Entkalker für die Beziehungsmaschine

Modernes Gefühls- und Beziehungsmanagement Qualitätssicherung nützt nicht nur den Einzelnen, sondern auch der Volkswirtschaft

Eine in der Bischofsstadt Fulda anässige Filiale von Pro Familia bietet ab sofort einen "Partner-Check-up" an, den "eigentlich glückliche" Paare regelmäßig in Anspruch nehmen sollen, damit es erst gar nicht zum Beziehungs-Gau der Trennung kommt. Vergleichbar der regelmäßigen Inspektion in der Autowerkstatt oder dem regelmäßigen Besuch beim Zahnarzt, so die Beraterinnen auf der eigens einberufenen Pressekonferenz, sollen Konflikte beim Check-up so frühzeitig erkannt werden, dass das Glück auf Dauer gestellt werden kann. Das Projekt werde, durfte man zur Beruhigung erfahren, von der ortsansässigen Fachhochschule "wissenschaftlich begleitet". Zwar nur von einer Fachhochschule, aber immerhin.

Dass in der Tat Bedarf an "wissenschaftlicher Begleitung" besteht, demonstrierte eine der Pro-Familia-Mitarbeiterinnen unfreiwillig in einem kleinen historisch-soziologischen Exkurs. "Wir haben konkret bei der Arbeit gemerkt, dass die Erwartungen an Partnerschaft und Ehe zwar seit Jahrhunderten unverändert Glück, Geborgenheit und Zufriedenheit sind, deren Bedeutung sich aber massiv verändert haben."

Ein Blick in die Geschichte der Gefühle zeigt hingegen, dass erst im frühen 19. Jahrhundert die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und auch zwischen Liebenden in Termini einer "Liebessemantik" (Luhmann) neu codiert wurden. "Spontaneität, Überraschung, Sinnlichkeit, rückhaltlose Zuwendung", sagt Alexander Kluge, "treten an die Stelle davon, dass ein Acker den anderen heiratet und die Beteiligten die Emotionen zu sparen wissen." Einem Bauern wäre es noch vor 150 Jahren schwerlich eingefallen, von seiner Frau zu erwarten, dass sie ihn liebe und glücklich mache. Die Erwärmung des familiären Binnenklimas stellt das Gegenbild zur rabiaten Abkühlung dar, die sich im Zuge der Universalisierung von Geld- und Marktverhältnissen auf Menschen und Dinge legt. Aber, fragt Kluge, "wie soll eine Zärtlichkeit Segen bringen, wenn sie doch das Gegenbild einer recht brutalen Entfremdungsarbeit zu sein scheint"?

Zurück zur Produktankündigung in der Pressekonferenz. Wie man im Beruf ja auch jede Chance beim Schopf ergreife, sich weiterbilden, supervidieren oder coachen zu lassen, so sei gar nicht einzusehen, warum das "Wichtigste im Leben" die Beziehung, von der permanenten "Verbesserung" ausgespart werden solle. Eine "Kommunikationsstörung" haben die Beraterinnen im Zentrum heutiger Paarkonflikte ausgemacht, man müsse mehr miteinander reden. Natürlich soll das "Partner checking" zeitgeistgemäß auch noch "Spaß machen", es solle auf keinen Fall im "Negativen herumgebohrt" werden. "Eine solche Beratung muss man sich gönnen können, deshalb empfehlen wir unser ›Bonbon für die Liebe‹ zum Beispiel als exklusives Weihnachtsgeschenk", sagt eine der Beraterinnen, offensichtlich eine clevere Geschäftsfrau, die sich auf dem Markt der Humandienstleistungen auskennt.

Die 500 Mark für die individuelle Doppelberatung seien zukunftsweisend angelegt, investiert in die Beziehungsaktie eines privaten Kleinunternehmens, das einen Mehrwert an Glück und Befriedigung abwirft. Man regt sich schließlich noch über die Ignoranz der Krankenkassen auf, die für solche Paartherapien nicht aufkämen, dabei sei ja inzwischen erwiesen, dass eine glückliche Beziehung sogar das Immunsystem stärke. Ein anwesender Hörfunkjournalist sah sich angesichts der dargelegten psychosomatischen Volksmedizin veranlasst, die Pressekonferenz zum "Paar-Check-up" körpersprachlich zu kommentieren und sich ausdauernd an die Stirn zu tippen. Der Mann ist offensichtlich beratungs- und verbesserungsresistent.

