Entschlossene Ratlosigkeit

KRIEG IN EUROPA Der balkanische Sumpf kennt keinen archimedischen Punkt

Frohe Ostern. Von den christlichen Kirchen hat man bisher wenig gehört über den Krieg auf dem Balkan. Die deutschen Feldgeistlichen in Mazedonien und in Heimatgarnisonen werden vermutlich unter den gegebenen Umständen an Karfreitag und Ostersonntag öfter das Abendmahl spenden müssen als in Friedenszeiten. Die Medien werden uns darüber unterrichten. Was in der Etappe sich abspielt, ist stets ein dankbares Thema. Es wird Fernsehbilder geben von einem Gottesdienst für Soldaten unter freiem Himmel.

Ob ein Prediger wohl den Einfall haben wird, die deutsche Beteiligung an der Strafexpedition der NATO gegen die Serben eine »tätige Reue« zu nennen? Die deutsche Hilfe für die Albaner, Gott wohlgefällig, weil den Serben niemand mehr helfen konnte, als seinerzeit die Deutschen über sie kamen. Das wäre dann eine Realpolitik, die sich ein Gewissen macht.

Wer uns Deutschen zugehört hat in den ersten Kriegstagen nach dem vorigen Krieg, der wird eine solche Deutung der deutschen Bombenangriffe nicht gänzlich ausschließen wollen. An wen sollte sich der von dem Theologen Richard Schröder vorgeschlagene Text des Mahnmals in Berlin: »Nicht morden« in der jetzigen Lage richten? Nur an die Serben? Es geschieht viel dafür, daß die Mehrheit im Land es so versteht, und sie scheint es auch schon zu glauben. Die gesamte Kriegspropaganda zielt in diese Richtung. Manche Journalisten haben offenbar noch nicht begriffen, daß sie gar nicht selten als zweckdienliche Propagandisten tätig sind. Einige blühen förmlich auf dabei.

Ich weiß nun besser, was mich an Richard Schröders Idee für das Mahnmal stört: Sie ist nicht entschieden genug, um jeden Mißbrauch auszuschließen. Was sich im Blick auf Auschwitz aus moralischen Gründen nur an die Deutschen wenden darf, muß bei gewöhnlichen Kriegen, die auch in Europa wieder möglich geworden sind, den ersten führen wir gerade, alle ermahnen und gegebenenfalls zu Frevlern, zu Schuldigen erklären. Auschwitz entzieht sich jeder Relativierung; ich bin es müde, dem, der das nicht begriffen hat, es zu erklären.

Aber in Kriegen, Auschwitz war kein Krieg, ist, so meine ich, die einzig angemessene Geisteshaltung jene, nach der keine Partei, die eigene nicht und nicht die feindliche, allein Recht oder Unrecht hat, schuldig oder unschuldig ist. Eine entsprechende Lesart des Schröderschen Mahnmal-Appells wäre jedoch der sogenannten Realpolitik hinderlich. Dann und wann wird derzeit in einem Nebensatz für möglich erklärt, daß auch Albaner gelegentlich schießen. Daß dies nicht immer nur in Notwehr geschieht, sondern da und dort auch zum Zwecke des Mordens aus kriegerischer Rohheit, aus Rache oder zur völkischen Säuberung - derlei bleibt in der deutschen Berichterstattung auf Einzelfälle beschränkt, die allgemein nichts besagen sollen. In Frankreich und Italien, in Griechenland scheint die Sicht der Dinge umfassender zu sein. Hierzulande dienen offenbar Nebensätze über Albaner vor allem dazu, die Hauptsätze über die Serben durchschlagender zu machen.

Die Reporter berichten über den Beschuß albanischer Dörfer und die Konzentration von serbischen Truppen; sie zeigen albanische Flüchtlinge. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von Menschenrechten, die verletzt werden. Könnte nicht ein älterer Redakteur, der sich an die Erzählungen seiner Mutter erinnert, mit der er 1945 auf dem Treck war, oder ein Kollege, der in Vietnam dabeigewesen ist, die Reporter dahin aufklären, daß sie über gar nichts anderes berichten als über einen gewöhnlichen, normalen modernen Krieg?

Der Krieg ist nicht so, wie ihn die Propaganda der technisch überlegenen Seite gern darstellt: Raketen ziehen als Feuerwerk, wie nicht von dieser Welt, über einen dunklen Himmel; rote Wolken flackern am Horizont. Alles lautlos, furchtlos, unblutig, ohne ver kotete Hosen und unwillkürliche Blasen entleer ungen. Wunderbare Flugzeuge steigen auf, kehren unversehrt zu rück, Verluste auf der eigenen Seite hat es keine gegeben. Der virtuelle Anstrich der kriegerischen Darbietung läßt kaum ins Bewußtsein dringen, daß auch die militärischen Ziele, die zunächst angegriffen werden, mit Menschen bestückt sind, die Schaden nehmen oder zu Tode kommen. So, wie in einem Flipperautomaten, können moderne Kriege beginnen; sie enden gewöhnlich anders; oder sie bleiben ergebnislos, wenn man die Menschenopfer nicht rechnet.

