Epoche auf Abstand

Kino Hou Hsiao-Hsien pflegt auch in seinem Historienfilm „The Assassin“ das kontemplative Prinzip
Gerhard Midding | Ausgabe 26/2016 1

Wie ein Geist bewegt sie sich am Hof des Gouverneurs. Dessen Topografie ist ihr rätselhaft vertraut. Lautlos wandelt sie durch seine Gemächer, verbirgt sich listig in den Kulissen. Unbemerkt nimmt die Frau in schwarz teil am höfischen Leben. Wenn sie den Herrscher und seine Frau von einem Dachbalken aus belauert, scheint es fast, als befände sie sich auf dem Schnürboden einer Theaterbühne.

Der ungebetene Gast trägt einen sprechenden Namen: Yinniang bedeutet „das unentdeckte Mädchen“. Eigentlich soll sie (Shu Qi) den Fürsten der abtrünnigen Provinz Weibo ermorden. Ihre Auftraggeberin bezichtigt ihn der Korruption. Aber beim ersten Versuch zögert die Attentäterin; sie bringt es nicht übers Herz, Tian (Chang Chen) im Beisein seines kleinen Sohns zu töten. Auch bei späterer Gelegenheit zaudert sie. Kommen ihr Zweifel an ihrem Auftrag? The Assassin ist ein Action-Film, dessen Triebfeder das Zögern ist.

Die Handlung ist tückisch leicht erzählt: In der Endphase der Tang-Dynastie soll ein Mord aus politischem Kalkül verübt werden. Aber der Film verrätselt seine Geschichte elegisch und ellipsenreich, fächert die Intrige in komplizierten Figurenkonstellationen auf. Er verlangt die aufmerksame Einlassung des Zuschauers, die im Gegenzug durch die betörende Schönheit des Films belohnt wird. Der taiwanesische Filmemacher Hou Hsiao-Hsien zog der Kausalität des Erzählens stets die Kontemplation vor. In seinem ersten Film seit acht Jahren überträgt er diese lyrische Feinschrift jedoch kühn auf das Terrain des Genrekinos, das sonst mit gröberen Pinselstrichen ausgeführt wird.

Es ist unter asiatischen Autorenfilmern fast zu einem Ritus geworden, sich einmal am Genre des wuxia, des Schwertkampffilms, zu versuchen. Wong Kar-Wai hat das in Ashes of Time (1994) mit vorbehaltlicher Hingabe und vollendeter Autorenschaft getan; Zhang Yimou hat in Hero (2002) und dessen Nachfolgern versucht, die Kampfkunst in die Nähe zur Kalligrafie zu rücken; Ang Lee wiederum machte wuxia mit Tiger & Dragon (2002) Oscar-kompatibel.

Tiefes Schwarz

Wenn sich nun Hou Hsiao-Hsien in dieser Disziplin misst, ist das auch eine Wette mit den verborgenen Möglichkeiten des Wesensfremden. Er stellt sich in die Nachfolge des großen Genre-Exilanten King Hu. Wie in dessen Meisterwerk A Touch of Zen (1971) setzt Hou die Gewalt nur sparsam, als Einbruch in den Erzählfluss ein. Ihn interessiert die Spannung, die ihr vorausgeht und oder folgt. Den Wechsel zwischen Versunkenheit und eruptiver Tatkraft vollzieht The Assassin als Be- und Entschleunigung. Die Action will moralisch und atmosphärisch eingebettet sein. Der Kampf ist ein Mittel, das Wesen seines Gegenübers zu erkennen.

Das Motiv der ethischen Unterweisung, das traditionell in der Ausbildung des Schwertkämpfers aufscheint, kehrt Hou um in eine vergiftete Moral: Yinniang ist das Werkzeug einer taoistischen Nonne, die sich für Deklassierung und Demütigung rächen will. Ihre Meisterin kann nur zur Hälfte mit ihr zufrieden sein, denn die Schülerin beherrscht zwar das Handwerk des Tötens, ist aber anfällig für Menschlichkeit. Wenn Yinniang ihre Virtuosität im Wartestand hält, ist das Ausdruck eines inneren Zwiespalts. Sie ist Vollstreckerin und Opfer zugleich, wurde durch höfische Intrigen ebenfalls um ihre Biografie betrogen. Dem Mann, den sie nun ermorden soll, war sie einst selbst versprochen. Die Konventionen sehen durchaus vor, dass sich Schwertkämpfer physisch und spirituell verändern. Der Nachdruck, den Hou auf den Lernprozess seiner Heldin legt, sich ihre Identität zu erstreiten, ist jedoch einzigartig.

Das Motiv ist kennzeichnend für die Filmografie des Regisseurs. Sie steckt voller Suchbewegungen, in denen sich die Zerrissenheit seiner Heimat Taiwan spiegelt, die geprägt ist vom heiklen Verhältnis zum Mutterland China und dem Erbe der japanischen Besatzung. In Deutschland sind Hous vielschichtige, historische wie autobiografische Chroniken weitgehend unbekannt; unerklärlicherweise ist der 21. Film des Regisseurs der erste, der bei uns einen regulären Kinostart hat.

Tatsächlich bricht die Eskapade ins Genrekino nicht so entschieden mit den thematischen Linien seines Werks, dessen Kern die minutiöse Betrachtung familiärer Spannungen darstellt, die sich wiederum hochrechnen lassen auf die Zeitläufte und gesellschaftlichen Entwicklungen. Wenn er nun eine vergangene Epoche in Augenschein nimmt, tut er es ohne Abstützung durch aktuelle Relevanz. The Assassin ist keine historisch drapierte Allegorie (die Namensgleichheit von abtrünniger Provinz und chinesischem Kurznachrichtendienst ist Zufall), auch das Thema des politischen Mords betrachtet er nicht im Licht gegenwärtigen Belangs. Das Erzählinteresse ist gleichsam überzeitlich, ist verwurzelt in der antiken Tragödie und entspringt einer frühen Faszination an mythischen Figuren aus der Literatur der Tang-Dynastie.

Hou hält Abstand zur Epoche, in die er sich versenkt. Sein Film mutet erlesen an, die Tableaus, die sein Kameramann Mark Lee Ping Bin für ihn entworfen hat, nehmen Maß an der klassischen chinesischen Malerei. Ihr Kompositionsprinzip lässt der Leere stets ihren Raum. Den rigoros majestätischen Landschaftstotalen stehen Innenszenen gegenüber, in denen Kameraschwenks mit sachter Beharrlichkeit die Blickwinkel verschieben. Sie folgen nicht Gesten oder Blicken der Charaktere, sondern der Atmosphäre. Die Farben sind entsättigt, nur die Schwarztöne tief: als müsste die Pracht des Sichtbaren gezähmt werden.

Info

The Assassin Hou Hsiao-Hsien TWN/CHN/HK/F 2015, 105 Minuten

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