Engel in Weiß

Porträt Jenny De la Torre kam aus Peru in die DDR und wurde Ärztin. Heute kämpft sie mit ihrer eigenen Stiftung gegen die Armut
Anne Hahn | Ausgabe 48/2016 1

Alles begann mit einer Postkarte.“ Jenny De la Torre, eine kleine Frau mit warmen Augen, verschränkt die Finger. Wir sitzen in ihrer Arztpraxis, einem ehemaligen Direktorenwohnhaus. Große Fenster gehen auf den Garten. Keine Straßenbahn fährt mehr durch die Pflugstraße, die Mauer ist schon lange weg und der alte Grenzstreifen gleich um die Ecke ein Park.

Während ihres Studiums in der 200.000-Einwohner-Stadt Ica im Süden Perus kam eines Tages die Postkarte einer Freundin an. „Liebe Grüße aus der DDR“ stand da und: „ich studiere in Rostock Medizin“. Jenny De la Torre wollte das auch und ging nach Leipzig. Nach Deutschland, die Wiege der Wissenschaft, wie ihr Vater sagte. Geld spielte in einem sozialistischen Land keine Rolle, das war für sie perfekt.

In einem kleinen Ort in Peru war De la Torre aufgewachsen, dort kannte und half man einander. „Ich konnte in eine sehr gute Schule gehen, später dann an die Universität, meine drei Geschwister auch. Aber ringsum gab es Armut, meine Mutter verteilte Lebensmittel, und ich habe gesagt, das sind doch Menschen! Es kann nicht sein, dass sie nicht zum Arzt gehen können, weil sie kein Geld haben! Ich beschloss, wenn ich groß bin, werde ich Ärztin und sie kostenlos behandeln!“ Eine zentrale Überzeugung, die sie beibehalten hat – dass keiner etwas dafür kann, wie er geboren wird. In Reichtum oder Armut.

Im Paradies

In der DDR stand für sie immer die Medizin im Vordergrund. Behandlung und Medikamente waren kostenlos, paradiesische Zustände! Sie sah nicht einen Obdachlosen – nach 1989, in einer Rettungsstelle in Prenzlauer Berg, waren sie plötzlich da. Tagsüber schrieb sie ihre Doktorarbeit, nachts schrubbte sie Dienste. „Das war für mich ein Schock. Ich habe zum Beispiel die ersten Maden gesehen und dachte: Was ist das denn, bitte?“

Jenny De la Torre kam zweimal nach Deutschland. 1990 war sie mit Diplom und Doktortitel nach Peru zurückgekehrt, aber die Abschlüsse wurden nicht anerkannt. Sie jobbte, sparte auf den Übersee-Flug, landete wieder in Berlin, und irgendwann stand ihr Entschluss fest. „Ich kann nicht mit einem Koffer in der Hand leben. Jetzt bleibe ich hier und mache das Beste daraus. Es ist egal, wo man etwas tut, Hauptsache, man tut es.“

Heute kümmert sie sich um die Familie, wenn sie nach Peru fährt, schaut sich das Land an und flippt manchmal auch ein bisschen aus. „Es gibt noch viel zu tun.“ Wenn wir unsere Welt als eins sehen würden, sagt sie, würde es uns viel leichter fallen, mehr zu machen. Egal wo etwas passiert, ob gut oder schlecht, es hat Auswirkungen auf uns alle.

Damals in Berlin bekam sie eine ABM-Stelle, als Beraterin für Mütter und Frauen in Not. Die Frauen hatten Probleme, waren schwanger, nichts klappte. Dann das Angebot vom Arbeitsamt, Obdachlose zu behandeln, sie sagte Ja. „Das waren Leute, die waren richtig draußen, jahrelang. Das hat mich unglaublich beeindruckt, in welchem Zustand ein Mensch auf der Straße lebt und alles aushalten kann. Ich dachte, was ist passiert in ihrem Leben, dass sie so spät zu mir kommen, total krank? Einmal war es extrem, ein Mensch kam zu mir – und ich musste ihn einweisen. Sofort wurde sein Bein amputiert.“ Niemand habe sie zu all dem gezwungen, meint De la Torre achselzuckend, „ich wollte es tun.“ Einen gewissen Abstand müsse man natürlich einhalten, wie der Psychologe sage, hier ist ein Kreis und da der andere, geh dort nicht rein.

