Michael Ginsburg
14.06.2012 | 16:00 17

Entgleiste Rhetorik

Sarrazin Nachdem die Publizistin Mely Kiyak sich gegen Sarrazin im Ton vergriffen und einen ­Shitstorm ausgelöst hatte, kam es zum Soli-Abend mit ihr...

Repressionen, politische Gefangenschaft, Mord. Das sind die Gründe, aus denen normalerweise Solidaritätsabende für Journalisten veranstaltet werden. All das trifft auf Mely Kiyak zum Glück nicht zu. Sie ist wohlauf, lebt in Freiheit und publiziert Kolumnen in der Frankfurter Rundschau und in der Berliner Zeitung. Kein Grund also, für die 35-Jährige einen Gedenkabend zu veranstalten? Falsch!, befand das Berliner Ballhaus Naunynstraße und lud am vergangenen Freitag zu einem Soli-Event der Superlative.

Über dreieinhalb Stunden lasen 34 namhafte Vertreter aus Politik, Kultur, Wissenschaft und Medien vor 400 Zuschauern Kolumnen der Journalistin. Man mobilisierte sogar die Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir und Mehmet Kilic, mitinitiiert von der designierten Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters Shermin Langhoff. Der Anlass für diese Aktion waren ein paar Artikel aus dem Axel Springer Verlag, in denen Mely Kiyak kritisiert wurde. Plötzlich lag das Wort „Rassismus“ in der Luft. Was war geschehen?

Am 19. Mai hatte Kiyak in ihrer Kolumne geschrieben, Thilo Sarrazin sei eine „lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur“, die „das niedrigste im Menschen“ anspreche. Die Bild und die Welt hatten an dieser herablassenden Art Kritik geübt. Springer schrieb auch, dass Kiyak den Verfasser eines kritischen Leserbriefs als „flachgewichsten Leser“ bezeichnete. Etwas, was sie bis heute weder zugab noch dementierte. Vielen Stammlesern und den meisten Anwesenden des Kreuzberger Soli-Abends sprach Kiyak mit dieser Brachialität offenbar aus der Seele. Tenor: Jemandem, der andere würdelos behandelt, dem darf man auch die Würde nehmen. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Inhumane Rhetorik

Im Saal wurde die Vermutung laut, 80 Prozent der Deutschen seien heimlich rechts. Ein „freies Land für freie Nazis“ eben, wie Kiyak schrieb. Kurz: Der Soli-Abend war ein voller Erfolg für die Profiteure einer Gesellschaftsspaltung. Wer Shermin Langhoff an dem Abend fragte, ob die Springer-Kritik an Kiyaks unhumaner Rhetorik nicht doch im Kern berechtigt sei, bekam als Antwort eine Drohung mit dem Anwalt. Dass Langhoff und Kiyak sich auf das gleiche intellektuelle Niveau begeben haben wie ihre Erzfeinde von Politically Incorrect, dem rechten Blog, war ihnen selbst vermutlich gar nicht aufgefallen.

Auch Polictially Incorrect sieht sich ständig durch den angeblichen diskursiven Mainstream unterdrückt. Es ist eben bequemer, Macht zu fordern, wenn man aus der Position der Schwachen argumentiert – auch wenn man bereits über publizistischen Einfluss verfügt. Intellektuelle Größe zeigt man indes mit Besonnenheit, erst recht, wenn man eine moralische Vorbildfunktion für sich reklamiert. Die Empörung über die Empörung über eine urspüngliche Empörung ist die Bedingung für das Entstehen eines Shitstorms. Mely Kiyak entschuldigte sich formell zwar bei Sarrazin. Den Shitstorm, den sie gegen ihn in Gang setzen wollte, bekam aber am Ende sie selbst auch zu spüren.

Michael Ginsburg schrieb zuletzt im Freitag über die russische Community in Berlin

Kommentare (17)

Petuschki 14.06.2012 | 19:06

erschreckend finde ich es, daß niemand, auch wirklich niemand in diesem Zusammenhang merkt, daß Frau Kiyak sich wirklich beim "Wörterbuch des Unmenschen" bedient hat.

Wer einen anderen Menschen derart herabwürdigt und sich nur mit ihrem Unwissen, daß Herr S. eine teilweise Gesichtslähmung hat, entschuldigt, beweist doch, daß die Wortwahl an sich für richtig gehalten wird, nur eben nicht im Zusammenhang mit Krankheit...

