Epikureische Enge

Clubs Eineinhalb Jahre lang waren die hedonistischen Tempel zu. Unser Autor besucht das wiedereröffnete Berghain
Epikureische Enge
Ohne langes Warten draußen wäre es drinnen nicht so befreiend. Zumindest für einige

Illustration: Whitney Wei

Die Welt ist voller Probleme, in Afrika sind kaum zwei Prozent der Bevölkerung gegen Covid geimpft und der Mann weiter vorn bekommt sein Geschirr nicht zusammen. Also noch einmal von vorn, andere Männer in Turnhosen ziehen an Lederstriepseln, suchen nach Ösen, drehen, wenden. Mir fällt auf, ich trage ein Jeanshemd, meine Hände riechen noch etwas nach Holzlasur, am Vortag habe ich mitgeholfen, das Wochenendhaus eines Freundes zu streichen. Wir sind jetzt wohl in diesem Alter.

Pandemie ist und wir stehen vor einem Club, das Pärchen aus Schweden und England ist in der Nacht bereits abgewiesen worden, jetzt dräut der Sonntag und sie stehen wieder in der Reihe. Pandemie also, wir trinken Rotkäppchensekt, den Menschen aus Spätis ringsum herbeiholen, eine Frau aus New York erzählt von irgendeinem QR-Code. Ach so? Davon hat die Ressortleiterin nichts gesagt, sondern, wenn ich sie korrekt verstanden habe: Das Berghain macht wieder auf, geh doch mal richtig feiern, wir zahlen alles, leider, Gästeliste war nicht drin. Ach, und bring Quittungen mit.

Teils natürlich, teils nichtig

Also kurz nach Hause radeln, Pass einstecken, Espresso, Daten auf fragwürdigen Seiten eingeben, im Park fröhlich-gesundes Morgenjoggen, juchzendes Kinderspiel. Zum Glück öffnet bald die Apotheke am Bahnhof. Drinnen zupft die Apothekerin noch an Zahnbürsten, schließt die Türen auf, „Momentchen, das Programm lädt eben hoch“, QR-Code einscannen, hinter mir dampfen Menschen aus glitzernden Strumpfhosen, QR-Code Nummer zwei. Flasche Rotkäppchen trocken einsammeln, „Quittung nächstes Mal“, lacht der Mann hinter der Kasse. Die Schlange vor dem Club ist ein paar Meter vorgerückt.

Pandemie ist und wir stehen vor dem Berghain, um Stunden oder Tage darin zu verbringen, ganz als wären wir noch jung, als wäre alles wie früher, ohne Ferienhäuser. Nur ist irgendwie alles neu. Wir reiten in die Klimakrise, das Wochenende hat das politische Spitzenpersonal mit Vorsondierungen verbracht, die meisten ringsum kommen aus irgendwelchen Bars, haben rotgeränderte Augen. „Ferner ist zu beachten, dass die Begierden teils natürliche, teils nichtige sind“, schreibt Epikur an Menoikeus, und wir haben ja Zeit, hier im ausgetretenem Brachland über Begierden nachzudenken. Keine besonders steile These: Wegen der Begierden sind wir hier. Kurze Frage in die Runde: ungleiche Verteilung von Impfstoffen, wir aber vor dem Club? Ampelkoalition, anybody? „Don’t spoil the mood“, klare Ansage, politische Debatten stehen nicht hoch im Kurs.

Begutachten wir mal Neuerungen: Die Schlange ist anders sortiert, schlanker und länger, kontrollierter. Das übliche Spiel: Wirklich interessant angezogene Menschen tauchen ein paar Stunden später vorn beim Gästeliste-Eintritt auf. Danach sieht man sie nicht wieder. Eines der vielen seltsamen Gefühle beim Anstehen: Etliche wirken, als hätten sie vielleicht keine fünfzig, aber ein paar Shades of Grey gesehen – zum ordentlichen Lebenslauf gehört seitdem gehegte Eskalation. Tendenziell kommen die eher nicht an den Türstehern vorbei. Viele andere wirken, als wäre das ehemalige Fernheizwerk im Kleid des sozialistischen Klassizismus zumindest ein sehr großer Teil ihres Lebensinhaltes. Beide Gruppen verströmen etwas Tragisches, haben aber eineinhalb Jahre ohne Warteschlange und Club überlebt. Viele offensichtlich mit illegalen Raves.

