Entmythologisierung?

Magnus-Hirschfeld-Tagung Sexualreform zwischen Emanzipation, Eugenik und jüdischem Messianismus

In seinem kürzlich erschienenen Roman Die Wahrheit über Sascha Knies lässt Aris Fioretis seinen Helden nur mit Mühe einer dubiosen Hodenoperationen entkommen. Er war einer "Bruderschaft" in die Hände gefallen, die an ihm die "biologische Erhebung" erproben wollte. Auf der Täterseite agierte auch ein Mitarbeiter der so genannten Stiftung für Sexualforschung, um die sich das Romangeschehen rankt.

Das historische Vorbild der unschwer zu entschlüsselnden Stiftung wurde im Mai 1933 von NS-Studenten geplündert, sein Gründer, der jüdische Arzt und Sexualreformer Magnus Hirschfeld, musste sich die Verbrennung seiner Bücher in einer Pariser Wochenschau ansehen. Nach einem erfolglosen Versuch, das Institut in Paris neu zu gründen, starb er an seinem 67. Geburtstag am 14. Mai 1935 in Nizza. Den Grabstein schmückt ein Wahlspruch, der ihn Zeit seines Lebens begleitete: "Per scientiam ad justitiam" - durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit. Doch was ist geblieben? Verkannt, verbrannt und vergessen?

"Wenn ein Mythos entsteht, ist jemand relevant", zog der Ulmer Sexualwissenschaftler Friedemann Pfäfflin seine Bilanz über den umstrittenen Wissenschaftler, dem das Potsdamer Moses-Mendelsohn-Zentrum vergangene Woche eine international besetzte Tagung ausrichtete. Nicht nur die am Institut für Sexualforschung unternommenen dubiosen Operationen, auch Hirschfelds Lehren veranlassen kritische Sexualwissenschaftler bis heute, sich vom Gründervater des Faches in vorsichtiger Distanz zu halten. Selbst die Schwulenbewegung tat sich schwer, ihn als Ahnherrn zu entdecken - um allerdings seit Ende der neunziger Jahre um so energischer die Einrichtung einer Magnus-Hirschfeld-Stiftung zur "Wiedergutmachung" der Nazi-Verbrechen an den Homosexuellen zu betreiben. Ein entsprechendes Gesetz war 2002 verabschiedet worden, doch im Bundesrat gescheitert.

Wer sich von der Tagung allerdings versprach, hier würde das vom "Einstein des Sex" (Rosa von Praunheim) hinterlassene wissenschaftliche Erbe kritisch gesichtet, wurde enttäuscht. Vielmehr schien es darum zu gehen, die jüdische Identität Hirschfelds auszustellen und sich ihrer zu versichern. Ein Missverständnis? Schließlich war es Hirschfeld selbst, der die Tatsache, Jude zu sein, ebenso tabuisierte wie seine Homosexualität. Ein Identifikationsmodell, so glaubt der Hirschfeld-Biograph Manfred Herzer, sei hier nicht abzuholen.

Den Gegenbeweis unternahm der Religionswissenschaftler Edgar Bauer: "Wenn der Mensch nur Mensch sein wird", führte er Hirschfelds ursprünglich auf die Sexualität bezogenen Messianismus weiter auf die "Menschheitsassimilation des Judentums", dann sei "Hirschfelds Hoffnung erfüllt." Das "dritte Geschlecht", das Hirschfeld in seiner "Zwischenstufen"-Theorie aus der Wiege hob, sollte die strikte dualistische Geschlechterkonzeption zugunsten einer Vielgeschlechtlichkeit der Spezies überwinden. Es fand ebenso Aufnahme unter den frühen bewegten Frauen der Weimarer Zeit wie in der zeitgenössischen Sexualreformbewegung - mit allen biologistischen und sozialhygienischen Implikationen, die Hirschfeld ein halbes Jahrhundert später in Verruf bringen sollten.

Als Kampfbegriff gegen Blut, Sippe, Familie und auf dem Feld konkurrierender Männlichkeitsentwürfe schien die "Zwischenstufen"-Lehre allemal zu taugen. 1912 versah Hirschfeld das von Hans Blüher, einem der Ziehväter der Wandervogelbewegung, verfasste Buch Die deutsche Wandervogelbewegung als erotisches Phänomen noch mit einem Vorwort. Später setzt er dessen Konzept hegemonialer Männlichkeit, das auf dem rigiden Ausschluss alles Weiblichen beruhte, ein männliches Identitätsmodell entgegen, das die weiblichen Anteile nicht verleugnet, sondern integriert.