Eine linke Kurdin, die auf solche Weise "Gegner" zum Untermenschen stempelt, für welche Freiheiten steht diese ein?
Sie hat hier in Deutschland alle politischen Rechte, die ihr in ihrer Heimat nicht zustehen, aber die Werte unserer Verfassung hat sie wohl nicht begriffen.

Den jeweiligen Kommentatoren dieser unsäglichen Entgleisung ist aber auch die Wortwahl nicht "aufgestoßen", ist ein solcher Ton wieder gesellschaftlich in? So wie das Veröffentlichen von Adressenlisten ("wir wissen wo Ihr wohnt" ) auch?

Die Umgangsformen in diesem Land sind erschreckend.

Petuschki 14.06.2012 | 19:06

erschreckend finde ich es, daß niemand, auch wirklich niemand in diesem Zusammenhang merkt, daß Frau Kiyak sich wirklich beim "Wörterbuch des Unmenschen" bedient hat.

Wer einen anderen Menschen derart herabwürdigt und sich nur mit ihrem Unwissen, daß Herr S. eine teilweise Gesichtslähmung hat, entschuldigt, beweist doch, daß die Wortwahl an sich für richtig gehalten wird, nur eben nicht im Zusammenhang mit Krankheit...

Eine linke Kurdin, die auf solche Weise "Gegner" zum Untermenschen stempelt, für welche Freiheiten steht diese ein?
Sie hat hier in Deutschland alle politischen Rechte, die ihr in ihrer Heimat nicht zustehen, aber die Werte unserer Verfassung hat sie wohl nicht begriffen.

Den jeweiligen Kommentatoren dieser unsäglichen Entgleisung ist abe auch die Wortwahl nicht "aufgestoßen", ist ein solcher Ton wieder gesellschaftlich in? So wie das Veröffentlichen von Adressenlisten ("wir wissen wo Ihr wohnt" ) auch?

Die Umgangsformen in diesem Land sind erschreckend.

panettone 14.06.2012 | 22:13

Petuschki, man sollte auch bedenken, dass Frau Kiyaks Entgleisung eine Vorgeschichte hat und der Dame irgendwann schlicht der Kragen geplatzt ist. Diese Frau hat über viele Monate ihrerseits ein Unmenschenvokabular über sich ergehen lassen müssen, mit dem sich inzwischen auch die Staatsanwaltschaft befasst.

www.fr-online.de/die-neue-rechte/-politically-incorrect--vulgaer--enthemmt--rassistisch,10834438,10869748.html

www.bildblog.de/39089/islamhass-ist-fuer-bild-nicht-der-rede-wert/

War Kiyaks Ausfall gegen Thilo S. angebracht? Sicher nicht. Musste sie sich entschuldigen? Ja.
Sind die Reaktionen darauf angemessen? Nein, sie sind außerhalb jeglicher Verhältnismäßigkeit.

miauxx 14.06.2012 | 22:49

Sehe ich ähnlich wie panettone.
Es ist wohl nur allzumenschlich, dass es mit "einem", zumal türkischem, arabischen ... Hintergrundes, schon mal durchgehen kann, wenn man mit einem derartig rassistischen Gedankengut wie dem Sarrazins konfrontiert ist.
Dazu kommt, dass Sarrazin, immerhin ehemaliger Spitzenpolitiker und Bundesbanker, gerade in Deutschland, das einst eine der schlimmsten Menschenverfolgungen betrieb, auf viel breiterer Front Gegenwind für seine "Thesen" entgegenschlagen hätte müssen.

Nur hilft es freilich nicht, wenn man sich der gleichen Aussagengewalt wie Sarrazin - nur direkter formuliert - bedient oder sich selbstgefällig einigelt, wie es offenbar auf dem beschriebenen "Soli-Event" in Berlin geschehen ist.

dame.von.welt 14.06.2012 | 22:56

>>>Meine Intention war zu keinem Zeitpunkt, ihn persönlich herabzusetzen. Thilo Sarrazin erscheint als Diskutant ungewöhnlich und erfordert aufgrund seiner Sprache, Gestik und Mimik Toleranz und Rücksichtnahme. Selbst verweigert er aber diese Rücksichtnahme und Toleranz hinsichtlich Erscheinungsbild, Lebensformen, Herkunft und Disposition Anderer. Mir ging es darum, auf seine eigenen – nicht körperlich bedingten – Unvollkommenheiten in seinem Auftritt hinzuweisen; wie ich jetzt finde, mit unzulässigen Mitteln. Wenn ich den physiologischen Hintergrund gekannt hätte, hätte ich das Bild nicht gewählt. Ich bedauere das sehr!

www.bildblog.de/39089/islamhass-ist-fuer-bild-nicht-der-rede-wert/ der link beleuchtet auch 'Den Shitstorm ... bekam aber am Ende sie selbst auch zu spüren' etwas detaillierter.

