Ennullats Krieg

Provinz Swen Ennullat will Bürgermeister werden, überall sieht er Korruption. Seine Gegner schimpfen ihn einen Populisten

Er wartet schon, an den Schläfen grauer als auf Wahlkampfbildern, sonst fast jugendlich, bei schmalen Schultern. Ein paar Schritte, es gibt in Königs Wusterhausen – das immer schon alle nur KW rufen – im ersten Haus am Platz eines dieser erstaunlichen Restaurants, in denen alles gekocht wird, was irgendwie asiatisch klingt. „Wir gehen ins Séparée“, ruft Swen Ennullat, führt in einen milchkaffeebeigen Raum, man muss wählen zwischen Sushi, Thai-Suppen, Pekingente. Nein, Salat gibt es gerade nicht. Ennullat, geboren 1976 bei Bitterfeld, kam zum W in seinem Vornamen, weil die Mutter fest mit einer Tochter rechnete und dann auf die Überraschung hin nur einen schnell dahingeworfenen Namen hatte, zur Hebammen-Frage „Eingedeutscht?“ ohne genaue Vorstellung nickte. Mit dem Rücken sitzt er zu einem immergrünen Busch, fast wie Flügel spreizen sich die Zweige.

Ennullat weiß – deshalb sind wir nicht hier, sondern weil er von ganz anderen Verwachsungen erzählt, von einem Gespinst, gegen das er antrete: Er ist Kandidat der Freien Wähler für das Amt des Bürgermeisters, der in KW diesmal zeitgleich mit dem Bundestag gewählt wird. Das rückt Bundespolitik ins Verhältnis zum Lokalen: Die Unzufriedenen, die sich in der Paradedisziplin des Provinziellen, im Beleidigtsein, eingerichtet haben, können im Städtchen die Verhältnisse gewichten. Zufriedene können dagegenhalten.

Allerdings ist die politische Landschaft in KW kurios schmal aufgestellt. Ennullat dröselt auf: Seit 1990 gab es sozialdemokratische, einmal einen linken Bürgermeister. Außerdem koaliert die SPD mit der CDU. Und kooperiert mit den Linken. Man begreift schnell, worauf er abzielt: Misswirtschaft, Mauschelei, Gutsherrenart, Filz. Die Verwaltung sei gelähmt, Stillstand im Ort. Dagegen macht Ennullat Wahlkampf, will antreiben. Und er macht Wahlkampf mit der Empörung – ein schmaler Grat.

Eine Million verschwunden?

Er selbst sei Opfer solcher Wucherungen: Kam nach KW als Jugendamtsleiter, nachdem ihn die Arbeit beim Staatsschutz in Berlin an den Rand der Belastbarkeit brachte. War dorthin gegangen, weil er im Polizeidienst Dessau ausgebremst wurde: Der Vorgesetzte verlangte, nachlässiger gegen rechte Gewalt zu ermitteln, Statistiken läsen sich dann besser. Aber Ennullat, dessen alter Deutschlehrer erzählt, dass er immer alles „korrekt“ habe machen wollen, dass er ehrgeizig war und frühzeitig die freie Rede übte, ging gegen Vorgesetzte und nachlässige Haltung vor. Einem wie ihm hängen Fernsehsender die Medaille „Whistleblower“ um.

Schwere Vorwürfe

Vor einer Weile behauptete ein Beitrag im Community-Blog des Freitag, Swen Ennullat habe sich vom „Nazi-Jäger zum Nazi-Freund“ gewandelt. Der Eintrag kannte Zustände in und Personen aus Königs Wusterhausen, versuchte es allerdings mit einem einfachen Dreisatz: Ennullat hatte einem Internet-Magazin ein Interview gegeben. Das Gespräch war außerordentlich wohlwollend. Der Betreiber lebt in KW und seine Plattform gibt jeder noch so abstrusen oder schlecht formulierten Empörung gegen die Politiker der Stadt Raum. Der Publizist hatte auch in einem Verlag, der auch Verschwörungstheorien und rechtes Gedankengut verlegt, einen Sammelband veröffentlicht. Daraus folgerte der Blog-Autor, Ennullat selbst sei rechts. Grund genug für den Freitag, Königs Wusterhausen und den Kandidaten Swen Ennullat zu besuchen.

KW also, arbeiten, wo man wohnt, angenehm bei drei Kindern, auch mal Abendtermine absagen, um auf den Nachwuchs zu schauen, während seine Frau in der Kreisgeschäftsstelle der CDU zu tun hatte. Aber ihm fielen Unregelmäßigkeiten auf, zu hohe Abrechnungen bei Kitas. „Das haben der linke Bürgermeister und auch sein Nachfolger von der SPD gedeckt.“ Wieder: Ennullat nahm Beschwichtigungen nicht hin, da werde eine Summe entwendet, die gegen eine Millionen Euro gehe. „Das ist eine Straftat“, sagt er empört.