Wiederkehrende Frage: Was für einen Sinn macht die Warteschlange? Ich versuche sie als Arbeit am Mythos zu lesen, ohne sie wäre es drinnen langweiliger. Wiederkehrende und fundamentale Sorgen einiger, als die Uhr längst Vormittag anzeigt: 1. Waren die beiden Osteuropäerinnen nicht vorhin deutlich hinter uns? 2. Werden wir hineinkommen?

Mir ist unwohl. Nicht unbedingt Rotkäppchen-trocken-unwohl, vielmehr macht mich die überraschende Nähe von maskenlosen Menschen nervös. Weniger die nackte Haut oder die von Netzstrick betonten Geschlechtsteile irritieren, sondern Atembewegungen. Leiber und Moden: Im Studium habe ich entweder gelesen oder versucht, ein einigermaßen stabiles Einkommen hinzubekommen – irgendwann war für mich der Zug abgefahren, mit dem andere zum rauschenden Exzess fuhren. Auch die Covid-Zeit verbringe ich in überschaubarer Gesellschaft, mit der Pandemie ist der physische Abstand zu Menschen gewachsen. Nun ist er sehr fix geschrumpft. Alle hier sollen geimpft oder genesen sein.

Weiterer Aspekt des Unwohlseins: Zu den schlimmsten Regungen der Selbstfeier unserer Singularitäten-Gesellschaft habe ich immer Hedonismus gezählt. Gleichzeitig hat er seine dunkle Faszination nicht verloren. Deshalb also Epikur und seine These der Glückseligkeit, in der „Lust Anfang und Ende des seligen Lebens“ sei. Aber, aufgepasst, wir wählen „auch nicht jede Lust, sondern es kommt vor, dass wir über viele Lustempfindungen hinweggehen, wenn sich für uns aus ihnen ein Übermaß an Lästigem ergibt“. Das glückselige Leben bedeute ethisches Handeln und Gelassenheit. Es fußt auf Schmerzlosigkeit, was meint, nicht Hunger oder elementare Nöte zu leiden. Die first world problems in der Schlange heißen Impfzertifikate und langsamer Fortschritt. Vielleicht sind die Aussicht auf Schmerzen in dunklen Kammern drinnen, all die Feier um sich und sein Geschlecht die Stufen, die man zur Glückseligkeit durchlaufen muss.

Das Glück hüpft noch immer

Stufen: Am Türsteher vorbei, kein Abschiedsgruß des schwedisch-britischen Paares, sie haben es wieder nicht geschafft, „nicht mit den Fingernägeln und den Wimpern“, grinst eine Südafrikanerin im Latexkleid. Die Voraussetzung für Aufenthalt und Bewegung von Körpern, dachte Epikur, sei Leere. Nur ist es im Berghain so knallvoll, wie ich es nicht erinnern kann. Aber die Enge hindert nicht an Aufenthalt und Bewegung, auf Tanzflächen und an Bars schwappt eine offensichtlich immer nachwachsende Menge von Menschen. Kurz und gut: Das Glück hüpft noch immer in Netzstrumpfhose, obenrum frei, manche haben es tatsächlich wieder ins Geschirr geschafft, vielleicht gibt es etwas mehr Lichtspiel über unseren Köpfen.

Das Berghain bleibt ein Ort, der einen selbstzentrierten Freiheitsbegriff der 1990er konserviert, die Stellungen beim Sex, die großen Pupillen, die groben Schuhe, die durchscheinenden Gesichter. Auch wenn alles etwas braver ist als in der Erinnerung. Menschen lächeln häufiger: Manchmal scheint sich das sonst todernste, „no-fucks-to-give“-Minenspiel in eine Art Erleichterung aufzulösen. „Finally home!“, ruft einer. Endlich bleibt die Welt draußen, endlich sind wir hier drinnen!

Heimweg, Ohrenpfeifen, Reste des Sonnenuntergangs, es ist wärmer als gedacht. Eine alte Erkenntnis, die Kontraste wärmen wohl wirklich epikureische Gelassenheit an. Nach dem Tanz scheint die Stadt friedlicher, Parks und Plätze freier, mit all dem im Rücken wächst die Lust, sich Problemen zu widmen.

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06:00 08.10.2021

Ausgabe 42/2021

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