Das lese ich nicht als 'entschuldigte sich formell zwar bei Sarrazin' sondern so, daß Mely Kiyak ihr Bild sehr bedauert. Ein Griff ins Klo. Daß aber Sarrazin das Niedrigste im Menschen anspricht, entspricht aus meiner Sicht schlicht der Wahrheit.

Ein Abend mit 400 Besuchern im Ballhaus Naunynstraße ist ein 'Soli-Event der Superlative'? Irgendwie mußte ich jetzt an leuchtende Show-Treppen denken...;-)... www.ballhausnaunynstrasse.de/index.php?id=21=660=

Mely Kiyak schreibt außer Kolumnen www.fr-online.de/wir-ueber-uns/autorin,4353508,4422876.html auch Bücher, '10 für Deutschland' bit.ly/MJZDA4 über 10 türkischstämmige Abgeordnete und zuletzt 'Ein Garten liegt verschwiegen' über Nonnen und ihren Garten in Fulda www.hoffmann-und-campe.de/go/-ein-garten-liegt-verschwiegen

Michael Ginsburg ist aber offenbar die ewige Hetze von pi, Nürnberg 2.0, achgut et Cie gegen Mely Kiyak kein eines Wort wert, genau so wie bei Welt und Blödzeitung www.berliner-zeitung.de/newsticker/vulgaer--enthemmt--rassistisch,10917074,10930256.html Interessant, wo sich der Freitag einreiht.

Mir gefällt ja ihre Formulierung 'flachgewichster Leser' (s.link zum Bildblog).

wwalkie 14.06.2012 | 23:00

Entgleiste Rhetorik? Nun, eine einzige sprachliche "Entgleisung" einer brillanten Journalistin, keine "entgleiste Rhetorik". Eine "unhumane Rhetorik" erst recht nicht. Wenn ein sozialdarwinistischer Haudrauf einmal das mit bekommt, was er selber anderen antut, tut er auch mir persönlich sogar leid, aber das sprachliche Ausrutschen der Autorin kann ich erklären. ich verstehe es. Jedem kann es passieren. Jedem passiert es einmal. Michael Ginsburg natürlich nicht.

Manchem entgleist allerdings auch ein Kommentar.

Michael Ginsburg nimmt einen "neutralen" Standpunkt ein - und zeigt gleichzeitig, wie parteilich ein solcher sein kann.

"Normalerweise" würden Solidaritätsabende für echt verfolgte Journalisten veranstaltet, nicht aber, so schreibt unser "Normalo" für jemanden, der "wohlauf" und "in Freiheit lebt". Wie maßlos von den Veranstaltern! Wie undankbar von Mely Kiyak!

Und wie übertrieben! suggeriert der Autor. Schließlich habe sie Sarrazin beleidigt, und der "Axel Springer Verlag" (darunter das Humanistenblatt BILD) habe "Kritik geübt". Kritik geübt? Echt vornehm. "Berechtigte Kritik", wie der Autor schreibt. So wie die xenophoben Primitivkommentare, die die Frankfurter Rundschau auszugsweise veröffentlichte. Ich erinnere mich, dass BILD nach der Entschuldigung Mely Kiyaks gefragt hat, ob sie dies wirklich ernst meine. Der Autor begibt sich auf dieses Niveau, indem er von einer "formalen Entschuldigung" spricht. Hat er mit Mely Kiyak gesprochen? Woher weiß er, dass sie es nicht ernst meint?

