Er brauchte die, die ihn brauchten

Ständiger Vertreter Günter Gaus erklärte den Westdeutschen die Ostdeutschen, ohne sie zu verklären
Friedrich Schorlemmer | Ausgabe 19/2014 4

Er war ein Mann, der stets auf Präzision und Tiefenbohrung aus war, nie auf Entblößung. Für seine berühmte Reihe Zur Person galt das Arbeitsprinzip: „Mein Partner soll nicht mit mir argumentieren, sondern von sich erzählen … Berichten über jene Partien seiner Biografie, in denen sein Lebenslauf ein Beispiel ist, wenn es darauf ankommt: ein Beispiel im Guten wie im Bösen.“ Natürlich gehörten dazu immer die Ideenwelt wie das Umfeld der Porträtierten. Für mein politisches Denken habe ich daraus viel gewinnen können. Allein sein Interview mit Hannah Arendt – unvergesslich.

Gaus war stark als Kritiker, empfindsam als Kritisierter, reich an Feinden, geschätzt von vielen Freunden, bewundert wegen seiner Konsequenz, radikal links im Sinne des Marxschen „an die Wurzel Gehens“, nie ideologisch verfestigt, unerbittlich in der Sache und mitfühlend nachsichtig als Mensch. So hat er vielen, die es in der DDR nicht mehr aushielten, geholfen, das Land zu verlassen. Wenige haben es ihm gedankt. Er besaß den Mut, für Menschen einzutreten, die in keiner stickigen, eingemauerten Provinz mehr leben wollten. Dabei entwickelte er ein feines Gespür für das Leben im zweiten deutschen Staat und fühlte sich bisweilen zu weit in das Denken und Handeln der DDR-Oberen ein.

Im Februar 1989 hatte mich ZEIT-Korrespondentin Marlies Menge zu einem Frühstück mit Gaus ins Ostberliner Metropol-Hotel geladen. Man stritt über die Lage in der DDR. Menge wollte gern, dass jemand, der zu den Kritikern des Regimes zählte, Gaus sagte, wie er über das System und seine Repräsentanten denke. Ich hatte jegliches Verständnis für die Altherrenriege im Politbüro samt ihrer Herrschafts- und Wahrheitsanmaßung verloren und gehörte zu denen, die aus linksdemokratischer Überzeugung einen grundlegenden Wandel wollten. Gaus nahm die mehrheitlich aus dem Widerstand gegen Hitler stammenden Obergenossen in Schutz – sie hätten sehr begrenzte Handlungsmöglichkeiten. Er wiederholte es gern: In jedem steckten der alte Adam und die alte Eva, im Grunde ändere sich der Mensch nicht. Es gäbe ein Menschenrecht auf Anpassung.

Er wusste – in aller Resignation über die deutschen Zustände nach 1990 –, dass seine Stimme sehr gebraucht wurde, während er die brauchte, die ihn brauchten. Er sei ein lutherisch geprägter Mensch, pflegte er zu sagen, der gegenüber den Menschen grundskeptisch bleibe, ohne die Utopie aufzugeben. Niemals aber dürfe man Menschen zu ihrem Glück zwingen.

Hatte er eine Utopie oder befiel ihn letztlich bittere Resignation? Dazu befragt, fragte er zurück: „Ist es denn keine Utopie, wenn man als Einzelner hofft, die Courage zu behalten, gegen den Strom zu schwimmen – ohne hinzugucken, ob einer mitschwimmt?“ Er war wegen seiner Grundskepsis dagegen gefeit, jemals ein gläubiger Kommunist zu werden. Doch waren für ihn totalitäre Antikommunisten schwer zu ertragen. Er blieb ein kämpferischer und unabhängiger Sozialist, der die Freiheit der Schwachen darin sah, dass sie frei sein könnten von der Angst, ungebremst ins soziale Elend abzustürzen.

Günter Gaus wurde nach 1990 so etwas wie der ständige Vertreter bei der einstigen DDR-Bevölkerung. Sie hatte das Gefühl: „Der versteht uns, ohne die Unarten des Systems zu relativieren, der entschuldigt uns, ohne alles zu billigen.“ Er erklärte den Westdeutschen die Ostdeutschen, ohne sie zu verklären. Weder Ost noch West sollten sich herauswinden aus der bleibenden Verantwortungsgemeinschaft der Deutschen.

Der Freitag wurde die kleine, aber feine Bühne für den großen linken Frei-Geist. Dort konnte er regelmäßig gegen den Mainstream antreten und der Partei, die er verlassen hatte, ein schlechtes Gewissen machen, weil sie sich von Willy Brandt entfernt hatte und an völkerrechtswidrigen Kriegen wie gegen Serbien teilnahm. Früher als viele andere warnte er vor der Degradierung von Politik durch global agierende, deregulierte Finanzmärkte. Messerscharf seine Analysen, unbestechlich sein Urteil, bisweilen verhärtet, aber nie zynisch. Er widersprach jeder Selbstgerechtigkeit und wollte ihr selbst widerstehen. Politisch und menschlich verbunden, wenn nicht gar kongenial, war er seinem Mitherausgeber Wolfgang Ullmann, der im gleichen Jahr verstarb.

Gaus hatte 2003 in einem LEBENSWEGE-Gespräch in Wittenberg gesagt: „Ich halte die Öffnung der Stasiakten für ein Unglück, weil ich der Meinung bin, dass wir diesem Augiasstall nicht gewachsen sind. Wir können nicht wirklich richtig damit umgehen. Wir haben in diesem Punkt den Rechtsstaat zurückentwickelt; wir haben den Pranger wieder eingeführt, den wir mühsam genug in jahrhundertelangen Anstrengungen – bis zum aufgeklärten liberalen Rechtsstaat – überwunden hatten. Jene Akten sollten gehörig abgelagert werden wie die Akten, die ich geschaffen habe.“ Die Öffnung habe „so viele kurzschlüssige Urteile gebracht“.

Er bleibt in Erinnerung als einer, der trotz aller Empfindlichkeit immer mit offenem Visier kämpfte, oft Recht hatte und noch öfter Recht behalten wollte. Und der durchaus glücklich sein konnte, wenn Befürchtungen nicht eintraten, da seine Vorschläge auf fruchtbaren Boden gefallen waren.

Friedrich Schorlemmer, evangelischer Theologe, Schriftsteller und DDR-Bürgerrechtler war von 2005 bis 2011 Herausgeber des Freitag

06:00 13.05.2014
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