Entgleisungen

A–Z Mittelfinger zeigt man nicht, zumindest in diplomatischen Kreisen. 2013 aber war Yanis Varoufakis noch kein Minister. Bitte nicht so aufregen, Herr Jauch! Das Lexikon

A

Athen Yanis Varoufakis referierte im Mai 2013 als Wirtschaftsprofessor bei einer Konferenz in Zagreb über die Eurokrise. In der vergangenen Folge der ARD-Talkshow „Günther Jauch“ wurden Ausschnitte der Rede per Video eingespielt. An einer Stelle sieht man Varoufakis’ gestreckten Mittelfinger. Die Jauch-Runde ist not amused. Die Bilder seien doctored, manipuliert, reagierte Varoufakis cool. Die Geste, sein Stinkefinger, sei montiert worden. Experten befanden bei späterer Prüfung: alles echt. Für den Medienjournalisten Stefan Niggemeier wurde in der Sendung allerdings ideologisch manipuliert. Man habe Aussagen aus dem Kontext gerissen, und Jauch habe so getan, als redete Varoufakis damals bereits als Minister. Gegen Deutschland. Als Markus Söder den Griechen dann zurechtwies: „Jeder Deutsche arbeitet hart für sein Geld“, und Jauch erwähnte, die Deutschen würden am meisten zahlen, warum sie dann so behandelt würden, spürte ich: Ich werde zur Griechin. Maxi Leinkauf

C

CSU Ein einzelner inakzeptabler Post ist schnell getätigt. (➝ Internet) Um zu einer Institution der Inkorrektheit heranzuwachsen, bedarf es schon mehr Durchhaltevermögen. Meister dieses Fachs ist die CSU. Ganz ihrer traditionalistischen Linie entsprechend, blickt die Partei hier auf eine lange Geschichte zurück. Schon Franz Josef Strauß schockierte mit seiner Aussage, er wolle „lieber ein kalter Krieger sein als ein warmer Bruder“. Eine solche Äußerung geht gar nicht – außer in der CSU. Und so pflegen auch die Strauß-Epigonen die Kunst der verbalen Entgleisung. Unvergessen ist der „Wer betrügt, fliegt“-Slogan, mit dem die CSU Ende 2013 Stimmung gegen Zuwanderer machte. Auch danach sorgte die Partei für reichlich Ärger. Aber auch für verdienten Spott: „Wer dauerhaft hier leben will, soll dazu angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie Deutsch zu sprechen“, hieß es in einem Leitantragsentwurf für den CSU-Parteitag 2104. Auf das grobe Kauderwelsch der Bayern, so viel war schnell klar, zielte die Forderung nicht ab. Benjamin Knödler

I

Internet Ach, die Ad-hoc-Maschine Internet ist eine zweischneidige Sache. In der Spontaneität digitaler Äußerungen liegt so viel Wahrheit wie im Gelalle von durch Alkohol gelockerten Zungen. Beides zeugt im besten Fall von lauwarmem Humor, im schlimmeren Fall von Dummheit – und im schlimmsten Fall von etwas, das tief verwurzelt ist. Hätten manche über ihren Facebook-Eintrag oder ihren Tweet erst nachgedacht, sie wären wohl zu anderen Formulierungen gelangt. Das kann man positiv als Entlarvungseffekt der sozialen Medien begreifen.

Andererseits dokumentieren die spontanen Reaktionen der Entrüsteten – Achtung: Shitstorm! – auch viel Selbstgefälligkeit und Blindheit. Wie jüngst im Fall Elisabeth von Thurn und Taxis: In einem Instagram-Kommentar hatte die jungadelige Lisbeth ein selbst geschossenes Foto einer in einer Modezeitschrift blätternden Obdachlosen so kommentiert: „Paris ist voller Überraschungen – Leser der ‚Vogue‘ in unerwarteten Ecken.“ Ja, elegant geht anders. Aber vielleicht freute sich eine Vogue-Redakteurin da ganz authentisch über unerwartete Kundschaft – immerhin verdient Thurn und Taxis bei dem Blatt ihr Geld, und der Journalismus ist bekanntlich in einer schweren Krise. Tobias Prüwer