Seine Geste des An-die-Stirn-Tippens verlangt nach einer weitergehenden Ausdeutung. Der vorgestellte Beziehungs-Check-up ist kein Einzelbeispiel, sondern Bestandteil eines um sich greifenden Beratungs-Furors, den Beratungsstellen betreiben, die im Zeitalter der Verschlankung ihre Marktchancen und Arbeitsplätze sichern wollen, indem sie das "Qualitätsmanagement" auf alle möglichen Lebensbereiche ausdehnen, die bislang davon verschont geblieben sind. Der Bedarf, auf den Beratung angeblich antwortet, muss, wie in diesem Fall, erst hergestellt werden. Was dürfen wir denn in Zukunft noch selber regeln? Dieses "neue Angebot" auf dem Beratungsmarkt ist Teil eines therapeutischen Größenwahns, der in diesem Fall suggeriert, dass wir uns irgendwann dem möglichen Scheitern einer Liebe, wie allen übrigen Unwägbarkeiten und Turbulenzen, die das Leben nun einmal parat hält, gar nicht mehr zu stellen brauchen.

Wessen Beziehung scheitert, der hat selber Schuld, hätte er mal rechtzeitig den Check-up in Anspruch genommen! In allen Lebenslagen bedürfen wir der Beratung: Atmen will ebenso gelernt sein wie Streiten, Sterben und Kindererziehung. "Auf dem Weg in die Therapiegesellschaft", sagt Katharina Rutschky, "wird schon lange der Eindruck bei jedem Bürger genährt, dass es leichtsinnig und fahrlässig sein könnte, Psychokrisen der einen oder anderen Art, aber auch Schicksalsschläge wie Tod von Angehörigen, Erkrankungen an Krebs oder Aids, Leben mit einer Behinderung und dergleichen mehr überhaupt allein in Angriff zu nehmen. Therapie für alle heißt die Devise - oder zumindest scheint Beratung Pflicht."

Die Enteignung unserer Alltags-Kompetenzen schreitet rapide voran. Die sogenannten Experten leben davon, dass wir alle irgendwann nichts mehr eigenständig vermögen, dass wir uns in allen Lebenslagen als beratungsbedürftige Mängelwesen begreifen und uns bereitwillig an den Tropf der Experten hängen lassen. Liebe ist eine Technik der Beziehungsführung, die man erlernen kann und muss. Die Ersetzung des schweren Wortes "Liebe" durch das "handschweißhemmende" (Botho Strauss) Wort "Beziehung" hat solchen Entwicklungen mächtig vorgearbeitet. Wir neigen dazu, die Aura der Worte zu verleugnen und durch neutrale Bezeichnungen und technizistische Termini zu ersetzen. Ältere Worte wie Sich-Sehnen, Wehmut, Demut, Heimat, Güte, Feierlichkeit, Liebe verhalten sich unter modernen Umständen sperrig.

Haben wir dem heute zutage tretenden sozialtechnischen Größenwahn durch unsere vermeintlich fortschrittliche 68er-Begrifflichkeit nicht kräftig zugearbeitet? Sozialarbeit statt Fürsorge, Psyche statt Seele, Beziehung statt Liebe, Beziehungsarbeit statt Ehekrach, Reproduktion statt Kinderkriegen. In emanzipatorischer Absicht wurde alles und jedes per Bindestrich mit dem Wort Arbeit verknüpft, um ihm Anerkennung zu verschaffen und es in den Bereich des Mach- und Gestaltbaren zu rücken. In den Notizeen Horkheimers stößt man auf eine kleine Passage, die auf dem Hintergrund seiner amerikanischen Erfahrungen diesen Trend früh beschreibt. "Wenn in Europa einer benebelt aussieht und verwirrt redet, ohne doch gerade betrunken zu sein, sagt der Zuschauer böse: ›Wahrscheinlich ein Säufer‹, in Amerika ernsthaft besorgt: ›He obviously needs psychiatric help‹."