Die Staatsanwaltschaft schlug das Verfahren nieder. Warum aber, Swen Ennullat, ist das politisch? „Da hätte man besondere Schwere erkennen können, die Verjährung ist eine Hilfskonstruktion. Der Vorsitzende des Trägervereins war von der SPD.“ Was soll die Staatsanwaltschaft für ein Interesse haben, hier Parteien und Bürgermeistern zu helfen? Ennullat lacht. „In der Woche, nachdem sie die Sache geregelt hatten, wurde der alte Bürgermeister Landes-Justizminister.“ Da ist er wieder, der Verweis auf die Zusammenhänge, in dem alle ihr Spiel treiben. Sehr belegbar ist, dass der Amtsnachfolger im Rathaus KW dann Ennullats Probezeit plötzlich beendete. Später habe der sozialdemokratische Landrat eine schon zugesagte Einstellung als Jugendamtsleiter in Lübben verhindert. Vor der Wahl wurde er bei der CDU ausgebootet, ging also zu den Freien Wählern. Kann ein Kandidat ohne Partei ein Rathaus führen? Er sei jetzt „von deutlich mehr Sachverstand umringt als in der CDU“.

Hier müssen wir anhalten, der Reporter ist schon ganz wuschig von der Gemengelage und Ennullats stoischem Ritt durch die Ebenen. Ennullat will gegen etwas gewinnen, das er „System“ nennt. Als studierter Verwaltungs-Fachmann und als einer, der sich nicht einbinden lässt. Manches fällt sogar der Lokalpresse auf: Wenn ein beamteter Staatssekretär die SPD beim Wahlkampf unterstützt, obwohl das verboten ist. Wenn Stadtverwaltungen Unternehmern baurechtliche Verfehlungen durchgehen lassen. Ennullats Beispiele werden persönlich, er fragt, warum das Gehalt des Geschäftsführers der städtischen Hafengesellschaft geheim sei und warum der Bürgermeister neben diesem im Hafen Geburtstag feiere.

Fahrt zu einem Wahlkampf-Fest, einfache Frage: Was ist an Ihnen konservativ? „Eigentlich bin ich ein Linker. Mir geht es um Solidarität und Gemeinschaft.“ Und christliche Werte, schiebt er nach. Aber dann, klassischer Ausfallschritt der Konservativen: Er sei großer Merkel-Fan gewesen. Bis 2015. „Als dann die Grenzen aufgingen, habe ich mich gefragt, was dieses Land regiert – ist das noch Gesetz und Ordnung?“

Auf dem Fest erzählen Eltern, wie sehr rüde Methoden der Erzieher sie nerven. Und wie sie von der Verwaltung abgebügelt wurden. Vieles schießt ins wilde Kraut: Treiben Stadtobere das Hafen-Industriegebiet in die Pleite, um sich Wassergrundstücke zu sichern? Wer profitiert vom neuen Gewerbegebiet, für das Bäume im Naturschutzgebiet gefällt würden? Durchs Unterholz der Geschichten säbelt die scharfe Klinge der Missgunst. Frage an einen, der minutenlang mosert: Was sollte die Verwaltung für ein Interesse haben, so töricht vorzugehen? „Sie wollen, dass die, die hier immer schon ihre Geschäfte machen, nicht gestört werden.“ Ist Ennullat also ein Populist, der sich gut inszeniert und auf der Welle von Genörgel surft?

Fahrt in den Ortsteil Zernsdorf, am Steuer Matthias Fischer, Geschäftsführer einer Medienagentur, Ennullat-Unterstützer und brodelnde Ein-Mann-Gerüchteküche: Das Parkhaus am Bahnhof, das Neubaugebiet, die Marina, ein Haus im Ortskern, der verbaute Seezugang – über dem ganzen Ort sieht er ein Netz aus Mauschelei mit Bebauungsplänen und Vergabe von Aufträgen. Aufgeteilt zwischen SPD, Linken, CDU. Viel Hörensagen, dunkles Raunen. Aber da klemmt tatsächlich ein Zaun den Weg zum See ab, gezogen von einem „leitenden Angestellten des Ordnungsamtes“, der daneben wohne. Dass es noch 22 andere Seezugänge gibt, dieser nur ins Schilf führt, erwähnt Fischer nicht.

