Entschlossen zu leben

Syrien Trümmer, Minen, Blindgänger: In die vom Islamischen Staat befreite Stadt Kobane kehren trotz aller Gefahren immer mehr Bewohner zurück

Im Flüchtlingscamp Suruc in der Türkei herrscht Aufbruchsstimmung. Die Menschen packen das wenige Hab und Gut zusammen, das ihnen blieb. Teile des Lagers werden bereits abgebaut. Die kurdische Stadtregierung in Kobane, auf der anderen Seite der Grenze, hat gewarnt, es sei noch zu gefährlich. Doch viele der ehemaligen Bewohner hält das nicht davon ab, wieder einen Weg nach Hause zu suchen. Gerechnet wird mit etwa 80.000 Heimkehrern, wenn nicht mehr.

Der Platz vor dem Grenzübergang nach Syrien ist an manchen Tagen überfüllt. Wasserwerfer sollen im Notfall Zäune und Anlagen schützen. Es werden Flyer verteilt, um vor Blindgängern und Minen zu warnen. Dreimal pro Woche wird die Grenze für Rückkehrwillige geöffnet: montags, mittwochs und freitags. Wann genau sich die Schlagbäume heben, entscheiden die türkischen Posten. Manchmal muss 48 Stunden warten, wer eine Passage verpasst.

Sylvio Hoffmann ist Autor und Fotograf und hat zuletzt die türkisch-kurdische Grenzregion bereist

Da die türkische Regierung Journalisten einen Grenzübertritt verweigert, wenn sie nach Kobane wollen, sind wir gezwungen, die Demarkationslinie nachts und illegal zu überqueren. Geschützt von kurdischen Kämpfern geht es durch unwegsames Gelände und nasses Gras, bis ein Dorf in der Nähe Kobanes erreicht ist. Kurze Zeit später schälen sich Häuserskelette aus dem Morgendunst. Der Schauplatz eines apokalyptisch anmutenden Unheils liegt vor uns. Vier Fünftel der Gebäude und nahezu die komplette Infrastruktur der Stadt sind zerstört, Straßenzüge unpassierbar. Trockener Staub schluckt alle Farben. Aus dieser Trümmerwüste sind auch drei Monate nach dem Ende der Kämpfe noch nicht alle Leichen geborgen, was den schweren Verwesungsgeruch erklärt. Zwischen Schutthalden huschen Schwärme von Ratten hindurch, dreist, gut genährt, katzengroß. Fensterflügel knarren im Wind. Jeder Ziegel, jeder Pflasterstein scheint zu schwören, aus diesem Schlund des Vergehens taucht niemand wieder auf. Vorerst jedenfalls nicht. Noch ist das Vibrieren zu spüren, wenn irgendwo in der Ferne Bomben einschlagen.

Mohamads Atelier

Wir treffen einen bekannten kurdischen Poeten und Sänger. Sehin zeigt uns Spuren seines Lebens vor dem Krieg, die Reste der Wohnung und die Ruine eines Musikgeschäfts. Er sitzt vor einer von Einschüssen übersäten Hauswand, auf die jemand das Zeichen des IS gesprüht hat, und reicht ein Foto herum – der Sänger mit seiner Bisk, einem Instrument, das mit über 60 Saiten an eine deutsche Zither erinnert. Über den Klang gerät Sahin ins Schwärmen. Dass aus Kobane wieder eine Stadt wird, in der sich leben lässt, daran hat er keinen Zweifel. Ob ihn zuweilen die Angst heimsuche, dass die IS-Dschihadisten zurückkämen, wollen wir wissen. „Die haben keine Chance. Wir Kurden sind zu stark. Sie werden es nicht wagen ...“

Im Moment koalieren in der provisorischen Stadtregierung von Kobane mehrere Parteien und Bewegungen, darunter die auch in der Türkei starke prokurdische Demokratische Partei der Völker (HDP) und das Movement for a Democratic Society (TEV-DEM). Sie haben sich einer syrischen Gesellschaft verschrieben, in der Kurden nicht mehr als Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Die demokratische Selbstverwaltung Kobanes soll ein Muster für das ganze Land sein, wenn der Bürgerkrieg eines Tages zu Ende geht.

