Entzifferungs-Manie

Im Kino "A Beautiful Mind - Genie und Wahnsinn" von Ron Howard

Wir leben in einer Welt des Maßhaltens. Natürlich nicht, was die wirtschaftliche Ausbeutung des Planeten anbelangt, dafür aber um so mehr, was die Vorstellungen einer "vernünftigen" Lebensführung auf ihm betrifft: Jegliches Zuviel, sei es an Essen, Schlaf oder Arbeit, wird in der Regel mit dem Siegel des Schädlichen belegt. Die Paarung von Genie und Wahnsinn ist deshalb so schlüssig, weil der Exzess an Kreativität, den das Genie ausmacht, in der allgemeinen Vorstellung unweigerlich seinen Preis fordert, den Wahnsinn eben. Dass ein genialer Mathematiker verrückt wird, erscheint deshalb gar nicht so ungewöhnlich - muss man nicht zwangsläufig die Grenzen des üblichen Denkens überschreiten, um auf neue Lösungen zu kommen?
Die Lebensgeschichte des Nobelpreisträgers John Nash, die Ron Howard in seinem Film A beautiful mind - Genie und Wahnsinn nacherzählt, beginnt denn auch so, wie wir es aus vielen Künstlerbiografien kennen: Ein junger Mann aus offensichtlich einfachen Verhältnissen kommt an eine Elite-Universität. Er fällt auf durch selbstbewusstes und zugleich sozial sehr ungeschicktes Auftreten. Russell Crowe spielt das jugendliche Mathegenie mit abstoßenden Ticks, die seine Umgebung befremden müssen. Er weicht den Blicken aus, redet schüchtern zur Seite, aber was er sagt, ist oft von kränkender Direktheit. Sein Ehrgeiz, in der Dissertation unbedingt originell zu sein, lässt ihn fast scheitern, aber dann liefert er doch noch sein Werk ab - die legendäre Doktorarbeit zur Spieltheorie von 27 Seiten Umfang - und erfährt allgemeine Anerkennung. Als die Heirat mit einer attraktiven Studentin ihn vollends zum nun auch sozial eingegliederten Mitglied der Forschergemeinde zu machen verspricht, mehren sich die Anzeichen der Krankheit. Schließlich erfolgt der unweigerliche Zusammenbruch, die Einweisung in die Nervenheilanstalt, die Diagnose Schizophrenie. Obwohl der Film die Hochbegabung von Anfang an als Verhaltensauffälligkeit bebildert, möchte er uns an dieser Stelle Staunen machen über die Erkenntnis, dass die Wahnvorstellungen des Schizophrenen sich aus der gleichen Quelle speisen wie die Ideen des Mathematikers.
Um die Krankheit kinogemäß zu illustrieren, zeigt Howard den Mathematiker als "Decoder" in geheimer Staatsmission: ein Blick auf eine Zahlen- oder Buchstabenreihe und er entschlüsselt die verborgene Botschaft darin. Bald hängen die Wände seines Arbeitszimmers mit Zeitungsausschnitten voll, die überzogen sind von gemalten und mit Fäden markierten Verbindungslinien - dem genialen Dekodierer verbindet sich alles mit allem. Er kann nicht aufhören, die Welt als Subtext zu lesen. Und anstelle im Lebensbericht eines Nobelpreisträgers befinden wir uns auf einmal in einem B-Movie, einem düsteren Spionagethriller in paranoider Kalter-Kriegs-Ästhetik. Jenseits von filmischen Motiven deutet dieser Genrewechsel auch diskret auf den besonderen biografischen Umstand der McCarthy-Ära hin, die Nashs Zusammenbruch vorausging. Die These, dass die Staats-Paranoia jener Zeit seine Erkrankung wenn nicht verursacht, so doch mit ausgelöst haben könnte, wird im Film allerdings kaum in Betracht gezogen. Wie überhaupt weder Regisseur noch Drehbuchautor sich für die zeitgeschichtliche Einbettung des Lebens ihres Helden interessieren - erscheint die Hochschule, an der auch nach 50 Jahren noch dieselben Rituale befolgt werden, doch im immergleichen herbstlichen Ostküstenlicht.
Der Film konzentriert sich ganz auf den im Grunde romantischen Zwiespalt von Genie und Wahnsinn: Nimmt Nash zur Behandlung seiner Halluzinationen Medikamente, kann er nicht mehr genialisch denken. Wenn er sie absetzt, nimmt die Entzifferungsmanie schnell wieder überhand. Die Lösung aus diesem Dilemma ist zugleich das Standard-Therapie-Konzept von heute: Ein liebevoll-integrierendes Umfeld hilft beim mühevollen Lernprozess des Maßhaltens. Denn so gelang nach autobiografisch verbürgter Aussage Nash die erstaunliche Heilung: Durch eine "Diät des Denkens", durch willentlichen Verzicht auf irrationale Gedanken, auch wenn dies zugleich bedeutete, von der Idee der eigenen Großartigkeit Abstand nehmen zu müssen. Ein Prozess, der allerdings Jahrzehnte dauerte, dementsprechend sehen wir die Gesichter der Schauspieler altern - nicht umsonst erhielt der Film eine Oscar-Nominierung für das beste Make-up. Als der Preiskünder aus Stockholm eintrifft, wir schreiben das Jahr 1994, ist aus dem Unsympath mit dem gestörten Verhalten ein leicht verwirrter, aber um so sympathischerer Professor geworden - umlagert von fröhlichen Studenten. Im Film erscheint der Nobelpreis schließlich als die triumphale Krönung dieses Reifungsprozesses und weniger als die späte Auszeichnung eines Frühwerks (was er eigentlich war).
Um seinen Film so versöhnlich ausklingen zu lassen, hat Howard auf einige spektakuläre Details aus Nashs wahrem Leben willentlich verzichtet. Die Ausbeute von insgesamt acht Oscarnominierungen scheint ihm Recht zu geben. Vor allem Russell Crowe gibt sich reichlich Mühe, das zu zeigen, was man in Hollywood unter gutem Schauspiel versteht: eine fast dämonenhafte Verwandlung in einen abseitigen Charakter. Man sieht ihm die gigantische Arbeit an, die ihm das bereitet und wünscht sich manchmal, er hätte mehr Maß gehalten.

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00:00 01.03.2002

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