Gegenwärtig treten wir in eine Gesellschaft ein, die über sich selbst, bis in ihre intimen Binnenwelten hinein, nur noch in einem flachen, betriebswirtschaftlichen Jargon zu sprechen und nachzudenken vermag. Wo alles privatisiert und dem Verwertungsprinzip unterworfen wird, muss man sich allerdings nicht wundern, dass die ökonomischen Kategorien auch vor dem letzten Refugium einer alternativen Logik, der Intim- und Privatsphäre, nicht Halt machen. "Hört man heutige Paare über ihre ›Beziehung‹ streiten, hat man oftmals den Eindruck, es sei eine neue Art von informeller Börse entstanden, an der mit emotionalen Kurswerten gehandelt wird. Wie man jedem Waschgang einen Entkalker beifügen sollte, damit der Heizstab nicht verkalkt, so kann man auch seine Beziehungsmaschine pflegen und dadurch haltbar und enttäuschungssicher machen. Die Krise, der Crash, hat meist mit der Enttäuschung zu tun, dass das eingesetzte Gefühlskapital nicht genügend Surplus abgeworfen hat. Dann fallen Sätze wie: ›Ich hab so viel in dich investieert. Und was habe ich zurück bekommen?‹ Oder: ›Ich bin es leid, immer nur der (die) Gebende zu sein. Ich möchte auch einmal etwas von dir profitieren!‹" (Michael Schneider).

Spätestens seit Foucault wissen wir, dass, wo geholfen, beraten und therapiert wird, immer auch normalisiert und kontrolliert werden soll, und das Schreckbild eines homogenisierten und pasteurisierten Lebens in einer Kontrollgesellschaft erscheint unseren tapferen Beraterinnen als Inbegriff von Fortschrittlichkeit. Wie konnten die Menschen nur so verbohrt und vermessen sein, zu glauben, sie könnten sich einfach so draufloslieben? Wie lauten die neuen "Qualitätsstandards", die der Beziehungsprüfer checkt? "Liebt ihr euch auch richtig, sprecht ihr genug miteinander? Hat der männliche Teil des Paares seine weiblichen Anteile erschlossen und in die Beziehung eingebracht? Wie hoch ist eure Beischlaffrequenz, wie die Orgasmusqualität? Kommen beide auf ihre Kosten, stimmt das Verhältnis von Input und Output, hat jeder sein Glückssoll erfüllt?"

Eine durchschnittliche städtische Ehe hat heute nur noch die Halbwertszeit von zirka fünf Jahren. Eine gesellschaftliche Logik scheint sich hinter dem Rücken der Beteiligten durchzusetzen und dafür zu sorgen, dass ihre besten Absichten zuschanden werden. Die Tendenz der Individualisierung bis hin zur völligen Atomisierung scheint über die redliche Mühe und entschlossene Willensanstrengung Einzelner hinwegzugehen. Man kann eben nicht zugleich marktgängiges Geld-Subjekt und Liebender sein. Wie Schopenhauers frierende Stachelschweine drängen sich die heutigen Elementarteilchen aneinander, Gefangene eines ewigen Sehnsucht-Angst-Dilemmas. Der Markt, den sie anbeten, hat sie gelehrt, allen Bindungen zu misstrauen und an nichts mehr zu glauben außer an den eigenen Erfolg. Eine wahrhafte Liebe ist in den Zeiten der Flexibilitis-Cholera eine Art von Behinderung, die die Mobilität einschränkt und Marktchancen schmälert.

Wer etwas über das heutige Beziehungschaos und -elend, über die "kurzatmigen und wirren Subjektivitäten des modernen Selbstverwirklichungskultus" erfahren möchte, dem sei Dieter Wellershoffs neuer Roman Der Liebeswunsch zur Lektüre empfohlen, der sprachgenau und sensibel schildert, wie sich vier Menschen in verschiedenen Paarkonstellationen aneinander drängen und dabei unentwegt so schwer verletzen, dass am Schluss eine Leiche und drei Selbstverwirklichungsmonaden auf dem Schlachtfeld der Liebe zurückbleiben. Bei dem Projekt des Beziehungs-Check-ups handelt es sich darum, die Krise zu verwalten und unter Kontrolle zu bringen und die Leute zu beschäftigen.

Die Kontrollgesellschaften, sagt Deleuze, sind dabei, die Disziplinargesellschaften abzulösen. Ultraschnelle Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen lösen die alten - noch innerhalb der Dauer eines geschlossenen Systems operierenden - Disziplinierungen ab. Vielleicht aber wird dem Projekt aus Fulda auch viel zu viel interpretatorische Ehre angetan: es könnte sich auch um eine bloße Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Sozialpädagoginnen handeln, denen die kirchlichen Geldgeber in letzter Zeit wichtige Aufgaben genommen haben und die nun den Versuch starten, sich ein neues Marktsegment unter den Nagel zu reißen.

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00:00 18.05.2001

Ausgabe 42/2021

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