Wir ziehen weiter und stoßen auf Mohamad, der vor seiner zerschossenen Schneiderei sitzt. Er sei einst Mitglied der Kommunistischen Partei Syriens und schon unter dem Präsidenten Hafez al-Assad, dem Vater des heutigen Staatschefs, inhaftiert gewesen. Später dann habe man ihn als Lehrer mit einem Berufsverbot belegt.

Um zu überleben, betrieb Mohamad ein bald schon florierendes Mode-Atelier, das ihm und seiner Familie bis zum Ansturm des IS auf Kobane einen recht erträglichen Wohlstand garantierte. Was blieb davon übrig? So gut wie nichts, wäre da nicht Mohamads Entschlossenheit, sein Geschäft wieder aufzubauen. „Ich gehöre nach Kobane. Ich kann mir nicht vorstellen, woanders zu leben.“ Ob sich sein Wunsch erfüllt, wieder ein Maßatelier zu führen, hängt auch von Mohamads Gesundheit ab. Splitter eines Schrapnells würden noch in seiner linken Hüfte stecken, sagt er. Längeres Stehen bereite ihm Schmerzen. Dass er möglicherweise nicht mehr arbeiten könne, laste wie ein Albtraum auf seinem Gemüt. Nur dürfe er sich nicht beklagen, sein Sohn sei ein halbes Jahr lang Gefangener des IS gewesen und habe bis zu seiner Flucht Grauenhaftes erlebt. Die Frage, ob man ihn fotografieren dürfe, verneint Mohamad höflich. Wenn er seine in der Türkei zurückgelassene Familie besuche, müsse er mit Repressalien durch die dortigen Behörden rechnen, sollte sein Bild in den Medien auftauchen.

Zwei Welten

Ein paar Gassen weiter sitzt ein älterer Mann, der sofort in sehr gutem Englisch zu berichten beginnt. Er heiße Mustafa, neben ihm sitze seine Frau Rozerin. Vor dem Krieg habe er als Englischlehrer an einem Gymnasium in Kobane unterrichtet. Plötzlich bricht er in Tränen aus und zeigt auf das geborstene Haus hinter ihm. „Dort habe ich gelebt, und dorthin hätte ich euch so gern eingeladen, aber ihr seht ja ...“

Einst gewann Kobane sein Trinkwasser aus dem Euphrat, was nun nicht mehr möglich ist, da auch die Pumpsysteme durch Beschuss zerstört wurden. Ebenso die Abwasserleitungen. Das System zu reparieren, bleibt schwierig, solange die Frontlinie zwischen kurdischen Milizen und versprengten IS-Kombattanten direkt am Euphrat entlangläuft. Mit Strom wird Kobane augenblicklich zumeist über Generatoren versorgt, sofern sich die Bewohner eines Hauses oder einer Straße das leisten können. Diesel und Benzin bleiben teuer. Über Nacht versinkt die Stadt fast in völliger Dunkelheit, nur vereinzelt sind beleuchtete Fenster zu erkennen. Wer stattdessen in Richtung Türkei blickt, den erwartet ein völlig anderes Bild. Der sieht ein Lichtermeer, als träfen zwei Welten aufeinander, die gegensätzlicher kaum sein können und doch so viel miteinander zu tun haben.

Inmitten der schwer heimgesuchten Stadt existiert eine Insel der Normalität und Geborgenheit: das weitgehend unbeschädigte Kulturzentrum von Kobane, ein Treffpunkt der Jugend. Schon vor dem großen Saal, in dem einige Kinder musizieren, erfüllt eine gelöste Stimmung das Foyer. Auch wenn überall und griffbereit Kalaschnikows liegen. Draußen, vor den Toren der Stadt, sei der Krieg noch nicht vorbei, hört man immer wieder, desgleichen den Ruf „Biji! Biji!“ („Sieg! Sieg!“), eine inzwischen häufige Form der Begrüßung, begleitet von Victory-Zeichen. Allerdings waren in Kobane die kurdischen Sieger nicht Sieger allein, sondern vor allem Befreier.

06:00 20.05.2015

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