Er. Durst.

Kehrseite Man hat das Haus für mich räumen lassen, sicherlich, der Ort, jeder Ort für mich, alles für mich zurechtgewiesen, Haus und Wald und Fluss, ein altes ...

Man hat das Haus für mich räumen lassen, sicherlich, der Ort, jeder Ort für mich, alles für mich zurechtgewiesen, Haus und Wald und Fluss, ein altes Sofa, Wäscheleinen, ein Kerzenschimmer. Ich habe mich hier hoch gebracht, auf den Dachboden, nachdem ich mich in einer Schubkarre aus der Stadt herausbringen hab lassen. Die Beine abgefallen, auch Arme, Finger um Finger, der Winter, der Kopf versaut, auch der Magen versaut, erst der Kopf, dann der Magen, alles aufgelöst, wie das Lachen mit einem Mal weg, auch sonst nichts, alles heraus und fort aus mir, kein Funken Gestern, nichts mehr, was für ein Fest, und von vorn, Tag um Tag, der Durst, der viele Durst und der Hunger, tagein, tagaus, das Pinkeln und dies und das, atmen, schlafen, wachen, warten, auf diesen kleinen Jungen, der mir den Fressnapf richtet. Er kommt jeden Tag, bringt Reste, auch Obst. Der Junge hat ein zähes Herz mit viel Wärme drin. Er zwingt mich auf einen kleinen Hocker, fuhrwerkt mir im Gesicht herum, will mir das Haar schneiden, mich rasieren. Er ist perfekt ausgerüstet: Schere, Rasierklinge, auch Zahnreinigung und Klopapier et cetera. Ich will nicht! Nicht mehr! Nicht mehr wollen! Mich ordentlich zurechtfinden, Ordnung zeigen, war noch nie, so ein Stelldichein auf dies und das. Wenn ich könnte, würde ich mich in mein Arschloch wühlen und mich in eine Ecke scheißen. Mein Anstand ist dahin. Kein Ekel. Keine Scham. Ich könnte gehen, wie immer, Schritt auf Schritt, weg von hier, aber es will nicht, etwas hält mich, die Stille? Der Fluss? Dies Rauschen, das durch die Dachziegeln dringt? Der Junge? Vielleicht. Ich habe mich an ihn gewöhnt wie an den Durst. Er sucht etwas in mir. Er hat nicht die Augen eines Jungen, der noch alles vor sich hat, er lässt sich weder verzaubern noch beeindrucken von einem Tag, der kommt und geht. Nichts schreckt ihn, nicht mal die Stimme aus einem versoffenen Hirn.

Durst, sage ich.

Er versucht sich weiter in meinem Gesicht, setzt die Schere an, jetzt fallen ein paar Laute aus ihm heraus, kaum verständlich: Ein Stottern. Es war mir bisher nicht aufgefallen, obwohl er schon so oft mit dem Fressnapf kam.

D...D...Du...rst nix, sagt er.