Wir laufen durch das alte Haus mit seinen sonnigen Räumen. Das Behandlungszimmer, Labor, Ultraschallgerät. Die Schar gut gelaunter Mitarbeiter umschwirrt Frau Doktor. Bescheiden lächelt sie jeden an. Zieht eine ältere Dame aus dem Mitarbeiterschwarm und stellt sie als „unsere älteste ehrenamtliche Unterstützerin“ vor. Die Frauen drücken sich innig.

Ein hagerer Mann schlüpft vor der Kleiderkammer im ersten Stock aus den Schuhen, zeigt auf ein Regal. Turnschuhe hätte er gern. Zu uns gewandt, kommt ein Leuchten in sein Gesicht. „Sie ist unser Engel, schreiben Sie das auf!“ Jenny De la Torre senkt den Kopf. Später flüstert sie mir zu: „Das war ein Kollege von uns, am Ostbahnhof. Lebt jetzt auf der Straße.“

Gegenüber der Kleiderkammer voller Decken, Schlafsäcke, Pullover, Hosen und Schuhe liegt das Bad für die Frauen. Toiletten, Dusche, abschließbar. Aus der Küche dringt Klappern herüber, die Berliner Tafel hat geliefert. Im Speisesaal wird gegessen, ruhig, beinahe andächtig. Wir steigen ein Stockwerk höher, hier hat der Augenarzt Sprechstunde, Sozialarbeiterin, Rechtsanwalt, Psychologe. So hat sich Jenny De la Torre ihr Zentrum gewünscht, so hat sie es geschaffen.

„Was bedeutet das eigentlich, kein Zuhause zu haben? Alles. Wie hält man das aus?“ Sie weist auf ihr Reich, das nun schon zehn Jahre lang all das bietet, was hilft. Sie hat eine eigene Stiftung gegründet, die Jenny-De-la-Torre-Stiftung, um damit eine Organisation zu schaffen für diese Unterstützung. „Wir brauchen dabei eine gewisse Kontinuität. Und möglichst alles zusammen, damit die Menschen nicht so einen Stress haben. Hier essen, da Beratung, dort Arzt, das kriegen sie nicht auf die Reihe an einem Tag.“

Wohnungslos in Berlin

Als obdachlos werden diejenigen Menschen bezeichnet, die auf der Straße leben und in Wärmestuben oder Notschlafstellen übernachten müssen. Sie sind nirgends registriert, ihre Zahl kann nur geschätzt werden. Als wohnungslos gilt, wer in Übergangswohnheimen oder Asylen lebt. Nach jüngsten Meldungen sind etwa 17.000 Menschen in Berlin ohne Wohnung, die Anzahl der Obdachlosen wird je nach Quelle auf 3.000 bis 6.000 geschätzt, Tendenz steigend.

Arbeitsmigranten aus Osteuropa lebten in den vergangenen, wärmeren Wochen unter Brücken, in Parks und Bahnhöfen. Vor kurzem waren mehrere Lager von „Wildcampern“ im 210 Hektar großen Tiergarten geräumt worden. Die hygienische Situation sei katastrophal gewesen, erklärte das Bezirksamt. Mehrere Träger bieten in der Hauptstadt bislang insgesamt 800 Schlafplätze an. Diese Organisationen leben von staatlichen Zuwendungen und Spenden. Die von Dezember an den Stadtstaat regierende rot-rot-grüne Koalition will die Zahl der Kältehilfe-Plätze zunächst auf 1.000 erhöhen und künftig zur Planung der Wohnraumversorgung einen Wohnraumbedarfsbericht inklusive Wohnungslosen- und Räumungsstatistik erstellen.

