Er hat es

Auftritt Im Politikbetrieb gibt es viele festgelegte Rollen. Martin Schulz eröffnet ein ganz eigenes Charakterfach
Redaktion | Ausgabe 05/2017

Fast schon unheimlich ist die Begeisterung, die Martin Schulz mit seiner Kanzlerkandidatur hervorruft, nicht nur in seiner Partei, sondern auch bei potenziellen Wählerinnen und Wählern. Was macht diesen Mann so anders, was lässt ihn so sympathisch wirken? Fünf Versuche, das Phänomen Schulz zu fassen zu bekommen.

Der Selfmade-Intellektuelle

Als man das klassische Buch noch totsagte, war eine gewisse Spezies Buchhändler ebenfalls vom Aussterben bedroht. Gemeint ist die Generation Buchhändler, die bohrend schaut, worauf man sein Anliegen noch blöder vorbringt und die Grunderwartung, man sei gewiss ein blöder Leser, noch übertrifft. Da ist dieser Schmerz im Gesicht des Buchhändlers, weil ihm just selbst aufgeht, dass die enervierende Nacherzählung eines Plots keinen Kaufanreiz darstellt. Da ist ein verkniffenes Gehabe, ein Beleidigtsein über die Welt, weil alle nur noch Ausmalbücher wollen. Diese antiquierte Sorte Buchhändler ist der verhinderte Akademiker aus dem Arbeitermilieu, der auf irgendjemanden böse ist, besonders auf die SPD, die damals allen Arbeiterkindern riet zu studieren.

Martin Schulz, Sohn eines Polizisten, gründete 1982 eine gut sortierte Buchhandlung, hinten im Separee eine kleine Würselener Toskana-Fraktion. „Alle Jusos, alle Linken kamen in die Buchhandlung und nach Feierabend in mein Büro im Hinterzimmer“, schreibt er in seiner Biografie Martin Schulz – vom Buchhändler zum Mann für Europa (Czernin, 2016). Viele Buchhändler blieben bei ihren Leisten, manchmal sieht man einen bei Thalia, wo er noch unerlöster wirkt. Martin Schulz aber hat sich befreit. 1994 verkaufte er sein Geschäft. Damit ist sein Albtraum wahr geworden, denn es gebe in Buchläden jetzt vor allem „Kinderbücher, Lillifee und viel Klimbim“. Ob es ihn noch kratzt? Jedenfalls hat sich etwas von den Leiden des Buchhändlers in seinen Zügen festgesetzt. Nicht zuletzt deshalb fühlen Büchermenschen sich ihm nahe. Katharina Schmitz

Der Außenseiter

Zur Dramaturgie des Politikbetriebs gehört, dass jeder Politiker ein Manko braucht. Oder ein Alleinstellungsmerkmal, wie der Spin-Doctor sagen würde. Erst war es bei Martin Schulz das fehlende Abitur, seit feststeht, dass er als Kanzlerkandidat der SPD antritt, ist es die mangelnde innenpolitische Erfahrung. Schulz saß nie im Bundestag, konnte als Minister nie eine Reform vergeigen. Er hat weder ein tristes Dasein auf der Oppositionsbank gefristet noch die undankbare Rolle des Juniorpartners der Union übernommen. Beste Voraussetzungen für eine Erfolgsgeschichte.

Das zeigen auch die Reaktionen auf eine andere Personalie: Dass die frühere Lichtgestalt Karl-Theodor zu Guttenberg nun für die CSU im Wahlkampf mitmischen will, geriet zur Randnotiz. Plagiatsaffäre, Kundus-Untersuchungsausschuss, AC/DC-Shirt – das Los des Rückkehrers ist eine Bürde. Schulz hingegen wird von den Medien als innenpolitisch unerfahrener Außenseiter stilisiert. Griechenland, Flüchtlingspolitik, Russland-Sanktionen, das sind Merkels Themen. Schulz ist ihr als Ex-Präsident des EU-Parlaments mehr als nur ein ebenbürtiger Gegner. Vor allem, weil er Erfahrungswerte hat, mit denen Merkel und die Spitzenkandidaten der anderen Parteien nicht aufwarten können: Er weiß, was es heißt, sich mit Rechtspopulisten herumschlagen zu müssen. Im Bundestag sitzen sie noch nicht, im EU-Parlament machen sie seit Jahren Ärger. Martina Mescher

Der Frauentyp

Auf dem Laufsteg zwischen NRW und Europa lud sich Martin Schulz niemals jenen mittelständischen Milieuballast auf, der viele SPD-Männer beschwert. Weder musste er sich von Autobauer-Thinktanks jahrelang erklären lassen, wie innovatives Personalmanagement geht, noch scheint er je im Outlet-Center Wolfsburg verloren gegangen zu sein. Sein größtes optisches Kapital sind seine immer lachenden, oft gar strahlenden grünen Augen. Die aufgeräumte Denkerstirn bereitet ihnen die Bühne, und der gepflegt gestutzte Haarkranz gleicht einem Vorhang, der nie fällt. Fast meint man, die knirschenden Geräusche seiner eleganten Ledersohlen zu hören, wie er sich so an das Kanzlerinnenamt heranpirscht.