Meine verfluchten Hände zittern. Wenn ich noch etwas will, dann ist es die wunderbare Stille nach dem Durst, wenn die Augenlider auf den Augapfel drücken, und der Rest Körper sich schwer über die Erde erhebt; das Flirren von Staubpartikeln im Abendrot, das durchs Dachfenster fällt; ein wunderbarer Zustand von Schräglage auf dem Sofa; im Nacken das Gurren der Tauben wie ein Ruf. Früher gab es diese unangenehme Unruhe, das Ticken einer Uhr, immer hinterher, oder gar nichts, im Halbwissen erstickt, aber ein Drang, so was wie Leidenschaft, schneller sein zu wollen im Saufen und in der Ernüchterung, vor allem in der Ernüchterung, um dies und das mit klarem Blick anzuzetteln, eine Nachtarbeit oder eine sanfte Frauenhand, der ich hinterher stieg, manchmal jahrelang, ohne Fragen, woher und wohin, gegangen, Schritt auf Schritt, vom Vorher zum Nachher mit unwissendem Ziel, ratlos enttäuscht am Ende, immer wieder am Ende, zurückgelassen, wie ein Toter zurückgelassen, aber etwas kam stets erneut, kurzzeitig, bis es wieder zerfiel oder das Interesse nachließ und die Stimme andernorts zog, davonzog, wieder auf die Straße unter freien Himmel auf ein Feld raus. Immer. Und wieder. Und nichts. Weggegangen ohne Vorher und stehengeblieben ohne Was. Ohne Danach. Aber gut, ein paar Schritte sollte ich wagen, nur um den Durst zu löschen, ihn vielleicht so zu löschen bis nichts mehr ist, weder dort noch hier. Der Junge hat nichts bei sich, das erstemal hat er nichts bei sich, womöglich, um mich zu bestrafen. Ich weiß nicht, was ihn hier bei mir hält. Ein Versprechen womöglich, eine Hoffnung, vielleicht aber auch nur eine Langeweile. Das erste Mal war ich ihm an einem Spätnachmittag im Park in der Stadt begegnet. Der Morgen war mir entschwunden und der Abend ebenso. Ich saß noch nicht erwacht mit offenen Augen vor einem Ententeich auf einer Bank. Der Junge kam aus dem Nichts. Keine Ahnung, wie lange er schon neben mir auf der Bank gesessen hatte. Ich schrak auf, als er anfing meine Schuhe zu putzen. Er hatte in ein Tuch gespuckt und rieb es in Kreisbewegungen über das alte, löchrige Leder. Seither begleitet er mich. Vielleicht ist er ein Heimatloser wie ich einer bin, der sich in Hinterhöfen zwischen Mülltonnen in die Nacht schleicht und glaubt, irgendwann irgendwo anzukommen. Gestern ist er nachts hier hinaufgestiegen. Ich hatte ihn kommen hören, ich kenne seinen Schritt, leicht und vorsichtig. Ich tat, als ob ich schlief. Ich war mit dem Schmerz, mit so einem stechenden Schmerz im Magen beschäftigt, der seit geraumer Zeit wie ein Messer in mir steckt, dessen Spitze abgebrochen ist. Er richtete sich ein Nachtlager auf dem Boden, packte einen nagelneuen, noch verschweißten Schlafsack aus, zündete eine Kerze an und betrachtete mich. Ich spürte seinen Blick trotz geschlossener Augen. Ich wollte ihm Gutes tun, lächelte ein wenig, atmete tief wie ein Schlafender. Am Morgen hatte ich das Gefühl, ihn enttäuscht zu haben. Vermutlich liegt die Enttäuschung an meinem Haarwuchs im Gesicht wie auf dem Kopf. Ein Zeichen von Fortbestand. Solange das Haar wächst, steht die Zeit nicht still, solange der Durst ist, bewegt sich was, ein Tag, eine Nacht und wieder ein Tag und so fort. Der Junge rasiert mir den Schädel. Eine Stimme tut sich auf, möchte sagen was, was hätte sein können vorher, vor dem Durst? Wer? Ein Jemand! Der mit dem Durst! Nicht Ich! Bin nicht! Keine Stimme im Anflug, alles Gesagte von jemals von Anbeginn nicht aus mir. Möchte sagen, was sagen. Jetzt ahne ich. Plötzlich fällt es mich an: Der Junge trägt was Totes in sich. Vielleicht Vater. Vielleicht Mutter. Vielleicht ist er selbst schon gestorben und weiß nicht, wann es geschah. Seine Stimme, die nicht aus ihm heraus will, aus ihm heraus kann, verstümmelt wie meine verstümmelt. Er setzt sich aufs Sofa. Am Boden, das Haar, das kräftige, dichte, rötliche Haar. Er hat eine Arbeit verrichtet. Eine Erleichterung steht ihm im Gesicht. Er sitzt und starrt auf mich, auf den Hocker, auf das Haar und wieder auf mich. Durst! Es fleht ihn an, eine Stimme kippt hinab, bittet, kämpft, verspricht Besserung, wie einst, es wäre der letzte, der allerletzte Schluck, und von hinten hervor, verlacht, höhnisch ein anderer: ich schlag dir in die Fresse, wenn du weiter so glotzt und von fern verzeih das und jenes, bin nicht, nicht mehr, noch nie, habe Fliegen wandern sehen, Elefanten kreisen, aber nichts will aus, enden, will nicht, ist immer noch da, kommt und will nicht gehen, im Kopf ein Vogelzwitschern. Er reagiert weder da noch dort. Er sitzt und gafft. Jemand hat eine wirkliche Not. Es zwitschert in mir. Er berauscht sich, sitzt still, bringt weder den Fressnapf, nichts, will nicht, nicht mehr, macht sich groß und größer, erhebt sich, so ein kleiner Scheißer, die Stimmen, was tun? Ich möchte jetzt beginnen. Stille. Du!...Schön, sagt er.

