Entlastungsstraße 89

Spur der Mauer Für Henri, seit August ein Schulkind

Stell dir vor, folgendermaßen: "Ich ging da lang und dachte daran ..." (aber so war es).

An einem Morgen im August betrat ich den Klassenraum, Aufschrift 1b. Nachdem ich mit Bedauern die Schultüte an der Türe lassen musste, war meine erste Empfindung fröhlicher Schreck: Das alles kannst du schon lesen, stell dir vor. Ich hatte das Buchstabieren in den Vorschulstunden des Kindergartens gelernt, das Lesen an den Abenteuerheften der Mosaik- und Atze-Reihe versucht, an Plakaten, Transparenten weißen, unverständlichen Inhalts auf Rot, und es ging. Und hier, wo es drauf ankommen sollte, ging es auch.

"Seht!" stand da in drei mächtigen Zeichen, die, an Fäden gehängt, von der Wand stachen. "Seht: das ist die Schule!" musste das bedeuten. Warum sie SED schrieben und nicht anders, würde die Lehrerin sicher erklären. Dass sich hinter dem Kürzel die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands verbarg, lernten wir bald; dass S und E und D für das A und O gesellschaftlichen Lebens standen, dass gesellschaftlich relevant von nun an alles Leben sei - von den Geboten der Jungpioniere bis zum fernen Eintritt ins Erwachsenenleben, zu welchem Zeitpunkt auch der Kommunismus eingetreten wäre, spätestens im Jahr 2000 - lernten wir schrittweise dazu. Die ABC-Zeitung, die Trommel und Fröhlich-sein-und-singen sollten das als Zentralorgane des werdenden Kindes in gesetzter Unschuld zur Genüge kommentieren, bevor mit der Adoleszenz die Junge Welt als Tagespresse die sozialistischen Bilderzeitschriften knallhart ablöste.

Ein Kind lernt alles. Ich tat das, anfangs, mit Begeisterung. SED war das Portal vor meinem ABC und ein helles, fröhliches Wort. Dass die drei Buchstaben eine Wortreihe ganz anderen Sinns ergaben, erfuhr ich bald. Viel später sollte ich erfahren, dass wieder ein anderes Wort sich hinter allem verbarg. Unter der Sprelacartverblendung (Sprelacart, volkseigene, durch Polykondensation gewonnene Aminoplaste, lebensmittelecht bis 90°C) einer Kantine in Treptow fand ich den Rest einer Schrift, die einmal NON SCHOLAE SED VITAE DISCIMUS geheißen haben könnte, aus dem Nichts erschienen, in das sie mit dem nächsten Hammerschlag verschwinden sollte wie Belsazars Menetekel. O SC LAE SED V TAE DIS, das stand da noch, in seiner Mitte deutlich SED, das bedeutete auf deutsch ein Aber, Sondern, ein Anstatt, ein kleines, so ein entscheidendes Wort, mit dem du nichts sagen kannst, aber alles Gesagte stellst du in Frage. Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir, so zu verstehen sollte das sein. Nicht dafür, sondern. Das konnte ich damals nicht wissen. ("Siehst du!" Du kennst ja die Floskel der Rechthaberei.)

Als ich 19 Jahre nach dem ersten Schultag Westberlin das erstemal betrat, fiel mir die Begegnung mit den Großbuchstaben, vermittelt durch den ungewöhnlichen Grenzverkehr in der Adventszeit, wieder ein. Das ist jetzt 16 Jahre her und war, ungefähr, so: Alles Dunkel war von Lichtinseln trübe durchsetzt. Es war ein Montag, ein verhangener Dezemberabend. Vor den Grenzübergangsstellen stauten sich Passanten im Flutlicht umfunktionierter Suchscheinwerfer, die den Suchenden ihren Weg über ausgehobene Mauerteile westwärts wiesen.