Die Kältehilfe hat Anfang November ihre Arbeit aufgenommen. Wer in Berlin eine wohnungslose Person in Kälte und Not sieht, kann – wenn die Person Hilfe möchte – zwischen 19 und 3 Uhr den Wärmebus des Roten Kreuzes unter 0170/9100042 oder zwischen 18 und 24 Uhr den Kältebus der Berliner Stadtmission unter 0178/5235838 anrufen. Unter delatorre-stiftung.de findet sich Jenny De la Torres Stiftung im Internet

Die ersten neun Jahre am Ostbahnhof finanzierten sie das Arbeitsamt und das Land Berlin. Die Personalkosten waren gedeckt, aber nicht die Ausgaben für Medikamente, Verbandsstoffe und Kleidung. „Was soll ich denn mit leeren Händen?“, fragt die Ärztin und zeigt ihre kleinen Handflächen. „So haben wir das angefangen, alles aus Spenden finanziert. Ich brauchte eine Sozialarbeiterin und eine Psychologin, weil manche sagen, ich will nicht mehr leben – so will ich nicht mehr leben. Auch einen Rechtsanwalt, denn die Menschen sitzen wegen Schwarzfahrens ein, wegen Beschaffungskriminalität und so weiter. Ich hatte ein größeres Problem, als ich es mir als Chirurgin hatte vorstellen können. Als man sich es überhaupt vorstellen kann.“

Wenn es explodiert

„Wo gehen die Menschen hin, wenn die Projekte zu Ende sind? So wie sie sind, kommen sie nicht von heute auf morgen von der Straße weg. Das sind chronisch kranke Menschen, die akut versorgt werden müssen. Sie gehen nicht gern in Obdachlosenheime, da gibt es keine Privatsphäre.“ Jenny De la Torre ringt die Hände. Sucht nach Worten.

Das explodiert, erzählt sie weiter. Wenn einem, der von der Straße kommt, jemand zu nahe tritt, ist es vorbei. Einer schnarcht, ein anderer kommt ihm komisch, oder es fehlt plötzlich etwas, schon wird er aggressiv und fliegt raus. Weg von der Straße ist der erste Schritt. Dann kommt der zweite, der dritte. „Eines meiner Lieblingsheime ist die Grabbeallee, es gibt Sozialarbeiter, und alle haben ein Einzelzimmer. Sie werden nicht auf die Straße entlassen, sondern weitergeleitet. In eine Langzeittherapie oder in eine Wohnung. Viele meiner Patienten haben es dann so geschafft.“

Wir betreten den großen Garten. Das Gebäude gehört inzwischen der Stiftung, von Spenden und Preisgeldern erworben. Jenny De la Torre zählt auf, wer hier arbeitet. Elf Mitarbeiter hauptamtlich, die Praxis, das Büro, die Küche und die Kleiderkammer sind täglich geöffnet. 27 Mitarbeiter stehen ehrenamtlich zur Verfügung, in der Küche, im Büro, als Ärzte oder Hausmeister. „Auch die Gärtner“, sagt sie und zeigt auf zwei ältere Herren, die gerade Beete wässern. Bänke und ein Pavillon bieten lauschige Ruheplätze. Auch die Sommerfeste finden im Garten statt, zu denen die Nachbarschaft geladen wird.

In den zehn Jahren gab es nicht einmal Streit. Manch ein Nachbar habe angerufen im Lauf der Jahre und sich entschuldigt, für anfängliche Vorbehalte. „Was haben Sie denn gedacht?“, fragt Jenny De la Torre mich anstelle der Nachbarn, „hier liegen keine Spritzen rum, hier bricht niemand ein.“ Sie fallen kaum auf, ihre paar Handvoll Patienten, die wochentags zwischen 8 und 15 Uhr den Weg hierher in die Pflugstraße finden.