J

Justine Sacco „Ich bin auf dem Weg nach Afrika. Hoffentlich bekomme ich kein Aids.“ Die 64 Zeichen des englischen Originaltweets machten Justine Sacco, Hautfarbe weiß, zu einer veritablen Hassfigur. Sie war Ende 2013 aus den USA auf dem Weg nach Südafrika, setzte in London diese Botschaft ab (➝ Internet) und trat den Weiterflug an. Bis dahin waren ihr auf Twitter nur 170 Menschen gefolgt. Saccos Afrikabemerkung avancierte dann schnell zu einem scharf diskutierten Thema, weltweit. Als PR-Chefin eines Medienkonzerns hätte sie es besser wissen können. Sie verlor ihren Job und musste viel Häme ertragen. Heute arbeitet sie wieder im Kommunikationssektor. Für wen, will sie nicht verraten. Tobias Prüwer

K

Klassismus Für viele ist sie ein Nervthema: die political correctness. „Man wird ja wohl mal einen Witz machen dürfen!“: So sprechen Menschen, die glauben, es „gar nicht böse“ zu meinen – und denen es zu mühsam ist, ihre Denkmuster infrage zu stellen. Tja, Freunde, hier sind Nachrichten für euch: Zu den bekannten Ismen wie Sexismus und Rassimus kommt nun ein weiterer hinzu: der Klassismus. Das Wort lehnt sich an den englischen Classism an und bedeutet etwa, sich über sozial Schwächere zu amüsieren. Beispiel: 35 Euro zahlen Mittelschichtler für ein Ticket zu einer Cindy- aus-Marzahn-Show. Um über Hartz-IVler zu lachen, die von jener Summe etwa drei Tage leben. Darauf einen Prosetscho! Katja Kullmann

M

Müller-Hohenstein, Katrin Es war – gelinde gesagt – eine ungeschickte Formulierung, mit der ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein einen Treffer von Miroslav Klose bei der WM 2010 kommentierte: Dass Klose getroffen habe, sei für ihn doch ein „innerer Reichsparteitag“. Man durfte sich durchaus fragen, was die Moderatorin da geritten hatte, denn selbst im Fußballvokabular, in dem gern ganz schmerzfrei von „deutschen Tugenden“ gesprochen wird, fiel diese Redewendung unangenehm auf, bezieht sie sich doch auf die Reichsparteitage der Nationalsozialisten in Deutschland (➝ Steinbach, Erika). Nun findet ein solcher Spruch in der Halbzeitpause eines Länderspiels viel Gehör. Hunderttausende Zuschauer konnten nicht fassen, was die Moderatorin da abgelassen hatte. Prompt begann das Übliche, auch Shitstorm genannt. Am Ende entschuldigte sich das ZDF für die Äußerung. Benjamin Knödler

P

Peanuts Vor gut 20 Jahren wurde Peanuts zum Unwort des Jahres gewählt. Der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, hatte im Jahr 1994 damit den Schuldenberg, den der Unternehmer Jürgen Schneider mit Immobiliengeschäften hinterlassen hatte, als Kleinigkeit bezeichnet, für die die Deutsche Bank locker aufkomme. Für die Handwerksbetriebe waren die rund 50 Millionen DM Außenstände existenzbedrohend. Da die Deutsche Bank Schneiders Geschäfte mit zu hohen Krediten ermöglicht hatte, erscheint die Peanuts-Aussage doppelt zynisch. Für „kleine“ Kunden mit weniger als 200.000 DM im Depot wurde 1999 dann die Deutsche Bank 24 kreiert. Schon drei Jahre später integrierte man diese wieder ins Hauptgeschäft – auch weil die Nebenlinie so erfolgreich war. Peanuts werfen also durchaus genug ab, wenn man containerweise davon hat. Das will uns wohl Herr Kopper sagen, wenn er seinen angeblich klugen Kopf hinter der FAZ versteckt. Ulrike Bewer

S

Steinbach, Erika Was die ehemalige Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen und Sprecherin für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe der CDU/CSU (➝ CSU) so alles ablässt, ist eine wahre Fundgrube für öffentliche Fehltritte, vor allem im Netz (➝ Internet). Die Frau hat nicht nur ein rechtskonservatives Weltbild, sondern twittert dieses auch fleißig. Am berühmtesten ist derzeit Steinbachs Tweet aus dem Februar, in dem sie die NSDAP als linke Partei bezeichnete, weil ja das Wort „sozial“ im Namen vorkam. Jener Klopper schaffte es sogar in die „Tagesschau“. Auch sonst hat Steinbach einiges zu sagen, nämlich gegen protestierende Flüchtlinge, gegen die Rechte von homosexuellen Paaren oder für die Anliegen von Pegida. Nimmt die Empörung überhand, rettet sie sich gern mit dem Hinweis, alles sei ironisch gemeint. Populismus vom Feinsten. Sophie Elmenthaler

