Entfesselt

Verführung und Bedrohung Am Düsseldorfer Schauspielhaus wurde mit den "Bakchen" das Antikenprojekt eröffnet

Der Shuttle-Bus steht am Gustaf-Gründgens-Platz. Drinnen warten ein paar Düsseldorfer Damen darauf, dass er abfährt. "Was glauben Sie, wird es in der Halle kalt sein?", fragt eine korpulente 60-Jährige die Dunkelhaarige im Hosenanzug. "Na, sie werden doch hoffentlich geheizt haben", antwortet diese. Lierenfeld sei nicht am Ende der Welt, sagt jetzt die Dritte, die vorsorglich ihren Mantel mitgenommen hat. Die elegant gekleideten Premierenbesucherinnen unterbrechen hier und da ihre Konversation und begrüßen die neu Eingestiegenen. Man ist eine eingeschworene Theatergemeinde, die auch nächtliche Exkursionen in einem abgelegenen Industriegebiet auf sich nimmt, wenn sich das Theater auf der Suche nach seinem Ursprung begibt.

Eine Annäherung an die antike Tragödie ist jedoch kein leichtes Unterfangen. Weshalb das Düsseldorfer Schauspielhaus sein vierteiliges Antikenprojekt Mania Thebaia fernab vom mondänen Stadtzentrum in der Abgeschiedenheit einer alten Industriehalle zeigt. Dort wo früher Siemens Straßenbahnwaggons montierte, hat nun Jannis Kounellis eine gewaltige Installation für alle vier Inszenierungen geschaffen. Der Künstler, der sich in seinem Werk oft mit dem Mythos auseinander gesetzt hat, ließ 24 Stahlsäulen kreisförmig in Betonfundamente verankern. Sie haben ein Gesamtgewicht von 24 Tonnen, reichen bis an die Decke und sind jeweils mit einer rostigen Scheibe versehen. Der von einer kühlen Ästhetik geprägte Kunstraum reiht sich nahtlos in die Industrieanlage ein. Er ist Bühnenrund und Trutzburg zugleich, ein Sinnbild für die Stadt Theben, die im Laufe des Thebanischen Zyklus von Königsmord, Inzest, Bürgerkrieg heimgesucht und am Ende in Schutt und Asche liegen wird.

Doch zunächst hält Dionysos mit seinem Gefolge Einzug in Theben. In Euripides Tragödie Die Bakchen kommt der Gott des Rausches an seine Geburtsstätte zurück. Fatih Cevikkollu ist ein junger wilder Dionysos mit dunklen Locken. Sein nackter Oberkörper leuchtet in einem unnatürlichen Weiß, als hätte er gerade den Piedestal verlassen. Mit langsamen, unsicheren Schritten nähert er sich der Bühnenmitte. Er ruft seine Anhänger zusammen, die sich um ihn reihen. Wie ein Trommelschlag stößt der fremde Gott in Menschengestalt seine Worte hervor. Und der Chor macht es ihm nach. Die jungen Frauen und Männer zischen, stampfen, kreisen mit ihrem Becken. Die Raserei hat ihren Grund. König Pentheus verbietet den Dionysoskult in seiner Stadt - wenn auch vergeblich.

An den jeweiligen Enden einer diagonalen Linie stehen sich zwei Welten gegenüber. Hier der sich an der Vernunft klammernde Mensch, dem Ordnung über alles geht. Dort der dunkle, befremdliche Gott, der das Prinzip der Auflösung verkörpert. Ein sardonisches Lächeln durchzieht das Gesicht von Dionysos. In ihm liegt Verführung und Bedrohung zugleich.

In den Momenten des entfesselten Rhythmus, der aus der inneren Notwendigkeit der tragischen Fabel geborenen Musikalität wirkt die Inszenierung von Theodoros Terzopoulos am stärksten. Der griechische Regisseur beschäftigt sich seit langem mit der Tragödie. Bereits vor 15 Jahren hat er Die Bakchen inszeniert. Diese Arbeit bildete den Grundstein für sein Attis-Theater in Athen. Damals entwickelte er mit seinen Schauspielern eine eigene Theatersprache aus ritualisiertem Spiel und energetischem Atem. Es ist so etwas wie eine Synthese japanischer Theaterformen mit der Biomechanik von Meyerhold. Terzopoulos, eher ein Pädagoge als ein Guru, führt in Düsseldorf die Studenten der Folkwang-Schule dahin, den schwierigen Part des Chors zu meistern. Auch Fatih Cevikkollu als Dionysos liefert sich der strengen Kunst Terzopoulos´ mit Haut und Haaren aus. Und gewinnt dabei. Sobald Dionysos sein Rachewerk vollendet, sein Widersacher von der eigenen Mutter in Stücke gerissen wird, lässt der Theatergott die Maske fallen. Zum Vorschein kommt ein blutiges Gesicht, das zur Fratze erstarrt ist.

Mit den Bakchen hat das Schauspielhaus sein Antikenprojekt eröffnet. Weitere Inszenierungen mit renommierten Regisseuren wie Valeri Fokin und Tadashi Suzuki sollen folgen. Es ist eine großangelegte Recherche über die Anfänge des Theaters und seine Verbindungslinien zum europäischen Drama. Manchmal findet das Theater nicht in seinen Hochburgen statt, sondern an der Peripherie - beispielsweise in Lierenfeld. Ein Glück für die Düsseldorfer Damen.

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00:00 26.10.2001

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