„Inhalte!“ Ennullat lacht

Priska Wollein erzählt präziser, behält den Überblick. Wollein und Fischer haben ein hübsches Haus gebaut, vielleicht hätten sie es sich größer gewünscht – die Verwaltung hatte auf 1,5 Stockwerken beharrt, „ortsüblich“. Später hörten sie, dass gegenüber drei Geschosse zugelassen waren. Fischer bezeichnet sich als altlinks, bei Wollein greifen Farben ineinander: Sie tendiert zu Grün, denkt bei Steuern eher sozialdemokratisch, wer zu Abgaben für Grundbesitzer fragt, hört klar die FDP. Nur verbinden beide mit Parteien Machterhalt, Bürgerferne, Selbstbereicherung.

Nun nimmt die Geschichte Fahrt auf – Wollein ist Stadtverordnete der Freien Wähler, ihr rückte der SPD-Bürgermeister mit harten Bandagen auf die Pelle: Anzeige wegen § 187 StGB, Verleumdung. Begründung: Wollein sei „zum wiederholten Male ... schamlos“ gewesen. Sie hatte einen Beschwerdebrief der Eltern an alle Stadtverordneten weitergeleitet. Eine Amtsleiterin bat in der Verwaltung per Mail um Hilfe, „ob wir hier gegen die Verordnete rechtlich vorgehen können“. Wollein ist Fluglehrerin, ein laufendes Verfahren sperrt ihre Zulassung. Hat Ennullat also recht, sollen Kritiker eingeschüchtert werden?

Treffen mit Sozialdemokraten, die ihren Namen nicht gedruckt sehen wollen. Die Orts-SPD ließ den amtierenden Bürgermeister nicht wieder kandidieren, in stillen Zimmern sprechen sie davon, dass er „der schwächste Amtsvorsteher seit der Wende“ war. Sein gut dotierter Anschluss-Posten beim neuen Berliner Flughafen schmecke schal. Die vielen Vorwürfe, die Empörung? An vielem sei etwas dran, einiges bewiesen, die Zusammenhänge zu grob gestrickt.

Am späten Nachmittag sitzt Nachfolge-Kandidat Georg Hanke, beamteter Dozent an der Finanzfachhochschule, im zugigen Wahlkampf-Zelt. Hanke ist zwar aus Bonn, aber verheiratet im Ort, lange Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung. Zu Ennullat sagt er: „Meine Sprachregelung ist die – ich habe vier Mitbewerber und einen Gegenkandidaten.“ Ob hier mit unnötiger Schärfe gefochten werde? Bundespolitik und AfD hineinspielen? Hanke lamentiert betulich – die Gegenseite gehe persönlich gegen ihn vor, wühle im Dreck. Er wolle sich inhaltlich auseinandersetzen, könne nicht ausschließen, dass Ennullat auf Stimmen der Rechten hoffe. Erwähnt man die Anzeige gegen Wollein, wird sein Ton plötzlich sehr spitz: Da solle man aber genau aufpassen – wer sich so etwas zu eigen mache, müsse Belege haben oder strafrechtliche Konsequenzen fürchten.

„Inhalte!“ Swen Ennullat lacht, wieder Séparée, er trägt jetzt Anzug, hat eine Video-Sequenz dabei: Man sieht den SPD-Kandidaten auf einer Bühne, er spricht umständlich. Und qualifiziert plötzlich einen Ennullat-Unterstützer als „Reichsbürger“. Malt da ein farbloser Kandidat die Gegner braun, ist das die Verbindung zur großen Bühne in Berlin? „Herr Ennullat, wie grenzen Sie sich von der AfD ab?“, fragte einer auf einem Kandidaten-Forum vor 300 Zuschauern. Ennullat und Freunde glauben an politische Strategie. Oder sind sie selbst unempfindlich für Sorgen?

Vielleicht zeigt sich hier, dass längst der pöbelnde Boulevard übernommen hat: Da ist jede Verkehrsumleitung „Verletzung von Menschenrechten“, jede Entscheidung „bürgerfeindlich“. Da verläuft Denken in schlichten Bahnen. Gleichzeitig entwerfen rechte Parteien in einem utopielosen Wahlkampf Bilder vom Großen und Ganzen. Ennullat wehrte sich auf dem Forum nur halbherzig, nichts, wofür ihn sein Deutschlehrer gelobt hätte. Im Séparée senkt er ein wenig den Kopf: „Ich betreue mit dem Amt Hunderte unbegleitete Flüchtlinge“, man merkt, dass es in ihm knirscht. Vor Jahren hatte er für die Unterbringung von Asylbewerbern in der Stadt und nicht weitab in einer alten Kaserne demonstriert. Im Forum ging es um Kita-Regelungen, Innenstadt-Entwicklung, Verkehr. Mit der Frage habe er schlicht nicht gerechnet. „Aber so, wie hier Politik gemacht wird und sie mit Gegenkandidaten umgehen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Rechten Stimmen gewinnen.“

06:00 23.09.2017

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