T

Transportfirma Jahrelang haben wir Speditionen bloß als Transportdienstleister begriffen, heute wissen wir: LKWs sind die neuen Opinion-Leader! Die publizistische Speerspitze des Güterverkehrs ist ein reizender Mittelständler aus dem Ruhrgebiet. Der hat längst begriffen, wie abgefuckt unsere Presselandschaft ist und druckt deshalb statt öder Werbebotschaften lieber tiefschürfende Analysen sozialer Themen auf seine Hänger.Dass er seine Spedition gerne mit halbnackten Frauen in Firmenkalendern bewirbt, heißt ja nicht, dass der Mann keine intellektuellen Bedürfnisse hat. Vergangene Woche kam die Bild vorbei, um den Unternehmer für seine Kritik am Edathy-Prozess zu adeln: „Kinderpornos Download: 5000,– ...Opfer haben lebenslänglich.“ Den Hänger mit der Aufschrift „Die Indianer konnten die Einwanderung nicht stoppen. Heute leben sie in Reservaten“ ist den Bild-Reportern wahrscheinlich nicht ins Gesichtsfeld gerollt. Simon Schaffhöfer

U

Uni Leipzig Vergangene Woche geriet die Universität Leipzig in die internationalen Schlagzeilen: Eine Professorin der Biochemie hatte einem indischen Studenten ein Praktikum verweigert. „Wir hören viel über die Probleme mit Vergewaltigungen in Indien. Ich habe viele Studentinnen in meiner Gruppe und kann diese Haltung daher nicht unterstützen“, war im online veröffentlichten Mailverkehr als Begründung zu lesen. Binnen kürzester Zeit erhob sich ein Sturm der Entrüstung, der diese Äußerungen als rassistisch kritisierte. Sogar der indische Botschafter sah sich zu einer Stellungnahme genötigt. Die Professorin bat offiziell um Entschuldigung und erklärte, sie habe die betreffenden Mails so nie geschrieben. Die Sätze seien nachträglich zusammengestückelt worden. Die Vorwürfe des Studenten seien unberechtigt, denn sie beschäftige in ihrem Labor zur Zeit vier indische Studenten – und habe schlicht keine weiteren Plätze frei. Wie auch immer es dann wirklich war: Verleumdung ist ebenso ein Unding wie Rassismus. Sophie Elmenthaler

Z

Zweck Nichts kann je so peinlich sein wie Menschen, denen einmal eine öffentliche Plattform geboten wurde und die sich damit als C-Promis ins öffentliche Gedächtnis gebrannt haben – sei es durch ihre Teilnahme beim Bachelor, beim Dschungelcamp oder anderswo im Reality-TV. Denn die neu erlangte Prominenz muss fortan beständig befeuert werden, und da heiligt der Zweck (fast) jedes Mittel.

Bonnie Strange – Selbstbezeichnung Model – postete gerade ein Video, in dem sie an einer Waffe leckt. Das ist beinahe so gut wie die Aufnahme, die Georgina Fleur Bülowius (Bachelor, Dschungelcamp) 2013 twitterte: Georgina posiert mit Handtäschchen auf Sandsäcken vor ihrer völlig überfluteten Heimatstadt Heidelberg. Untertitelt war das Bild mit: „Hochwasser in Heidelberg .... iiiiih, jetzt Lil Dinner, dann fernsehen. Bin später bei Prominent. Don’t miss it!“ Der folgende Shitstorm (➝ Internet) hatte sich gewaschen. Schnell gab es Fotomontagen, die Georgina vor den Ruinen von Fukushima oder vor dem Wrack der untergegangenen Costa Concordia zeigen. Die Häme war wirklich böse. „Geht gar nicht?“ Geht leider doch! Letztlich funktioniert das Konzept immer wieder: wenn schon kein Inhalt, dann wenigstens PR. Die Namen bleiben leider haften. Jutta Zeise

06:00 01.04.2015
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