Am Potsdamer Platz wurde die Menge durch einen Bauwagen geschleust, in dem Offiziere der Grenztruppen gleichmütig Pässe begutachteten. Sie taten es, wie Postbeamte Briefmarken mit Sonderstempel versehen, im Bewusstsein, einer nicht nützlich notwendigen, doch irgendwen erheiternden, irgendwen zufriedenstellenden Sache zu dienen. Sie winkten die Wartenden durch ihren Wagen mit dem melancholischen Ausdruck derer, die ihrer Tätigkeit für einen Überfluss gewiss sind. Es war Formalie und nicht mehr als das. Mein Pass erhielt hier den einzigen Vermerk seiner zehnjährigen, ansonsten ungenutzten Gültigkeit bis 11. Februar 2000.

Ich machte mich los, den sich Zerstreuenden über den dürftig ausgeleuchteten Platz hinterher. Jemand hatte mit Fürsorge ACHTUNG STUFE! auf ein Mauerteil gepinselt, woanders war VOR EINTRITT FÜ

Alles schien wüst und von unergründlichen Gräben durchzogen. Ich lief auf orange flimmernde Lichter zu, unter denen ich eine Einkaufsmagistrale, wenigstens eine Kreuzung erwartete, von der belebte Gegend zu erreichen wäre. Als erstes konnte ich: Entlastungsstraße lesen.

Ich begriff nicht, dass es sich um die bloß technische Benennung handelte; dass hier Autos auf eigens angelegten Trassen zur Entlastung der Bezirke, die ich suchte, fahren konnten, darauf war ich nicht gekommen. Dass die Trassen überdies als potenzielle Anschlussstellen in eine immerhin erwartete Gesamtberliner Zukunft angelegt waren, wäre mir glaubhaft erschienen: das Kapital, wie gelernt, auf dem Sprung. Schließlich waren die Reichsautobahnen auch als Entlastungsstraßen in die Zukunft verlegt worden. Möglicherweise war das nüchterne Wort als Vordruck zu verstehen, der jederzeit durch den Namen einer Stätte, eines Toten, dessen Zeit gekommen war, ersetzt werden konnte. Ich wusste es nicht.

Im Stadtosten waren Debatten um Straßennamen wie Toleranz- statt Otto-Grotewohl- für Wilhelmstraße schon im Gang, und wenn schon Toleranz warum nicht auch Entlastung? Ich lief ein Stück Entlastungsstraße lang, Mitfahrgelegenheiten boten sich an, die schienen ein Ziel voraus zu wissen. Ich lief weiter, ich lief, wie ich zu spät begriff, im Kreis. Der Horizont war unklar aus ineinander gekippten Vertikalen gebildet. Von fern warf die Messinghaut der Philharmonie ein Goldlamé über die Silhouette ringsum, unter den Viadukten der Magnetbahn tauchten Gruppen offensichtlich auch Irrender aus tintorettohafter Tiefe auf und verschwanden.

Die nachtfahle Peripherie hätte bedrohlich statt harmlos und verlassen wirken können, wäre da nicht der Waldrand des Tiergartens gewesen, beides passte nicht in mein gegenstandloses Bild dieser Hälfte der Stadt. Und passte zugleich, denn das Ausland, das ich betreten hatte, war auf den Plänen, die ich kannte, leerweiß, mit Laubbaumeinschuss und Straßen ohne Namen versehen, die durch dreieckig ausgewiesene Grenzübertrittstellen in die Gegend führten, die zu betreten ohne weiteres nicht war. Jetzt war das Weitere da.

Zweimal lief ich an den Resten des Hotels Esplanade vorüber, querte die viel verheißenden Bellevuestraße, Lennéstraße, dann stand wieder der Wald. Lessing schwieg auf seinem Sockel unter Bäumen, rings machte sich Unruhe breit in der anbrechenden Nacht.

