Epidemie unwahrscheinlich

Brasilien und die argentinische Krankheit Regierung und Unternehmer registrieren mit einer gewissen Schadenfreude das Siechtum beim Nachbarn und sehen sich selbst außer Gefahr

Der Unternehmerverband im Teilstaat Sao Paulo (FIESP), spricht es unumwunden aus: "Wenn wir nicht jetzt bei den Argentiniern kräftig aufkaufen, tun das andere. Wir haben das Potenzial dazu." Tatsächlich näherte sich 2001 allein das Bruttosozialprodukt Sao Paulos dem von ganz Argentinien, während bei der ökonomische Gesamtleistung von Staat zu Staat ein Verhältnis von exakt Zwei zu Eins entstanden war. Aber die Lust, beim insolventen Nachbarn zu wildern, hält sich in Grenzen - "Abkopplung" heißt seit Monaten das Schlüsselwort auch bei brasilianischen Exportfirmen, die inzwischen so gut wie nichts mehr auf dem argentinischen Markt platzieren und für das erste Quartal 2002 bereits die Entlassung von etwa 120.000 Beschäftigten angekündigt haben. Wirtschaftskolumnisten in Rio de Janeiro und Sao Paulo sehen unterdessen einhellig die Schuld am argentinischen Debakel nicht allein bei den neoliberalen Konzepten des US-gesteuerten Internationalen Währungsfonds (IWF). Schließlich ließ der, wenn es opportun erschien, gerade im Falle Brasiliens von elementaren Prinzipien. Das starre Festhalten an der Dollar-Peso-Parität sei auch dem kurzsichtigen Populismus der Regierenden in Buenos Aires geschuldet. Jeder Laie habe irgendwann die verheerende Konsequenz begriffen: Argentinien erschwerte eigene Exporte und verlor einen Markt nach dem anderen.

Milliardenschwerer IWF-Rettungsanker

Einst fühlte sich Brasilia - ebenso wie Buenos Aires - als Musterschüler von Weltbank und IWF, agierte jedoch vorsichtiger. Staatsunternehmen wurden, auch wegen des Widerstands von Gewerkschaften und Klerus, keineswegs so verschleudert wie beim Nachbarn. Sie erzeugen noch heute über 30 Prozent des Bruttosozialproduktes statt der marginalen 15 Prozent in Argentinien (dabei war dort der öffentliche Sektor einst entschieden besser etabliert). Brasiliens Mitte-Rechts-Regierung unter Präsident Cardoso hatte zwar 1994/95 ebenfalls einen künstlich überhöhten Wechselkurs des Real zum Dollar fixiert. Doch um nicht in der selben Falle wie der Nachbar zu landen, entwickelte die große oppositionelle linkssozialdemokratische Arbeiterpartei (PT) gemeinsam mit mehreren Unternehmerverbänden so viel Druck, dass Anfang 1999 nach einer rapiden Abwertung der Wechselkurs wieder frei gegeben wurde. Exportgewinne honorierten diese Entscheidung.

Es sei daran erinnert, dass sich Brasilien 1994, als sich Cardoso zur Dollar-Bindung des Real durchrang, einer ähnlichen Malaise zu erwehren hatte wie Argentinien heute. Damals tobte gerade ein Wahlkampf um die Präsidentschaft, bei dem angesichts der ökonomischen Talfahrt Luis Inacio da Silva ("Lula") als Kandidat der Arbeiterpartei (PT) bis dato ungeahnte Chancen besaß, Chef einer Linksregierung im führenden Land Lateinamerikas zu werden. Das sollte verhindert werden, also half der Währungsfonds - im Unterschied zur jetzigen Praxis gegenüber Argentinien - mit Krediten aus, die sich durch äußerst großzügige Laufzeiten auszeichneten.

Brasilien besitzt nun einmal einen anderen Stellenwert als der Rivale am Rio de la Plata. Wer an der lateinamerikanischen Leitbörse in Sao Paulo spekuliert, tat das immer schon erfolgversprechender als in Buenos Aires. Weil die Regierung Cardoso an einer rigiden Billigst-Lohnpolitik festhielt, waren geradezu phantastische Gewinnspannen möglich. Nie verbuchten einheimische Banken derartige Rekordgewinne wie unter dem Sozialdemokraten, Großgrundbesitzer und Ehrendoktor der FU Berlin, Fernando Henrique Cardoso. Die Hälfte der Brasilianer verdient umgerechnet etwa 170 Euro monatlich. 35 Millionen kommen auf höchstens 40 Euro, selbst die Automobilarbeiter von Volkswagen do Brasil nur auf rund ein Fünftel des Lohns ihrer deutschen Kollegen. Auch bei der Deregulierung des Arbeitsmarktes war man Argentinien schon immer voraus: Sage und schreibe 60 Prozent der Beschäftigten sind in Brasilien offiziell nicht registriert, das heißt, sie haben weder einen regulären Arbeitsvertrag noch irgendeine Form der Sozialversicherung und damit keinerlei Anspruch auf eine minimale, ohnehin nur für wenige Monate gezahlte Arbeitslosenhilfe.

Verträglich-sanftes Volk

Als die ersten Bilder von den Straßenschlachten vor der Casa Rosada in den brasilianische News auftauchten, bemerkten (fast neidvoll) selbst Kommentatoren konservativer Blätter: Dort reagieren die Leute wenigstens, rebellieren, wenn das auch an den Verhältnissen nichts ändert. In Brasilien regt sich trotz entschieden schlechterer Sozialdaten nichts. 2001 sanken allein nur im Großraum Sao Paulo die Arbeiterlöhne um 15 Prozent, verloren 35.000 ihre Anstellung, liegt landesweit die Erwerbslosigkeit de facto viel höher als in Argentinien, wachsen die Slums gespenstisch, leiden Millionen regelrecht Hunger, leben in Lehmhütten wie in Afrika. Auf der UN-Rangliste für Lebensqualität und menschliche Entwicklung liegt Argentinien immerhin an 34. Stelle. Brasilien dagegen an 69. - und dennoch bleibt alles apathisch. Die Gründe dafür sind vielfältig: Die hiesigen Eliten sind geschickter, raffinierter, halten den Bildungsgrad der Menschen gezielt niedrig, um eine Politisierung zu verhindern. Nur 26 Prozent der Brasilianer zwischen 15 und 64 Jahren sind in der Lage, ein Buch oder einen längeren Zeitungstext zu lesen und den Inhalt zu verstehen. Anders als in Argentinien ist nur eine Minorität in Gewerkschaften, Parteien oder Verbänden organisiert. Zu den Unterdrückungsmechanismen gegen Volksbewegungen wie die der Landlosen zählen Folter, Auftragskiller und eine omnipräsente Militärpolizei - reaktivierte Relikte aus zwei Jahrzehnten Militärdiktatur (1964-1983). Gerade progressive Padres der Iglesia Popular (Volkskirche) beklagen einen Mangel an Zivilcourage. Elend mobilisiere in Brasilien nicht notwendigerweise, sondern betäube vielmehr und halte die Betroffenen in psychischer und physischer Apathie. "Wir sind ein feiges, passives, verträglich-sanftes Volk - die Argentinier sind intelligenter", steht in Leserbriefen an brasilianische Zeitungen, "ihren Präsidenten, der sie ruinierte, haben sie weggejagt - unserer ist genauso, aber niemand tut etwas dagegen." Henrique Cardoso kann daher leicht erklären: "Brasilien gerät niemals in eine Lage wie Argentinien - wir haben weder eine soziale noch eine politische Krise. Keine Ansteckungsgefahr."


00:00 18.01.2002

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