Und so geht es weiter. "Auge um Auge, Zahn um Zahn", schreibt Ginsburg, der Neutrale. Kiyak begebe sich auf das "gleiche intellektuelle Niveau wie ihre Erzfeinde (?) von Politically Incorrect." Auf das gleiche Niveau wie Rechtsradikale? Wegen eines einzigen sprachlichen Ausrutschers, den übrigens der Redakteur hätte bemerken müssen? Weiß Ginsburg, was er da schreibt? Anscheinend ja, denn er geht noch weiter: "Den Shitstorm, den sie gegen ihn (Sarrazin) in Gang setzen wollte, bekam sie am Ende selbst auch zu spüren". Ein rechtsradikaler, fremdenfeindlicher "Shitstorm" (wie nett!) gegen eine Autorin, die doch froh sein sollte, in Freiheit zu leben, statt teutsche Rassisten "nördlicher Mentalität" (Sarrazin) zu tadeln, ist irgendwie legitim, da diese den (welchen?) Shitstorm in Gang setzen wollte? Das weiß er.

Und der Kommentator Petuschki weiß, dass sie "hier in Deutschland alle politischen Rechte hat, die ihr in ihrer Heimat (!) nicht zustehen". Und er weiß noch mehr: "...die Werte unserer (unserer) Verfassung hat sie wohl nicht begriffen."

Petuschki ist ein feiner Demokrat. Nie würde er sich des "Wörterbuchs des Unmenschen" bedienen.

abghoul 14.06.2012 | 23:04

Ich kanns irgendwie einigermassen verstehen, das Genöle, aber damit geben die dem Sarrazin und seinen Sponsoren auch nur was die wollen.
Und wie offen das alles zum GeldVerdienen genutzt wird, schon richtig obszön.
Wenn die bösen Geld damit verdienen machen wir das auch, Zunge auf Zunge und Ohr um Ohr.
Das wird bald schwer aus-ein-ander-zu-halten.

Johannes Renault 15.06.2012 | 00:12

In dem sich Sarrazins Hand bei einer eventuellen Selbstbefriedigung eher um sein Glied schmiegt, als dass er mit der Hand flach unter seiner Eichel reibt, "wichse" er also eher räumlich, nicht flach.
Riebe Kiyak mit der Hand ihre Klitoris, dann "wichse" sie flach, was bei weiblicher Selbstbefriedigung keine Seltenheit ist.
Beide könnten aber jederzeit auf "flach" oder "räumlich" umstellen.
Ich glaube er tut es räumlich, sie nur manchmal durch einführen eines oder mehrerer Finger.
Das ist doch allgemein bekannt und auch jedem selbst
überlassen.
Solidarität mit Kiyak Sarrazin!
Oder -neein nur für einen- natürlich.

rolfmueller 15.06.2012 | 00:40

Ich brauche keinen „türkisch-arabischen Hintergrund“ um mit Mely Kiyak einer Meinung zu sein, dass Sarrazin die Karikatur eines Menschen ist. Nicht äußerlich, weil er vielleicht zuckt oder stottert (ich habe ihn noch nie als Bewegtbild gesehen und werde das auch zu vermeiden wissen), sondern weil seine Inhalte das Gegenteil dessen sind, das als menschlich gilt.

Und natürlich spricht er „das Niedrigste im Menschen“ an; eigentlich sogar etwas Niedrigeres, etwas Vor-Zivilisatorisches. Er versucht das Tier in den Menschen zu wecken.

Als Deutscher kann ich mich für diesen Deutschen nur schämen und mutige Menschen wie Frau Kiyak feiern.

miauxx 15.06.2012 | 01:41

@rolfmueller

Kiyak wird allerdings zu leichtes "Futter" für die Sarrazins, Broders, PI usw., wenn sie sich ebenso auf "vorzivilisatorische" Beschimpfungen einlässt. Wenngleich diese als Reflex freilich nur zu gut zu verstehen sind! Es spielt eben schon eine Rolle, dass sie sich, offenbar und zu Recht, mit ihrem "nichtdeutschen" Familienhintergrund direkt von Sarrazin angegriffen fühlt.
Und freilich braucht man keinen "türkisch-arabischen Hintergrund", um mit Kiyak einer Meinung zu sein. Schon als Senator in Berlin schoss er gekonnt gegen alle, die nicht über ein gewisses Grundeinkommen verfügen - egal, welcher Herkunft.

