er höher entwickelt als der Mensch. In die Spitzen seiner Tentakeln war Bewegung gekommen, obwohl ich mich fragte, ob dieses leichte Kräuseln von ihm ausging oder die Wasserströmung zur Ursache hatte. Dann aber war nicht zu übersehen, dass seine Arme eine wellenförmige Bewegung durchlief, die stärker und stärker wurde, wie ein Motor, der langsam auf Touren kommt. Von dieser so vielgestaltigen wie einheitlichen Belebung ging eine geradezu hypnotische Wirkung aus.

Die Mädchen hatten bereits genug und zogen zum nächsten Aquarium. N. folgte ihnen.

Der ganze Tintenfisch war von den Bewegungen seiner Tentakeln ergriffen worden. Er hatte sich von den Steinen erhoben und schwamm nun langsam den Kopf voran nach rechts, tauchte nach unten, schwamm zurück, seine Arme wie ein Girlandenbündel mit sich ziehend, stieg wieder auf, wiederholte die Bewegung. Erst beim dritten oder vierten Mal kapierte ich: "Der schlägt ja Purzelbäume!"

Als hätte ich ihn angefeuert, erhöhte er das Tempo und verringerte zugleich den Radius seiner Bewegungen. "Das macht er für sie", sagte Frau *** und wandte sich ab.

"Sehen Sie sich das an", rief ich ihr nach, "jetzt macht er die Rolle rückwärts!"

Ich blieb allein vor dem Tintenfisch zurück, sagte halblaut: "Bravo! Bravo!" und klatschte leise, das heißt, ich deutete die Bewegung nur an. Ich sprach leise zu ihm, wie man zu Hunden oder Katzen oder Pferden spricht.

Seine Rolle vorwärts und rückwärts mussten ihn anstrengen, denn er legte kurze Pausen ein, in denen ich dachte, er würde wieder auf die Steine sinken und mir damit Gelegenheit gebe, mich von ihm abzuwenden. Vielleicht musste er auch nur seine Tentakeln wieder ordnen, denn nach einer kurzen Unterbrechung machte er weiter. Hatte er mich angesehen? Vergeblich suchte ich nach seinen Augen.

Ich nahm die nächste kurze Ruhepausen zum Anlass, ihn zu verlassen, nicht ohne noch einmal applaudiert und irgendwelches dummes Zeug geflüstert zu haben.

Ich schlich mich davon und strich an den anderen Aquarien vorbei, ohne dass ich irgendetwas Besonders bemerkte - oder ich habe es inzwischen vergessen. Ich erinnere mich nur noch an eine ausgestopfte Seekuh - oder ein ähnliches Wesen - das den Namen Marlene trug, weil sie am selben Tag wie Marlene Dietrich gestorben war.

Andere Besucher waren hereingekommen und ich gestand mir eine gewisse Eifersucht ein, denn nun würde er für sie Rolle vorwärts und rückwärts zeigen. Als ich nach wenigen Minuten zu ihnen sah, standen sie tatsächlich vor seinem Bassin. Ich wartete noch eine weitere Minute ab, dann trat ich hinzu in dem Bewusstsein, ihn, den Tintenfisch, in flagranti zu erwischen. Doch er lag da, ausgestreckt auf seiner Chaiselonge und rührte sich nicht. Ich hielt mich im Hintergrund, doch als die Familie abzog, trat ich noch einmal heran, als müsste ich mich für mein Verhalten entschuldigen und mich wenigstens verabschieden. "Du warst großartig", sagte ich, "vielen Dank."

Im selben Moment hob sich der Kopf/Rumpf des Tintenfisches von den Steinen und dann geschah etwas, das mich schockierte: In wenigen Sekunden hatte er sämtliche Tentakeln mobilisiert und weit ausgestreckt, es war eine regelrechte Tentakelexplosion, ein zum Leben erwachtes Medusenhaupt, denn was liegt näher, als die Tentakeln mit Schlangen zu vergleichen. Von einem Moment auf den anderen reichten sie von einem Ende seiner Behausung zum anderen. Er hatte mir seine weiße Unterseite zugewandt, so dass ich ihm in sein Maul, ja in jeden einzelnen Napf sehen konnte. Er war kein Medusenhaupt, er war schön, sehr schön, seine Bewegungen in ihrer Gleichzeitigkeit und Gegenläufigkeit ein unfassbares Wunder. Ja, ein Wunder, und doch obszön. Es ist schlimmstenfalls unangenehm, wenn Hunde einem plötzlich die Schnauze in den Schritt schieben oder sich am Bein festhalten und vor Erregung winseln. Das hier war anders, es bestürzte mich und ich spürte, dass ich kurz davor war zu weinen. Natürlich wäre mir das unter normalen Umständen nicht passiert, aber in diesem Moment streckte auch ich die Arme aus und drückte meine Hände gegen die Scheibe, so wie ich manchmal meine Hand an das Zugfenster drücke, wenn N. mit den Kindern zu ihren Eltern fährt.

Das war unser Abschied.


Als wir wieder bei Raimondo waren, hatte Rolf seine Sachen bereits abgeholt. Ich rief ihn auf dem Handy an. Er war am Bahnhof. Er bedankte sich dafür, dass wir die Polizei verständigt hätten. Ich dachte, er würde auf uns warten, aber als wir auf den Bahnsteig kamen, war er nicht da. Wir sahen ihn auch nicht in Termini, in Rom, beim Aussteigen.

Wir gingen zum Taxistand und stellten uns in die lange Schlange. Die Sonne war schon nicht mehr zu sehen, aber der Himmel blieb noch hell. Und vor diesem weißen Himmel flog ein großer Schwarm Stare. Zehn Jahre zuvor, bei meinem ersten Rombesuch, hatte ich diese Starenschwärme schon einmal gesehen. Sie sind schön, aber sie haben auch etwas Unheimliches, ein Menetekel, das sie in den Himmel zeichnen. Es gibt eine Theorie, dass die Vögel, statt in den Süden zu fliegen, diese Tänze aufführen, diese Metamorphosen unbeschreiblicher Gebilde, Schleiertänze, Rauchfahnen, in ihrer Eleganz nur vergleichbar den Bewegungen von Tentakeln.

Ich fragte mich, ob es dem Tintenfisch ähnlich erging, ob er vielleicht an uns dachte und wie sein Bild von uns beschaffen sein könnte, etwas, das ich mich heute noch frage, da endlich die Engel im Kinderzimmer schweben, die Engel von Rolf, der uns den Tanz der Frauen gezeigt hatte mitten in Pompeji.

Ingo Schulze, geboren 1962 in Dresden, lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien von ihm der Roman Adam und Evelyn. Bei dem hier abgedruckten Text handelt es sich um eine unpublizierte Erzählung, die für diese Veröffentlichung gekürzt wurde. www.ingoschulze.com

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00:00 26.12.2008

Ausgabe 39/2020

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