Was Hirschfeld zur Wissenschaft brachte, war schon zu seinen Lebzeiten umstritten. Die einen meinten an "gefärbte Brause erinnernde Gedankengänge" wahrzunehmen, die anderen verwiesen auf seine mit akribischem Fleiß zusammengetragenen Fallsammlungen, mit denen er auch seine "Zwischenstufen"-Lehre zu belegen suchte. In Potsdam fungierte Ernst Haeckel, in dessen "Monistenbund" Hirschfeld Mitglied war und nach dem er nach dessen Tod den großen Vortragsraum des Instituts benennen ließ, als Gewährsmann wissenschaftlicher Seriosität, Aufklärung und Emanzipation. Aber gerade auf Haeckel fällt jener Schatten der "dunklen Seite" der Aufklärung, den auch Hirschfelds Lebenswerk begleitete.

Zweifellos war Hischfeld ein Aufklärer, soweit es um die Abschaffung des § 175 (Verbot homosexueller Handlungen) ging oder darum, überkommene Moralvorstellungen zu bekämpfen. Aber bereits seine vielgepriesene Sexualerziehung - die, nach eigenen Worten, "Fortsetzung der Eugenik mit anderen Mitteln" - ist aus heutiger Sicht hochproblematisch. Wenn Hirschfeld jemals so etwas wie eine politische Heimat gefunden hatte, dann lag sie am rechten Rand der Weimarer SPD mit ihrem eugenischen Maßnahmekatalog gegen die soziale Verlendung. Noch aus der Emigration heraus wird Hirschfeld das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" von 1933 dahingehend kommentieren, dass, "wenn man wirklich eine energische Ausjätung betreiben will, man die Rauschsüchtigen und unter ihnen die Alkoholiker vor allem ins Auge (hätte) fassen müssen".

"... im Dunstkreis der Täter" titelte Andreas Seek denn auch seinen Vortrag, der noch einmal die einschlägigen Vorwürfe gegen Hirschfeld Revue passieren ließ - angefangen vom seinen Überlegungen zur sexuellen "Verhaltensregelung" bis hin zum Konzept der "Rassemischung". Zugleich machte Seek deutlich, dass nicht nur die Konzepte "positiver", also der Höherentwicklung der Art geschuldeten Eugenik im zeitgenössischen Horizont zu beurteilen seien, sondern auch Hirschfelds Terminologie ("Entartung" "Ausmerze") im "biologistisch-somatologischen Diskurs" der Zeit mitgeschwommen sei. Hirschfeld historische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, mag vielen Tagungsteilnehmern angelegen gewesen sein; die Aussicht auf eine aktuelle Rezeption eröffnete neben Bauer die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun mit ihren Überlegungen, inwieweit die Sexualwissenschaft eine "jüdische Wissenschaft" sei.

Zentral für ihren Problemzugang war der in der jüdischen Religion abgesicherte Zusammenhang zwischen Fortpflanzung und Sexualität, auf den sich Hirschfeld und andere Forscher beziehen konnten. In diesem Kontext erscheint Homosexualität nicht als "Laune der Natur", sondern als trickreiche eugenische Vorbeugestrategie, die den prognostizierten degenerativen Absturz der Menschheit verhindern sollte. Solchermaßen in den Dienst der "Volksgesundheit" gestellt, verlöre aber Hirschfelds Feldzug für die Homosexuellen alle politische Aura und unterläge, wie ein Teilnehmer vermutete, einer anderen Art von Diskriminierung.

Ungeachtet des eugenischen Erbes, das sich mit Hirschfelds Namen verbindet, und abseits von der Frage, ob er dem jüdischen Messianismus eine Stimme gab - zumindest die literarischen Phantasien scheinen der illustre Sexualreformer und seine Theorien bis heute zu beflügeln: Denn nicht nur der eingangs zitierte Fioretis hat sich bei seinen Recherchen tief durch die Hirschfeld-Akten gegraben, auch in Jeffrey Eugenides großem Roman Middlesex hinterlässt der Zufallswürfel der sexuellen Natur eine Spur, die an Hand der "Zwischenstufen" aufgespult werden könnte. Zufall, dass beide Autoren griechischer Abstammung sind. Vielleicht auch nicht: war es doch Platon, der die strikte Zweigeschlechtlichkeit nicht gelten lassen wollte.

00:00 23.05.2003

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