Björn Eriksson 15.06.2012 | 10:58

Ich erinnere mich noch lebhaft an jenen Rüpel auf dem Spielplatz. Er fiel dadurch auf, dass er sich an wehrlos erscheinenden Spielkameraden mit großem Maul und geringstem Geist sein Mütchen kühlte, sich seine üblen Späße auf deren Kosten erlaubte, sich als Herr gerierte, und keiner wagte es, sich mit ihm anzulegen. Eines Tages geschah es, dass einer der Malträtierten überraschend mit gleicher Münze zurückzahlte, womit dieser Held ja nicht gerechnet hatte. Da eilte er heulend zu seiner Mama, die dann auch flugs auf den Spielplatz rannte, sich lautstark über diese unmenschlichen Spielkameraden exaltierte, über diese unsägliche Entgleisung, welche belege, dass jene wohl die Werte ihrer Verfassung nicht begriffen hätten, und die Umgangsformen in diesem Land, die einfach nur erschreckend seien.
Und ich fragte mich damals in meiner kindlichen Naivität, aus welchem Grund sie wohl nicht schon viel früher auf den Spielplatz gerannt sei. Sah ich sie doch jeden Tag, wie sie hinter dem Vorhang der Küche versteckt, ihren Spross auf dem Spielplatz keine Sekunde aus den Augen verlor. Und ich fragte mich damals, für welche Art von Freiheit diese wohl stehe.

Erfundistan 15.06.2012 | 11:13

Gratulation an Mely Kiyak! Endlich findet jemand nicht nur die richtigen Worte für diesen Gecken Sarrazin - da werden bei vielen Gelegenheiten noch ganz andere Formulierungen gefallen sein -, sondern endlich dringt jemand damit bis zum diskursiven Manstream durch, den der junge Ginzburg nicht wahrhaben möchte.

Es wird endlich Zeit sich der Sprache für alle Ausfälle der Art Sarrazin zu bedienen, die angemessen ist. Und das hat Mely Kiyak getan. Es ist doch geradezu absurd, wie ernst ein Mann wie Sarrazin genommen wird, mit welcher Geduld man sich mit seinem gefährlichen und menschenverachtenden Schwachsinn auseinandergesetzt hat.

Viel lohnenswerter wäre es darüber einmal nachzudenken, warum sein Müll so viele Abnehmer bzw. Leser findet. Diese Debatte wird aber gemieden, weil man sich am Ende eben doch eingestehen müsste, dass die Deutschen in ihrer Mehrheit nach wie vor hochgradig anfällig sind für faschistoides Gedankengut.
Mit windelweicher Verständnisrethorik und arrogant zur Schau getragener Konsenshaltung, wie die ansonsten seit eh und je eher artikulationslose Linke in Deutschland pflegt, kommt man den Idioten nicht bei.

Apropos: es ist bedauerlich, dass der Freitag inzwischen offenbar auch dazu tendiert, sich seiner Sprache zu berauben und möglichst konsensual die Mitte sucht. Anders lässt sich nicht erklären, dass zunehmend intellektuelle Leichtgewichte wie Ginsburg hier eine Plattform finden.

Achtermann 15.06.2012 | 19:56

Die Frankfurter Rundschau und die Berliner Zeitung haben zurückgeschossen:
"Mely Kiyak hat in einer persönlichen Stellungnahme ihr Bedauern über die Formulierung ausgedrückt, Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung haben den Text von ihrer Website genommen, um das Zitat nicht weiter zu verbreiten. Damit sollte der Fall erledigt sein. Ist er aber nicht.
In rechtsextremen Internetforen, vor allem bei Politically Incorrect (PI), wird seitdem eine Hetzkampagne gegen unsere Autorin geführt, deren Name und Aussehen nicht ins deutschnationale Weltbild passen. Hunderte von Mails, Briefen und Anrufen erreichen uns. Die Motive der – meist anonymen – Absender sind eindeutig: Sie wollen ihren Hass gegen alles vermeintlich Fremde loswerden, wüste Drohungen ausstoßen, niedere Instinkte befriedigen. Das passiert nicht zum ersten Mal, wir haben über diese Jauchegrube des Internets bereits in der Vergangenheit ausführlich berichtet. Grundsätzlich neigen wir allerdings dazu, diesen intellektuellen Müll als solchen zu entsorgen, ohne ihm auch noch die Ehre der Aufmerksamkeit zu erweisen. Aber auch das hat Grenzen, die jetzt wieder deutlich überschritten sind."