„Was kostet ein Menschenleben?“, fragt Jenny de La Torre. „Wie viel gibt man dafür aus? 10 bis 15 Prozent schaffen es, von der Straße wegzukommen. Die meiste Kraft müssten sie selbst aufbringen, aber ein Stück des Wegs werden sie hier begleitet. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Manche sagen sogar: ‚Das ist mein Leben.‘ Ich glaube das keinem.“ Wenn einer mit 27 Jahren sage, die Straße sei sein Haus, dann müsse man reden.

Jenny De la Torre sieht, wie lange jemand draußen lebt oder nicht, egal was er behauptet. Aber jeder hat sein Recht, zu glauben, was er erzählt. Erst muss Vertrauen aufgebaut werden. Wer will schon zugeben, krank und obdachlos zu sein, sein Leben nicht mehr auf die Reihe zu bekommen? Es ist eine Menge Scham dabei. „Wenn man ein bisschen dahinterschaut, ist es eine Art Selbstschutz. In erster Linie geht es um Würde.“

Jeden Tag hat sie mit Läusen, Krätze und Schleppe, offenen Beinen, Alkoholismus und psychischen Erkrankungen zu tun. „Man hofft immer, dass sie wiederkommen, manchmal klappt es, manchmal nicht. Mit unserem Leben kann man das nicht vergleichen, es gibt andere Prioritäten. Man verliert sich auf der Straße.“ Frauen, etwa ein Fünftel ihrer Patienten, sind meist wohnungslos – nicht obdachlos. Wohnungslose leben in Heimen, dadurch sind sie erreichbar und bekommen Hartz IV. „Es gibt also diejenigen mit Hartz IV und diejenigen ohne. Sie sind nirgendwo gemeldet und machen den Hauptteil meiner Patienten aus.“

„Mein Traum ist, dass unsere Arbeit weniger gebraucht wird. Am Anfang hatte ich viele Verwahrloste, das ist seltener geworden. Was ich vor 20 Jahren gesehen habe, war ja ein Albtraum! Jetzt gibt es weniger Gewalt und weniger Suizidversuche. Es liegt an den vielen Anlaufstellen in Berlin – wir können viele erreichen.“ Wir müssten uns allerdings etwas einfallen lassen zu den Menschen aus Osteuropa, sagt Jenny De la Torre, es würden immer mehr. Da sie kaum Zugang zu sozialen Leistungen haben, obwohl sie wenig verdienen, landen sie häufig in der Obdachlosigkeit.

Manchmal mogelten sich auch Studierende in die Behandlung. Sie haben eine Wohnung, teilweise Arbeit, aber keine Krankenversicherung. Selbstständige sind ebenfalls unter den Klienten, Rentner und Bürger, die aus dem Ausland zurückkommen. „Wir versuchen, sie von unserem Rechtsanwalt beraten zu lassen. Aber das ist alles nicht einfach.“

Als wir uns verabschieden, lächelt der Engel der Obdachlosen wieder. „Das größte Geschenk sind für mich die Postkarten! Manchmal bekomme ich nach zehn Jahren eine, aus Venezuela zum Beispiel. Da steht dann drauf: „Danke, Frau Doktor, und Grüße von mir und meiner Familie.“ Eine kam aus Bulgarien, dieser Mann grüßte vom eigenen Hof, den er mit seiner Frau bewohnt, und ein anderer ist auf Hochzeitsreise nach Paris gefahren, hat mir eine Karte aus der Stadt der Liebe geschrieben. Das sind Geschenke! Bessere kann ich nicht kriegen.“

Anne Hahn lebt als Autorin in Berlin. Ihr Roman Gegenüber von China ist 2014 in neuer Auflage im Ventil-Verlag erschienen

06:00 28.12.2016