Nix schön, sage ich, Durst!

Er nickt, steht auf, lässt mich nicht aus den Augen, während er den Dachboden verlässt. Ich höre die Schritte, leichte, ruhige Schritte durchs Haus, dann die Haustür ins Schloß fallen. Er geht. Er ist gegangen. Er wird wieder kommen, wird anwesend sein, wird bleiben, wird mich aufnehmen, den kahlen Schädel polieren und mich später verscharren, in ein Erdloch graben. Ich weiß, er hat es schon oft getan, hier und dort, hat sich erprobt, sich an sich selbst erprobt, verscharrt, ausgeknipst, seine Stimme, ich höre es an seiner Stimme, sie ist nicht, sie stellt keine Fragen, gebrochen, so jemand hat keine Angst, nicht einmal vor dem Durst. Er ist nicht jung. Er war noch nie jung, vermutlich, war er noch nie jung. Er hat zahlreiche Schweineställe ausgemistet, ich muss ihm nichts vormachen, er wird wieder kommen, mein Durst wird gelöscht, wird mehr als gelöscht werden, nie mehr muss er gestillt werden, niemals mehr muss ich mich in dieser Ecke, da wo die zurückgelassenen Kisten der Hausbewohner stehen, übergeben müssen und dies und das, kein Tag mehr, keine Nacht, kein Rauschen, keine Dächer und Fenster, weg der Wald und weg der Fluss, er wird wieder kommen, er wird meinen Durst löschen, ich kann in Ruhe horchen bis er wieder kommt, er wird zurückkehren, aufmerken, ich kann horchen, lauschen, mich heran lauschen an die Stille, die eintreten wird, wenn er wieder da, es wird still werden, ich brauche keine Sorge haben, kein Winter mehr wird kommen, kein Nachher und kein Vorher, keine Stimmen, aus, vorbei, nichts mehr wird, nur ein kurzer Moment, er und ich, zu zweit, abwarten, bis nichts mehr, er wird begreifen, er hat begriffen, er wird keine Angst haben, er hat keine Angst, es wird still sein, es wird aufhören, kein Lauschen mehr, jawohl, hinlegen und warten, hinüber schleppen zum Sofa, liegen und warten, er wird kommen, mich vorbereiten, meine Stiefel putzen, ich werde sauber sein, jawohl und Schluss jetzt, ich werde so sauber sein, wie ich kam, vor langer Zeit. Ich warte.

Claudia Klischat, geboren 1970, studiert am Leipziger Literaturinstitut. Sie war Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude und erhielt im Herbst den Bayrischen Förderpreis für Literatur. Veröffentlichungen: Tiefausläufer, Erzählband, Merz Akademie, Morgen. Später Abend, Roman, C.H. Beck.


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00:00 04.03.2005

Ausgabe 38/2020

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