Ich irrte über vermatschte Pfade an Tierdenkmälern vorüber auf einen Kreisverkehr zu, jedenfalls sah es den rotierenden Lichtkegeln nach danach aus. Der Verkehr schien plötzlich zu versickern, dann war es mit einem Mal still. Dann fernes Rauschen und Applaus. Jubel brandete irgendwo auf. Ich tastete mich durchs Gebüsch auf autobahnbreiten Asphalt zu, zwei Polizisten trabten vorüber wie Kentauren im Dienst. Berittene Polizei hatte ich bis hierhin für etwas aus der Vorkriegszeit gehalten. Aus dem Hufgetrappel schälten sich wieder Jubel und Applaus, jetzt deutlich hinter mir. Durch die Äste schimmerte Licht von der Ostseite, von dort klang es hell und silbern, wie Hämmern aus einem Bergwerk zu ebener Erde.

Ich lief zurück. Am Brandenburger Tor, dessen Westportal ich als hinteres bislang nicht zu Gesicht bekommen hatte, war alles Brache und Bau. (Das musst du ansehen, einmal dran rühren, was war und hätte werden können bedenken.) Aus dem Dunkel näherten sich Menschen von beiden Seiten der versperrten Durchfahrt, neugierig, zögernd, verängstigt, siegesgewiss, wie Menschen sich nach Kriegsende unzugänglichen, nun frei gebombten Bauten nähern. Jubel schwoll, und die Steine kamen zu Wort.

Längs der schon durchscheinenden Mauer lief ich zurück. Trauben im Beton pickender Menschen schafften sich daran, schon geordnet nach Gewerken und Geschlecht: hier hämmernde, die Brocken nach Graffitigehalt sortierende Männer, dahinter Frauen, die Brocken in Splitter zerkleinernd, die Splitter in Zellophan verpackend. Kinder dazwischen, die hackten und sortierten auch. Wer ein stark bemaltes Stück erobert hatte, schrie auf und hielt hoch, manch einer verkaufte seins gleich oder tauschte.

Am Grenzübergang Potsdamer Platz stand noch der Bauwagen, ihn passierte niemand mehr. Die Uniformierten lehnten im Fenster und sahen ihrer Arbeit entledigt dem Menschenstrom zu. Wo die Lichtinseln waren, wies der ausgetretene Schlamm den Weg jetzt nach überall hin. Mondschein lag in den Pfützen der klaren und hier stillen Nacht.

Unter den Linden lief ich zurück Richtung Stadtmitte. Im Lustgarten sangen Mitglieder der zurückgetretenen Regierung unter erhobenen Fäusten die Internationale gegen den Zeitgeist, der die Mehrheit westwärts trieb, und einige hundert versprengte Genossen um die kaum beleuchtete Tribüne zusammenzwang. Das Zeichen der Partei, die zwei ineinandergreifenden Hände - links die des Sozialdemokraten, von rechts die kommunistische - hing schwer in den paar roten Fahnen. Die Luft roch nach Abgasen und Schnee.

Die Erinnerung in der Wirklichkeit ist ein umtriebiger, sich selbst ladender Gast. Ein anderer, sesshafterer, ist der Konformismus, der wie Reif das Gerüst der Jahre belegt, die sich hinter uns türmen, und unter Umständen gerät alles beim Hinsehen ins Wanken. Es war ein Zufall in der Zeit, dass alles so zusammen fiel, für mich im Erleben schon Erinnerung: Wo hast du das alles gesehen, wo schon mal? Welcher Film, gelesen wo? Rimbaud hat das den Historischen Abend genannt, wie der naive Tourist ihn erlebt, der, den Schrecken der Gegenwart (nos horreurs économiques) entflohen, die Hand eines Meisters vernimmt. Jäger und Horden ziehen vorüber im Gleis der Geschichte, die, statt ein Ende zu haben, sich fortsetzt am Punkt, der Prellbock schien für den Rest des eigenen bleibenden Lebens. Die Geschichte findet zwischen den Ereignissen statt.


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00:00 11.11.2005

Ausgabe 39/2020

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