Nun ja, "intellektuellen Müll" mussten die beiden Zeitungen auch entsorgen. Nur nannten sie den ihrer Autorin nicht so. Es ist doch bemerkenswert, dass Kiyaks Formulierung, einer freien Mitarbeiterin, scheinbar unbemerkt von der Redaktion an die Öffentlichkeit gelangte. Mancher Freitag-Blogger wurde schon wegen harmloseren Wendungen in die Wüste geschickt. Und allen denjenigen, die hier im Schreibtischtäterdeutsch der Autorin huldigen ("Es wird endlich Zeit sich der Sprache für alle Ausfälle der Art Sarrazin zu bedienen, die angemessen ist. Und das hat Mely Kiyak getan.") sei gesagt, dass diese Ebene der Kommunikation dem des Originals in nichts nachsteht.

Was die Frankfurter Rundschau und die Berliner Zeitung den Rechtsradikalen vorwerfen, dass eine Hetzkampagne gegen die Autorin geführt werde, "deren Name und Aussehen nicht ins deutschnationale Weltbild passen", ist ein als Verteidigung getarnter Gegenangriff, um Emotionen für Frau Kiyak zu wecken. Doch dafür Verständnis aufbringen zu sollen, überschreitet die Grenze zumutbarer Kritik, ganz einfach, weil körperliche Merkmale, für die nicht mal Sarrazin Verantwortung trägt, ins Feld geführt wurden. Hier gibt es nichts mehr zu verteidigen.

Quelle:
www.fr-online.de/meinung/in-eigener-sache-wider-die--hetzkampagne,1472602,16146246.html

Die Unsichtbaren Deutschen 22.06.2012 | 22:38

Frau Kiyak hat eine Beleidigung in die Welt gesetzt. Die Beleidigung funktioniert. Die Stimmen in der Öffentlichkeit verändern die Bedeutungen der Diskurse und hinterlassen Spuren bei den Angesprochenen. Bei der Kiyak hat sie den Sprecher Sarrazin als lispelnde Menschenkarikatur markiert. Das setzt seine Etikettierung von unproduktiven Gemüsehändler und Kopftuch-Gebärmaschinen in ein anderes Licht. Der Verfremdungseffekt entsteht auch, wenn Sie z.B. eine Frau Hamlet auf der Bühne spielen lassen. Der Sinn der Sprechakte ändert sich durch die Repräsentation.

Sarrazin braucht man nicht in Schutz zu nehmen vor der deutschen Sprache. Sondern man sollte darauf achten, welche vergangenden Sprechakte von hm aufgegriffen werden.

Er nutzt nämlich schon vorhandende Diskurse. Aus ihm reden die Stimmen aus der Vergangenheit.

Die Redefiguren stammen von Malthus, von den Sozialdarwinisten, von Orientalisten, Eugenikern und Kulturalisten.

Sarrazin sagt nur Altbekanntes, das bei anderen besser formuliert steht. Er ist der Sprecher die die alten Sprechakte aktualisiert und die Akkusative und Dative auf die Moslems projiziert. Die Bezeichneten sind andere Masken aufgesetzt worden. Früher waren es die Armen, Arbeiter, Frauen und Behinderten. Jetzt nehmen die Moslems die Akkusativ und Dativ Positionen bei den Sprechakten ein.

Sprechakte sind ein Bestandteil einer Gesamthandlung. Aus dieser Perspektive gelingen oder Misslingen Sprechakte. Sarrazin macht ja nun Sprechakte, um die Unterordnung der Moslems zu erreichen und die Machtausübung zu legitimieren. Seine Sprechakte sind gelungen, wenn die Gesamthandlungen gelingen.

Die Kiyak macht ihren Sprechakt im Rahmen der Gesamthandlung, um Repression zu vermeiden. Da ihr die Benennung Sarrazins als Menschenkarikatur nicht gelingt und die Markierung seiner Sprechposition misslingt, ist die beabsichtigte Handlung gescheitert.

Das Scheitern des Sprechaktes hat nichts damit zu tun, dass sie sich im Ton vergriffen hat, sondern mehr mit ihrer Sprecherposition und der Sprechstrategie. Sie hätte zuerst die vergangenden Stimmen die aus Sarrazin heraustönen historisch markieren sollen.

Brecht hätte vielleicht eine Sarrazin Lesung gemacht mit Jahrmarktsliedern, Militärmärschen, Gefangenden, Gaskammern und Motivationstrainern, um Sarrazins Sprechakte zu markieren.