Im Kosovo wird ein Bodenkrieg zwischen zwei feindlichen Armeen geführt, der serbischen und der schwächeren albanischen, an dem sich die NATO vorerst nur aus der Luft beteiligt. Wie immer und vor allem in Religionskriegen, ethnischen Kriegen, Bürgerkriegen, gibt es seit Jahren Greueltaten und Massaker. Sie können von militärischen Aktionen nur in seltenen Ausnahmen verhindert werden. Zu den Untaten kommt es zwischen den Verfeindeten vor Kriegsbeginn, im Kriege und auch noch nach einem Waffenstillstand, sobald sich dafür eine Möglichkeit ergibt. Man findet fast immer eine. Vor Jahren - noch unter Tito und bald nach dessen Tod - waren die Albaner im Kosovo auf dem Vormarsch. Serben wurden vertrieben, es kam zu bösen Übergriffen. Jetzt trumpfen die Serben auf, aber die Albaner haben inzwischen eine Untergrundarmee geschaffen. Gemordet wurde schon auf beiden Seiten, jedoch findet die albanische Seite jetzt mehr Gehör für ihre berechtigten Klagen.

Der serbische Präsident MilosŠevic´ ist ein schweres politisches Ärgernis, aber die ethnischen Verwicklungen im Kosovo und rings um dieses Gebiet herum hat er nicht ins Leben gerufen und hat er nicht allein zu verantworten. Würde er aus dem Amt entfernt, so wäre der Frieden auf dem Balkan damit allein nicht hergestellt. Das Ziel der Vertreibung der ethnisch Anderen, die Säuberung des Kosovo von ihnen ist zu unterschiedlichen Zeiten von beiden Seiten verfolgt worden. Diesmal nun hat sich der Westen mit seinem Instrument NATO, das von einer Verteidigungswaffe zu einer Angriffswaffe geworden ist, auf eine Seite, die albanische, gestellt. Der Grund ist nicht nur der Schutz von Menschenrechten.

Ganz überwiegend ist das, was die Reporter heute Menschenrechtsverletzung nennen, kriegsimmanent. Jede kriegführende Partei ist in unterschiedlichem Maße daran beteiligt, auch die NATO. In demokratisierten Bewegungs-Kriegen ist in der Regel die Zivilbevölkerung stärker gefährdet als das Militär. Der sicherste Platz ist bei der Truppe, wenn Soldaten und Zivilisten gemeinsam auf dem Schlachtfeld sind.

Also wegsehen, kalt bleiben? Pazifismus unter allen Umständen? Nein, aber nicht handeln um jeden Preis. Die halbwegs friedlichen Möglichkeiten waren mit Rambouillet nur zeitlich, nicht sachlich erschöpft. Das heißt auch: gegebenenfalls warten können. Aber die Zeit, die man sich genommen hätte, sie hätte Mordopfer gefordert. Sehr wahrscheinlich. Daß wir Zeit verschmähten, weil wir uns an ein Ultimatum banden, hat jedoch gewiß Mordopfer und andere Kriegstote verschuldet.

Am Ende wird die endgültige Katastrophe nun bestenfalls durch Lösungen abgewendet werden, für die wir uns vor Kriegsbeginn keine Zeit gelassen haben - weil der öffentliche Druck, von der Politik selber erzeugt, die Politiker erhebt, wenn sie ihm nachgeben. Die demokratisierte Außenpolitik ist die Pest unserer Epoche.

Das Völkerrecht wurde zur Hure gemacht, was nicht schwer ist. So konnte im Kosovo die Entwicklung gefördert werden, die schließlich die NATO zu einem Hilfsinstrument der USA auch in Gebieten machen wird, in denen die handfesten amerikanischen Interessen stärker sind als in Jugoslawien. Die jetzigen Angriffe der NATO dienten nicht zuletzt dieser Umwandlung des Bündnisses. Und aus der guten Laune heraus, die uns im Westen, vor allem in den Medien, seit der Wende 1989 ergriffen hat, als das große Gegengewicht zuschanden ging, wurde jetzt damit gerechnet, daß auch Jugoslawien umfallen würde wie ein brüchig gewordener Stein.

Die Idealisten schließlich oder solche Grüne, die über den Umgang mit den Menschenrechten ihre Regierungsfähigkeit nachweisen wollten, durften Hilfe leisten, indem sie aus der Gesinnungsethik, die auch für Afrika und China gilt, selbst für die Kurden, eine Verantwortungsethik zugunsten der Albaner machten. Aber der balkanische Sumpf kennt keinen archimedischen Punkt.

Es war nicht einmal Realpolitik, die betrieben wurde; es war die entschlossene Ratlosigkeit. Ein Arrangement zwischen den Feinden im Kosovo ist nun noch schwieriger geworden. Die Menschenrechte sind noch weniger gesichert. Realpolitik müßte jetzt gemäß der Gedankenlosigkeit, mit der die NATO angetreten ist, zum Ausrottungskrieg gegen die Serben werden. Aber das will doch niemand. Was wollten wir eigentlich seriös, also nicht so halbgar, wie Politiker und Generalität in dieses Engagement hineingegangen sind?

Kühle Analysen, auch gegen den Main stream, sind möglich, solange man die eigene Verzweiflung eindämmen kann, die einen, die mich bedrängt, wenn ich höre, daß immer mehr Menschen, Freunde darunter, im Kosovo-Krieg eine sittliche Pflicht sehen. Die Freunde wußten es einmal besser. Im Laufe der Zeit, mit dem natürlichen Vergessen, wurden wir wieder die lächerlichen Schwachköpfe, die Verweigerer angeblicher Notwendigkeiten. Die Tonangebenden begegnen uns nicht ohne Herablassung, was noch freundlich ist. Schritt für Schritt hat das Übliche die Herrschaft wieder angetreten im Land.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 02.04.1999

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare