Entsetzen am Neumarkt

Dresden Wie die Stadt ihr Gemüt heilen und dabei auch noch Geld verdienen will

Sollte es wirklich so sein, dass achtzig Prozent der Dresdner zur wieder aufgebauten Frauenkirche auch eine historisch angepasste Umrahmung wünschen, dann kam diese Strafe zurecht. Kaum stehen auf dem umkämpften Neumarkt die ersten Kulissen, stellt sich Ernüchterung ein. "Diese Einkaufspassage ist ein Skandal! Da hat man uns italienisches Flair versprochen, und jetzt fehlt jegliche Noblesse."

Das Entsetzen des Lokalfeuilletons gilt dem sogenannten Quartier Eins. Direkt gegenüber dem Eingang zur Frauenkirche wurde von dem Investor Arturo Prisco ein kompletter Straßenblock aus dem Boden gestampft. Während zur eigentlichen Platzfläche hin barocke Fassadenbilder eine bunte Reihe schmaler Bürgerhäuser vortäuschen, hatte sich der Innenhof bei der Eröffnung als banale dreigeschossige Shoppingmall entpuppt. Deren grobschlächtiges Glasdach würde anderswo nicht mal als Oberlicht einer Großgarage akzeptiert, und durch das verunglückte Riesengerippe fällt der Blick auf eine Reihe kahler Lichtschachtfassaden. Selten hat eine Investorenarchitektur derart simpel ihre Mechanismen offenbart: Wer alle ästhetische wie materielle Kraft auf Schaufassaden konzentriert, dem fehlt´s dann für den traurigen Rest. Angesichts solcher Trostlosigkeit sah sich sogar die Gesellschaft Historischer Neumarkt veranlasst, von der Stadt dringend "mehr Qualitätsbauten!" zu fordern.

Dabei geht ein Großteil des Prisco-Desasters gerade auf diesen kämpferischen Bürgerverein zurück. Während die Replik der Frauenkirche allmählich emporwuchs und immer plastischer ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückte, begannen seine Mitglieder, nun auch den Wiederaufbau des ganzen Neumarktviertels nach historischen Vorlagen zu fordern. Ihr Argument: Allein im stimmigen Ambiente käme das wiedererstehende Gotteshaus angemessen zur Wirkung. Weil dem barocken Juwel nur eine barocke Fassung gerecht würde, reklamierte Vereinsvorstand Stefan Hertzig "den Zustand nach dem Siebenjährigen Krieg mit den hohen Barockhäusern als Basis des Wiederaufbaus". Damit würde zwar das 1945 real vorhandene Häusergewirr von der Renaissance bis zur billigsten Gründerzeit ignoriert, doch in "graue Mäuse", soviel war dem studierten Bauhistoriker klar, würde kein Investor einen Euro stecken. Mit immer radikaleren Vorschlägen, schließlich einem Bürgerbegehren trieb der Verein die Verwaltung vor sich her. Die hätte lieber zeitgenössische Architekten am Werke gesehen, allenfalls inspiriert und im Zaum gehalten durch etwa 15 "Leitbauten" - also Häuser von besonderem baukünstlerischem Rang, die man nach Archivunterlagen detailgetreu rekonstruieren könnte. Doch so bescheiden war der Verein nie, er forderte 30, besser 60 Häuserrepliken, am Ende ging es um alle 300 Parzellen des gesamten Neumarktareals - ungeachtet der Tatsache, dass davon allenfalls 170 überhaupt zur Verfügung standen. Anderenfalls müssten die Wohnzeilen der Wilsdruffer Straße und vor allem der Kulturpalast, eine Ikone der Dresdner Nachkriegsmoderne, abgerissen werden.

Natürlich hatte es gegen die unbeirrte Agitation der Stadtbildnostalgiker auch Widerspruch gegeben. Die Sächsische Akademie der Künste veranstaltete einen internationalen Workshop, an hochkarätigen Podien und prominenten Einwänden war kein Mangel. "Eine Museumsstadt mit Fassaden von Palais und Bürgerhäusern vergangener Jahrhunderte, hinter denen sich Kaufhäuser und Büroflächen breit machen, das ist vielleicht das seelenloseste, was man sich denken kann." Leserbriefe wie dieser haben in der Lokalpresse allerdings nie Meinungshoheit erringen können. "Am Neumarkt haben die Dresdner ein seelisches Problem, das architektonisch gelöst werden soll", begründet der namhafte Architekt Wolfgang Hänsch die schiere Unmöglichkeit, den Konflikt rational beizulegen. Ein halbes Jahrhundert hat nicht gereicht, das Trauma des "Untergangs" zu beschwichtigen. Den modernistisch gesinnten DDR-Planern wird seit 1990 die "zweite Zerstörung" der Stadt unterstellt.

Anstelle von Glas, Stahl und Beton wird nach Holz, Stuck und Stein gerufen, also nach Gemüt und Tradition. Aber gilt das wirklich nur für Dresden? Ganz Deutschland scheint vom Retrofieber ergriffen - nach den notorischen Schlossdebatten in Berlin, Potsdam oder Hannover will nun selbst die Bankenmetropole Frankfurt am liebsten ihre ganze Altstadt zurück. "Die Liebe zu verschwundenen Denkmälern hat unbegreifliche Ausmaße angenommen", spottet Gottfried Kiesow, "stünde die Garnisonskirche in Potsdam noch, würde für deren kaputtes Dach kaum jemand etwas spenden." Der Vorsitzende der Deutschen Stiftung Denkmalschutz weiß genau, wie schwer es alte, oft hinfällige Häuser in Zeiten existenzieller Verunsicherung haben. "Schönheit an sich" hat Konjunktur! Wem das Leben schon Angst macht, der sucht Anlehnung an eine gefällige Geschichte. Wenigstens im Rückblick traute Verhältnisse - das entlastet.

Nun gehört das Erzeugen heimeliger Wohlfühlstimmungen nicht zu den primären Aufgaben der Denkmalpflege, weshalb diese zu Projekten totalen Wiederaufbaus bislang konsequent auf Distanz ging. Mit Rettung und Pflege übrig gebliebener Originalsubstanz ist sie überfordert genug: Am Dresdner Neumarkt musste sie ohnmächtig zuschauen, wie die unterm Pflaster erhaltenen Originalkeller der 1945 verbrannten Häuser jetzt herausgerissen wurden, damit die frisch betonierten Barockimitate nicht auf Tiefgaragen verzichten müssen.

Doch in der Fülle der jetzt überall aufflammenden Diskussionen drohen sichere Fronten aufzuweichen: Wie lange wird sich ein institutioneller, d.h. fachlich fundierter Denkmalbegriff noch in den alltäglichen Konflikten zwischen "schön" oder "wahr" durchsetzen können? Immer häufiger sehen kompetente Bauhistoriker sich als stilkundliche Berater in urbane Marketingstrategien verstrickt. Denn im Wettlauf der Standortkonkurrenzen werden immer mehr Städte zu Themenparks umgerüstet, die "Gute alte Zeit" avanciert zum weichen Standortfaktor. Und Dresden gilt da mittlerweile als unschlagbare Referenz: Im ersten Jahr nach ihrer Wiedereröffnung haben anderthalb Millionen Menschen die neue Frauenkirche besucht. Um spürbare zwanzig Prozent ist der Fremdenverkehr der Elbmetropole gestiegen, weshalb die FAZ den spektakulären Bau ein "Geschenk des Himmels" nannte - nicht im Kultur- oder Reise-, sondern im Wirtschaftsteil.

Haben denn in einer weithin durchmedialisierten Welt "echte" Bilder überhaupt noch eine Chance? Ja, sie haben. Wem der Neumarkt mit seinem Puppenstubenrummel auf Gemüt oder Magen schlägt, der soll zur Brühlschen Terrasse hinaufsteigen und, gleich rechterhand, einen Blick in den unlängst neu eröffneten "Lipsiusbau" werfen. Dort ist in aller Stille ein Wiederaufbauprojekt zum Ereignis geworden.

Anlässlich seiner Einweihung 1894 als "hässlichster Monumentalbau Dresdens" verrufen, dämmerte der überladene Prunkpavillon des Historismus die Jahrzehnte nach 1945 nur als notgesicherte Ruine dahin. Eine nach 1990 begonnene Komplettrestaurierung scheiterte rasch an den Kosten. Zum Glück, wie man heute sagen darf, denn was die Architekten Auer + Weber (Stuttgart) und Rolf Zimmermann (Dresden) danach mit den geschundenen Gebäuderesten anstellten, sucht landesweit seinesgleichen. Anstatt zerbröselte und verlorene Bauteile und Verzierungen zum heilen Ursprungsbild zu ersetzen, wurden die oft nur brandig kahlen Mauerwände der Innenräume allenfalls grob abgefegt. Gipsgesimse blieben zerfranst in Deckenzwickeln hängen, unter prächtigen Rundbögen, einst von hohen Marmorsäulen gestemmt, stehen jetzt schlanke Betonschäfte, wie zum Friedensdienst strafversetzte Kanonenrohre. Nur unmittelbare Besucherwege und die Ausstellflächen für Kunst sind geebnet, neu verlegt, sauber versiegelt. Stählerne Stiegen, die zwischen den zerborstenen Sandsteinwangen der alten Treppen ins Untergeschoss führen, machen Dresden noch einmal als den Steinbruch erfahrbar, in dem die Kriegsgeneration damals stand - Überlebende, aber Unbehauste. Und spätestens da beginnt man vielleicht die Bitterkeit des Dichters Czechowski zu teilen, der der "geklonten Kuh" da draußen so gar nichts abgewinnen kann: "Was es heute gibt, sind nur mehr Reste. Die Pflastersteine vor der Frauenkirche sind noch jene Pflastersteine, auf denen vielleicht Verwandte von mir verbrannten."

An die ins Stadtbild zurückgekehrte Sandsteinkuppel begannen sich selbst ihre Gegner gerade zu gewöhnen. Nun reißt der Lipsiusbau - der nicht restaurierte, bloß zugänglich gemachte, aber gerade dadurch bezwingende Geschichtsraum - die Wunde wieder auf.


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00:00 08.12.2006

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