Enron und der Reißwolf

USA Beim Crash des Energieriesen stürzt mehr als nur ein Kartenhaus über Präsident George Walker Bush zusammen

Bill Clintons Whitewater-Affäre mit ihrer Finanzierung von Ferienwohnungen in Arkansas ist chicken feed verglichen mit dem Skandal, der seit ein paar Wochen auf George W. Bush zurollt. Es geht um Milliarden und geschredderte Dokumente, um Erdöl, Erdgas und Online-Geschäfte. Es geht um den texanischen Energieriesen Enron - vergangenes Jahr mit einem angeblichen Einkommen von 101 Milliarden Dollar Nummer Sieben auf der "Fortune 500-Liste". Enron stürzte im Dezember zusammen wie ein Kartenhaus bei Windstärke zehn, im eventuell größten unternehmerischen Konkurs aller Zeiten. 30 Milliarden Dollar Schulden, 22.000 Beschäftigte größtenteils ohne Jobs, die Pensionskasse kaputt. Aktienpreis in einem Jahr runter von knapp 90 Dollar auf ein paar Cents.

Und Enron könnte sich auch zum politischen Skandal entwickeln. Enron-Chef Ken Lay und die Firma haben Bush als finanzielle Paten zur Seite gestanden, erst beim Einzug in die Gouverneursvilla von Gawford und dann ins Weiße Haus. Das zahlt sich aus. Die beiden Enron-Berater Robert Zöllnick und Larry Lindsay wurden unter Bush US-Handelsbeauftragter beziehungsweise oberster Wirtschaftsberater - ein weiterer Enron-Lobbyist avancierte zum republikanischen Parteichef. Enrons Leute nahmen Teil an Geheimsitzungen mit Vizepräsident Richard Cheney zum Aushämmern der Energiepolitik. Enron sahnte ab, als George Bush Kaliforniens Energiekrise vergangenes Jahr dem "freien Markt" überließ. Firmenchef Lay hatte in den Wochen vor der Pleite einen direkten Draht zu Finanzminister Paul O´Neill (der will nichts getan und seinen Boss auch nicht unterrichtet haben). Nach einer Umfrage des Fernsehsenders CBS sind mehr als zwei Drittel der Amerikaner der Ansicht, dass Bush keineswegs die ganze Wahrheit sage über Enron. Im Weißen Haus werden daraufhin die Zugbrücken hochgezogen.

Plötzlich will der Präsident Ken Lay eher nur flüchtig gekannt haben. Er flunkert wie Bill Clinton und behauptet sogar, Enron habe 1992 bei der texanischen Gouverneurswahl die Demokratin Ann Richards unterstützt und nicht ihn. Und von Unregelmäßigkeiten bei Enrons Buchführung will niemand etwas gewusst haben im Weißen Haus. Wie Enrons Kollaps zustande kam, hat freilich noch niemand aufgeschlüsselt inmitten der byzantinischen Buchführung und verschachtelten Strukturen der Firma, die mehr als 800 "offshore"-Tochterfirmen einrichtete, zur Steuervermeidung (Enron zahlte in vier der vergangenen fünf Jahre keine Einkommensteuern) und um Verluste und Probleme zu kaschieren.

Die Enron Corporation wurde 1985 als Gasleitungsfirma gegründet und entwickelte sich rasch zum weltgrößten Energiehandelskonzern, der Online-Geschäfte und verflochtene Deals mit Strom, Gas und deren Derivaten tätigte. Der innovativ erscheinende und zeitweilig extrem lukrative Konzern wurde ein Darling der Wall Street. Aber das konnte nicht ewig gut gehen. Wie allmählich deutlich wird, hat die Firma Zahlen frisiert und Jahresberichte recht kreativ gestaltet. Gierige Investoren nahmen alles für bare Münze, und den letzten bissen die Hunde. Firmenchef Lay drängte seine Aktionäre bis fast zum bitteren Ende, "langfristig" zu investieren und nichts zu verkaufen, während er selber einen Teil seiner Aktien absetzte.

Das Justizministerium ermittelt jetzt wegen Betrugs. Justizminister John Ashcroft hat versichert, Enrons Wahlkampfspenden würden für ihn bei den Ermittlungen keine Rolle spielen. Im Fadenkreuz des Ministeriums sitzen auch die Wirtschaftsprüfer von Arthur Anderson, selber ein großzügiger Geldgeber für Präsident Bush und andere Republikaner. Die Firma hat inzwischen zugegeben, sie habe zahlreiche Enron-Dokumente durch den Reißwolf gejagt. Und man fragt sich: Wie konnte der renommierten Firma (85.000 Angestellte weltweit) Enrons Buchführungsstil nicht auffallen? Musste sie nach amerikanischem Gesetz Investoren doch versichern, sie habe die finanziellen Angaben des Unternehmen geprüft und halte sie für rechtens. Enron hat seinen Vertrag mit Anderson inzwischen gekündigt - Anderson macht Enron verantwortlich für die Misere.

Noch sind Bush Co. keine Rechtsverstöße nachgewiesen worden. Bei Clintons Whitewater hatten die Republikaner eine Treibjagd gegen den Mann aus Arkansas veranstaltet, ihn eingedeckt mit Vorladungen. Sonderstaatsanwälte wurden eingesetzt, die letztendlich nur das blaue Kleid der Monica Lewinsky fanden. Wer Lust und den Kampfgeist hat, könnte Bush jetzt durch die Mangel drehen. Aber so einfach ist das nicht: Ken Lay ist Bushs Freund, aber kein militanter Rechter. Seine Dollars flossen gelegentlich auch überparteilich an die Demokraten. Eigentlich an alle Politiker, die ihm behilflich sein konnten: 188 Kongressabgeordnete und 71 Senatoren haben laut New York Times Geld von Enron bekommen. Wer soll da noch Lust auf Ermittlungen haben?

00:00 25.01.2002

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