Auf aparte Weise erinnert er mit seiner Tropfenformbrille und den breiten Schultern sowohl an den Schriftsteller Umberto Eco als auch an den Schauspieler Götz George. Diese Mischung aus südeuropäischer Eleganz und Schimanski-hafter Raubeinigkeit kommt vor allem bei Frauen gut an. Etwas Abgründiges scheint in dem ehemals trinkfreudigen Buchhändler zu schlummern, doch der erfolgreiche Abstinenzler hat seine Dämonen schon lange im Griff. Der Stil ist gefestigt, rutscht nicht ab ins Kaschmirweiche, die Krawatten sind europablau, solidarisch rot oder gestreift, Hauptsache frei von Pantoffeltierchen. Martin Schulz’ Verfasstheit ist so robust, dass er auch im eisigen Wind des Wahlkampfes ohne das bei Politikern so beliebte Schal-Statement auskommt. Sarah Khan

Der kleine Mann von Welt

Als Martin Schulz bei Anne Will sagte, dass Würselen nur 130 Kilometer von Brüssel entfernt liegt, war das für mich eine echte Neuigkeit. Aber es passt zu diesem Mann, in dem das Regionale, Überschaubare, und ja, stehen wir dazu, auch das Kleinbürgerliche mit der weiten Welt und der großen Politik so harmonieren wie sonst nur noch in Helmut Kohl. Und wie Kohl ist Schulz reizbar und muss aufpassen, dass er es mit seinem Selbstbewusstsein nicht übertreibt. Beide lästern, glaube ich, ganz gerne über andere Politiker, bei Schulz ahnt man es, bei Kohl ist es seit dem Buch Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle (Heyne 2014) Gewissheit. Kostprobe: „Mir war klar, dass Richard von Weizsäcker sich selbst für den Klügsten, Besten und Allermoralischsten hält.“

Beide verachten eben „die feinen Leute“ (Kohl) ein bisschen, zu denen sie aber doch ganz gerne gehören. Außerdem interessieren sich beide sehr für den Ersten Weltkrieg: Kohl war in Verdun, Schulz war in Verdun, zusammen mit Frank Schirrmacher, der wiederum mit Kohl und Mitterrand bei Ernst Jünger war. Muss man eigens erwähnen, dass Kohl und Schulz beide überzeugte Europäer sind? „Kohl hat das grundsätzliche Bekenntnis zu einer gemeinsamen europäischen Politik aus jeder Pore geschwitzt“, sagt Schulz, der seit seiner tragisch abgebrochenen Fussballkarriere, die ihn früher oder später zu Arsenal London unter dem Straßburger (!) Arsène Wenger geführt hätte, allerdings nie mehr geschwitzt hat.

Bonusmaterial: Beide können das „sch“ nicht (Kohl) oder nur schwer (Schulz) aussprechen, beide besitzen das Ehrenzeichen am Bande für Verdienste um die Republik Österreich, der eine das silberne (Kohl), der andere das goldene (Schulz). Der Vergleich könnte schier ewig so weitergeführt werden, und doch würde ich den einen nicht im Traum zum Kanzler wählen, den anderen schon. Michael Angele

Das Kampfschwein

Das originellste Kompliment kam von seinem alten Vize im EU-Parlament, Alexander Graf Lambsdorff. Martin Schulz sei ein Kampfschwein, sagte der FDP-Politiker, auf diese Art habe er das Europaparlament nach vorne gebracht. Ein Kampfschwein kann die SPD im Wahlkampf gut gebrauchen, denn so einfach, wie der „faktisch und gefühlt bessere Kandidat“ (Schulz über Schulz) schon scherzte, lassen sich die Umfragewerte der Partei natürlich nicht wöchentlich um drei Prozentpunkte steigern.

Schulz ist in der Vergangenheit das Kunststück gelungen, durch lautstarke Auseinandersetzungen mit zwei Rechtspopulisten – Silvio Berlusconi und Eleftherios Synadinos von der Goldenen Morgenröte – seine Bekanntheit enorm zu mehren (normalerweise läuft das ja leider umgekehrt). Tritt er nun seinerseits als linker Populist an, wie manche vermuten? Seine Antrittsrede sprach eine andere Sprache. Da ging es lange um Themen, für die er streiten möchte – freie Kitas, freies Studium, eine Anhebung des Mindestlohns, wirksamere Instrumente gegen Steuerflucht –, und verhältnismäßig kurz um Fehler, die er bei anderen sieht. Als ich ihn einmal nach einer Lektüre-Empfehlung für seinen Europa-Kontrahenten Berlusconi fragte, antwortete er, ohne zu zögern: „Eine italienische Ausgabe des Knigge.“ Wir können also davon ausgehen, dass Schulz Über den Umgang mit Menschen gelesen hat. Und dass er ein anständiges Kampfschwein bleiben wird. Christine Käppeler

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