Enkel statt Onkel

Porträt Daniel Margraf tritt in Potsdam gegen Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Linda Teuteberg an – für die ÖDP
Enkel statt Onkel
Er war Kfz-Elektriker, Designer, Dozent. Heute betreibt er eine Bar und tritt für die Partei an, die noch bis vor Kurzem als neuntgrößte Deutschlands firmieren konnte

Foto: Presse

An einem sonnigen Freitag wenige Wochen vor der Wahl läuft Daniel Margraf ganz in Schwarz gekleidet auf den Bundestag zu. Für gewöhnlich tritt seine ÖDP in Orange auf. Margraf trägt seine orange Weste in einer Transporttasche bei sich. „Die ziehe ich schon noch an.“ Fast könnte man meinen, dass ihm die schrille Warnwesten-Optik seiner Partei gegen den ästhetischen Strich geht. Daniel Margraf, 47, ist schließlich Designer und Style-Berater.

Vor allem ist er aber Direktkandidat der Ökologisch-Demokratischen Partei für die Bundestagswahl im Wahlkreis 61. Der umfasst neben Potsdam sechs Gemeinden aus dem Landkreis Potsdam-Mittelmark und eine aus dem Kreis Teltow-Fläming in Brandenburg. Damit tritt Margraf sowohl gegen Annalena Baerbock als auch gegen Olaf Scholz an. Nie zuvor hat es in Deutschland so eine Konstellation gegeben: ein Wahlkreis, zwei Kanzlerkandidaturen. Dazu noch die einstige FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg. Mehr geballte Prominenz als Konkurrenz geht kaum. „Wir sind ambitioniert. Ich wurde gewählt und habe angenommen“, sagt Margraf unaufgeregt. Und raucht dann erst einmal eine.

Sich schroff an seinen Kontrahenten abzuarbeiten, kommt für ihn ohnehin nicht infrage. Er sagt Dinge wie: „Wir sollten zurückkommen zur Empathie.“ Margraf erklärt auch das Hauptziel der ÖDP: ein ökologisch-demokratischer Umbau der Gesellschaft, betrieben von Politikerinnen und Politikern, die sich frei machen von Einflüssen aus der Wirtschaft. Seine Partei sei die einzige, die „vollständig auf Spenden aus der Wirtschaft verzichtet“.

Tatsächlich klingt das Angebot der kleinen Parteien ja oft viel sympathischer als das der etablierten. Aber haben sie irgendeine Chance, es umzusetzen? An diesem Sommertag in Berlin, da Fridays for Future vor dem Bundestag demonstrieren und Touristengruppen in fröhlichem Englisch den Mauerstreifen erklärt bekommen, scheint nichts unmöglich. Margraf sagt: „Nach Mitgliedern sind wir die zehntgrößte Partei Deutschlands.“

Gegründet im Jahr 1982, hat die ÖDP vor allem in Bayern ihre Achtungserfolge gefeiert, bei der Landtagswahl 2018 waren es 1,6, in Baden-Württemberg im vergangenen März 0,8 Prozent. Die ÖDP ist manchmal als konservativ-grüne Partei beschrieben worden oder als grüne Partei ohne revolutionären Habitus. Margraf kann mit solchen Zuschreibungen wenig anfangen. „Die Grünen versprechen viel, halten dann aber wenig.“ Zu den anderen Parteien ist der inhaltliche Unterschied ohnehin größer – beim Politikstil sowieso. Während die Unionsparteien im Wahlkampf vor sich hin onkeln, will die ÖDP eine „enkelfreundliche Politik“, wie Margraf es ausdrückt: mehr Klimaschutz, mehr demokratische Teilhabe, weniger Kompromisse.

Aufgewachsen ist Daniel Margraf in Berlin, was ihm manchmal noch anzuhören ist. Schon sein ungerader Werdegang unterscheidet ihn von den meisten Berufspolitikern, so ist er ausgebildeter Kfz-Elektriker, hat Bekleidungsgestaltung studiert, als Designer, Dozent und Teamtrainer gearbeitet. Seit zehn Jahren lebt der Vater von vier Kindern nun in Potsdam. Dort betreibt er heute eine Bar. Er selbst sieht seinen kurvenreichen Weg positiv: „Jeder sollte seine Träume verwirklichen.“

Als die anderen Parteigänger endlich ankommen, weist eine ÖDP-Frau Margraf freundlich auf seine fehlende orange Bekleidung hin. Er zieht seine Weste an. Tatsächlich wirken grelle Leibchen seit den Gelbwesten-Protesten in Frankreich politisch irgendwie besetzt. Sogar die Parteifarbe Orange, historisch hierzulande weitgehend unbelastet, wird seit Mitte der nuller Jahre mal mehr, mal weniger von der Union eingenommen, als wäre ihr Schwarz nicht genug, als würden die Etablierten den Kleinen aber auch gar nichts gönnen. „Orange hat eine Signalwirkung“, will Margraf positives Potenzial erkannt haben.

Er und die anderen stehen an ihrem Pavillon, sprechen Passantinnen an, auf Transparenten hinter ihnen prangen Protestslogans gegen die Gigafactory von Tesla in Grünheide in Brandenburg: „Pfählungen gefährden das Grundwasser.“ Mit ihrem Kampf gegen die vielen vorläufigen Genehmigungen für Elon Musks Prestigeobjekt hat es die ÖDP manches Mal über die mediale Schwelle geschafft. Sie seien nicht grundsätzlich gegen Tesla, aber Umweltauflagen müssten für alle gelten, erklären die ÖDP-Wahlkämpfer. Später sagt einer: „Wir sind immerhin die neuntgrößte Partei in Deutschland!“ Pause. „Also nur noch die zehntgrößte“, korrigiert er sich. „Die Basis ist vorbeigezogen.“ Für die Basis, im Umfeld der Corona-Proteste 2020 gegründet, stimmten im März in Baden-Württemberg 48.500 Menschen, für die ÖDP rund 38.000.

Später am Tag steht Daniel Margraf hinter dem Tresen seiner „Bar 54“ in der Innenstadt Potsdams. Er trägt wieder Schwarz, ohne Warnweste. Außer Flyern für die ÖDP deutet nichts darauf hin, dass hier der Wahlkreiskandidat selbst den Zapfhahn bedient. Es ist eine Bar, kein Wahlkreisbüro. „Ich versuche das schon zu trennen“, erklärt er und schenkt einen Bio-Gin seiner eigenen Marke aus. Er schmeckt nach Ingwer, Zitrusfrüchten und Lavendel.

Auf ein Prozent-Ziel für die Wahl will sich Margraf nicht einmal zu später Stunde festlegen. Die ÖDP ist – im Gegensatz zu ihm selbst – in Potsdam noch nicht allzu fest verwurzelt, sein Kreisverband erst im Oktober 2020 gegründet worden. „Wir wollen einfach unabhängige Politik machen“, sagt Margraf. Draußen knallt der Regen auf den Asphalt, drinnen ist die Welt noch in Ordnung. Es wäre Potsdam zu wünschen, dass Baerbock und Scholz mal hier vorbeikommen und am Tresen mit Margraf diskutieren. „Wir machen so lange, wie die Leute da sind“, sagt der. Am 26. September steigt hier die lokale Wahlparty der ÖDP.

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06:00 07.09.2021

Ausgabe 37/2021

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